Himmel auf Erden - Initiative bittet Kirchen, eine „Theologie des Reiches Gottes“ zu entwerfen


Himmel auf Erden. - Wer glaubt denn an so etwas? Liebespaare vielleicht und auch die nur vorübergehend. Christen jedenfalls nicht. Christen haben durch die Kirchengeschichte hindurch das irdische Dasein eher als Jammertal begriffen und bis vor nicht allzu langer Zeit auch besungen und mit Paulus ihre wahre Heimat in einem jenseits des Todes gedachten Himmel erstrebt. Der schiere Augenschein gibt ihnen recht. Was spräche dafür, den Himmel auf Erden zu verlegen?


Während dieser Artikel entstand, begann der Irakkrieg, dessen Folgen für die Weltgemeinschaft noch ganz unabsehbar sind. Keine himmlischen Aussichten; dieser Globus wirkt eher gottverlassen.


Und doch: Jesus von Nazareth scheint das anders gesehen zu haben. Obschon zu seinen Zeiten die Welt nicht rosiger ausgesehen hat als heute. Nach den kaum noch umstrittenen Ergebnissen der historisch-kritischen Exegese bestand Jesu zentrale Botschaft darin: das Reich Gottes ist da, es ist angebrochen, greifbar, erfahrbar. Auf die Herrschaft Gottes in dieser Welt muss nicht mehr gewartet werden, sie ist da und muss nur angenommen werden (Lk 17, 21)


Wenn das stimmt, dann muss das Konsequenzen für die Kirchen, für die Theologie und für die Verkündigung haben. Davon ist jedenfalls die Initiative „Reich-Gottes-jetzt“ überzeugt, die im September 2001 gegründet wurde und seitdem die Kirchen auffordert, eine Theologie und Liturgie auf der Basis der Reich-Gottes-Verkündigung Jesu zu entwickeln. Unter den ca. 20 Erstunterzeichnern des zehn Punkte umfassenden Positionspapiers sind auch zwei Mitglieder der Alt-Katholischen Kirche. Kürzlich traf sich die Initiative erneut in Stein bei Nürnberg zu einer Tagung, um ihre theologischen Ansätze im Blick auf den Ökumenischen Kirchentag in Berlin zu vertiefen, wo sie mit einem Stand auf der „Agora“ vertreten sein wird.


Gottdurchwirkter Stoff


Für die Initiative bedeutet die Botschaft vom hier und jetzt anwesenden Reich Gottes, dass diese Erde der „gottdurchwirkte Stoff“ ist, aus dem „Himmel“ wird - und das unaufhaltsam, je mehr Menschen sie im Sinne der ersten Zeilen der Bibel als sehr gut, heilig und Gott gehörend erkennen und entsprechend in dieser Welt leben.


„Glauben wie Jesus geglaubt hat“ heißt für die Initiative zu glauben, dass Gott endgültig „zur Welt gekommen ist“ und sich ganz mit der Erde verbunden hat, konkret, für Gerechtigkeit, Frieden und die Bewahrung der Schöpfung zu wirken. Das sind keine Randthemen christlichen Glaubensvollzugs mehr, sondern zentrale Anliegen jesuanischer Religiosität.


Mit den christologischen Bekenntnissen der Kirchen, die wesentlich auf Paulus gründen und - man muss sich dazu nur die „offiziellen“ Glaubensbekenntnisse anschauen - keinen Bezug zu Jesu originärer Verkündigung haben, hält sich denn die Initiative nicht länger auf. Sie lehnt eine Kreuzestheologie ab, die dem Tod Jesu als uns erlösendes Opfer Heilsbedeutung zuschreibt. Nicht die Person Jesus Christus hat für die Initiative im Zentrum der christlichen Verkündigung zu stehen, sondern eben die Botschaft des Jesus von Nazareth vom Reich Gottes.


„Alle theologische Energie, die bisher auf die Christologie gerichtet war, wäre nun der ‘Basileologie’ zu widmen, der Kunde vom Bauen des Reiches Gottes“, heißt es in einem Aufsatz des Nürnberger evangelischen Theologen und Pfarrers Dr. Claus Petersen, dessen Thesen der Initiative als Grundlage ihres Denkens dienen. Was Jesus selber gelehrt hat, kann und darf, so die Initiative, gegenüber den theologischen und dogmatischen Schwerpunkten, die bis heute die Lehre der Kirchen bestimmen, keine zu vernachlässigende Größe sein. Im Gegenteil: es müsste die Mitte der kirchlichen Verkündigung sein, da Jesus selber sich niemals zum Kern seiner Botschaft gemacht hat, sondern das Leben in einer Welt, in der Gott und nicht das Geld „regiert“. Jesus hat gezeigt, was es heißt, im Angesicht eines liebevollen Gottes und auf seiner Erde leben zu dürfen. Dementsprechend versteht die Initiative Gottesdienste auch als Feiern, in denen das Reich Gottes immer wieder neu Gestalt annimmt - im geschwisterlichen Teilen, in der liturgisch ausgesprochenen Hoffnung auf Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung.


Erneuerung der Kirchen


Die Initiative rechnet damit, dass die Hinwendung der Kirchen zum Evangelium des historischen Jesus von Na-zareth die Kirchen grundlegend erneuern und eine tiefgreifende Reform vom Theologie und Praxis einleiten würde. Die andere Welt, die Jesus für real und realisierbar hielt, würde endlich greifbar.


Die Kirchen, die immer mehr unter Auszehrung leiden, weil sie ihre überkommene Lehre nicht mehr überzeugend vermitteln können, würden durch eine jesuanische Theologie und Verkündigung wieder neu zu „unübersehbaren Hoffnungsfaktoren“ und, wie es auf der Internetseite der Initiative heißt, zum „Haus, das den Traum vom Paradies auf Erden sicher bewahrt.“


Veit Schäfer


Kontakte: Karl Meyer, Donndorfer Str. 17, 95447 Bayreuth und Veit Schäfer, Friedrich-Ebert-Str. 38, 76287 Rheinstetten; Internet: www. reich-gottes-jetzt.de


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