Pfarrer fallen nicht vom Himmel

Das Studium der alt-katholischen Theologie in Bonn

Was, das kann man studieren?“ Diese Frage wurde mir oft gestellt, als ich mich zu Beginn des letzten Wintersemesters von der Frankfurter Gemeinde verabschiedete, um in Bonn meine neue Stelle als wissenschaftliche Mitarbeiterin am alt-katholischen Seminar der Uni Bonn anzutreten. „Was, man kann alt-katholische Theologie studieren?“ Man kann! Und man muss, denn Pfarrer und Pfarrerinnen fallen nicht vom Himmel, auch alt-katholische nicht. Mag das manchem dank der Quereinsteiger aus den Großkirchen noch so scheinen. Und wenn nicht auch in Zukunft junge Frauen und Männer alt-katholische Theologie studieren, um sich auf den Dienst als Pfarrer bzw. Pfarrerinnen in unserer Kirche vorzubereiten, wird in 15 Jahren eine von vier Gemeinden ohne hauptamtlichen Geistlichen auskommen müssen. Zurzeit gibt es drei Studierende, die sich auf das Pfarramt in unserer Kirche vorbereiten. Das hört sich wenig an, könnte aber bei 40 hauptberuflichen Pfarrstellen im Bistum statistisch betrachtet durchaus ausreichen. Doch bei näherem Hinsehen zeigt sich, dass viele unserer derzeitigen Pfarrer den Geburtsjahrgängen 1946-1950 angehören und dementsprechend in den nächsten vier bis sieben Jahren pensioniert werden. Wer jetzt mit dem Theologiestudium beginnt, hat also gute Chancen, eine nach Abschluss der Ausbildung als Pfarrer bzw. Pfarrerin übernommen zu werden.

Eine Ausbildung – zwei Ausbildungsstätten

Die Studierenden absolvieren ihre Ausbildung am alt-katholischen Seminar der Universität Bonn und am bischöflichen Priesterseminar. Der Grund für eine solche doppelgleisige Ausbildung ist das Wissen darum, dass Wissenschaft und Glaube zusammengehören. In der Theologie geht es um wichtige Fragen, die die Menschen von je her beschäftigen. Zugleich muss aber eine Pfarrer, eine Pfarrerin nicht nur wissenschaftlich gut ausgebildet sein, sondern auch im Glauben beheimatet sein. Nur wer selbst gläubig ist, kann auch glaubwürdig sein.

Voraussetzung für ein Studium der alt-katholischen Theologie an der Universität Bonn ist die allgemeine Hochschulreife (Abitur). Wer Priester bzw. Priesterin werden möchte, stellt sich zusätzlich zur Immatrikulation beim Bischof vor. Dieser entscheidet über die Aufnahme unter die Priesteramtskandidaten nach Gesprächen des Bewerbers bzw. der Bewerberin mit dem Vorsitzenden oder anderen Mitgliedern des Dozentenkollegiums und der Direktorin des Bischöflichen Seminars. Auch die Heimatgemeinde spielt in diesem Bewerbungsprozess eine wichtige Rolle: Jeder Kandidat bzw. Kandidatin legt zur Aufnahme ein so genanntes kirchliches Führungszeugnis des zuständigen Pfarramts vor, aus dem sein bisheriges gemeindliches Engagement hervorgeht.

Eine Ausbildung – viele Kompetenzen

Die Hauptamtlichen in unserer Kirche sind im Unterschied zu denen der großen Kirchen fast ausschließlich Pfarrer und Vikare, die in den Gemeinden arbeiten. Sie leiten die Gemeinden und begleiten die Gemeindemitglieder in ihren verschiedenen Lebenslagen. Sie feiern mit ihnen die wichtigen Ereignisse des Lebens wie Taufe, Ehe oder Krankensalbung und stehen ihnen in Krisen zur Seite. Sie arbeiten mit Kindern, Jugendlichen, jungen Erwachsenen und Familien, mit Kranken und Alten. Die Pfarrer und Pfarrerinnen sind zuständig für das liturgische und geistliche Leben der Gemeinden. Sie gestalten die Gottesdienste der Gemeinden, stehen den Eucharistiefeiern vor und bereiten die Gemeindemitglieder in Erstkommunion- und Firmkursen, in Tauf- und Brautgesprächen auf den Empfang der Sakramente vor. Das erfordert vom Hauptamtlichen persönliche Flexibilität und vielfältige Kompetenzen, um sich auf die jeweiligen Menschen einlassen zu können und die Gemeinde zu leiten und zusammen zu halten. Die Ausbildung der Priesteramtskandidaten in Bonn will auf diesen facettenreichen Beruf vorbereiten.

