Ihr Kinderlein kommet...

Jugendschriftsteller Christoph von Schmid (+ 1854)


Ein Mausklick mit seinem Namen und über 700 Bücher finden sich im Internetverzeichnis alter Bücher (zvab) angeboten. Doch was sind 700 im Vergleich zur Millionenauflage seiner Schriften, die in 22 Sprachen übersetzt worden sind, Japanisch eingeschlossen. Marcel Proust, Golo Mann, Papst Paul VI. und viele andere haben in ihrer Jugend Schmids Erzählungen gelesen und sich daran erfreut. Doch dann begann – gut fünfzig Jahre nach seinem Tod – eine kritische Auseinandersetzung mit seinem Gesamtwerk, es wurde als sentimental, naiv und zu moralisch abgelehnt und nicht mehr gedruckt. Inzwischen gibt es differenziertere Wertungen der Schriften Christoph von Schmids. Anlässlich seines 150. Todestages hat im vergangenen September die katholische Akademie in Augsburg zu einer Tagung eingeladen. Der Passauer Religionspädagoge Hans Mendl sprach in seinem Vortrag von einer „Vorsehungspädagogik“, die Christoph von Schmid als „faszinierend geschlossenes System mit tiefem Einfühlungsvermögen in kindliche Sicht- und Denkweisen“ anbiete. Pädagogik der Vorsehung – was ist darunter zu verstehen? Wenn wir katholische Gebetbücher aus der Zeit Christoph Schmids durchblättern, begegnen wir häufig dem Begriff Vorsichtigkeit, auch Fürsichtigkeit Gottes und zwar in Gebeten und in einer Litanei zur göttlichen Fürsichtigkeit.


Die Vorsehung Gottes


Die Litanei, sie unterscheidet sich in den einzelnen Büchern nur geringfügig, finden wir vom letzten Viertel des 18. Jahrhunderts bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts, sie begleitet somit Christoph von Schmid durch sein ganzes Leben. Gott wird in den Anrufungen über alles gütig, liebenswürdig und allerfürsichtigst genannt. Die Schöpfung kommt darin zur Sprache, angelehnt an den Schöpfungsbericht der Bibel: die Gestirne und die Erde, die Vögel des Himmels und anderen Tiere, die Lilien des Feldes und die Früchte, von denen Mensch und Tier leben. Zuletzt sind die auf dem menschlichen Haupt gezählten Härlein genannt, deren keines ohne Gottes Willen zu Grunde geht. Gott richtet und ordnet alles dem Menschen zum Besten, auch zeitliche Trübsal und Kreuz. Die abschließenden zwei Anrufungen vor den Bitten lauten: „Der du die, so sich gänzlich deiner göttlichen Fürsichtigkeit überlassen, mitten in den Nöthen mit wunderbarlicher Hülfe segnest, – und: Der du die, so auf dich hoffen, nicht lassest zu Schanden werden.“

Die Erzählungen Christoph von Schmids wollen nicht mehr, aber auch nicht weniger sein als Illustrationen dieser wunderbaren Vorsehung Gottes. Jede Geschichte hat für die Guten ein gutes Ende, das jäh und unerklärlich eintritt und so rührselig dargestellt wird, dass es um die Glaubwürdigkeit weniger gut steht. Sein väterlicher Freund Bischof Johann Michael Sailer schrieb ihm nach der Zusendung der Erzählung „Der Weihnachtsabend“ im Jahr 1824: „Ach! Du hast uns in Regensburg so viele Tränen ausgepreßt, daß eine neue Überschwemmung zu fürchten war ... und eine größere als die in St. Petersburg. Die Polizei mußte das Lesen des Büchleins verbieten, um das Wasser zu sistieren.“ Auch als Christoph von Schmid kaum mehr gelesen wurde, blieb die Rede von der Vorsehung Gottes im Volk verankert. Nicht von ungefähr hat Adolf Hitler gerade diese Vokabel benützt und viele Menschen damit getäuscht.


