Zeit der Blüte - Geschichte des nachbiblischen Judentums (4. Teil)


Die Völkerwanderung hatte jahrhundertelang Unsicherheit und Verwirrungen über Europa gebracht. Fremde Völker hatten Länder und Gebiete überrannt und sich angesiedelt. Manche sind wieder aus der Geschichte verschwunden, wie z.B. Vandalen, Langobarden, Ost- und Westgoten. Erst unter den Merowingerherrschern, vor allem aber unter dem Frankenkönig Karl dem Großen, setzt die Phase der Konsolidierung ein. Kultur, Bildung, Architektur und Kunst beginnen sich nach langer Zeit des Stillstandes zu entfalten.


Zeit der Ruhe


Auch für die Juden begann für einige Jahrhunderte eine Zeit relativer Ruhe. Seit römischer Zeit bewohnen sie Städte in Italien, Spanien, Gallien und in den rheinischen Gebieten. Karl der Große (768- 814) betreibt eine äußerst tolerante Politik gegenüber den Juden, so dass er auf zum Teil scharfe Kritik seitens der Kirche stößt. Immer wieder tadeln Bischöfe und Päpste die in ihren Augen zu nachgiebige Haltung der Franken- und Sachsenkönige den Juden gegenüber. Sie berufen sich auf alte kirchliche Gesetze, die vor allem unter dem judenfeindlichen Kaiser Justinian (527-565) beschlossen und zum kirchlichen Recht geworden waren.


Zwei Gründe waren es, die vor allem Karl zu einem freundlichen Umgang mit den Juden bewogen haben. Seit etwa einem Jahrhundert hatte es in der Welt eine gewaltige Veränderung gegeben, die den bisherigen Handel mit den Ländern im Osten praktisch zum Erlahmen gebracht hatte. Die islamischen Eroberungen hatten einen Sperrgürtel um das Abendland gelegt und Mitteleuropa von Afrika, dem Vorderen Orient und dem Fernen Osten völlig abgeschnitten. Die Juden allein waren noch in der Lage, die Verbindung zwischen beiden Lagern aufrechtzuerhalten. Sie konnten zumeist ungehindert in und durch die muselmanischen Länder reisen.


Es wäre spannend, den abenteuerlichen Geschichten nachzugehen, in denen wir den jüdischen Handelsreisenden auf ihren gefährlichen Wegen über den asiatischen Kontinent, durch Kleinasien oder durch das Rote und Indische Meer begegneten. Ihre bevorzugten Ziele waren Indien und China, von wo aus sie die begehrten Handelsobjekte wie Pfeffer, Ingwer, Nelken und andere wertvolle Gewürze mitbrachten. Aber auch Erkenntnisse und Erfindungen gelangten über sie aus dem Fernen Osten ins Abendland.


Aber es wäre falsch, Karl dem Großen nur wirtschaftliche Erwägungen nachzusagen. Es lag wohl auch ein religiöser oder theologischer Grund vor, worauf neue Forschungen hingewiesen haben. Bisher verband man mit der renovatio imperii Karls des Großen (Wiederherstellung des römischen Im-periums auf der Grundlage des Fran-kentums) stets die Rückbesinnung auf die christliche Spätantike. Übersehen wurde dabei allzu oft, dass es auch ein starkes Interesse am Alten Testament, seinen Gebräuchen und Gestalten gab. Karl und seine Umgebung selbst haben sich und das Frankenvolk wohl im Spiegel des auserwählten Volkes, des Königs David und der Stadt Jerusalem gesehen. Der König galt am Hof als neuer David oder neuer Salomo, und die Kaiserkrönung griff möglicherweise mit ihrer Salbung auf die alttestamentliche Sitte der Königssalbung zurück. Das Aachener Münster wurde von dem Berater Karls, dem Angelsachsen Alkuin, als „Templum sapientissimi Salomonis“ bezeichnet, und der Kaiserstuhl ist im wesentlichen dem in 1 Kön 10,18-20 beschriebenen salomonischen Thron nachgebildet.


Aufstieg der jüdische Gelehrsamkeit


In diesem Geist des Friedens und der Toleranz, der auch unter Karls Nachfolgern anhält, entstehen im westlichen und östlichen Frankenreich blühende jüdische Gemeinden, in Metz, Trier, Koblenz, Speyer, Worms, Köln, Regensburg, Magdeburg, Merseburg.


Aber zugleich werden erste feindliche Stimmen laut: Agobard, der Erzbischof von Lyon, bekämpfte die Privilegien und Rechte, die die Juden unter den Karolingern genossen. In fanatischen Predigten und einer Schrift „Die Unverschämtheit der Juden“ wettert er gegen die Juden und träufelt langsam das Gift des Hasses in die Herzen der einfachen Gläubigen. Auch sein Nachfolger, Erzbischof Amulo, setzt diese Polemik fort. Doch die karolingischen und sächsischen Könige und Kaiser sind stark genug, um die Feinde ihrer Politik in die Schranken zu weisen.


