Ein zuverlässiger Gewährsmann - Bernhard von Clairvaux im Leben von Joseph Hubert Reinkens


Einige Kirchenhistoriker sprechen im Blick auf das 12. Jahrhundert vom „Zeitalter des hl. Bernhard“, obwohl er nur bis zur Mitte des Jahrhunderts (+1153) gewirkt hat. Doch er blieb - wie selten ein Heiliger - tief im Gedächtnis des Volkes lebendig, viele Legenden schmücken seine Biographie aus, eine Reihe von Gebeten werden ihm zugeschrieben, obwohl sie vor seiner Zeit entstanden sind. Seine theologischen Schriften und Predigten wurden immer wieder abgeschrieben und gelesen, allerdings nahezu ausschließlich in ihrer Ursprungssprache Latein.

Als im 19. Jahrhundert der Kirchenstaat und damit die weltliche Macht des Papstes in Bedrängnis geriet, als die katholische Kirche in Frankreich und Deutschland durch die französische Revolution und die nachfolgende Säkularisation einen Großteil ihres Besitzes und ihrer Macht verlor, versuchten Papst und Kurie, die „geistliche Macht“ auszubauen, zu verabsolutieren. Wer jedoch genauer ins „Zeitalter des hl. Bernhard“ blickt, sieht diese Tendenz in der westlichen Kirche sich damals schon breit machen. Die „plenitudo potestatis“, die Fülle der Gewalt über Geistliche und Laien, die Papst Gregor VII. im “Dictatus Papae” (1075) in 27 Leitsätzen umrissen hatte, wurde im 12. Jahrhundert Stück um Stück verwirklicht. Das zeigte sich vor allem im Ausbau der Verwaltungsorgane, der römischen Kurie. Von ihr schrieb schon Johann von Salisbury (1115-1180): Unfehlbar wollte die Kurie schon sein, ehe noch die Päpste selber sich dafür hielten. Als im Jahre 1145 mit Papst Eugen III. ein Zisterzienser zum Papst gewählt worden war, verfasste Bernhard auf dessen Bitten hin so etwas wie einen „Fürstenspiegel“, einen Leitfaden für das geistliche Leben und das päpstliche Amt. In fünf Kapiteln - sie werden als Bücher bezeichnet - geht es um Gebet und Meditation im Leben des Papstes, es folgt eine Beschreibung seiner Aufgaben und der Verantwortung für seine Mitarbeiter und um praktischen Rat für das schwere Amt. Das letzte Kapitel will zur Consideratio, zur Betrachtung führen, um Länge und Breite, Höhe und Tiefe der Liebe Gottes in Christus zu ermessen (vgl. Eph 3,18). Diese Schrift „De Consideratione - Über die Betrachtung“1 ist in zahlreichen Handschriften sehr genau überliefert worden, nach Erfindung der Buchdruckerkunst erschien die erste gedruckte Ausgabe in Köln, bis zum Jahre 1854 folgten dort weitere fünfzehn, sie ist bis heute noch oder wieder lesenswert, nicht zuletzt für Alt-Katholiken.


Die erste Übersetzung ins Deutsche


In Münster/Westfalen erschien im März 1870 ein Büchlein, 240 Seiten, Kleinformat, das den Titel trägt: Papst und Papstthum nach der Zeichnung des h. Bernhard von Clairvaux, Übersetzung und Erläuterung seiner Schrift „De Consideratione“ von Dr. Jos. Hub. Reinkens, Professor der Kirchengeschichte an der Königlichen Universität Breslau.

