Bilanz und Perspektiven - 100 Jahre Alt-Katholisches Seminar der Universität Bonn


„Alt-Katholische Theologie – Bilanz und Perspektiven“, so lautete das Motto der Festakademie am 14. November aus Anlass der 100jährigen Bestehens des Alt-Katholischen Seminars. Im Mittelpunkt der Feier standen drei Statements zum Thema, die von den Professoren Jan Hallebeek (Amsterdam und Utrecht), Urs von Arx (Bern) und Günter Eßer vorgetragen und in einem Podiumsgespräch diskutiert wurden. In dieser Ausgabe von Christen heute dokumentieren wir die Stellungnahme von Professor Hallebeek.


Es freut mich, anlässlich des Jubiläums des hiesigen Universitätsseminars kurz etwas zum Thema „Bilanz und Perspektiven der alt-katholischen Theologie“ sagen zu dürfen. Ich kann dies nur tun, indem ich ganz konkret an das Thema herangehe. Die wenige Zeit erlaubt nicht, alles, was theoretisch zu sagen wäre, hier Revue passieren zu lassen. Deshalb möchte ich zwei Dinge hervorheben. Erstens werde ich einen kurzen Rückblick auf das wissenschaftliche Betreiben der Theologie in den letzten hundert Jahren geben. Zweitens werde ich bei den Perspektiven anzugeben versuchen, was in dieser Zeit und in der nahen Zukunft ein gemeinschaftliches alt-katholisches Element im Betreiben der Theologie sein könnte.


Veränderungen


Wenn wir hinsichtlich des theologischen Arbeitens der letzten hundert Jahre Bilanz ziehen, dann ist für die Niederlande festzustellen, dass es von großer Bedeutung war, dass sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die Neuorientierung der alt-katholischen Kirche der Niederlande definitiv durchgesetzt hat; sie spiegelt sich auch in der Art, wie bei uns im 20. Jahrhundert Theologie betrieben wurde. Mit Neuorientierung meine ich, dass unsere einseitige Ausrichtung auf die zentralisierte lateinische Kirche zugunsten einer viel breiteren Orientierung aufgegeben wurde. Diese Tendenz setzte sich im 20. Jahrhundert definitiv durch. Es zeigt sich immer wieder, dass die alt-katholische Theologie empfänglich ist für moderne Einsichten aus ganz unterschiedlichen kirchlichen und theologischen Strömungen, die oft in der Folge umgesetzt werden in Veränderungen im kirchlichen Leben. Ein paar von ihnen möchte ich nennen:

1. Zu Anfang des 20. Jahrhunderts war der Einfluss der deutschen historisch-kritischen Bibelauslegungsmethode sehr stark.

2. Protestantische, anglikanische und orthodoxe Theologen hatten Einfluss auf unser Denken über Dogmatik.

3. Moderne wissenschaftliche Erkenntnisse haben unsere Liturgik beeinflusst und bis in die kirchliche Praxis hinein ihre Wirksamkeit gezeitigt (Einführung der Muttersprache, aktive Teilhabe der Gemeinde, das Verschwinden von Privatmessen).

4. Die Demokratisierungstendenzen in den deutschen und schweizerischen alt-katholischen Kirchen haben das synodale Element in unserer Ekklesiologie verstärkt und obendrein die Kirchenstruktur auch ganz praktisch beeinflusst.

5. Es entstand eine neue Sichtweise dessen, was Ökumene ist, nämlich das Suchen nach Einheit in Verschiedenheit. Kulturelle Unterschiedlichkeit braucht eucharistische Gastfreundschaft, sei sie bilateral oder unilateral, nicht zu verhindern. Eucharistische Gastfreundschaft kann unter bestimmten Voraussetzungen verwirklicht werden, und zwar auch dann, wenn noch nicht von vollständiger Übereinstimmung in der Glaubenslehre die Rede ist, und die Zeit noch nicht reif ist für „volle Kirchengemeinschaft“. Kritisch ist jedoch anzumerken, dass die ökumenische Gesinnung der alt-katholischen Kirchen sich nicht immer in ihrer Forschung beziehungsweise der Auswahl zu erforschender Themen widerspiegelt.

6. Es fand eine Verwissenschaftlichung der Theologie statt. Der Schwerpunkt der Ausbildung wurde einerseits verlegt von einer eigenen, geschlossenen Amtsausbildungsstätte an die Universität, andererseits bekam aber auch die kirchliche Ausbildung innerhalb des universitären Ganzen im Vergleich zum Seminar alten Stils einen wissenschaftlicheren Charakter.