Lebensdaten


Christoph Schmid kam am 15. August 1768 in Dinkelsbühl zur Welt. Die Stadt ist durch die Kinderzeche bekannt, ein Fest zur Erinnerung an die unblutige Eroberung durch die Schweden 1632 im dreißigjährigen Krieg. Dinkelsbühl war freie Reichsstadt, die Bürger hatten Religionsfreiheit und lernten, neben- und miteinander auszukommen, das hat der junge Christoph als Selbstverständlichkeit erfahren. Sein Vater, Friedrich Schmid, war Beamter beim Deutschen Orden und beim Augsburger Domkapitel. Er heiratete 1766 Theresia Hartel, Tochter eines Dinkelsbühler Ratsherren. Christoph war der Älteste von zwölf Kindern, von denen drei kurz nach der Geburt starben. Beim frühen Tod des Vaters 1784 lebten außer Christoph noch sieben Geschwister, das Jüngste drei Jahre alt. Die Mutter musste sie mit kärglichen Mitteln durchbringen. Christoph schickte ihr das Honorar für sein erstes Büchlein, wofür sie mit einem überschwänglichen Brief dankte. Es ist der einzige, den wir von ihr haben. Über sie schreibt der Sohn in seinen „Erinnerungen“: „Meine Mutter war, wie der Vater, klein von Person, wurde aber als eine Schönheit gepriesen. Sie hatte einen ganz vorzüglichen Verstand, den sie aber nur den häuslichen Geschäften zuwendete. Sie war unermüdet tätig; nie sah man sie müßig.“ Wie auch kann eine Mutter müßig sein bei zwölf Kindern, von denen sie drei hat sterben sehen, ohne helfen zu können? Und wer mit minimalen Mitteln acht unmündige Kinder aufzieht und den Buben eine Ausbildung ermöglicht – das Lehrgeld kostete –, der hat sicher vorzüglichen Verstand und Lebenskraft. Theresia Schmid überlebte ihren Mann 37 Jahre.

Von seinem Vater berichtet Christoph wesentlich mehr, offensichtlich hat dieser sich sehr um die Förderung seines Erstgeborenen gekümmert. Im Herbst 1783 schickte er ihn für die abschließenden Gymnasiumsjahre nach Dillingen. Dort begegnete der Student dem Hochschullehrer Johann Michael Sailer (1752 – 1632), mit dem er zeitlebens in Freundschaft verbunden blieb. Von 1785 bis 1787 absolvierte Christoph die vorgeschriebenen philosophischen Studien und verdiente nebenbei seinen Lebensunterhalt als Privatlehrer (Hofmeister) in einer Beamtenfamilie. Es folgte das Studium der Theologie, ebenfalls in Dillingen, an dessen Ende im August 1791 die Priesterweihe stand. Seine ersten Stellen als Kaplan waren in Nassenbeuren bei Mindelheim und in Seeg/Allgäu. Die Zeit in Seeg bezeichnet Christoph Schmid in seinen Erinnerungen als die glücklichsten Jahre seines Lebens. Dort habe er bei Pfarrer Johann Michael Feneberg erst wirklich gelernt, wie Seelsorge sein müsse. Feneberg war ebenfalls ein Schüler und Freund Sailers und von der Erweckungsbewegung des Allgäuer Pfarrers Martin Boos beeinflusst. Von 1796 bis 1816 versah von Schmid die Stelle eines Schulinspektors in Thannhausen/Schwaben, zog aber dann ins Württembergische nach Oberstadion bei Ulm, wo er endlich eine Pfarrstelle bekam. Im Bistum Augsburg war er immer als „nicht genügend katholisch“ bei Eingaben übergangen worden. Eine Reihe von Berufungen an Universitäten hatte er selbst im Blick auf seine Schriftstellerei abgelehnt, so den Ruf nach Landshut, nach Dillingen und nach Tübingen. 1817 empfahlen Regierung und Klerus Christoph Schmid als Bischof für das neu errichtete Bistum Rottenburg, doch es kam nicht dazu. 1827 holte ihn König Ludwig I. nach Bayern zurück, auf Sailers Vorschlag wurde er Domherr in Augsburg und Mitglied der kirchlichen Schulbehörde, der das Volksschulwesen (in Bayern bis 1919) unterstand. 1837 verlieh ihm König Ludwig I. den persönlichen Adelstitel: Christoph von Schmid; 1848 folgte noch die Ehrendoktorwürde der Universität Prag. Mit 86 Jahren starb Christoph von Schmid in Augsburg an der Cholera.


