Vertreibung und Vernichtung im Zeichen des Kreuzes - Geschichte des nachbiblischen Judentums (7. Teil)


Das Papsttum hatte nach langen Kämpfen mit den deutschen Kaisern und Königen gegen Ende des 12. und zu Beginn des 13. Jahrhunderts den Höhepunkt seiner Macht erreicht. Als Graf Segni als Papst Innozenz III. 1198 den römischen Thron bestieg, da standen sich in Deutschland zwei Rivalen gegenüber, die um die Krone kämpften: Philipp von Schwaben (1198 - 1208) und Otto IV. (1198 - 1218). Der Papst konnte sich somit als Schiedsrichter aufspielen. Das tat er allerdings nicht nur gegenüber Deutschland, sondern auch gegenüber anderen Ländern wie Frankreich und England. Er beherrschte die Nationen Europas und diktierte ihnen seinen Willen auf. Innozenz verstand sich nicht mehr nur als Nachfolger Petri, sondern als Stellvertreter Christi auf Erden (vicarius Christi), der den weltlichen Herrschern ihre Reiche als Lehen übertrug. Auf der anderen Seite fühlte sich dieser machthungrige Papst aber auch von allen Seiten bedroht. In den eigenen Reihen witterte er Verrat und Ketzerei. So treibt er nicht nur zum Kreuzzug gegen die Muslime an, sondern befürwortet die Plünderung und Zerstörung Konstantinopels und die Errichtung eines lateinischen Kaisertums während des vierten Kreuzzuges 1204. Vor allem aber stachelte er einen blutigen Kampf gegen die sog. Ketzer und Häretiker an, nämlich gegen die Katharer und Albigenser in Südfrankreich. Für diesen Papst ist der Kreuzzug gegen die Häretiker sogar wichtiger als die Bekämpfung der Muslime: „Widmet euch der Vernichtung der Häresien mit allen Heilmitteln, die Gott euch eingeben wird. Seid gewissenhafter als bei den Sarazenen, denn sie sind gefährlicher.“


Kirchliche Gesetzgebung


Es ist nur allzu verständlich, dass aus einer solch abgrundtiefen Angst heraus auch den Juden keine Schonung gewährt wurde. Bereits die Albigenserkriege in Frankreich fügten der jüdischen Bevölkerung unermessliches Leid zu. Aber auch in eigenen Sendschreiben hatte der Papst die Bischöfe und Fürsten aufgefordert, den Juden keinerlei Konzessionen mehr zu machen.

Einige Jahrzehnte vorher, im Jahre 1179, hatte das III. Laterankonzil entscheidende Beschlüsse für die Christenheit gefasst, die indirekte Folgen auch für die Juden nach sich zogen. Den Christen war nämlich bei strengster Strafe das Zinsnehmen verboten worden. Nur den Nichtchristen war es noch möglich, Kredite ohne Strafmaßnahmen zu geben. So füllten die Juden, denen die Basis vor allem in der Landwirtschaft mehr und mehr entzogen worden war, diese Lücke aus. Auch ihnen war ja eigentlich von der Bibel (2 Mose 22,24) und dem Talmud das Zinsgeschäft untersagt. Und bis ins 11. Jahrhundert gibt es keine Fälle für jüdische Tätigkeit auf diesem Gebiet. Aber die Not zwang nun die Juden dazu, wenigstens in diesem Bereich ihren Unterhalt zu verdienen.


Ein großer Schrecken breitete sich aus, als die Kunde von einem neuen bevorstehenden Konzil wie ein Lauffeuer durch Europa eilte. Das IV. Laterankonzil von 1215 sollte denn auch in verschiedener Hinsicht verhängnisvolle Auswirkungen haben. Vor allem: es begründete die Inquisition, die Europa über Jahrhunderte in Angst und Schrecken versetzte. Für die Juden aber wurde nun die völlige Isolierung von ihren christlichen Mitbürgern beschlossen, und zwar durch das Tragen einer besonderen Kleidung. Juden mussten sich, so hieß es, „ob Mann oder Weib, in allen christlichen Ländern an öffentlichen Orten stets durch eine besondere Art der Kleidung von der übrigen Bevölkerung unterscheiden.“ Als Grund diente der Hinweis auf die Möglichkeit des Geschlechtsverkehrs zwischen Juden und Christen: „damit nun fürderhin im Falle eines so frevelhaften Verkehrs kein Irrtum vorgeschützt werden könne.“ In der Folgezeit mahnte der Papst die Herrscher, diese Beschlüsse zu konkretisieren und darauf zu achten, dass keinerlei Ausnahmen vorkämen.


