Der Krieg als Gottes Werk

Die alt-katholische Kirche und der Erste Weltkrieg


Im vergangenen Sommer wurde mit einer erstaunlichen Fülle an Neuerscheinungen, Zeitungsartikeln und TV-Sendungen an den Beginn des Ersten Weltkrieges vor 90 Jahren erinnert. Wir konnten erneut jene Filmsequenzen sehen, die jubelnde Menschen zeigen, junge Männer, die zu den Waffen eilen, Soldaten, die aus den Zügen in die Kamera winken, als ginge es auf Abenteuerfahrt. Den Kriegsausbruch empfanden damals viele als Lösung einer unerträglichen Spannung. Vom Sterben im Schlamm, vom Gaskrieg, von den entsetzlichen Verstümmelungen ahnte damals noch keiner etwas.


Die Rolle der Kirchen


Die beiden großen Kirchen in Deutschland standen im Sommer 1914 nicht abseits des nationalen Taumels, wirkten nicht mäßigend und sprachen nicht für den Frieden. Ganz im Gegenteil, sie wurden selbst von jener seltsamen Aufbruchstimmung erfasst und sahen, wie der Historiker Wolfgang Mommsen schreibt, die Möglichkeit, die christliche Botschaft gleichsam auf dem Rücken der nationalen Gesinnung zu neuer Geltung zu bringen. Der Krieg wurde als eine Offenbarung Gottes bezeichnet, als Gottes Werk, durch das er sein Volk prüfen und zur Umkehr bewegen wolle. Trotz des Leidens, das ein Krieg unvermeidlich bringe, diene er der sittlichen und religiösen Läuterung des Volkes. – Das waren Deutungen, die nicht nur von protestantischen, sondern auch von römisch-katholischen Kanzeln zu hören waren. Papst Benedikts Verdikt, der Krieg sei ein „entsetzlicher Wahnsinn“, wurde auch von romtreuen Katholiken heftig kritisiert. Gerade in der Anfangsphase 1914 waren nationales Sendungsbewusstsein und christlicher Glaube eine so enge Symbiose eingegangen, dass die Friedensbotschaft des Evangeliums nicht nur nicht gehört, sondern so gut wie nicht zur Sprache kam.


Die alt-katholische Kirche bildete 1914 keine Ausnahme. Sowohl im Alt-katholischen Volksblatt wie im Romfreien Katholik wurde Deutschland von jeder Kriegsschuld freigesprochen. Bischof Moog schreibt in einem Hirtenwort wenige Tage nach Beginn der Kampfhandlungen, der Kaiser habe bis zum letzten Moment versucht, Europa den Frieden zu erhalten. Der Krieg sei ein „heiliger Krieg“, in dem es gelte, „die Ehre und den Bestand und damit die Freiheit des deutschen Volkes zu wahren.“ Freilich schreibt er auch, dieser Krieg werde „so reich an Opfern, an Blut und Tränen“ sein wie keiner zuvor. Im Romfreien greift Pfarrer Erwin Kreuzer, Moogs Nachfolger im Bischofsamt, auf das bereits erwähnte Deutungsmotiv der Läuterung und Prüfung zurück:


„Die Glut dieser Stunde muss uns läutern. Das schwächlich in uns Geduldete, die geheime Freude am Niederen, die Sünde muss ausgebrannt werden, und wir sollen willig sein und werden zu solcher Reinigung und Heiligung. ... Gott wird uns heimsuchen, das sehen und wissen wir, er wird uns schwer und streng prüfen, aber wird nicht mehr von uns verlangen, als wir leisten können, nicht mehr uns auferlegen, als wir tragen können – sofern wir ihm, dem Getreuen, unsererseits treu bleiben.“


Deutschland spricht Kreuzer von jeder Schuld am Krieg frei. Schuld sei „erbärmlicher, niederträchtiger, tief verachtenswerter Verrat von Völkern, die sich damit selbst aus dem Kreise der Kulturmenschheit ausgeschlossen haben.“ – Wie gesagt: Das war nicht nur Kreuzers Meinung, sondern die der meisten Christen in Deutschland.


