Zu viel Blut?


Nicht mit einem Fragezeichen, sondern mit einem Ausrufezeichen versehen, habe ich diese Meinung schon oft im Gemeindegespräch gehört, und zwar immer dann, wenn im Eucharistiegebet Worte vorkamen wie „Opfer“ oder „Blut“ oder wenn wir zur Brotbrechung Lieder gesungen haben, in denen von „Sühne“ und „Sünden“, „Schuld“ und „Erbarmen“ die Rede ist. Es ist auch schon vorgekommen, dass ich gebeten wurde, beim Reichen des Kelches während der Kommunion statt der üblichen Spendeworte „Christi Blut, für dich gegeben“ lieber Formulierungen zu verwenden wie „Der Kelch des Heils“ oder „Der Trank des Lebens“. Das Blut, das Jesus „für uns“ vergossen hat „zur Vergebung der Sünden“, ist offensichtlich für viele ein Problem.


Fragen


Und das ist verständlich vor dem Hin-tergrund eines Gottesbildes, das den Tod Jesu fordert, damit „die Sünde der Welt“ gesühnt wird. Ist Jesus ein Sündenbock? „Was ist doch wohl die Ursach solcher Plagen?“ fragt Johann Heermann 1630 beim Betrachten des Leidens und Sterbens Jesu in einem Passionslied. Und er folgert, ganz im Sinne seiner Zeit: „Ach, meine Sünden haben dich geschlagen. Ich, mein Herr Jesu, habe dies verschuldet, was du erduldet.“ Das Gefühl, für Jesu Tod verantwortlich zu sein, ist auf jeden Fall ebenso bedrückend wie die Folgerung, Gott habe das so gewollt. Da hilft der Hinweis, dass dieses Opfer Jesu erlösend wirkt, nicht viel. Erlösung wovon? „...die Schuld bezahlt der Herre, der Gerechte, für seine Knechte“ dichtet Johann Heermann. Was für eine Schuld? Meine Schuld? Deine Schuld? Habe ich mich, hast Du Dich schuldig gemacht? Vor wem? Vor Gott? Wie? Und wieso „bezahlen“?

Fragen über Fragen. Wie soll da Dankbarkeit aufkommen? Oder gar Bewunderung? Jesus, der für mich bezahlt hat? Was hätte ich denn zahlen sollen? Den Preis meines Todes? Ich bin sicher kein Unschuldslamm; aber sind meine Vergehen so gravierend, dass darauf der Tod steht? Und mit welchem Recht fordert Gott einen solchen Preis? Weil ich ihm nicht gehorcht, weil ich mich gegen ihn aufgelehnt habe?


Eine Last


Das Problem dieser Überlegungen ist ein individuelles Erlösungsverständnis, das sich auf den einzelnen Menschen und sein Innerstes, die Seele, bezieht. Dabei geraten die Welt und ihre Probleme völlig außer acht. Aber genau dort zeigt sich ja als erstes, dass es nicht nur Ordnung, sondern auch Unordnung gibt. Wir freuen uns über das, was in Ordnung ist, was gelingt und Sinn macht. Aber mehr noch leiden wir unter dem, was nicht in Ordnung ist und was tiefgehende Fragen in uns auslöst. Ungerechtigkeit, Krieg, Elend, Krankheit, das Unvermögen, im Alltag immer gut miteinander umzugehen, unendlich viel Böses, das tagtäglich geschieht – das alles und noch viel mehr trübt unsere Lebensfreude. Wie eine Last liegt es auf uns. Zwar gelingt es uns immer wieder, sie zu verdrängen, und vielleicht ist das auch notwendig, um mit dem Leben fertig zu werden. Aber es nimmt sie uns nicht. Irgendwann beginnt sie wieder zu drücken.


