Die Idee eines Judenstaates und ihre Verwirklichung


Immer schon hatte es Juden in Palästina gegeben; nie war das Land vollständig aufgegeben worden. Zur Jahrhundertwende lebten etwa 30.000 bis 50.000 Juden dort. Doch waren es zumeist Städter, die sich vom kleinen Handwerk ernährten oder dem Bibelstudium zugewandt waren. Allen systematischen Siedlungsversuchen standen sie ablehnend gegenüber, da sie glaubten, die Einhaltung der Gebote vereinbare sich nicht mit Landerschließung und Bodennutzung, wobei sie vergaßen, dass ihre Vorväter einst vorwiegend in der Landwirtschaft tätig gewesen waren.


Die Situation änderte sich infolge der russischen Einwanderungswellen. Diese Flüchtlinge wollten im Gegensatz zu den bereits anwesenden Juden den Aufbau des Landes betreiben. So kam es zu ersten landwirtschaftlichen Kollektiven: Petach Tikva (Tor der Hoffnung), Rischon Lezion (das erste für Zion) u.a. Doch sollten die meisten dieser ersten Siedlungen nicht lange bestehen. Malaria, Geldmangel, Konzeptionslosigkeit, innere Spaltungen, Unfähigkeit, den unkultivierten Boden zu erschließen, begleiteten die ersten Siedlungsversuche.


Die zweite Wanderungswelle erfolgte nach den neuen Pogromen in Russland 1902 bis 1906. Noch intensiver als zuvor konzentrierte man sich auf die Erschließung des Landes, auf die Beschäftigung von Juden, während man bis dahin vielfach als billige Arbeitskräfte Araber eingestellt hatte. Nun bildete man Fachleute für die Entwicklung eines neuen Typs landwirtschaftlicher Siedlungen aus. So entstanden infolge dieser zweiten Wanderungswelle die Genossenschaftssiedlungen, die Kewuzim oder Kibbuzim, die versuchten, die überkommenen Prinzipien „Lohn nach Leistung“' zu überwinden und eine möglichst gemeinsame Verantwortung aller Mitglieder zu erlangen.


Franz Oppenheimer formulierte den Grundgedanken einmal so: „Wenn der dürre Wanderstecken wieder Wurzeln fassen soll, damit ein jeder friedlich sitze unter seinem Rebstock und unter seinem Feigenbaum, dann gibt es nur ein Mittel, das eine alte Mittel, das eine alte Gesetz: das Land darf nur des Volkes sein, nicht der einzelnen; die einzelnen dürfen nur Erbpächter des Volkes als Ganzheit sein.“

Neben den immer zahlreicher werdenden Siedlungsgründungen wurde bereits im Jahre 1909 auf den Sandhügeln bei Jaffa die erste größere moderne Stadt gegründet: Tel Aviv - Hügel des Frühlings. Eine Reihe von Industrieunternehmen entstanden in allernächster Nachbarschaft, so dass die in Tel Aviv lebenden Menschen dort Arbeit finden konnten. Zu Beginn des ersten Weltkrieges war die Grundlage gelegt, um die folgenden Wirren einigermaßen überstehen zu können.


Der Erste Weltkrieg


Der Erste Weltkrieg sollte nicht nur für Europa, sondern auch für den Vorderen Orient eine Umwälzung ungeahnten Ausmaßes bringen. Noch einmal bäumte sich der „Kranke Mann am Bosporus“, die Türkei, gegen die europäischen Großmächte England und Frankreich sowie gegen den erwachten arabischen Nationalismus auf, der die türkische Herrschaft endlich und endgültig abschütteln wollte. Der berüchtigte Djemal Pascha übte mit seiner vierten türkischen Armee in Syrien und Palästina ein Schreckensregiment aus, dem ungefähr 50.000 Juden zum Opfer fielen. Dennoch überstand das Judentum im Großen und Ganzen dank der bäuerlichen Siedlungen, deren Bewohner sich bewaffnet oder unbewaffnet gegen Zerstörungen und Vernichtungen zur Wehr gesetzt hatten.


