Mtoni Shamba - ein Geschenk zerfällt

Fünfter und letzter Teil des Reisetagebuches

Ein wenig mag man an Sankt Martin denken, wenn man Father John Rocksloh beobachtet, wie er inmitten seiner lauthals schnatternden Gänse steht und ihnen liebevoll das eine oder andere besänftigende Brotstückchen zukommen lässt. Und manch geflügelte Freundin lässt sich sogar liebevoll auf den Arm nehmen und genießt stillschweigend ihre Streicheleinheit. Doch wir befinden uns nicht im kühlen gallischen Tours, sondern im brodelnden Schmelztiegel von Dar-es-Salaam. Father John, der sympathische Benediktiner mit den geflügelten Wachhunden stammt eigentlich aus dem sauerländischen Meschede. Seit vielen Jahren leitet er den Konvent und das Gästehaus im Stadtteil Kurasini, eine Oase für Missionsbeauftragte aller Couleur und das Basiscamp für unsere Missionstrips. Lächelnd fordert er uns auf, Platz zu nehmen und bietet uns ein kühles „Safari“ an, ein einheimisches Bier. Als wir uns als Liebhaber wohltemperierten Gerstensaftes zu erkennen geben, haben wir sein Herz im Sturm erobert. Und es bietet sich für uns die Gelegenheit, endlich Dank zu sagen für die fürsorgliche Unterbringung im Gästehaus. Es freut uns, „die Seele von Kurasini“ etwas näher kennenzulernen. Schon vor vielen Jahrzehnten hat Father John den Kahlen Asten gegen den Kilimandscharo eingetauscht, und in Tansania kennt er Gott und die Welt. Als wir uns nach einem ehemaligen anglikanischen Franziskaner-Kloster erkundigen, entpuppt sich dieses als ein Teil seiner Westentasche. Er verspricht, uns morgen dorthin zu begleiten und stellt sogar in Aussicht, Otto Chiduo, einen der ehemaligen Brüder, aufzutreiben, zu dem unser Kontakt in Deutschland abrupt abgebrochen war.

Ein architektonisches Kleinod

Father John hat seine theologische Examensarbeit über das anglikanische Bistum Masasi geschrieben und ist ein Kenner der tansanischen Verhältnisse, so erfahren wir unterwegs. Der Jeep bahnt sich seinen Weg entlang Hunderter desolater Lehmhütten am Rande der Stadt. Die Grenze zwischen Vorort und Slum ist hier fließend. Nach einer Stunde erreichen wir Mtoni Shamba (dt.: der Acker bzw. das Feld am Bach), die Anhöhe auf der das ehemalige Kloster steht. Es ist ein riesiges Terrain und zur Zeit baut das anglikanische Bistum eines der Klostergebäude zu Schulungsräumen um. Eine solche Aktion ist dringend nötig, denn wird ein Grundstück lange Zeit nicht genutzt, so fällt es ersatzlos an den Staat und darf von anderen in Beschlag genommen werden. Die Architektur der Klosterkapelle raubt einem den Atem. Ein wenig erinnert es an das Brasilienhaus des unsterblichen Le Corbusier. Ein braunes, halb zertrümmertes Schild am Eingang zum Atrium informiert, wer dieses grandiose, lichtdurchflutete Gebäude finanziert hat: „Katika Jermani na Holland“ (die alt-katholischen Kirchen von Deutschland und Holland). Das Gebäude, das dem heiligen Franz und der heiligen Klara gewidmet ist, lässt das Herz jedes Kunstbeflissenen höher schlagen. Die kleine Klosterkirche erinnert ein wenig an eine Muschel - organisch, transparent und dabei höchst funktionell und schlichtweg schön. „Es wäre der schiere Wahnsinn, wenn wir so eine Kirche in Düsseldorf hätten“, sage ich zu Father John. Umso erschreckender ist es, dass die Attraktivität dieses modernen Sakralbaus von den Einheimischen nicht geschätzt wird. Im Gegenteil: Das Gebäude ist in einem verwahrlosten Zustand. Der Altar beschmiert mit magischen Zeichnungen, die Wände bespritzt mit Blut. Berge von Rattenkot liegen in den Ecken. In Gedanken sehe ich einen Muganga, einen Hexenmeister, der einem Huhn den Kopf abschlägt, um Djinnies (Dämonen) oder Jujus (hilfreiche Geister) zu beschwören. Der Glaube an Geister (Animismus) ist in Tansania weit verbreitet und macht auch vor hochrangigen Klerikern nicht halt. Meine düsteren Gedanken verscheucht ein Blick auf das Taufbecken im Vorhof der Kirche, das umrahmt wird von Dolden wundervoll duftender, rosaroter Blüten. Es kommt einem Skandal gleich, dass das anglikanische Bistum von Dar-es-Salaam ein solches Gebäude verkommen lässt. Umso unverständlicher ist es, dass vor kurzem, nur zwei Kilometer entfernt, eine neue Gemeindekirche errichtet wurde – im Vergleich zur Kirche von Mtoni Shamba ein unansehnlicher Schuppen ohne jegliches Esprit. Ich nehme mir vor, nach meiner Rückkehr in Deutschland Bischof Valentino Mokiwa anzuschreiben und um eine Erklärung zu bitten, warum mit einem gemeinsamen Geschenk deutscher und niederländischer Alt-Katholiken so stiefmütterlich umgegangen wird.