Biblische Geschichte


Zwischen 1801 und 1807 gab Christoph Schmid sechs Bändchen biblische Geschichte heraus. Auf dem Titelblatt steht die Widmung: „Für die katholische Jugend in den deutschen Volksschulen wie auch zur Lesung für Erwachsene“. Zudem wird vermerkt, „mit besondern, jeder Geschichte angehängten lehrreichen Bemerkungen und sittlichen Anwendungen“. Das Büchlein gefiel auch im benachbarten Baden, so dass noch im Jahre 1807 der Oberkirchenrat der badischen Landeskirche beschloss, es ebenfalls einzuführen. Der Heidelberger Professor für Theologie und Pädagogik Johann Ludwig Ewald, vormals Prediger in Offenbach, bekam den Auftrag, das Bibelbuch für den Gebrauch in der badischen Landeskirche zu überarbeiten. Die ersten Proben gefielen jedoch nicht, Ewald gab den Auftrag zurück, und ein badischer Gymnasiallehrer und Kirchenrat wurde damit betraut: Johann Peter Hebel. Seine biblische Geschichte bleibt so nah wie möglich am Wortlaut der Bibel, auf „lehrreiche Bemerkungen und sittliche Anwendungen“ wird verzichtet.


Die Apostel Deutschlands


Ein weiteres umfangreiches Büchlein erzählt die Lebensgeschichten von und Legenden über die zahlreichen Glaubensboten, die das Christentum in das Gebiet des heutigen Deutschlands gebracht haben. Als Prolog ist ein Gedicht von Johann Gottfried Herder gewählt, in dem grotesk der Dunkelheit des Heidentums die Namen der Boten gegenüber gestellt werden. Eine Kostprobe:


Beatus, Lucius und Fridolin,

Und Kolumban und Gallus, Magnoald,

Othmar und Meinrad, Notker und Winfried! ...

Und wie den Boden, so durchpflügeten

Sie wild’re Menschenseelen. Manchen Ur

Belegt ein Heil’ger mit dem sanften Joch

des Glaubens. Mancher Drache flog, besprochen

Vom mächt’gen Wort, laut zischend in die Luft

Zur Ruh’ der ganzen Gegend.


Christoph von Schmid versäumt es auch in diesen Erzählungen nicht, die Vorsehung Gottes bewundernd aufzuzeigen. So schreibt er: „[Kaiser] Augustus dachte, als er Augsburg befestigen ließ, wohl nicht daran, daß er gleichsam den ersten Stein zu einem bischöflichen Sitz lege.“

Lesenswert sind die Biographien weniger aus historischem Interesse, vielmehr zeigen die den Missionaren in den Mund gelegten Reden, wie sich Christoph von Schmid Bischöfe, Äbte und sonstige Geistliche vorstellt. Einerseits wird der Aufklärer erkennbar, der für die zahlreichen Wunder natürliche Erklärungen bereit hält, andererseits fordert der fromme Lehrer und Pfarrer die Lesenden auf, sich die Missionare zum Vorbild ihres eigenen Lebens zu nehmen. Ganz ausführlich berichtet er über Severin von Passau, der vor seinem Tod die um sich versammelten Priester ermahnt und aufrichtet:


„Betet beständig und anhaltend, um was einst Elisäus gebeten hat – daß Gott der Herr die Augen eueres Gemütes erleuchte und sie öffne, damit ihr erkennen möget, welche reiche Hilfsmittel Gott den Glaubenden bereite. Denn Gott nahet sich denjenigen, die zu ihm flehen. Wenn ihr gefehlt habt, so gesteht es ein und bessert euch. Wer sich nicht schämt zu sündigen, soll sich nicht schämen, seine Sünden zu bekennen, Buße zu tun und seine Vergehen mit Tränen der Reue abzuwaschen versuchen. ... Was hälfe es uns, ein demütiges Kleid zu tragen, den Namen eines Christen oder Geistlichen zu haben, das Wort Religion im Munde zu führen und uns den Anschein von Frömmigkeit zu geben, wenn wir in Befolgung der göttlichen Gebote nachlässig erfunden und einst verworfen würden.

Unsere Sitten müssen also, meine liebsten Söhne, mit unserm Beruf übereinstimmen. ... Sein [Severins] ganzer Lebensgang und all sein Betragen soll eine ehrwürdige Kunde seiner christlichen Tugenden sein. ...

