Krieg ist keine Lösung!


Ich schreibe diese Zeilen Mitte Januar, wo täglich in den Nachrichten zu hören ist, dass die USA ihre Militärpräsenz am Golf weiter drastisch verstärken. Bereits Anfang Februar könnten mit den Verbündeten annähernd 300.000 Soldaten in der Golf-Region zur Verfügung stehen. Wenn diese Ausgabe von Christen heute Sie erreicht, haben die Ereignisse dort möglicherweise meine Überlegungen überrollt. Trotzdem (oder gerade deshalb) ist es mir wichtig, in der Irak-Frage Position zu beziehen:


Wünschenswert


Natürlich wäre es ein Segen, wenn Saddam Hussein stürzte. Es wäre ein Segen für die irakische Bevölkerung und ein Segen für die Welt, die über die Unsicherheit bezüglich der irakischen Waffenprogramme zu Recht besorgt ist. Und es wäre für mich eine große Genugtuung, einen der abartigsten Diktatoren unserer Tage vor dem Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag zu sehen: für seine Angriffskriege gegen Iran und Kuwait, für das Giftgas, das er gegen kurdische Dörfer und iranische Soldaten hat einsetzen lassen, für tausende von iraki-schen Schiiten, die er am Ende des letzten Golfkriegs hat niedermetzeln lassen, für dutzende Morde an oppositionellen Intellektuellen, Politikern und Geistlichen und auch für hunderttausende von Kindern, die an den Folgen des Embargos gestorben sind. Viele Experten weisen auf die Brutalität des Embargos hin und klagen hierfür die Vereinigten Staaten an. Diese Kritik, so berechtigt sie sein mag, ändert jedoch nichts an der Tatsache, dass Saddam Hussein es ist, der das Embargo provoziert und ein ganzes Volk zur Geisel seiner Machtgier degradiert hat. Und deshalb meine ich: Ein Sturz Saddam Husseins ist für sich genommen durchaus wünschenswert.


Unbedingtes Nein


Trotz all dieser Fakten muss aber für Christinnen und Christen (zumindest wenn sie die biblische Friedensethik ernst nehmen und bereit sind, aus den Kriegserfahrungen der Vergangenheit zu lernen) gelten: Krieg darf nicht zu einem Mittel der Politik gemacht werden (was für einen „Präventivschlag“ eindeutig zutreffen würde), der Zweck heiligt eben nicht die Mittel, es gibt den „sittlich guten Willen und die sittlich schlechte Tat“ (immer vorausgesetzt, die Beweggründe der USA wären wirklich so uneigennützig, wie in der Öffentlichkeit dargestellt).


Dieses Nein zum Krieg gilt auf jeden Fall – und es wird untermauert von den politischen Unwägbarkeiten, derer sich die Weltgemeinschaft aussetzt: Ein Angriff auf den Irak könnte, so vermuten Fachleute (so z.B. Johan Galtung und Dietrich Fischer in Publik-Forum vom 10. Januar 2003, Nr. 1, 2003, S. IV-V), einen Bürgerkrieg mit unterschiedlichen Fronten auslösen: für und gegen Husseins Baath-Partei, Sunniten gegen Schiiten, Kurden gegen andere Volksgruppen. Die Möglichkeit, dass andere Armeen des Nahen Ostens in diese Auseinandersetzungen eingreifen, wird von vielen als sehr realistisch eingeschätzt. Der Hass in den arabischen Ländern gegenüber der amerikanisch-britischen Außenpolitik könnte zweifellos neue Höhen erreichen – mit unabsehbaren Folgen für die Gefahr terroristischer Anschläge weltweit.


Ich möchte nicht verschweigen, dass es natürlich auch die andere denkbare Variante gibt, die mir persönlich keineswegs ausgeschlossen scheint, dass es nämlich den Vereinigten Staaten doch gelänge, die irakische Armee zügig zu besiegen und in Bagdad eine relativ stabile Nachkriegsordnung zu errichten, die das Leben im Land selbst erträglicher gestaltet. Diesbezüglich lehrt uns (wie ich meine) zumindest Afghanistan, dass eine Regierung von Washingtons Gnaden für die Bevölkerung immer noch die bessere Option ist, als unter einem terrorisierenden Despoten körperlich und geistig zu verhungern. Nur, was nützt es: Einzig und allein das irakische Volk (und keine Macht von außen) hat das Recht, seine Regierung zu ersetzen. Die Aussicht auf eine bessere Lage rechtfertigt keinen Krieg!


Fazit: Es gibt, wie UNO-Generalsekretär Kofi Anan nicht müde wird zu betonen, genug Gründe gegen den Krieg. In diesem Zusammenhang ist zweifellos auch dem römischen Papst, Johannes Paul II., zu danken, dessen politischer Pazifismus unerschütterlich ist und der nicht müde wird, vor einem Irak-Krieg zu warnen.


Hans Blix, Chef der UNO-Waffeninspekteure, hat jüngst festgestellt, dass ein Waffengang deutlich über 100 Milliarden Euro kosten würde. Die Fortsetzung der Untersuchungen durch die UNO hingegen werden auf insgesamt ca. 80 Millionen Euro geschätzt. Das Team von Hans Blix muss die Chance haben, die angefangene Arbeit zu Ende zu führen, um mögliche irakische Massenvernichtungswaffen zu finden und zu zerstören, potentielle Produktionsstätten und Lager zu kontrollieren und somit Saddam Husseins Möglichkeiten, seine schlimmen Grausamkeiten fortzusetzen, zu minimieren. Die konsequente Fortsetzung dieser Kontrollen zur Durchsetzung der UNO-Resolutionen (notfalls über einen längeren Zeitraum) ist allemal sinnvoller als jede militärische Aktion, die, wie es der Papst formuliert hat, „immer eine Niederlage für die Menschheit ist“.


Jürgen Wenge


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