So war das Judenzeichen geboren, zugleich verbunden mit einer verräterischen Begründung. Gerade sie zeigt die angstbesetzte Psyche einer Kirche. Zur gleichen Zeit nämlich führte sie ebenfalls den Kampf um den Priesterzölibat. Judenzeichen und Angst vor dem Geschlechtsverkehr zwischen Juden und Nichtjuden werden 700 Jahre später im braunen Deutschland wieder belebt werden. Den nationalsozialistischen Herrschern stand ein Repertoire zur Verfügung, auf das sie nur zurückzugreifen brauchten.


Vorwürfe: Ritualmorde und Hostienschändung


Plötzlich tauchen sie auf, zuerst in England, dann in Frankreich; es folgen Deutschland und Österreich: die Legenden vom Ritualmord an christlichen Jungen, verursacht durch Juden. Bereits im antiken Rom hatte es sie gegeben. Beschuldigt wurden damals aber Christen, Kinder zu ermorden, um deren Blut zu rituellen Zwecken zu gebrauchen.


Anlass im Mittelalter war zunächst jedes Mal das unerklärliche Verschwinden eines Kindes. Etwas später fand sich jemand, der genau gesehen haben wollte, dass es von Juden angelockt und dann geschlachtet worden sei. Und wieder einmal gab es genügend Gründe, die Juden heimtückisch umzubringen. Kaiser Friedrich II. hatte im Jahre 1236 eine Untersuchung angeordnet. Das in der Goldenen Bulle veröffentlichte Ergebnis sprach die Juden von jeglichem Vorwurf frei. Papst Innozenz IV. schrieb 1247 an die Bischöfe in Deutschland einen eindringlichen Brief, von solchen Ausschweifungen Abstand zu nehmen. Vergeblich.

Selbst in unserer Zeit noch stieß Bischof Reinhold Stecher von Innsbruck auf erbitterten Widerstand, als er den Kult um das „Anderl von Rinn“ beenden wollte. Er ließ 1985 die Wallfahrtskirche sperren und untersagte die jährliche Prozession dorthin. Sie fand dennoch statt.


Eine weiterer absurder Vorwurf tauchte im Mittelalter auf: die Hostienschändung. Juden stehlen oder kaufen eine geweihte Hostie, um sie aus Hass gegen Christus zu durchschneiden und in einem Mörser zu zerstampfen. Aus vielen Hostien fließe dann das Blut Christi zum Zeugnis wider die Frevler. Wallfahrtskirchen wurden über Orten errichtet, an denen man solche Schändungen glaubte entdeckt zu haben. Ein Deutscher mit Namen Rindfleisch zog mit einer Bande von Mordgesellen durch Franken, Bayern und Österreich, um den angeblichen Hostienfrevel zu rächen. In Regensburg zählte man nach seinem Weggang 500 Tote, in Würzburg fast 1000 Tote, in Nürnberg mehrere hundert ermordete Juden. In einem Trauergesang des jüdischen Dichters Moses ben Eleaser ha-Kohen klingt die abgrundtiefe Verzweiflung nach:


„O Himmel, sind wir denn schlimmer als andere Völker?

Ist denn unsere Widerstandskraft gleich der eines Steines oder aus Erz unser Fleisch, dass wir so schweres Unheil ertragen sollten!

Schon zwölfhundertdreißig Jahre sind vorbei, seit der Feind uns verheeret, und noch würgt er uns mit seinen scharfen Krallen.

Alle nur möglichen Todesqualen ersinnt er, um uns zu vernichten: Zum Schwerte greift er, zu Feuer und Wasser.

Verbrannt und geschlachtet werden wir klein und groß, Frauen und Kinder, Greise und Jünglinge, Bräute und Bräutigame...

