Maria von Magdala und die Phantasie

Fragen an Dr. Hans-Jürgen van der Minde zu Dan Browns „Sakrileg“

CH: Das Buch ist ein Bestseller und der dazugehörige Film lief wochenlang im Kino: Sakrileg - der Da Vinci Code von Dan Brown. Der Thriller bedient sich unbekümmert aus der Bibel und der Kirchengeschichte und behauptet, Jesus habe mit Maria von Magdala ein Kind gezeugt. Mir fällt auf, wie viele Kinogänger diese Idee für gar nicht abwegig halten. Was sagen Sie als Bibelwissenschaftler zu diesem Phänomen?

van der Minde: Vielen Menschen genügen die zum Teil nüchternen Erzählungen und Berichte des Neuen Testamentes nicht. Sie möchten etwas, das auch die Gefühle und das Gemüt anspricht. Zu allen Zeiten und in allen Religionen beobachten wir das Phänomen, dass in die festgefügten Lehrgebäude der Theologie der Glaube an Wunder, Heilungen, Visionen, Magie und auch die Vorliebe für Legenden und märchenhafte Ausschmückungen bestimmter Texte der Heiligen Schriften eindringen. Schon früh entstand im Christentum eine Unmenge an Literatur, die man in der Theologie als „Apokryphe“ bezeichnet. Man versteht darunter „geheime“ oder „verborgene“ Schriften, die später als die vier Evangelien entstanden und nicht in den neutestamentlichen Kanon aufgenommen worden sind. Manche dieser Bücher beschäftigen sich zum Beispiel mit der Ausschmückung der Wanderung von Maria und Josef nach Bethlehem oder mit der Kindheit und Jugend Jesu. Es konnte ja nicht angehen, dass diese Phase Jesu eine Leerstelle blieb. Also setzte die Phantasie ein und erzählte geradezu abenteuerliche Geschichten über den Jesusknaben, der bereits im Kindesalter über wunderhafte Fähigkeiten verfügte. Maria Magdalena, die ja schon in den neutestamentlichen Schriften eine große Rolle spielt, ist ebenfalls Thema in diesen Apokryphen. In einem gnostischen Text wird sie als „Vertraute Jesu“ und im sogenannten Philipper-Evangelium als „Gefährtin Jesu“ bezeichnet. Schlüpfrige Geschichten sucht man jedoch vergebens. Dennoch hat die Überlieferung in den folgenden Jahrhunderten immer wieder an dieser Frauengestalt weitergedichtet und gemalt. Nach einer Tradition ist sie mit einigen Aposteln in die Provence gezogen. Auf einem Bild von Lucas van Leiden wird sie als Tänzerin dargestellt. Maria Magdalena eignet sich demnach für die Phantasie - bis heute.

CH: Was haben in den letzten Jahrzehnten die Kirchen und die Theologinnen und Theologen falsch gemacht, wenn Menschen ihr Wissen über Bibel und Kirche solchen Filmen entnehmen?

van der Minde: Die Kirchen haben sich meines Erachtens allzu sehr mit internen Problemen befasst, d.h. sie haben große Mühe darauf verwendet, ihre Lehrgebäude in dogmatischer und ethischer Sicht zu festigen. Das lässt sich besonders gut in den ökumenischen Debatten beobachten, bei denen es immer noch um Fragen von gestern geht: die römisch-katholische Kirche beharrt auf ihrem Amtsverständnis, während für die reformatorischen Kirchen die Rechtfertigungslehre Martin Luthers der articulus stantis et cadentis ecclesiae (womit alles steht und fällt) ist. Dabei übersieht man, dass es schon längst keine volle Identifikation der Mitglieder mit ihren eigenen Kirchen mehr gibt. Gute Beispiele dafür sind die evangelischen oder katholischen Kirchentage, die unter der Hand zu ökumenischen umfunktioniert werden. Und beim Papstbesuch in Deutschland beteiligten sich Jugendliche aller Konfessionen an den Veranstaltungen. Daraus sollten eigentlich die richtigen Schlüsse gezogen werden, zum Beispiel dass Jugendliche weniger Belehrung, weniger Glaubenssätze, weniger Vorschriften suchen, vielmehr Gemeinschaftsgefühl, Getragenwerden, Freude am Singen und Feiern, Gelegenheit zu offenen Gesprächen usw. Aber auch die Mehrzahl der mittleren und älteren Generation sucht heute nach Antworten auf ihre existentiellen Probleme, auf ihre Sinnfragen, auf ihre Schwierigkeiten in Partnerschaft und Familie, auf die Kompliziertheit heutigen Lebens in einer Welt des Leistungsdrucks und der Konkurrenz. Nicht mehr dürften Doktrinen und Moralsätze im Vordergrund stehen, vielmehr das, was Religion im Wesentlichen ausmacht bzw. das, was Jesus in Gleichnissen und in seinen Taten deutlich gemacht hat: die Transparenz des Göttlichen in unserem alltäglichen Leben und die Gewissheit, dass da einer ist, der uns auch über die Wellen eines stürmischen Meeres sicher trägt.