Der Übersetzer betont im Vorwort, dass er sich mit größter Genauigkeit an das Original gehalten habe und fährt fort: Wer bei gleicher Treue eine schönere und elegantere Übertragung sich zutraut, der möge uns sein Talent für diese Arbeit nicht vergraben, denn das Werk wird sich des Meisters werth erweisen. Josef Hubert Reinkens, bekanntlich drei Jahre später zum ersten Bischof des Bistums der Alt-Katholiken in Deutschland gewählt, hat sich nicht von ungefähr gerade mit dieser Schrift befasst. Aufgrund seiner exzellenten Noten und seiner sprachlichen Begabung bekam der junge Reinkens nach seiner Priesterweihe (1848 in Köln) ein Stipendium. Er ging nach München, wo Döllinger seit 1827 als ordentlicher Professor neben anderen Fächern vornehmlich Kirchengeschichte lehrte. Doch konnte er bei ihm keine Vorlesung hören, da Döllinger im August 1847 mit mehreren anderen Professoren „quiesziert“ war, wie es offiziell hieß, nämlich in einem unfreiwilligen Ruhestand. Der Grund lag in kritischen Äußerungen über König Ludwig I. und seine Affäre mit Lola Montez. Um die Öffentlichkeit zu beruhigen, sandte ihn der König als Abgeordneten ins Frankfurter Parlament. Joseph Hubert Reinkens wurde - im Vergleich zu heute - in erstaunlich kurzer Zeit mit einer Arbeit über den Kirchenvater Klemens von Alexandrien zum Doktor der Theologie promoviert. Die Bonner Fakultät wünschte seine Rückkehr dorthin, doch er hatte - ähnlich wie sein zehn Jahre älterer Bruder, Pfarrer Wilhelm Reinkens - Schwierigkeiten mit dem Kölner Erzbischof Johannes Geißel, der die Dogmatisierung der Unfehlbarkeit des Papstes befürwortete und seinen Priestern allzu schnell Abweichungen vom Glauben unterstellte. So entfloh Joseph Reinkens der Unduldsamkeit Kölns und ging nach Breslau (im März 1850), wo er unter dem gebildeten und gütigen Fürstbischof Melchior von Diepenbrock wissenschaftliche Freiheit suchte und fand. Er konnte sich habilitieren, wurde zum Domprediger ernannt und 1857 ordentlicher Professor für Kirchengeschichte, wobei ihm die Erforschung der alten Kirche besonders am Herzen lag. Seine Beschäftigung mit Bernhard von Clairvaux begann spätestens im Mai 1859. Als Ersatz für ein fehlendes Namenstagsgeschenk teilte er seinem Bruder Wilhelm mit, dass er dessen Wunsch erfüllen und eine Biographie Bernhards verfassen werde. Im November desselben Jahres fragt er nach: Habe ich Dir geschrieben, daß Döllinger sich freut über meine Beschäftigung mit dem heiligen Bernhard? In den folgenden Briefen ist häufig von Bernhard die Rede, aber die angekündigte Biographie blieb aus, offensichtlich trat an ihre Stelle die ausführliche Einleitung und Kommentierung zur Übertragung von „De Consideratione“.


Rechtliche Einheit oder Liebesbund?


Bernhard von Clairvaux hat nie an einer Vorrangstellung des Papstes vor den anderen Bischöfen auch nur den geringsten Zweifel geäußert. Als sein ehemaliger Schüler Bernhard von Pisa, zuletzt Abt in der Zisterzienserabtei St. Anastasius in Rom, als Eugen III. Papst geworden ist, rechtfertigt er mit vielen Worten seinen Wagemut, den Papst belehren zu wollen. Schon einige Jahre zuvor hatte er an Papst Honorius II. geschrieben: Daß ich es wage, das schafft die Herrin Liebe, die auch Euch [gemeint ist der Papst] Befehl ertheilt. Dieses Wort wählt Reinkens als Motto seiner Übertragung und setzt es auf die Titelseite seines Büchleins. Im Blick darauf beginnt er die Einleitung mit dem Satz: Im zwölften Jahrhundert hatte der klösterliche Gehorsam die Liebe nicht um ihre Prärogative gebracht. Einfacher ausgedrückt: Die Liebe im Reden und Handeln behielt ihren Vorrang selbst vor dem Gelübde des Gehorsames, das für alle Mönche und Nonnen selbstverständlich war. Reinkens sah wie Bernhard das Reich Gottes als den Liebesbund der Menschen in Christus und darum die Caritas [als] die mächtigste Herrin, mächtiger als der Papst mit dem ganzen Apparat und mit aller Majestät seiner juridischen Herrschaft. Dieses Recht der Liebe nennt Bernhard unveräußerlich, es kann durch keine Autorität genommen werden. Zwar gilt das Sprichwort Schweigen ist Gold, doch Schweigen zu Fehlentscheidungen und Unrecht ist Sünde.