Fraget alle, die auf der Erde wandeln: Hat je ein Volk solches zu leiden gehabt?“


Der Wahnsinn steigerte sich noch, als 1348 in Europa der „Schwarze Tod“, die Pest, ausbrach. Ungeachtet der Tatsache, dass die Juden selbst zu den Opfern gehörten, beschuldigte man sie, sie hätten die Brunnen und Quellen vergiftet. Frankreich, Spanien, Italien, Deutschland, alle Länder waren von Angst und Panik ergriffen. Überall gerieten die Menschen in Hysterie und suchten die Schuldigen für diese unerklärliche Krankheit bei den Juden. Wie ein Feuerbrand wälzte sich die Judenschlächterei über die Länder. 350 Gemeinden wurden allein in Deutschland ausgerottet. Als die Pest endlich aufhörte, war auch das deutsche Judentum quasi ausgerottet.


Die Tragödie in Spanien


Mit Abd ar-Rahman dem Großen (912-961), dem Begründer eines von Bagdad unabhängigen Kalifats, begann die große Zeit Spaniens, die Zeit der drei Religionen und Kulturen, die Zeit der drei Ringe. Mit der Reconquista, der Rückeroberung des arabischen Teiles der Halbinsel durch die Spanier, ging auch mehr und mehr die Zeit der Toleranz ihrem Ende entgegen. Im Kampf gegen die Araber hatte sich statt Duldung die Parole verbreitet: ein Glaube, eine Kirche, ein Staat. Diese Kampfformel richtete sich, nachdem die Widerstandskraft der Muslime nachgelassen hatte, vor allem gegen die Juden in Spanien.


1391 bestieg König Ferdinand III. als elfjähriges Kind den Thron. Zur gleichen Zeit trat ein fanatischer Priester, Ferdinand Martinez, auf und begann mit seinen finsteren Predigten, den Hass der Urbevölkerung auf die Juden zu richten: „Totschlagen, wer sich nicht taufen lässt“, so lautete die Parole. In Sevilla richtete er ein Massaker an. 4000 Juden verloren ihr Leben. Cordoba, Toledo, Valencia, Barcelona folgten. Viele Juden flohen nach Portugal. Innerhalb kürzester Zeit waren die jüdischen Gemeinden zerstört.

Außer der Flucht blieb den Juden als einzige Möglichkeit die Taufe. Tausende von Juden gaben nun nach. Ihre Widerstandskraft war gebrochen. Sie wurden zu Christen, zu Conversos. Eine Zeitlang vermochten sie, unter diesem Mantel der Verborgenheit weiter zu leben. Man muss sich die Gespaltenheit einmal konkret vorstellen: die Gespaltenheit in einer Gesellschaft von Christen, Gespaltenheit aber auch inmitten derer, die Juden geblieben waren. Sie waren weder bei den einen noch bei den anderen geachtet. So wurden aus den Conversos im Volksbewusstsein bald die „Mar-ranen“, die „Schweine“ (oder: Verdammte?).


Bald setzt ein neuer Kampf ein, ein „Heiliger Krieg“ gegen diese Menschen, denen niemand glaubt und traut, gegen den Feind, der nun im Inneren der Kirche und der Gesellschaft lebt.


Inquisition


1474 wird Isabella Königin von Kastilien. Sie ist verheiratet mit Ferdinand von Aragon. Isabella erweist sich als äußerst hörig gegenüber den Einflüssen der Kleriker. Diese geistlichen Berater dringen auf die Einführung der Inquisition in Spanien. Seit 1215, dem IV. Laterankonzil, war die Inquisition ein päpstliches Instrument. Nun wollte man sie auch als nationale Einrichtung bewilligt haben. Hauptbetreiber war der Beichtvater Isabellas, nämlich der Dominikaner Thomas Torquema-da. Papst Sixtus IV. entsprach schließlich den spanischen Wünschen. 1483 erhielt Torquemada das Amt des Großinquisitors für Spanien. Die Maschinerie des Todes setzte sich in Bewegung und zeigte Ausmaße an Grausamkeit, wie sie die Welt bis dahin noch nicht gesehen hatte. In Spaniens Städten brannten die Scheiterhaufen, schrieen die Gequälten. Die Zahl der Verbrannten, Gehenkten, Erwürgten ging in die Zigtausende. Der Hass hatte sich in die Herzen eingefressen.