Diese neue Offenheit ging einher mit dem Aufgeben einer ausschließlich auf Rom gerichteten Ausrichtung der niederländischen alt-katholischen Kirche. Bis 1870 verstand man sich als zur römisch-katholischen Kirche gehörig, erst nach dem Ersten Vatikanum verschob sich das Selbstverständnis in Richtung auf ein wachsendes Bewusstsein, alt-katholisch zu sein. Offenheit und Neuorientierung sind jedoch nicht die einzigen Faktoren, die alle diese strukturellen Veränderungen in unserem Theologietreiben verursacht haben. Auch die stärkere Ausrichtung auf das Ideal der Alten Kirche hat eine Rolle gespielt. Auch wenn die Bischofserklärung von 1889 nur im Hinblick auf die großen ökumenischen Konzilien über die ungeteilte Kirche des ersten Jahrtausends spricht, so kann für uns die alte Kirche doch auch in einer anderen, nicht nur rein theologischen Weise vorbildlich sein. Nach dem Ersten Vatikanum ist das Bewusstsein gewachsen, dass wir auch in der Theorie nicht mehr zu einer kirchlichen Einheit mit der Romana gehören, die einen bedeutenden politischen Machtfaktor in der modernen Welt darstellt. In dem Maße, wie sich die Entkirchlichung in Westeuropa in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts mehr und mehr durchgesetzt hat, ist diese Erkenntnis, keine große Rolle mehr im öffentlichen Leben zu spielen, inzwischen allen christlichen Kirchen eigen geworden. Wir können uns deshalb auch an der Alten Kirche spiegeln als einer gesellschaftlichen Minderheit ohne Machtansprüche. Dies eröffnet die Möglichkeit, allerlei soziale Fragen auf andere Weise anzugehen als in der Vergangenheit.

Wenn wir schauen, wie heute in den Niederlanden Theologie betrieben wird, müssen wir feststellen, dass das Spektrum breit ist. Dies hängt mit den großen Unterschieden in den persönlichen Interessengebieten und dem mitunter sehr unterschiedlichen kirchlichen Hintergrund zusammen, die der wissenschaftlichen Ausbildung unserer alt-katholischen Theologen einen unauslöschlichen Stempel aufgedrückt haben. Wir müssen obendrein feststellen, dass die Theologie manch-mal in einer recht traditionellen, „bürgerlichen“ Weise betrieben wird, das heißt, ohne viel Aufmerksamkeit für die sozialen Aspekte - auch wenn jede gesunde Theologie natürlich auf ihre eigene Weise immer auch kulturbezogen ist. In unseren Kreisen wird darüber unterschiedlich gedacht. Bei manchen besteht aber die Befürchtung, dass die Bezugnahme auf die Aktualität dessen, was in der Gesellschaft und Kultur spielt, zu gering ist und dass die Theologie deshalb ungenügend inkulturiert und zu wenig kontextuell ist.


Alte Kirche als gemeinsames Element


Wollten wir ein gemeinschaftliches Element bestimmen, auf das sich die Theologie der Zukunft konzentrieren sollte, um noch stärker als typisch alt-katholisch erkennbar zu werden und das zugleich eine stärkere Kultur-bezogenheit ermöglicht, könnte dies wiederum die Ausrichtung auf die Alte Kirche sein. Ob diese Sicht auch durch andere Kirchen der Utrechter Union geteilt wird, so dass damit eine Basisorientierung entstehen kann, die alt-katholischen Theologinnen und Theologen über Landesgrenzen hinweg miteinander verbindet, kann ich nicht sagen. Ich lege Ihnen diese Frage hiermit vor. Wenn ich über die Ausrichtung auf die Alte Kirche spreche, so impliziert dies wiederum die beiden oben bereits genannten Weisen. Erstens kann die Alte Kirche ein theologisches Richtmaß sein und eine Legitimierung der Autonomie der eigenen Ortskirche heute. In der Theologie könnte das übersetzt werden in eine weiterhin bestehende Bezogenheit alt-katholischer Theologen auf ein gediegenes Studium der Bibel, des Judentums und der Strukturen der frühen Kirche, aber dann in einer ökumenischen Art und Weise, das heißt, indem wir mit unseren anglikanischen, orthodoxen, römisch-katholischen und evangelischen Kolleginnen und Kollegen gemeinsam theologisieren. Zweitens können wir uns an der frühen Kirche als Minderheitsbewegung orientieren; dies könnte entfaltet werden in eine Theologie, die die Suche nach Glauben in der heutigen Zeit wagt, die komplexe Fragen dieser Zeit mit einem gläubigen Vertrauen zu beantworten versucht und sich dabei ohne Machtanspruch oder Expansionstrieb nach dem Kommen des Gottesreiches sehnt.


Jan Hallebeek


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