Gründe für das Scheitern

Der Klosterbetrieb selbst musste vor geraumer Zeit eingestellt werden. Zu hoch waren die Kosten für das Bistum und zu uneffektiv die Ergebnisse, die erzielt werden konnten. In den siebziger Jahren stieß die Idee von einem blühenden Männerkloster und den damit verbundenen karitativen Möglichkeiten auch in Europa auf ein großes Echo. Man war auch auf alt-katholischer Seite gern bereit, ein solches Vorhaben zu unterstützen. Doch scheiterte letztendlich alles an der afrikanischen Mentalität. Gern nutzte man die Chance, an Bildungs- und Ausbildungsangebote teilzunehmen. Doch verabschiedeten sich viele Mitbrüder nach einer solchen Ausbildung ins Privatleben. Und das Zölibat erscheint Männern einer polygamen Gesellschaft, in der die Anzahl der Kinder über Ansehen und Prestige entscheidet, ohnehin nicht sonderlich attraktiv. Kinder gelten in Afrika als Hoffnungsträger, als Altersversicherung und auch als Statussymbol. Vielleicht bildet den Hauptgrund für das Scheitern des Projektes „Mtoni Shamba“ die Tatsache, dass afrikanische Männer nicht gewohnt sind zu arbeiten. Das mag überraschen, doch in der afrikanischen Gesellschaft arbeitet hauptsächlich die Frau. Rein äußerlich gesehen steht die afrikanische Frau im Mittelpunkt des alltäglichen Geschehens. Ob auf Märkten oder auf den Feldern, überall erledigt sie die Arbeit, schleppt Lasten auf Schultern und Kopf, müht sich ab. Frauen stehen früh auf, denn der Brunnen ist oft weit entfernt, und sie müssen fünf oder zehn Kilometer laufen, um Wasser zu holen. Dann müssen sie Brennholz besorgen, das Feld umgraben und bestellen, Essen zubereiten, die Kleinen füttern. Und während sie schuften, tragen sie ihr Baby auf dem Rücken. Selbst Stadtfrauen mit vermögenden Ehemännern treiben irgendwelche Geschäfte. Frauen sind insgeheim der Dreh- und Angelpunkt der afrikanischen Gesellschaft. Die Männer hingegen verfügen über die Früchte der weiblichen Arbeit. Und wenn es einer Ehefrau nicht gelingt, sich ihres Mannes zu erwehren, ihre Einnahmen vor diesem zu verstecken, muss sie oftmals um die Versorgung der Familie und die Ausbildung der Kinder bangen. Aus dieser Perspektive darf das Scheitern in Mtoni Shamba nicht überraschen. Hier liegen auch die Gründe, wieso der Orden von St. Mary so floriert. Für Frauen bedeutet die Mitgliedschaft in einer Schwesternschaft auch ein Stück weit Emanzipation von einer hedonistischen Männerwelt. Frauen sind gewohnt zu arbeiten, zu improvisieren, kreativ zu sein, Probleme zu bewältigen, vorausschauend zu handeln. Nicht umsonst gelingen den Schwestern von St. Mary beeindruckende Dinge.

Hoffnung für Mtoni Shamba

Es bleibt offen, was aus Mtoni Shamba und seiner wunderschönen Kirche wird. Wir werden auf jeden Fall berichten, welche Antwort Bischof Valentino auf unsere Anfrage gibt. Es wäre ein Traum, wenn – vielleicht mit unserer Hilfe – dieses Gotteshaus wieder hergerichtet und genutzt werden könnte. Vielleicht wäre es sinnvoll, mal einer Frauenkongregation die Chance zu geben und das Projekt wieder aufleben zu lassen. Hakuna Matata – es wird schon!

André Golob



Das Projekt “Leonardo da Vinci”

Seit mehreren Jahren unterstützt unser Bistum in Dar-es-Salaam eine Straßenkinderinitiative. Es handelt sich dabei um eine Gruppe kreativer junger Menschen, die sich den Namen „Leonardo-Da-Vinci-Projekt“ gegeben haben. Initiiert hat dieses Projekt Bruder Otto Chiduo ein Franziskaner aus Mtoni Shamba. Ihn bewegte das harte Schicksal obdachloser Jugendlicher und Kinder so sehr, dass er nach Wegen und Möglichkeiten suchte ihnen zu helfen. Da viele von ihnen eine künstlerische Ader besaßen, kam ihm die Idee der Hilfe zur Selbsthilfe. Mit finanzieller Unterstützung aus Deutschland gelang es ihm, eine Crew zu formen, die Auftragsarbeiten übernahm und vor allem durch die Gestaltung der in Tansania sehr beliebten Cartoons (Karikaturen und zeichnerische Bildergeschichten) bekannt wurde. Auf alt-katholische Anregung hin entwarfen die jungen Leute z.B. eine Bildergeschichte zum Leben der Amalie von Lasaulx, die in Kiswaheli und deutscher Sprache realisiert wurde. Seit geraumer Zeit war der Kontakt zu Otto Chiduo und seiner Gruppe abgebrochen. Durch das Geschick Father Johns konnten wir ihn jedoch ausfindig machen. Es gibt ihn also immer noch und zu unser aller Freude auch die Gruppe „Leonardo-da-Vinci“. Leider haben wir Bruder Chiduo nicht angetroffen. Er ist überraschenderweise der Pfarrer der neu errichteten Gemeindekirche in der Nähe von Mtoni Shamba. Father John hat ihm später im Auftrag von Frau Dr. Brinkhues einen kleinen Unterstützungsbetrag überreicht. Wir hoffen darauf, dass das zukunftsweisende Projekt „Leonardo-da-Vinci“ auch weiterhin gute Früchte trägt und werden darüber berichten.