Angesichts des Vernichtungswillens seitens der Türken boten die Juden den Engländern die Aufstellung einer eigenen jüdischen Armee an. Unter der Leitung der jüdischen Offiziere Jabotinsky und Trumpeldor kam es zwar nur zur Errichtung eines kleinen Corps, doch hatten sich die Juden Palästinas zusammen mit den neuen Flüchtlingen aus Russland eindeutig auf die Seite der Briten gestellt.


Aber auch die Araber erkannten ihre Chance, auf britischer Seite für ihre eigene Unabhängigkeit zu kämpfen. So mussten bei den Überlegungen der Ententemächte über eine Neuordnung des Orients beide Seiten, die arabische und die jüdische, berücksichtigt werden.

Die zwei berühmten Verträge, nämlich das Sykes-Picot-Abkommen von 1916 sowie die Balfour-Erklärung von 1917 spiegeln diese widersprüchliche Interessenlage wider. Der Engländer Sykes und der Franzose Picot schlossen einen gemeinsamen Vertrag, der die Aufteilung des früheren türkischen Gebietes unter französischem und englischem Einfluss vorsah. Gleichzeitig machten die Engländer dem haschemitischen König Hussein und dem saudischen König Ibn Saud Versprechungen, ihnen die Regentschaft über ein großarabisches Reich zu geben.

Fast zur gleichen Zeit gelang es Chaim Weizman, der für die Engländer in der Kriegsindustrie eine wichtige Entdeckung gemacht hatte, den Außenminister Balfour zu einer Konzession den Juden gegenüber zu bewegen. Diese enthält zum ersten eine Anerkennung des zionistischen Wunsches, in Palästina eine Heimstätte für die Juden zu errichten. Der Text lautet: „Seiner Majestät Regierung betrachtet die Schaffung einer nationalen Heimstätte in Palästina für das jüdische Volk mit Wohlwollen und wird die größten Anstrengungen machen, um die Errichtung dieses Zieles zu erleichtern, wobei klar verstanden werde, dass nichts getan werden soll, was die bürgerlichen und religiösen Rechte bestehender nichtjüdischer Gemeinschaften in Palästina oder die Rechte und die politische Stellung der Juden in irgendeinem anderen Land beeinträchtigen könnte.“ Dieser Vertrag ging als Balfour-Erklärung in die Geschichte ein und wurde zur Magna Charta des jüdischen Volkes. Die Erklärung wurde am 17. November 1917 herausgegeben.


Bereits im Dezember desselben Jahres zog General Allenby in Jerusalem ein und proklamierte von den Stufen der alten Davidszitadelle die Befreiung Palästinas. Indem die Briten nun das Mandat über Palästina übernahmen, erschien für die Juden zum ersten Mal ein Silberstreif am Horizont. Doch sollten sie sich getäuscht haben, denn trotz oder gerade wegen des englischen Mandates wurde ihre Situation bedrohlicher als zuvor. Denn nun brachen nach erfolgreicher Niederschlagung der jahrhundertelangen türkischen Herrschaft allmählich die arabischen und jüdischen Interessengegensätze auf.


Konflikte


Es zeigte sich nun, dass das Land, von dem die Juden in Europa geträumt und das die Politiker aufgeteilt hatten, keineswegs ein Land ohne Volk war. Immerhin wurde es von ca. 500.000 Arabern bewohnt. Gleichzeitig sahen die Engländer darüber hinaus die Millionen anderer Araber und nicht zu-letzt die reichen Ölvorkommen in der Region, die sich nur mit und nicht gegen den Willen der Araber ausbeuten ließ. So schwankte die britische Mandatsregierung zwischen Juden und Arabern hin und her und bevorzugte einerseits für die wichtigsten Stellen Araber, ließ jedoch andererseits noch größere Einwanderungen von Juden zu.


Die Regierung ernannte Sir Herbert Samuel zum Hochkommissar. Er selbst war Jude, der jedoch aus Furcht vor Einseitigkeiten gerade die Araber bevorzugte. So ernannte der den fanatischen Nationalisten Emin el Husseini zum Mufti in Jerusalem und damit zum Oberhaupt aller Araber im Lande. Dieser sollte noch eine verhängnisvolle Rolle in der jüdisch-arabischen Auseinandersetzung spielen.