Nur: Es ist nicht meine Last allein; es ist vielmehr die Last einer sich als unvollkommen erweisenden Welt. Dieser Last hat Jesus sich gestellt. Nicht zu den „Gesunden“, sondern zu den „Kranken“ ist er gegangen. Für das, was nicht in Ordnung ist, hatte er ein Auge. Indem er ermutigte und Zeichen setzte, sich den Menschen am Rande zuwendete und Kranke heilte, Kritik übte und ermahnte, nahm er etwas weg von dieser Last. Befreit fühlten sich nicht nur unmittelbar Betroffene. Befreit fühlten sich auch alle, die wahrnahmen, was durch Jesus geschah. Sie sahen eine neue Zeit angebrochen. Hoffnung ergriff sie. Viele ließen sich davon anstecken und gestalteten ihr Leben neu.


Doch was die einen erfüllte, ängstigte die anderen. Mit seinem Auftreten weckte Jesus auch Misstrauen. Besonders schwer wog, dass Jesus sein Handeln als Gottes Handeln verkündete. So wurde er in mehrfacher Hinsicht als gefährlich empfunden. Und deshalb kam es zur Gefangennahme, zu Verhören, zur Folter, zum Todesurteil. Was Jesus wegnehmen wollte, wurde ihm nun selbst auferlegt. Plötzlich trug er auf seinen Schultern die Last, die das Leben in dieser Welt so schwer macht. Sollte er sich dem entziehen? Welchen Wert hätten dann alle seine Bemühungen gehabt? Was würde aus den dadurch gewachsenen Hoffnungen werden, die so viele Menschen erfüllten?


Für uns gelebt, für uns gestorben


In diesem Sinne ist Jesus „für uns“ – und das schließt dann auch mich als Individuum ein – gestorben. Um die Botschaft, für die er gelebt hat, aufrecht zu erhalten, hat Jesus sein Blut vergossen. Um ihrer Glaubwürdigkeit willen hat er sein Leben geopfert. Dass dies, als es der jungen Kirche bewusst wurde, Dankbarkeit und Verehrung hervorgerufen hat, versteht sich von selbst. Hingabe ist bis heute etwas, das uns tief berührt. Man würde sie allerdings sehr verengt betrachten, wollte man sie ausschließlich auf Lebenshingabe einschränken. Jesus ist nicht nur für uns gestorben, er hat auch für uns gelebt. Beides gehört zusammen. Und deshalb dürfen wir das Blut Christi nicht allein mit seinem Tod verbinden. Es hat auch etwas mit der Leidenschaft seiner Liebe zu tun. Wir sprechen in diesem Zusammenhang gewöhnlich von „Herzblut“. Es bedeutet, dass jemand alles gibt für seine Sache, dass er ihr sein ganzes Leben widmet.


Christi Blut, für dich vergossen


Wenn ich die Worte „Christi Blut, für dich vergossen“ höre, fühle ich diese Leidenschaft Jesu. Und wenn ich dabei aus dem Kelch trinke, wünsche ich mir, dass sie mich erfüllt. Wie sollte ich sonst dem Unheilvollen dieser Welt das Heil entgegensetzen, das Jesus gebracht hat? Ich spüre ja ständig, dass wir dieser Last nicht gewachsen sind. Oft genug weichen wir ihr sogar aus. Oder wir drohen an dem, was wir selbst zu tragen haben, zu zerbrechen. Es ist Christus, der uns ent-lastet. Und es ist die Leidenschaft seines Gottvertrauens, die uns Halt zu geben vermag. Nirgends wird sie deutlicher erfahrbar als in seinem Leiden und Sterben. Da hat Gott ihn aufgefangen und sich in einer nicht mehr zu überbietenden Weise als der „Ich-bin-da-für-euch“ erwiesen. Christi Blut ist so im wahrsten Sinne des Wortes zum Lebenssaft geworden. Es weitet mein Wahrnehmungsvermögen über die Last dieser Welt hinaus, ohne dass ich sie verdrängen muss. Und es bindet mich inmitten dieser Last an das Leben, das stärker ist als der Tod und alle seine Erscheinungsformen.


Joachim Pfützner


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