Theologische Kompetenz

Die theologische Kompetenz: Das Studium der alt-katholischen Theologie an der Universität in Bonn wird abgeschlossen mit einem kirchlichen Examen. Die Regelstudienzeit beträgt zehn Semester. Das Studium gliedert sich in Grund- und Hauptstudium. Im Grundstudium soll der Studierende einen Überblick über die biblischen Schriften, ihre Entstehung und geschichtliche Einordnung bekommen und mit der Kirchengeschichte vertraut werden. Ein wichtiger Schwerpunkt in diesem Studienabschnitt ist außerdem die Philosophie, deren Methoden für die Theologie wichtig sind. Im Hauptstudium studieren die Priesteramtskandidaten die Exegese des Alten und Neuen Testaments, Moraltheologie, Dogmatik, Liturgiewissenschaft, Religionspädagogik und Pastoraltheologie. Da das alt-katholische Seminar nur mit einem Professor, Prof. Dr. Günter Eßer, und einer wissenschaftlichen Mitarbeiterin besetzt ist, belegen die Studierenden der alt-katholischen Theologie zusätzlich zu den Vorlesungen und Seminaren des alt-katholischen Seminars auch Veranstaltungen der evangelischen und (römisch-)katholischen Fakultät. Dadurch gestaltet sich das alt-katholische Studium in der Regel ökumenischer als das Studium der römisch-katholischen und evangelischen Studierenden.

In einigen Fächern werden die Priesteramtskandidaten zusätzlich von Pfarrern unserer Kirche unterrichtet, die vom Bischof dazu beauftragt sind und die dem Dozentenkollegium angehören. So lehrt der Pfarrer von Kassel, Dr. Hans-Jürgen van der Minde, wie eine gute Predigt aussieht, der Pfarrer von Koblenz, Ralf Stayman, u.a. wie Kinder und Jugendliche auf Erstkommunion und Firmung vorbereiten werden, bei Bernd Panizzi, Pfarrer von Heidelberg, lernen die Studierenden verschiedene Konzepte von Gemeindeaufbau kennen., Oliver Kaiser, Pfarrer von Hannover, führt sie in die Besonderheiten der alt-katholischen Liturgie ein und Oliver van Meeren wird ab dem Wintersemester 2006/7 den Kandidaten das alt-katholische Kirchenrecht nahe bringen. Ziel dieses Studiums ist, dass der Studierende die für die Berufspraxis notwendigen fundierten Fachkenntnisse besitzt, sich wissenschaftlich reflektiert mit den Glaubensinhalten auseinandergesetzt hat und die Fähigkeiten besitzt, wissenschaftliche Methoden und Erkenntnisse anzuwenden und theologische Fragen selbständig zu beantworten.

Liturgische und geistliche Kompetenz

Die liturgische und geistliche Kompetenz: Die Ausbildung im Priesterseminar dient dazu, mit den Studierenden ein kontinuierliches geistliches Leben einzuüben. Die Priesteramtskandidaten feiern während der Woche gemeinsam das Morgengebet. Sie machen sich dadurch mit dem Ablauf des gemeinschaftlichen Stundengebets vertraut. Darüber hinaus werden sie durch den Spiritual des Priesterseminars, Pfarrer Ingo Reimer, u.a. durch gemeinsame Besinnungstage in die verschiedenen Arten und Weisen des persönlichen Gebetes eingeführt. Die Studierenden sollen so lernen, eigene Zeiten und Möglichkeiten zu finden, das Gebet zu einem festen Bestandteil ihres Tagesablaufes zu machen. Denn ein regelmäßiges Gebetsleben ist ein wichtiges Fundament für den geistlichen Dienst.

Die Priesteramtskandidaten werden auch liturgisch ausgebildet. So erhalten sie eine Gesangsschulung und üben mit dem Pfarrer von Bonn, Werner Luttermann, ganz konkret die liturgischen Abläufe und Gesänge. Die würdige Feier der Eucharistie ist nach unserem alt-katholischen Verständnis das, was die Kirche zusammenhält.

Die Ausbildung im Priesterseminar soll außerdem den Studierenden helfen, die Erkenntnisse ihres Theologiestudiums in ihrem eigenen Leben zu verankern und ihrer eigenen Berufung als Theologen und Theologinnen auf die Spur zu kommen. Dazu dienen Gesprächskreise und Einzelgespräche mit der Direktorin des Seminars. Predigtreihen zu bestimmten Fragen wie „Wo ist Gott im Leid?“ oder „Priestersein heute“, die in den Eucharistiefeiern am Mittwochabend in der Kapelle des Döllingerhauses gehalten werden, sollen ebenfalls diesen Brückenschlag zwischen theologischen Wissen und geistlichem Leben leisten. Die Zeit der Ausbildung in Bonn ist auch eine Zeit, in der der Kandidat bzw. die Kandidatin und Vertreter der Kirche prüfen, ob er/sie für den diakonalen oder priesterlichen Dienst geeignet ist. Diese Prüfung findet daher nicht erst am Ende des Studiums und vor der Weihe, sondern von Anfang an in Form von Gesprächen auf verschiedenen Ebenen gemeinsam mit verschiedenen Begleiterinnen und Begleiter statt. So trifft sich z.B. einmal im Jahr der Bischof mit den Priesteramtskandidaten, deren Partnern bzw. Partnerinnen und der Direktorin des Seminars zu einem geistlichen Wochenende, an dem sie miteinander ins Gespräch und ins Gebet zu kommen.