Unter ihrem Schutz beginnt ein Aufstieg der jüdischen Gelehrsamkeit im Reich. Vor allem am Rhein wurden jüdische Akademien gegründet, die rasch eine große Bedeutung erlangen sollten. In Mainz war es Gerschom ben Juda, der eine Zeitlang zum gefeierten geistigen Führer der Juden im Abendland wurde. Man nannte ihn „Rabbenu“, d.h. „unser Lehrer“, und bezeichnete ihn als „Leuchte des Exils“. Er versuchte, die aus dem Orient mitgebrachten Verordnungen (Takkanot) den europäischen Verhältnissen anzupassen. So beendete er die Polygamie, die zwar kaum noch praktiziert, aber offiziell immer noch in Geltung war. Ebenso ordnete er an, dass eine Scheidung nicht ohne die Einwilligung der Frau möglich sein sollte.


Salomo ben Isaak


Gerschom sammelte zahlreiche Schüler um sich, die aus allen Ländern Europas kamen, um sich unter seiner Leitung dem bisher vernachlässigten Gesetzesstudium zu widmen. Unter ihnen war auch ein junger Mann aus Troyes, der zum berühmtesten und einflussreichsten Lehrer diesseits der Pyrenäen werden sollte: Rabbi Salomo ben Isaak, genannt „Raschi“. Als er im Jahre 1040 in der französischen Cham-pagne zur Welt kam, da wurde zur gleichen Zeit der Rektor der jüdischen Akademie in Pumbadita in Babylon vom islamischen Kalifen hingerichtet. Das Judentum in Babylonien war damit ausgelöscht. Raschi studierte acht Jahre lang an den Akademien zu Worms und Mainz. Mit 25 Jahren kehrte er in seine Heimatstadt zurück und gründete dort eine eigene Talmudschule. Da er sehr arm war und als Rabbi keinen Verdienst hatte, arbeitete er als Winzer.


Raschis wissenschaftliche Tätigkeit ist ein gutes Beispiel für den unterschiedlichen Wissens- und Bildungsstand zwischen Juden und Christen. Das christliche Abendland war gerade erst dabei, neben dem Bereich des Glaubens auch den Bereich des Wissens zu entdecken. Diese Entdeckung aber verdankte es den Arabern und Juden. Der große Schatz der Antike wurde nämlich über sie dem Abendland vermittelt. Die Texte der großen Philosophen konnten von ihnen, den Arabern und Juden, aus dem Original ins Lateinische übersetzt und so den Christen erst zugänglich gemacht werden. Unsere berühmten Theologen wie Albertus Magnus und Thomas von Aquin konnten, so merkwürdig das für uns klingen mag, kein Griechisch.


Ein Mann wie Raschi dagegen stand in der jahrhundertelangen jüdischen Tradition, die immer schon Bibel und weltliches Wissen miteinander verbunden hatte. So ist es nicht verwunderlich, wenn Raschi sich vertraut zeigte auf den Gebieten der Natur, der Kunst, der damaligen Technik und der Heilkunde. Berühmt wurde er aber vor allem durch seine Kommentare zur Bibel und zum Babylonischen Talmud. Beide Werke bedurften ja der Neuinterpretation für die Verhältnisse seiner Zeit im Abendland. Seine Leistung besteht in der Verbindung von „peschat“, d.h. wörtlicher Auslegung, und „darasch“, das ist die freie Interpretation der betreffenden Bibel- oder Talmudstellen.


Wie kann man z.B. in einer Welt, in der Juden und Christen aufs engste zusammenlebten, das Talmudgesetz verstehen, nach dem Wein, der von Nichtjuden berührt worden war, in keiner Weise mehr verwendet werden durfte. Der ursprüngliche Grund für dieses Verbot bestand darin, dass in den früheren heidnischen Gesellschaften der Wein auch beim Götzendienst zur Anwendung kam (ein ähnliches Problem stellte sich auch dem Apostel Paulus: 1 Kor 10). Raschi hebt nun dieses Verbot mit der Begründung auf, dass Christen keine Götzendiener seien. Deshalb sollte es Juden erlaubt sein, mit Nichtjuden im Weinbau und beim Weinhandel gemeinsam zu arbeiten. Auf diese Weise hat Raschi dem europäischen Judentum das Leben in der christlichen Umwelt ermöglicht, ohne in Widerspruch zur Bibel und zum Talmud zu geraten. Seine Kommentare werden in den Ausgaben des Babylonischen Talmud bis heute abgedruckt.