Die Engländer förderten auch weiterhin das jüdische Siedlungswerk, begünstigten aber beim Ankauf von Land besonders die Araber. Trotz der offensichtlichen Bevorzugung fühlten sich die Araber aber dennoch um die Früchte ihrer Erfolge gebracht. Die wachsende Einwanderung jüdischer Siedler, der immer größer werdende Ankauf von Land und Boden durch sie, das Wachsen immer weiterer Städte, die Absonderung der Juden in ihren Dörfern und Städten, ihre eigene Kultur, die eigene Sprache führten zu wachsenden Feindseligkeiten, die sich bereits im Jahre 1920 entluden. Zum ersten Mal wurden jüdische Häuser durch Araber zerstört und mehrere Juden umgebracht. 1921 kam es erneut zu Überfallen. Etwa 50 Juden wurden getötet. Die englische Mandatsregierung griff nur zögernd ein und verhängte eine vorübergehende Einwanderungssperre. 1929 erfolgte ein weiterer Aufstand gegen das Anwachsen der Juden in Palästina. 150 Juden verloren ihr Leben.

Die Reaktion der Engländer war eine weitgehende Einwanderungssperre. Ferner wurde der Landkauf erheblich eingeschränkt. Man hatte sich mit dieser Maßnahme in aller Öffentlichkeit

für die Araber entschieden. Zusätzlich stellte der Bericht einer Kommission (Shaw-Kommission) fest: „Ein Nationalheim für die Juden ist unvereinbar mit den Forderungen der arabischen Nationalisten, und die Forderungen der arabischen Nationalisten machen die Erfüllung der den Juden gegebenen Versprechungen unmöglich.“

Dies war das Eingeständnis einer Politik, die versuchte, zwischen den beiden Gruppen, den Arabern und den Juden, eine Politik der Balance zu betreiben. Es war das Eingeständnis ihres Scheiterns.


Auf dem Weg zur Staatsgründung Israels


Die Spannungen in Palästina stiegen weiter. Die Juden hatten sich inzwischen zu Kampfeinheiten organisiert. Vor allem die Untergrundbewegung „Hagana“ reagierte auf arabische Überfälle und attackierte die Briten, wo sie nur konnte. Bereits 1939 hatte sich die englische Regierung gezwungen gesehen, in einem Weißbuch die Balfour-Erklärung außer Kraft zu setzen und die Einwanderung für die nächsten fünf Jahre auf jeweils 15.000 Juden zu beschränken. Damit war praktisch das Tor der vielen Flüchtlinge, die noch rechtzeitig aus dem nationalsozialistischen Deutschland fliehen konnten, geschlossen.


Aber die Wut der Araber auf die Juden konnte selbst mit diesen Maßnahmen nicht gedämpft werden. In den Nationalsozialisten sah man bald Gesinnungsfreunde. Und so ist es nicht verwunderlich, wenn wir den Mufti von Jerusalem als willkommenen Besucher in Berlin bei Hitler finden. In der Jerusalemer Felsenmoschee schürte er in seinen Ansprachen den Hass der Araber gegen die Juden. 1936 rief er zum Generalstreik auf. Eine Art Guerillakrieg gegen Engländer und Juden setzte daraufhin ein.

Das absolut größte Ausmaß jüdischer Verfolgung und Vernichtung in der abendländischen Geschichte verursachte die nationalsozialistische Regierung unter Adolf Hitler. Zunächst hatten die antijüdischen Gesetze vor dem zweiten Weltkrieg noch die Möglichkeit der Auswanderung offenge-lassen. Ja, die nationalsozialistischen Führer hatten zeitweise den Gedanken eines eigenen Judenstaates auf Madagaskar verfolgt. Doch mit Ausbruch des Krieges wurde eine Auswanderung aus Deutschland gänzlich unmöglich gemacht und die „Endlösung“ der Judenfrage in Angriff genommen.

