Hofdame und kirchliche Frauenrechtlerin

Therese von Miltitz stammt väterlicherseits aus dem Meißener Uradel und mütterlicherseits aus einem der ältesten thüringischen Adelsgeschlechter. Ihre Eltern, Auguste und Carl Borromäus von Miltitz, waren Mittelpunkt des romantischen „Scharfenberger Künstler- oder Romantikerkreis“. Vor Theresens Geburt zogen ihre Eltern von Burg Scharfenberg nach Dresden, wo ihre Mutter Oberhofmeisterin der Kronprinzessin Amalie (1801-1877) und ihr Vater Oberhofmeister des Kronprinzen Johann von Sachsen (1801-1873) wurde. Johann, der 1854 König wurde, war ein kunstsinniger und hochgebildeter Mann, ein Freund und Förderer von Kunst und Wissenschaft und auch selbst lyrisch begabt.

Hofdame

Dies ist das Milieu, in das Therese von Miltitz am 16. November 1827 hineingeboren wird. Nach dem Tod ihrer Mutter im Jahr 1842 übernahm deren Cousine Luise von Watzdorf (1789-1874) die Mutterrolle. Als auch Theresens Vater 1845 starb, musste die Wohnung im königlichen Palais am Taschenberg geräumt werden. Im gleichen Jahr wurde Therese Hofdame der Kronprinzessin Amalie.

Wie ihr Vater, der sich auch als Komponist betätigte, besaß Therese von Miltitz großes Interesse für Musik und betrieb in ihrer Freizeit musikwissenschaftliche und germanistische Studien. Gehindert wurde sie durch ihre Verpflichtungen als Hofdame, Arbeitspausen ergaben sich aber auch durch eine gewisse Kränklichkeit. Ihr wissenschaftliches Interesse richtete sich vor allem auf mittelalterliche Stoffe. So interessierte sie sich besonders für den St. Gallener Mönch Notker, der im 10./11. Jahrhundert lebte und die Psalmen ins Althochdeutsche übertrug. Religiös war sie von ihrer Mutter und ihrer Tante Luise von Watzdorf geprägt, später nahm auch Hofprediger Emil Heine (1806-1873) Einfluss auf sie. Er wurde ihr „unvergeßlicher Lehrer und lebenslanger Beichtvater“. Heine war von der böhmisch-katholischen Aufklärung beeinflusst, die eng mit dem Namen Bernhard Bolzano‘s verbunden ist.

Alt-Katholikin

Emil Heine und sie gehörten am Hof in Dresden zu denen, die mit der alt-katholischen Bewegung sympathisierten. Bereits Anfang der siebziger Jahre nahm Therese von Miltitz Kontakt mit verschiedenen führenden Alt-Katholiken auf, u.a. mit Franz Heinrich Reusch und dem Germantisten Anton Birlinger in Bonn sowie mit Josef Anton Messmer und Döllinger in München.

In den siebziger Jahren starben die drei Personen, die sie in Dresden hielten: Emil Heine, Luise von Watzdorf und Königin Amalie. Mit ihrem Umzug nach Bonn Ende der siebziger Jahre begann für die inzwischen Fünfzigjährige ein neuer Lebensabschnitt, in dem sie sich vor allem der alt-katholischen Sache widmete. Sie wurde auf vier Gebieten tätig: Als relativ finanzkräftige Frau spendete sie erstens viel für kirchliche Zwecke; so hat sie etwa den Altar in der 1890 eingeweihten alt-katholischen Kirche von Dessendorf (heute Desna / Tschechien) gestiftet. Auch die Verbreitung von Informationen über das alt-katholische Anliegen war ihr wichtig: Aus eigenen Mitteln förderte sie die alt-katholische Badische Konferenzbibliothek und Lesezimmer, die in verschiedenen alt-katholischen Gemeinden entstanden.

Kirchliche Frauenrechtlerin

Drittens setzte Therese von Miltitz sich für die Bildung alt-katholischer Frauenvereine ein. Der Frauenverein in Karlsruhe wurde auf ihre Anregung hin gegründet – mit Unterstützung der Karlsruher Frauen setzte sie damit ihren Willen gegen den anfänglichen Widerstand von Kirchenvorstand und Pfarrer durch. Viertens war sie jahrelang die Schriftleiterin der Vierteljahrszeitschrift Altkatholisches Frauen-Blatt, das zwischen 1885 und 1899 erschien. Das Frauen-Blatt verstand sich als „Organ für all jene altkatholischen Interessen (...), welche durch Frauen gefördert werden können“ und als Forum, auf dem Frauen mit ihren Fragen, Wünschen und Anliegen zu Wort kommen sollten. Diese zweifache Ausrichtung trat auch in den Artikeln zutage, in denen über Frauenfragen (z.B. über das Frauenstudium) ebenso informiert wurde wie über spezifisch alt-katholische Themen (z.B. über liturgische Fragen). Das Frauen-Blatt versuchte, den Leserinnen theologische Inhalte auf allgemein verständliche, anschauliche Weise, jedoch „ohne unverdaulichen gelehrten Ballast“ zu vermitteln.

Mit dem Altkatholische Frauen-Blatt, in dem Therese Miltitz alt-katholische Frauen, vor allem solche in der Diaspora, mit Informationen über das „Wachstum und Gedeihen unserer heiligen Sache“ versah, trugen sie und ihre Mitstreiterinnen nicht unwesentlich zur Vernetzung der Frauen bei. Vielleicht war es ihre eigene Erfahrung, die sie dazu bewog, ihr Frauen-Blatt ganz besonders in den Dienst der Alt-Katholikinnen (und Alt-Katholiken) in der Diaspora zu stellen. Da es im gesamten Königreich Sachsen keine alt-katholische Gemeinde gab, wusste sie, was es bedeutete, als Alt-Katholikin in der Vereinzelung zu leben.

Seit Anfang der achtziger Jahre regte Therese von Miltitz als erste die Ausbildung alt-katholischer Krankenpflegerinnen an und gründete einen „Missionsfonds zur Ausbildung altkatholischer Krankenpflegerinnen für erkrankte Altkatholiken in der Diaspora“. Später engagierte sie sich für das 1893 eröffnete Amalie-von-Lasaulx-Haus alt-katholischer Schwestern. 1908 zog Therese von Miltitz im Alter von 81 Jahren nach Schwerin, der mecklenburgischen Residenzstadt, wo sie am 1. Februar 1912 starb.

Angela Berlis