Kirchentag im Schatten der Mahlgemeinschaft - Eine Medienschelte


Nichts füllte im Mai die Zeitungen so wie die Berichte über den Ökumenischen Kirchentag. Dankbar waren Redaktionen und Sendeanstalten, dass passend zur sogenannten Sauren-Gurken-Zeit Berlin zur Hauptstadt der Christgläubigen avancierte und schon im Vorfeld reichlich Konfliktstoff für Wirbel sorgte.


Eindimensionalität


Der „kleine christliche Unterschied“ war es, der im Zentrum des öffentlichen Interesses stand. Wird es zum gemeinsamen Abendmahl kommen oder hat das vatikanische Sturmgewitter der letzten Tage den Widerstand in den eigenen Reihen aufgeweicht? Das, woran die Mehrzahl der Gläubigen beider Lager ernsthaft leidet, wurde von den Medien wieder einmal mehr zum publicityträchtigen Skandalon erhoben. Mitgefühl und Sympathie sucht man hier vergebens, vielmehr finden sich zwischen den Zeilen eher Spott und Häme. Immer mehr kokettieren die Medien mit der allgemeinen Affinität zum Banalen und dem Hang zur Eindimensionalität. Schon als Kind wusste man: Da gibt es die Cowboys und Indianer, Räuber und Gendarmen, später Schalke und Borussia und nun auch Protestanten und Rom-Katholiken. Ein Heil der bipolaren Welt – Schublade auf, Schublade zu. Orthodoxe Standpunkte werden schlichtweg ausgeblendet. Die Medien bieten ihren Konsumenten schlichte Kost, leicht Verdauliches, befriedigen Vorurteile aus der Scheuklappenperspektive. So einfach geht es aber nicht, und auch die Beschwörung einer furiosen sakramentalen Aufsässigkeit und die Inanspruchnahme der Eucharistie als Symbol kirchenpolitischer Gerechtigkeit steht in keinem Verhältnis zur Sache. Tatsächlich steht die sekundäre Bedeutung des Abendmahles für den Gottesdienstalltag der Protestanten in keinem Verhältnis zum aufgeputschten Interkommunionstreit; bei Rom-Katholiken wird da schon eher ein zentraler Nerv getroffen.


Wichtige Themen unterschlagen


Aber die Fixierung der Medien auf die religiöse Mahlgemeinschaft mag für viele, die die drängenden Probleme der Zeit erkannt haben, wie ein Schlag ins Gesicht anmuten. Denn die Sache ist – wie der Volksmund sagt – im Prinzip gegessen. An der römisch-katholischen Basis, in den Gemeinden, wird die Interkommunion meist ohnehin gepflegt – wie bei konfessionsverbindenden Trauungen – und ist in der Praxis auch schwer zu unterbinden. Auch an den Rechtspositionen der römischen Kirche hat sich seit 1983 nichts geändert. Etwas wirklich substantiell Neues hat und konnte sich diesbezüglich auf dem Kirchentag nicht ergeben. Weitaus wichtigere Themen nahmen die Medien trotzdem kaum in den Blick. Themen, denen tatsächlich die Aufmerksamkeit des Ökumenischen Kirchentags gehörte, wie der Umgang mit der Schöpfung, die Inkulturation unseres Glaubens, die Rolle der Frau in Gesellschaft und Kirche, die galoppierend steigende Arbeitslosigkeit, die wachsende soziale Kluft sowie das Leid der Dritten Welt standen dank der Presse im Schatten der Mahlgemeinschaft. Nur zu gern wird auf solche Klischees zurückgegriffen, die die Kirchen als weltferne Größen erscheinen lassen, selbstverliebt und verbarrikadiert hinter den Mauern theologisch-dogmatischer Elfenbeintürme. Da erntet der Dalai Lama, der nimmer müde Staubsaugervertreter in Sachen östlicher Spiritualität, stets lächelnd, immer gut gelaunt, undogmatisch und ohnehin in Kirchentags-Orange gehüllt, doch ein wenig mehr Sympathie.


Spaßgesellschaft und Ökumene


Kirchenkritiker Eugen Drewermann, der unlängst die Pfeiler des Rom-Katholizismus erbeben ließ, ist längst eingemottet, und auch dem Irak-Krieg wurde der letzte Blutstropfen längst abgerungen; da kommt ein Interkommunionstreit im Sommerloch ganz recht. Das sind die Zeichen der Zeit! Unsere Fun-Gesellschaft braucht Reize im fliegenden Wechsel. Eine klerikale Love-Parade reicht da nicht, es müssen sich die Tanzbären auch noch ordentlich ans Fell gehen. So kämpferisch hätte man es gern.


Da überrascht es nicht, dass die von unserem Bischof Joachim initiierte Lima-Liturgie - mit „echtem“ ökumenischem Abendmahl - von den Medien so gut wie unterschlagen wird. Die Realität sieht also anders aus. Die Differenzen zwischen den Positionen sind erstaunlich gering, in den Messehallen begeistert der Ökumene-Minister des römischen Erzbischofs die Massen. Sogar der Fall des aufmüpfigen Gotthold Hasenhüttl - als Skandal von Gethsemane propagiert - erscheint als etwas Sekundäres, das mit Bedacht und in aller Stille geregelt wird. Das ein solches Verhalten disziplinarische Konsequenzen nach sich zieht, ist für den Betroffenen bedauerlich, kann aber mit Blick auf das kanonische Recht niemanden überraschen.

Schon überlegt man, den Pfingstmontag zum Tag der Einheit der Kirche zu ernennen. Es stellt sich, allem Medienunken zum Trotz, ökumenische Gelassenheit ein. Nun gilt es, gemeinsam die drängenden Themen anzugehen, allen voran die Frage nach der Säkularisierung unserer Gesellschaft und dem Rückgang der Mitgliederzahlen der christlichen Glaubensgemeinschaft. Die Zahlen hunderttausender Kirchentagsbesucher brauchen da nicht euphorisch zu stimmen. Denn mit dem Kirchentag ist es wie mit der Weihnachtsmesse - da gibt sich auch die Spaßgesellschaft ein Stelldichein.


André Golob


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