Es kommt noch eine weitere wichtige Orientierung hinzu. In einem Schreiben an Papst Eugen fragt Bernhard: Wer giebt mir das Glück, bevor ich sterbe, die Kirche Gottes so zu sehen, wie sie in alten Tagen war, als die Apostel ihre Netze zu Fange auswarfen! Er spielt da auf die Armut, auf die Einfachheit der frühen Kirche an, aber auch auf die Freiheit der Rede und des Widerspruchs, die allen zukam. Ein eindrückliches Beispiel dafür gibt Paulus, der in der Frage der Heidenmission Petrus ins Angesicht widersteht (Gal 2,11).


Im Zeitalter Bernhards wurde um dieselben Grundsätze in der Kirche gerungen, die die Frauen und Männer nach dem 18. Juli 1870 zum Widerstand gegen die Konzilsbeschlüsse veranlasst haben: Nicht das Gesetzbuch hält die Kirche zusammen, sondern der Liebesbund in Christus. Darum wäre Schweigen zu den Dogmen von 1870 Sünde gewesen, auch wenn die Exkommunikation drohte. Richtschnur ist der Glaube wie in den Tagen der Apostel, es darf den Gläubigen nichts auferlegt werden, was ihnen fremd war (vgl. Apg 15,28). In diesem Sinne forderte Joseph Hubert Reinkens nach seiner Wahl ausdrücklich, das Gelöbnis, welches ihm zu leisten sei, [solle] nicht auf Gehorsam lauten, sondern in altchristlicher Weise auf Liebe.

Demut und Würde


Auf Antrag des Kirchenrechtsgelehrten Johann Friedrich von Schulte fügte die alt-katholische Synode von 1878 im oben genannten Gelöbnis zur Liebe die „Verehrung“ hinzu, die dem Bischof entgegen zu bringen sei. Vermutlich hätte Bernhard Einspruch erhoben, weil vorgeschriebene Verehrung die Demut, die wichtigste Eigenschaft eines kirchlichen „Würdenträgers“, in Gefahr bringen könnte. Bernhard hatte stets gewarnt, die Würde als Tugend anzusehen. Diese Warnung versieht Reinkens mit der Anmerkung, dass eine derartige Verwechslung manch einen Kirchenfürsten zu Fall gebracht habe: Es ist zwar Mode geworden, von seiner Person in demüthigen Äußerungen zu reden; aber beim Handeln kommt diese Demuth nie zur Berechnung. Man giebt zu, daß man ein dem Irrthum unterworfener und schwacher Mensch sei: aber Irrthümer und begangene Schwächen in der Regierung und Verwaltung räumt man nicht ein; da deckt im concreten Falle die Dignität Alles zu. Man glaubt, sie leide, wenn erkannt werde, daß dem Würdenträger die Tugend mangele, und darum soll in ihm Dignität und persönliche Thätigkeit und Tugend nicht unterschieden werden. Bernhard mahnt den Papst: Möge es Dich also nicht verdrießen, nachzuspüren, was Dir fehlt, noch mögest Du Dich schämen, das Mangelnde einzugestehen. Auch das erläutert Reinkens mit einem Beispiel: Selbst der Papst dürfe sich nicht mit einer allgemeiner Redensart herausreden, etwa: ‚Ich weiß, daß mir noch viel mangelt’, sondern im ganz bestimmten Fall eingestehen: ‚Hier habe ich gefehlt, hier geirrt, hier Unrecht gethan.’