Deutsch-Schweizer

Verstimmung


Verstimmt reagierten die deutschen Alt-Katholiken auf einen Artikel in der Schweizer christkatholischen Kirchenzeitung, dem Katholik. Dort war zu lesen, der Krieg werde in Deutschland als Präventivkrieg betrachtet; man habe angegriffen, ehe es der Feind tat. Kreuzer weist dies als eine ungeheuere Unterstellung zurück; Deutschland habe den Krieg nicht gewollt. Darüber hinaus veröffentlichen die Schriftleitungen der deutschen Kirchenzeitungen eine gemeinsame Erklärung, in der von „tiefer Entrüstung“ über die Schweizer Auslassungen die Rede ist, von der Verletzung der Neutralität und der Gefährdung des brüderlichen Verhältnisses der beiden Kirchen.


Moogs Hirtenbriefe


In den insgesamt sechs Hirtenbriefen, mit denen sich Bischof Moog während des Krieges an die Gläubigen wandte, wird man eine politische Stellungnahme vergeblich suchen (es sei denn, man sieht eine solche schon darin gegeben, wenn Moog – vor allem im ersten Brief – seiner Überzeugung Ausdruck verleiht, dass der Krieg Deutschland aufgezwungen worden sei und Deutschland für eine gerechte Sache kämpfe). Angesichts des alt-katholischen Paradigmas vom unpolitischen Katholizismus war etwas anderes auch gar nicht zu erwarten. Damit war natürlich auch nicht die Möglichkeit gegeben, sich kritisch mit dem Krieg auseinanderzusetzen – jenseits der Frage, ob Georg Moog aufgrund seiner eigenen politischen Ansichten den Krieg überhaupt kritisch hinterfragt hat. Als Bischof konnte er sich nur als Trostspender verstehen. So hat auch ein zeitgenössischer alt-katholischer Kommentator aus der Schweiz, Pfarrer Heim, Moogs Schreiben bewertet:


„Das Problem des Krieges an sich, Fragen wie: Evangelium und Krieg, Christentum und Krieg, Kirche und Krieg greift er nicht an und behandelt und beleuchtet sie nicht näher; er findet sich mit dem Krieg als gegebener bedauernswerter Tatsache ab und sieht seine Aufgabe lediglich darin, den Lesern und Hörern seiner Hirtenworte den Weg zu innerer Kraft zu weisen. ... Wohltuend berührt es, dass der Bischof auch Worte findet, mit denen er vor allem unchristlichen Hass gegen die Feinde warnt und auch für die Feinde betet.“


Immerhin darf man festhalten, dass Moog durch den unpolitischen Charakter seiner Briefe vor chauvinistischen Entgleisungen und vor der Herabsetzung der Kriegsgegner bewahrt blieb. Die nationalistischen Töne finden sich bei anderen. So stellt Pfarrer Heinrich Hütwohl im Volksblatt deutsches Wesen gegen „englischen Krämergeist“. Traub wiederum warnt den „deutschen Michel“ vor der Uneinigkeit, davor, sich den Militarismus leid reden zu lassen und einem Verständigungsfrieden zuzustimmen; stattdessen schärft er ihm ein, „voller Sieg“ sei die Losung.


Es hat sicherlich auch Alt-Katholikinnen und Alt-Katholiken gegeben, die ganz anders dachten, die den Krieg ablehnten, denen der Chauvinismus des Sommers 1914 fremd und zuwider war. Aber die Mehrheit, das wird man so behaupten können, schwamm auf der nationalistischen Welle der Kriegsbegeisterung mit. In dieser Hinsicht bildete die deutsche alt-katholische Kirche keine Ausnahme.