Man rechnet damit, dass 6 Millionen Juden in ganz Europa auf die grauenhafteste Weise ums Leben gekommen sind. Damit war die deutsch-jüdische Symbiose zerstört, die über eine Reihe von Jahrzehnten großartige Entdeckungen, wissenschaftliche Errungenschaften, künstlerische Höhepunkte hervorgebracht hatte. Von 40 deutschen Nobelpreisträgern vom Anfang des 20. Jahrhunderts bis 1931 waren elf jüdischer Abstammung. Zerstört war aber auch der Wille der Juden, in Europa überhaupt noch eine Heimat zu erblicken.


Flüchtlinge


Palästina war neben Amerika zum Ziel der Flüchtlinge geworden. Panikartig verließen sie zu Hunderttausenden die Länder, die aktiv oder auch nur stillschweigend am Holocaust beteiligt gewesen waren. Allerdings hatte die Abriegelung Palästinas durch die Engländer als Folge nun die „illegale Einwanderung“, als nach dem Kriege Zig- und Hunderttausende Überlebende keinen anderen Wunsch mehr hatten als Europa zu verlassen. Die Briten wussten sich nicht anders zu helfen, als Lager und Baracken auf den Inseln Mauritius und Zypern zu errichten, wo sie ganze Schiffsladungen von Flüchtlingen und Auswanderern hintransportierten. Dort vegetierten jahrelang oder starben erneut unzählige Juden.

In Palästina hatte sich durch den Kampf aller gegen alle - Araber gegen Engländer und Juden, Juden gegen Araber und Engländer, Engländer gegen Juden und Araber - die Situation so dramatisch zugespitzt, dass London 1948 sein Mandat an die Uno abzugeben entschlossen war. Die Vereinten Nationen setzten eine Kommission aus elf neutralen Ländern ein, die Verhandlungen mit der britischen Mandatsregierung und der jüdischen Organisation „Jewish Agency“ aufnahm. Die Araber boykottierten die Arbeit der Kommission. Nach mehreren Entwürfen setzte sich am 29. November 1947 ein Teilungsplan durch. Der von 33 Staaten gegen 13 bei 10 Enthaltungen angenommene Beschluss lautete: „Das Mandat über Palästina erlischt so bald als möglich, keinesfalls aber später als am l. August 1948. ...Unabhängige arabische und jüdische Staaten und eine besondere internationale Verwaltung der Stadt Jerusalem sollen in Palästina nach Abzug der Streitkräfte der Mandatsmacht errichtet werden, keinesfalls aber später als am l. Oktober 1948.“

Die Juden hatten mehr erreicht als sie vorher erhoffen konnten. Der Jubel in den Straßen Jerusalems und Tel Avivs war unbeschreiblich. Die Araber lehnten den Plan ab und drohten mit einem Ausrottungskrieg gegen die Juden.

Am 15. Mai 1948 sollte das englische Mandat über Palästina erlöschen. Am Vorabend versammelten sich die Mitglieder des „Provisorischen Staatsrates“ im Museum von Tel Aviv. Ben Gurion proklamierte den neuen Staat Israel, nachdem vor 2000 Jahren die Römer das jüdische Volk ausgelöscht oder in alle Welt vertrieben hatten. Die Ansprache Ben Gurions lautete: „Wir, die Mitglieder des Volksrates, die Vertretung der jüdischen Bevölkerung Palästinas und der zionistischen Bewegung, sind ... heute, am Tage der Beendigung des britischen Mandats über das Land Israel, zusammengetreten und proklamieren hiermit kraft unseres natürlichen und historischen Rechtes und auf Grund des Beschlusses der Vollversammlung der Vereinten Nationen die Errichtung eines jüdischen Staates im Land Israel.“


In den Synagogen wurde das Widderhorn geblasen, so wie es vor den Mauern Jerichos geblasen worden war und wie es zu jedem Neujahrsfest geblasen wird. Die Jugendlichen und Erwachsenen tanzten auf den Plätzen und Straßen die Horra, den jüdischen Nationaltanz. Amerika, Russland, Südamerika und der Ostblock erkannten den neuen Staat unmittelbar nach seiner Gründung an. England wartete ab und versuchte, Europa an einer Anerkennung zu hindern. Die Araber hingegen sahen den Augenblick der Zerstörung des neuen Staates gekommen. Die Armeen Ägyptens, Transjordaniens, Syriens, Libanons und des Irak rückten in Israel ein. 40 Millionen Araber standen 650.000 Juden gegenüber.


