Wort des lebendigen Gottes?


In der alt-katholischen Liturgie werden die biblischen Lesungen, die nicht aus den vier Evangelien genommen sind, mit dem einfachen Satz beendet: „„So weit die Worte der Lesung.“ Die Gemeinde antwortet: „Gott, dem Herrn, sei Dank!“ Die römisch-katholische Kirche hat in ihrer Liturgiereform den Schlusssatz eingeführt: „Wort des lebendigen Gottes!“ Diese Formulierung begegnet mir nun immer wieder auch in unseren Gottesdiensten – und stört mich. Es müssen gar nicht Bibeltexte vorgelesen worden sein wie „Der Mann ist das Haupt der Frau“ (Eph 5,23 u.a.) oder: „Dass eine Frau lehrt, erlaube ich nicht“ (1 Tim 2,11). Ich habe auch bei einem Abschnitt aus der Apostelgeschichte oder aus einem der Paulus- oder Pastoralbriefe Schwierigkeiten, vom „Wort des lebendigen Gottes“ zu reden. Das sind wichtige „„apostolische“ Glaubenszeugnisse, Belehrungen und Ermahnungen oder auch nur (damals nötige?) Anordnungen aus den Anfängen der Gemeindebildung in heidnischer Umwelt. Wieder anders ist es bei Erzählungen aus den ersten Büchern der Bibel: Die Geschichten von der Schöpfung, vom Sündenfall, vom Brudermord, von der Sintflut und vom Turmbau zu Babel sind uralte Geschichten des Volkes Gottes. Sie wurden zunächst nur mündlich weiter gegeben und im Lauf langer Zeit angereichert mit Vorstellungen der umliegenden Völkern. In der Geschichte von der Sintflut wird das am Beispiel des Raben deutlich, der schon trockenes Land gefunden hat, ehe Noah die Taube erstmals aussendet. Diese Geschichten werden bis heute in unterschiedlichen Zeiten und Lebensaltern immer wieder neu gehört und gedeutet, sie sind mehrschichtige Gottes-Geschichten. Die Zuhörer erfahren, Gott hat die Welt erschaffen, „„kein anderer ist außer ihm“ (Dt 4,35), seine Schöpfung ist vielfältig und gut, nicht von Dämonen besiedelt, vielmehr den Menschen zum Leben übergeben. Mühsal und Beschwer und Naturkatastrophen hängen mit den Menschen zusammen, die nicht auf Gott hören, selbstherrlich und wie Gott sein wollen. Doch auch der Brudermörder fällt nicht aus Gottes Fürsorge, den Mitmenschen jedoch wird seine Tötung nicht erlaubt. Am Turm von Babel bauen wir noch immer, und das Verstehen untereinander wird weder durch eine Weltsprache Englisch oder Esperanto besser, solange die Herzen gegeneinander verhärtet sind.


Wer war’s?


Oder nehmen wir die bekannte Erzählung von David und Goliat (1 Sam 12,1 - 58). Der hochgerüstete Philister mit Schuppenpanzer und Beinschienen, an der Seite ein Sichelschwert, in der Hand einen riesigen Speer, verspottet die Israeliten und fordert einen von ihnen zum Zweikampf heraus. Einige Kapitel zuvor jedoch war zu lesen, dass die Philister in Israel keinen einzigen Schmied mehr geduldet hatten, um so das Volk zu entwaffnen. Der Hirtenjunge aber stellte sich im Vertrauen auf Gott ungeschützt vor Goliat und besiegte ihn mit einer Steinschleuder. Nun aber lesen wir im 2. Samuelbuch (21,19), dass es Elhanan war, der Sohn Jaírs aus Betlehem, der den Goliat besiegt hat. Was stimmt nun? Die Exegeten, sagen, dass wohl Elhanan den Goliat besiegt habe, später sei diese Tat auf David übertragen worden, um seine Berufung zum König zu begründen. Im Kern handelt es sich um eine Mut-mach-Geschichte: Nicht Körpergröße und eigene Kraft, nicht „Tressen auf dem Hut und einen Klunker dran“ wie es Matthias Claudius im Reime gebracht hat, retten den Menschen, vielmehr ist der Schwache stark, wenn er sein Vertrauen auf Gott setzt. Die Bibel ist voll von solchen Gottes-Geschichten, aber sie pauschal und unmittelbar „Wort des lebendigen Gottes“ zu nennen, kann Zuhörern den Zugang zur biblischen Botschaft grundsätzlich (fundamental) verbauen.


Wort oder Rede Gottes


Ist die Bibel also nicht „Wort Gottes“? Eine einfache Antwort besagt: In der Bibel wird uns Gottes Wort zugesagt, aber nicht jedes einzelne Wort in diesem Buch ist unmittelbar Rede Gottes. Gott hat in Sprache, Kultur und Vorstellungswelt der jeweiligen Menschen „„auf vielerlei Weise zu den Vätern gesprochen durch die Propheten“ (Hebr 1,1), sein Wort ist „Fleisch geworden“ zuletzt, geboren von einer Frau (Gal 4,4), endgültig in seinem Sohn Jesus Christus. Die heiligen Schriften der Bibel versuchen, es festzuhalten. Luther hat einmal gesagt, die Heilige Schrift lege sich selber aus. Damit ist gemeint, dass wir die Bibel stets als Ganzes im Blick haben müssen, nicht eine Geschichte oder Parabel gegen eine andere, nicht einen Satz gegen den anderen ausspielen dürfen. Vielmehr ist das Ganze im Auge zu behalten: die Ehre Gottes und der Schalom, das Heil der Menschen. Zurück zur Gemeindeantwort: Ein oberbayerischer Pfarrer, dem der Pfarrgemeinderat das Geld für eine Lautsprecheranlage nicht genehmigt hatte, schmuggelte in die Sonntagsfürbitten die Anrufung: „Dass du dem Weißen Riesen größere Waschkraft verleihen wollest!“, worauf die Gemeinde - ohne Gelächter oder Protest - brav antwortete: „Wir bitten dich, erhöre uns!“

Ich hoffe doch, dass in unseren Gemeinden das jeweils Vorgelesene verstanden wird und die Versammelten nicht gedankenlos oder leichtgläubig zu allem „Ja und Amen“ sagen.


Erentrud Kraft


zurück zum Online-Archiv