Und nun empfehle ich euch Gott und dem Worte seiner Gnade! Er ist mächtig genug, euch zu bewahren und euch des Erbteiles der Heiligen teilhaft zu machen. Ihm sei Macht, Ehre und Ruhm von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.“


Ihr Kinderlein kommet


Nun noch ein Blick auf das Lied, das uns den Namen Christoph von Schmid nicht völlig hat vergessen lassen. Vielleicht stört im ersten Moment die Verkleinerungsform „Kinderlein“, aber im Kern haben wir ein Wort Jesu vor uns, das er im Unwillen seinen Jüngern zuruft, als diese Kinder von ihm fern halten wollten. Kinder stören, und verstehen können sie Jesu Tun und Reden nicht wirklich. Was aber muten wir heute Kindern zu, die nach dem Geschehen, dem Sinn von Weihnachten fragen? Ich denke doch das: Unser Vater im Himmel, zu dem wir beten, hat uns ein Geschenk gemacht, Jesus, seinen geliebten Sohn, wir feiern in Freude seinen Geburtstag, hören die Geschichte von seiner Geburt in Betlehem und beschenken uns gegenseitig.


In vielen Liederbüchern wird die zweite Strophe meist unterschlagen, in ihr ist von den Windeln die Rede, von der Krippe und von der Nacht, in der die Hirten aufbrechen, wie es der Evangelist Lukas schildert. Der nächtliche Stall steht im Licht, doch ist von keinem Stern oder strahlenden Engel die Rede. Das göttliche Wort, das „vom Himmel sprang, als tiefes Schweigen das All umfing“ (Weish 18,14), kommt nicht wie ein Kriegsheld, vielmehr als das „wahre Licht der Welt, das in der Finsternis leuchtet“, so lesen wir im Johannesprolog. Die dritte Strophe, meist wieder abgedruckt, ist ein meditatives Bild: das Kind liegt in Armut, aber die Freude wird dadurch nicht getrübt, denn der Himmel steht offen wie einst in Jakobs Traum von der Himmelsleiter. Die Hirten, in denen sich die Betrachtenden erkennen, tun das einzig Richtige: sie beten. Dazu werden die Singenden in der folgenden vierten Strophe aufgerufen. Die letzten drei Strophen stehen kaum noch in einem Gebet- oder Gesangbuch. Eine Ausnahme macht das ökumenische Kindergesangbuch „Leuchte, bunter Regenbogen“, 1968 erschienen. Die 5. Strophe spricht von Sünde und vom Kreuzestod Jesu. Wer kann oder will an Weihnachten mit Kindern davon reden, gar singen? Doch vergessen wir nicht, die Weihnachtskrippe wird häufig unter dem Kreuz im Herrgottswinkel aufgebaut oder dorthin gestellt. Am Tag nach dem Christfest, dem 2. Feiertag, gedenken wir des Martyrers Stephanus, der in seinem Sterben den Himmel offen sah. Und am 28. Dezember begehen wir den Tag der unschuldigen Kinder, nicht nur der von damals, sondern aller Kinder, die Opfer von Gewalt, von Vertreibung, Hunger und Seuchen wurden und täglich werden. Es eröffnen sich in Gesprächen vielerlei Möglichkeiten, die Kinder sensibel zu machen für die Not anderer, ohne sie zu überfordern oder der weihnachtlichen Freude zu berauben.


Die 7. und letzte Strophe des Liedes lautet:

„So nimm unsre Herzen zum Opfer denn hin, wir geben sie gerne mit fröhlichem Sinn;

ach mache sie heilig und selig wie deins und mach sie auf ewig mit deinem nur eins.“

Das Wort Opfer ist als Öffnung des Herzens für Jesus zu verstehen und wohl so gemeint. Sie steht hier, um das auszudrücken, was mit „Gottinnigkeit“ bei Christoph von Schmid gemeint ist, der von sich sagte: „Ich ging zu den Kindern selbst in die Schule. Bei ihnen wollte er lernen Kind zu sein. Denn: Amen, das sage ich euch: wer das Reich Gottes nicht so annimmt wie ein Kind, der wird nicht hineinkommen“ (Mk 10,15).

Der Vollständigkeit halber sei hinzugefügt, dass in unserem Gesangbuch Christoph von Schmids zweites bekanntes Lied steht: „Beim letzten Abendmahle“, ebenfalls ohne die letzte Strophe, die im Gesangbuch von Otto Steinwachs einschließlich der Ausgabe von 1965 vorhanden ist. Nicht nur Bücher, auch Lieder haben ihr Schicksal.


Erentrud Kraft