Krieg


Zugleich mit diesem ersten arabisch-jüdischen Krieg entstand nun ein neues Problem, das zu den alten Spannungen hinzutrat. Die arabischen Verantwortlichen forderten alle Araber im jüdischen Gebiet auf, das Land unverzüglich zu verlassen. In einigen Tagen könnten sie zurückkehren, dann nämlich, wenn die Juden ins Meer getrieben seien. Ungefähr eine halbe Million Araber folgte diesem Aufruf, während gerade einmal 150.000 zurückblieben. Diese sinnlose Flucht der palästinensischen Araber, für die es niemals eine Aussicht auf Rückkehr geben sollte, war allerdings nicht zuletzt durch jüdischen Terror mitverursacht, der von der „Irgun“ und dem „Stern“, den beiden grausamen jüdischen Terrororganisationen, an der arabischen Bevölkerung begangen worden war. Berühmt, berüchtigt wurde in diesem Zusammenhang der Name des arabischen Dorfes Deir Jassin, das von jüdischen Fanatikern angegriffen und dessen Bewohner in einer sinnlosen Metzelei niedergemacht wurden. So konnten die arabischen Führer auf solche Beispiele hinweisen, um die Bevölkerung zur Massenflucht zu bewegen.


Der Krieg ging für die arabischen Armeen praktisch verloren. Denn die Israelis konnten bis zum Waffenstillstand am 11. Juni 1948 ihr Gebiet gegenüber dem Teilungsplan der Vereinten Nationen noch vergrößern. Nur das jüdische Viertel in der Jerusalemer Altstadt wurde trotz verzweifelten Widerstandes seiner ca. 2000 Bewohner und etwa 100 jüdischen Kämpfern von der jordanischen Legion eingenommen und blieb bis zum Sechs-Tage-Krieg 1967 in den Händen des jordanischen Königs. Der Negev fiel den Juden ganz in die Hände, während sie die eroberten Sinaigebiete bald wieder an Ägypten zurückgaben.


Damit hatte sich Israel in seiner neuen Geschichte zum ersten Mal aus eigener Kraft, wenn auch unter großen Opfern, selbst retten können. Ein Sieg Davids gegen Goliath. David war nicht

ausgerottet und auch nicht ins Meer getrieben worden. Israel war nun ein eigener Staat im eigenen Land, ein Volk, das nicht mehr der Willkür anderer einfach preisgegeben war, sondern sich in der Zukunft konsolidieren und um seinen Bestand und Erhalt kämpfen konnte.


Ungelöste Probleme


Dennoch blieben die Probleme weiterhin ungelöst, ja, sie vergrößerten und verschlimmerten sich noch. Israel als Volk zwischen den arabischen Völkern blieb für die Nachbarn das, was die Juden vorher in Europa gewesen waren, Eindringlinge und Fremdlinge. Hinzugekommen war das Palästinenserproblem. Die Zahl der Flüchtlinge sollte im Krieg von 1967 noch gewaltig ansteigen. Ihre heutige Zahl lässt sich nicht genau angeben. Die meisten von ihnen leben immer noch unter elenden Bedingungen in den übrigen arabischen Ländern. Viele sind nach Übersee ausgewandert. Aus einem jüdischen ist somit ein Palästinenserproblem geworden. Werden die Palästinenser jemals einen eigenen, funktionierenden Staat gründen können? Die brutalen Auseinandersetzungen um ihre berechtigten und verständlichen Forderungen erleben wir in diesen Tagen auf so schmerzliche Weise. Die fürchterlichen Selbstmordattentate, von der palästinensischen Hamas, dem Dschihad-islami und den der Fatah nahestehenden Aksa-Brigaden inszeniert, die brutalen Zerstörungen der Infrastruktur der palästinensischen Autonomiegebiete durch Panzer und Hubschrauber der israelischen Armee halten die Welt in Atem. Ein Ausweg aus der derzeitigen Lage ist trotz vieler Pläne nicht zu erkennen.