Kriegsfolgen


Der Ausbruch des Ersten Weltkrieges traf die alt-katholische Kirche in einer bewegten und hoffnungsvollen Phase – und machte diese zunichte. Am Anfang des 20. Jahrhunderts gab es Anzeichen, dass die bisherige Stagnation überwunden werden könnte. Einige Gemeinden verzeichneten ein erkennbares zahlenmäßiges Wachstum, während sich gleichzeitig überregional, auf Reichsebene, die Jugend und die Frauen zu organisieren begannen und ihre bis heute bestehenden Bünde gründeten. Es gab einen intensiven Austausch mit Reformkräften innerhalb der römisch-katholischen Kirche, den sogenannten Modernisten bzw. Reformkatholiken. Die Isolation, in der sich die kleine alt-katholische Kirche befand, schien langsam aufzubrechen. Im Rückblick berichtet Erwin Kreuzer über jene Jahre zwischen 1900 und 1914, als Folge des „neuen frischen Lebens“ sei eine erhöhte „Werbetätigkeit“ zu verzeichnen gewesen; er schreibt aber auch von „einem vertieften Gefühl gegen die deutscher Art fremden Gottesdienstformen, die noch bestanden: es verschwanden die letzten Reste lateinischen Gottesdienstes, es machte sich zunehmend die Ablehnung des Weihrauchs im gottesdienstlichen Gebrauch geltend“.


Vor diesem Hinterrund stellte der Chronist des alt-katholischen Volkskalenders, der seine Zeilen unmittelbar vor Beginn des Krieges, Mitte 1914, niedergeschrieben hatte, fest:


„Ein frischer, hoffnungsvoller Aufschwung geht durch unsere Reihen und gibt uns die frohe Gewähr, dass die alt-katholische Sache, allen Hemmnissen und Schwierigkeiten zum Trotz, langsam, aber sicher und unaufhaltsam sich durchzusetzen beginnt und dass der Alt-Katholizismus ein Faktor im öffentlichen Leben geworden ist, an dem man nicht mehr achtlos und mit geringschätzigem Lächeln vorübergehen kann, sondern mit dem man rechnen muss. Das scheinen auch unsere Gegner zu fühlen; denn nachdem sie längere Zeit uns gegenüber die Politik des Totschweigens befolgt, wendet neuerdings die ultramontane Presse dem Altkatholizismus wieder sehr eingehend ihre Aufmerksamkeit zu, wobei sie natürlich mit ihrer Abneigung gegen uns nicht zurückhält“.


Doch dann kam der Krieg, zerschlug den Reichsverband der Jungmannschaften und brachte viele erfolgversprechende Ansätze um ihre weitere Entwicklung. Nicht nur bei den Jungmannschaften kam das Vereinsleben zum Erliegen und musste sogar die Verbandszeitschrift Wacht auf eingestellt werden, da die Mitglieder zum größten Teil Frontdienst zu leisten hatten. Dasselbe galt für die anderen Verbände, Bezirkssynoden und kirchlichen Organisationen. Aus wirtschaftlichen Gründen wurde der Romfreie Katholik zum 1. Januar 1916 mit dem Deutschen Merkur unter der Schriftleitung von Erwin Kreuzer vereinigt. Kriegsbedingt musste die Bistumssynode, die 1915 hätte einberufen werden sollen, entfallen. Zum Jahresende 1916 bilanziert das Volksblatt, dass es in den „Gemeinden recht still hergegangen“ sei, und hätte es nicht einige Jubiläen gegeben, so „hätte die Stille etwas Unheimliches bekommen.“


Der Krieg ein Werk Gottes zur Läuterung seines Volkes? – So schrecklich der Krieg für viele Menschen war, diese theologische Deutung, die ihm zu Beginn gegeben worden war, geriet auch an seinem Ende nicht in die Krise. Im Gegenteil, die Kapitulation wurde nicht der Armee angerechnet, sondern die Legende vom Dolchstoß in den Rücken des kämpfenden Heeres verbreitete sich schnell. In der perversen Logik des theologischen Diktums vom Krieg als Gottes Werk lag es, den vermeintlichen Dolchstoß als Beweis dafür zu nehmen, dass der Krieg das Volk nicht genug geläutert habe. Es musste erst ein weiterer Krieg kommen, damit es kein christlicher Theologe mehr wagte, im Krieg eine Offenbarung Gottes zu erblicken.


Matthias Ring