Glücklicherweise haben sich Spuren des jüdischen Lebens aus dieser Zeit bis in unsere Tage erhalten. Durch Grabungen in den Jahren 1956 – 1957 sind z.B. die Umrisse einer großen Synagogenanlage mit Mikwe (Reini-gungsbad), Bäckerei und Hospiz im Zentrum Kölns wieder sichtbar geworden. Aber auch in Worms und Speyer und in vielen anderen Städten diesseits und jenseits des Rheines kann man trotz der Zerstörungen in den nachfolgenden Jahrhunderten die Grundrisse der ehemaligen Synagogen wiedererkennen und auf ein blühendes jüdisches Leben an diesen Orten schließen.


Hans-Jürgen van der Minde


Texte:


Agobard, Erzbischof von Lyon:

„Da nun die Juden einmal unter uns leben...sollten wir die Anordnungen der Kirche aufs ernsteste beobachten, wann wir auf unserer Hut gegen sie sein müssen und wann wir ihnen menschlich begegnen sollen. Deswegen muss ich noch einmal hervorheben, was die fränkische Kirche und ihre Führer, Könige sowohl wie Bischöfe, über die Trennung der beiden Religionen bestimmt haben, und zwar in den Protokollen, die mit der Autorität und den Taten der Apostel übereinstimmen und bis ins Alte Testament zurückreichen. Aus diesen Zeugnissen geht hervor, mit wie viel Abscheu diese Feinde der Wahrheit betrachtet werden müssen.“

(Brief an Ludwig den Frommen)


„Unwürdig unseres Glaubens ist es, dass auf die Kinder des Lichtes durch ihren Umgang mit den Söhnen der Finsternis ein Schatten falle. Ungeziemend ist es auch, dass die Kirche Christi, die ohne Makel und Fehl ihrem himmlischen Gatten zugeführt werden soll, durch die Berührung mit der unreinen, altersschwachen und verworfenen Synagoge verunstaltet werde. Seltsam mutet es an, die unbefleckte, Christus anverlobte Jungfrau mit einer Hure beim gemeinsamen Mahl sitzen zu sehen.“

(Brief an den Bischof Nibridius von Narbonne im Jahre 828)


Antisemitismus der Welt in Wort und Bild, von Robert Körber u. Theodor Pugel, 1935, gewidmet: Dem unermüdlichen Vorkämpfer und Kämpfer gegen das Judentum Julius Streicher:


„Es sei hier festgehalten, dass Karls des Großen Aussehen, Charakter und Politik nicht einen Funken germanischen Blutes offenbaren. Da wir über seine Herkunft nicht genau unterrichtet sind, ist jüdische Abstammung nicht von der Hand zu weisen! Seine Physiognomie ist die eines bejahrten Juden. Dem heiligsten germanischen Brauche zuwider hielt er sich wie ein orientalischer Despot ein Weiberhaus, hatte aus diesem eine Unzahl Kinder und war gegen das Germanentum mit teuflischem Hass erfüllt! Seine Aus-rottungsmethoden sind bekannt; zu Verden an der Aller brachte Karl es fertig, an einem einzigen Tage 4500 Sachen hinschlachten zu lassen, weil sie von ihren Schlachtengöttern nicht lassen wollten. Das die Aller rot färbende Rasseverbrechen wird erklärlicher, wenn wir des angeblichen Germanenrecken Einstellung für die Juden kennen. Sein Königshof glich eher dem eines jüdischen Patriarchen als dem eines Germanenkönigs! Alle seine Geschäfte besorgten Juden, der Jude Ephraim war sein Finanzminister und diplomatischer Vertrauter. Wichtige politische Auslandsreisen waren nur dem Juden Ephraim vorbehalten. Es kam vor, dass christliche Höflinge zum Judentum übertraten! Die einflussreichen Ratgeber waren Mönche jüdischen Blutes oder Judenfreunde. In seinem Reiche hatten Juden die gleichen Rechte wie die herrschende fränkische Stammesschicht. Eine unbefangene Betrachtung muss in Karl dem Grausamen den bewussten Ver-nichter germanischen Volkstums sehen.“


David Flusser:

„Bei Karl existiert die Idee des Reiches, des imperium christianum. Er hat keine Teilung zwischen dem Alten und Neuen Testament gesehen. Es ist wichtig zu sehen, dass, wenn man ein Reich aufbauen will, dies nicht auf das Neue Testament stützen kann, weil ja die einzige imperiale Gestalt, die im Neuen Testament vorkommt, Pilatus ist. Und dieser ist sicherlich kein Vorbild für einen imperator christianus. Es ist nicht auf Pilatus zurückzugehen, sondern auf einen König wie Salomo. Der Rückgriff auf das Alte Testament bedeutet nicht eine Spaltung, sondern das Alte Testament ist christlich. Das Alte Testament ist von Karl und seiner Umgebung nicht als ein Schatten des Neuen Testaments verstanden worden. Das Ganze der christlichen Bibel - das Alte und das Neue - bildete eine Einheit.

(Vortrag: Die Judenfrage aus der Sicht Karls des Großen, 1980)


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