Aber dem Großinquisitor und dem Königspaar war auch das noch nicht genug: Am 13. März 1492 unterzeichneten Isabella und Ferdinand im Palast der ein Jahr zuvor eroberten Al-hambra zu Granada das „Generaledikt über die Ausweisung der Juden aus Aragon und Kastilien“. Um die offizielle Verkündigung des Dokumentes setzte ein letzter verzweifelter Kampf ein. Die Juden Abraham Senior und Isaak Abravanel, die zuvor hohe Ämter am Hofe innegehabt hatten, flehten die Könige an und versprachen, eine Summe von 30.000 Golddukaten aufzutreiben. Da trat Torquemada mit dem Kruzifix in der Hand vor das Königspaar und sprach: „Judas Iskariot hat Christus für 30 Silberlinge verraten, und ihr wollt ihn nun für 30.000 preisgeben. Hier ist er, nehmt und verschachert ihn.“


Ausweisung


Das Ausweisungsdekret wurde daraufhin offiziell proklamiert, und an die 200 000 Juden mussten bis Ende Juli 1492 das Land verlassen. Es war das gleiche Jahr, in dem Kolumbus in See stach und Amerika entdeckte. Trotz dieser Leistung und den damit verbundenen Möglichkeiten - nie wieder wird sich Spanien kulturell und wirtschaftlich von dieser Ausweisung erholen.


Die meisten Juden zogen nach Portugal, wo König Johann II. eine judenfreundliche Politik betrieben hatte. Das änderte sich, als sein Nachfolger, Manuel I. (1495-1521), sich mit der spanischen Infantin verheiraten wollte. Die Heirat kam zustande, jedoch nur unter der Bedingung, dass das Land zuvor von den „fluchbeladenen“ Juden zu säubern sei. Deshalb erging am 25. Dezember 1496 das Edikt, dass alle Juden, sowohl die aus Spanien vertriebenen als auch die ansässigen binnen zehn Monaten das Land zu verlassen hatten. Ab 1498 gab es auch in Portugal keine Juden mehr.


Da die Verbannten in England, Frankreich und Deutschland nur neues Elend erwartete, zogen sie vor allem in die Türkei, wo sie in den folgenden Jahren unter dem türkischen Halbmond tatkräftig am wirtschaftlichen und kulturellen Aufstieg mitwirkten. Ein weiteres Fluchtland war Polen. Auch hier sollten gerade die jüdischen Immigranten einen wesentlichen Beitrag zum Fortschritt des Landes leisten können.


Hans-Jürgen van der Minde


Jüdische Kleiderordnung des Kölner Rates (8. Juli 1404)


Juden und Jüdinnen, jung und alt, die in Köln wohnen oder die fremd dahin kommen, sollen solche Kleider tragen, dass man sie als Juden erkennen kann, und zwar in folgender Weise: Ärmel sollen sie an ihren Überwürfen und Röcken tragen, nicht weiter als eine halbe Elle. Die Kragen an Röcken und Kapuzen dürfen nicht breiter als einen Finger sein. An ihren Kleidern darf keine Pelzfütterung gesehen werden, die oben oder unten heraustritt ... Die Mäntel müssen befranst sein und müssen mindestens bis an die Waden reichen ... Sie sollen keine grauen Schuhe tragen, weder innen noch außen grau. Über dem Ohrläppchen dürfen sie sich nicht scheren lassen. Die jüdischen Frauen dürfen werktäglich keine Ringe tragen, deren Gewicht das von drei Goldgulden übersteigt ... Sie dürfen werktäglich keine vergoldeten Gürtel tragen und keine Gürtel, die über zwei Finger breit sind ... In der Karwoche und am Ostertage müssen sie sich in ihren Häusern aufhalten... Sie dürfen zu keiner Zeit unter der Halle des Bürgerhauses gehen, stehen oder sitzen, außer wenn die Herren vom Rate sie dahin entbieten.


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