Soziale Kompetenz

Die soziale Kompetenz: Diejenigen, die sich auf den hauptamtlichen Dienst in der Kirche vorbereiten, sind dazu verpflichtet, im Bischöflichen Seminar und Konvikt Johanneum zu wohnen, das im Döllingerhaus untergebracht ist. Dieses Leben in Gemeinschaft bietet dem einzelnen die Chance, sich mit anderen, die sich auf denselben Weg begeben haben, auszutauschen und gegenseitig zu unterstützen. Diese persönliche Verbundenheit untereinander ist gerade auch für die berufliche Zukunft sehr wichtig, wenn man die Situation der Pfarrer in unserem Bistum bedenkt, die nicht in einem Pastoralteam sondern oft als „Einzelkämpfer“ in den Gemeinden arbeiten müssen. Da in unserem Seminar die Zahl der Studierenden von je her sehr überschaubar ist, wird jeder und jede gebraucht. Das heißt, jede und jeder soll seine bzw. ihre Begabungen einbringen und das Seminarleben verantwortlich mitgestalten. Da unser Priesterseminar unseren Studierenden keine Vollpension bietet, müssen sie außerdem lernen, für sich selbst zu sorgen So werden Verantwortung und Eigeninitiative eingeübt, die für den späteren Dienst in den Gemeinden unabdingbar sind. Im Döllingerhaus wohnen nicht nur die Priesterkandidaten, sondern auch Studierende anderer Fachrichtungen und anderer Glaubensüberzeugungen. Unsere Studierenden schmoren nicht im eigenen kirchlichen und theologischen Saft, sondern sie setzen sich so auch mit anderen Lebensentwürfen auseinander.

Eine Ausbildung für die Kirche und in der Kirche

Die Ausbildung in Bonn ist eine Ausbildung für die Kirche, denn Priesteramtskandidaten bereiten sich in ihrem Studium auf einen Dienst in der Kirche vor. Die Ausbildung ist aber auch eine in der Kirche. Sie geschieht nicht im wissenschaftlichen Elfenbeintürmchen. Die Priesteramtskandidaten gestalten nicht nur das Leben im Priesterseminar mit, sondern engagieren sich auch weiterhin in einer alt-katholischen Gemeinde, sei es in ihrer Heimatgemeinde oder in der Bonner Gemeinde. Von den drei Kandidaten, die zurzeit in Bonn studieren, sind z.B. zwei in der Leitung der BAJ tätig und der dritte beteiligt sich an der Durchführung der Erstkommunion- und Firmkatechese der Bonner Gemeinde. Darüber hinaus absolvieren unsere Studierenden in ihren Semesterferien Praktika in anderen Gemeinden des Bistums, um so zu erproben, auf welchen Gebieten ihre Interessen, ihre Schwächen und Stärken liegen.

Die alt-katholische Kirche in Deutschland ist in der Utrechter Union mit anderen alt-katholischen Kirchen und im Bonn Agreement mit den anglikanischen Kirchen verbunden. Auch das ist Kirche. Die Priesteramtskandidaten haben daher während ihres Studiums die Gelegenheit an den Ausbildungsstätten der alt-katholischen und anglikanischen Schwesterkirchen zu studieren und so auch ein Bewusstsein davon zu kriegen, dass sie als alt-katholische Christen eingebettet sind in ein größeres Ganzes, nämlich des Glaubens und der Tradition der Catholica.

Henriette Crüwell



Einladung zu „Schnuppertagen“ im Priesterseminar

Am 5. und 6. Juli 2006 lädt das Priesterseminar interessierte Schülerinnen und Schüler der Oberstufe und Schulabgängerinnen und Schulabgänger ein, den Studienbetrieb und das Leben im Döllingerhaus einmal näher kennenzulernen. An zwei „Schnuppertagen“ möchte das Seminar ganz konkret Personen, Inhalte und Orte vorstellen, die die Ausbildung der Priesteramtskandidaten in Bonn ausmachen.

Zum Angebot der „Schnuppertage“ gehören der Besuch theologischer Vorlesungen, das Gespräch mit den Lehrenden und Studierenden, Infos über den Studiengang alt-katholischer Theologie und das Gespräch mit dem Bischof über zukünftige Arbeitsmöglichkeiten in der alt-katholischen Kirche. Außerdem die Feier der Studierendenmesse und das gemeinsame Morgengebet. Und was wären Uni-Schnuppertage, ohne einmal auch das Studentenleben in Bonn kennengelernt zu haben?! Übernachtungs- und Verpflegungsmöglichkeiten bestehen im Studierendenwohnheim der alt-katholischen Kirche, dem Döllingerhaus (mit Isomatte und Schlafsack). Anmeldung bitte an: Henriette Crüwell, Adenauer Allee 33 II, 53113 Bonn, 0228-737496, cruewell@uni-bonn.de.

Für die „Schnuppertage“ in Bonn kann eine Schulbefreiung eingeholt werden. Interessierte wenden sich hierfür bitte an ihr zuständiges Pfarramt.