Israel - Palästina! Das heilige Land! Jerusalem – El Kuds! Die heilige Stadt der Juden und Muslime! Es bleibt zu wünschen, dass die Einsicht wächst, zu Kompromissen bereit zu sein - auf beiden Seiten. Israel müsste seine Siedlungspolitik stoppen und zahlreiche neuerbaute Dörfer und Städte in den palästinensischen Gebieten aufgeben – so schmerzlich das für die Siedler sein mag. Die arabische Bevölkerung müsste auf ihre Anschläge verzichten und unzweideutig das Existenzrecht Israels anerkennen! Zwei Völker in einem Land! Einen anderen Weg wird es nie geben. Soviel Verständnis wir für das Schicksal Israels auf Grund der Geschichte haben, soviel Verständnis haben wir auch für die Palästinenser, die diese Geschichte am wenigsten zu verantworten haben und doch letztlich von ihr so furchtbar überrollt worden sind.


Hans-Jürgen van der Minde



Theodor Herzl, Der Judenstaat (Auszug)


DER PLAN


Der ganze Plan ist in seiner Grundform unendlich einfach und muss es ja auch sein, wenn er von allen Menschen verstanden werden soll. Man gebe uns die Souveränität eines für unsere gerechten Volksbedürfnisse genügenden Stückes der Erdoberfläche, alles andere werden wir selbst besorgen.

Das Entstehen einer neuen Souveränität ist nichts Lächerliches oder Unmögliches. Wir haben es doch in unseren Tagen miterlebt, bei Völkern, die nicht wie wir Mittelstandsvölker, sondern ärmere, ungebildete und darum schwächere Völker sind. Uns die Souveränität zu verschaffen, sind die Regierungen der vom Antisemitismus heimgesuchten Länder lebhaft interessiert.

Es werden für die im Prinzip einfache, in der Durchführung komplizierte Aufgabe zwei große Organe geschaffen: die Society of Jews und die Jewish Company. Was die Society of Jews wissenschaftlich und politisch vorbereitet hat, führt die Jewish Company praktisch aus. Die Jewish Company besorgt die Liquidierung aller Vermögensinteressen der abziehenden Juden und organisiert im neuen Lande den wirtschaftlichen Verkehr.

Den Abzug der Juden darf man sich, wie schon gesagt wurde, nicht als einen plötzlichen vorstellen. Er wird ein allmählicher sein und Jahrzehnte dauern. Zuerst werden die Ärmsten gehen und das Land urbar machen. Sie werden nach einem von vornherein feststehenden Plane Straßen, Brücken, Bahnen bauen, Telegraphen errichten, Flüsse regulieren und sich selbst ihre Heimstätte schaffen. Ihre Arbeit bringt den Verkehr, der Verkehr die Märkte, die Märkte locken neue Ansiedler heran. Denn jeder kommt freiwillig, auf eigene Kosten und Gefahr. Die Arbeit, die wir in die Erde versenken, steigert den Wert des Landes. Die Juden werden schnell einsehen, dass sich für ihre bisher gehasste und verachtete Unternehmungslust ein neues dauerndes Gebiet erschlossen hat...

Unseren niedersten wirtschaftlichen Schichten folgen allmählich die nächsthöheren hinüber. Die jetzt am Verzweifeln sind, gehen zuerst. Sie werden geführt von unserer überall verfolgten mittleren Intelligenz, die wir überproduzieren.

Die Frage der Judenwanderung soll durch diese Schrift zur allgemeinen Diskussion gestellt werden. Das heißt aber nicht, dass eine Abstimmung eingeleitet wird. Dabei wäre die Sache von vornherein verloren. Wer nicht mit will, mag dableiben.


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