Geld- oder Seelsorge?


Für Bernhard ist es wichtig, dass der Bischof für sich und für die Kirche Gottes Muße habe. Deshalb sei die Verwaltung der Güter nicht seine Aufgabe. Bei der Wahl der Verwalter solle aber mehr auf die Treue als auf die Tauglichkeit geachtet werden, ein Rat, der bis heute Beachtung verdient. Bernhard veranschaulicht seine Ansicht mit der Geschichte des ägyptischen Josef (Gen 32,337ff): Zur Beschämung Einiger, ... sage ich es, die da täglich ihre Habseligkeit durchforschen, das Einzelne nachzählen und von allen Kleinigkeiten und Viertelchen Rechenschaft fordern. So machte es nicht jener ägyptische König, der dem Joseph alles übergab, und nicht mehr wußte, was er in seinem Hause hatte. Erröthen möge der Christ, der dem Christen das Seinige nicht anvertraut. Ein Ungläubiger glaubte seinem Knechte, indem er ihn über all seine Güter setzte: und dieser war ein Ausländer. ... Unsere täglichen Ausgaben suchen wir in täglicher Nachrechnung wieder einzubringen, und die beständigen Verluste der Heerde des Herrn kennen wir nicht. ... Es fällt eine Eselin: und gleich ist Einer da, der sie aufhebt; aber eine Seele geht zu Grunde, und Keiner nimmt es zu Herzen. Bernhard prägt ein bemerkenswertes Bild: Der Verlust materieller Güter solle wie ein Hinweggehen sein, aber kein Hindurchgehen durch den Menschen, denn das verwunde seine Seele. Und noch ein guter Rat: Vieles sollst Du nicht wissen, Mehreres nicht wissen wollen und Manches vergessen.


Erster unter Gleichen


Das 4. Kapitel der Schrift Bernhards, aus dem hier zitiert worden ist, schließt mit einem Epilog, in dem nochmals das Ideal des guten Hirten in der Kirche gezeichnet wird. Der Papst habe vor allem zu bedenken, dass die römische Kirche der übrigen Kirchen Mutter und nicht Herrin und infolge dessen der Papst nicht der Herr der Bischöfe, sondern einer aus ihnen sei, der Bruder derer, die Gott lieben und Mitgenosse derer, die ihn fürchten. In der Anmerkung zitiert Reinkens, was er sehr selten tut, die wichtigsten Worte lateinisch: Te vero non dominum episcorum sed unumexipsis [Du wahrlich nicht Herr der Bischöfe, sondern einer aus ihnen]. Das dritte und letzte Kapitel seiner Einleitung zur „Betrachtung“ hat Reinkens mit „Der Bischof“ überschrieben. Er berichtet, was er in den Schriften Bernhards über das Bischofsamt gefunden hat und führt ein Beispiel aus der irischen Kirche an. Er schreibt, es sei gewiss, dass vom zehnten bis zwölften Jahrhundert von Rom aus nicht der geringste Einfluss auf die irische Kirche ausgeübt worden sei. Acht verheiratete Erzbischöfe hintereinander hätten das Amt vererbt, erst Bischof Malachias von Armagh, einem Freund Bernhards sei es gelungen, die Verbindung mit Rom wieder zu knüpfen. Doch auch er habe neu gewählte Bischöfe geweiht und eingesetzt, ohne dies dem Papst anzuzeigen. Wichtig ist für Bernhard - und damit für Reinkens - dass der Bischof im Hirten- und im Lehramt selbständig sein Bistum leitet, nicht der Vikar des Papstes, sondern wie der Papst auch Vicarius Christi, also Stellvertreter Christi sei, nur eben in einem kleineren Gebiet. Der Papst ist zwar der am meisten verpflichtete Bewahrer des Glaubens, aber auf eine Weise, dass er den Glauben nicht vermindern lassen darf und nicht vermehren kann.


Die unbefleckte Empfängnis Mariens


Bernhard ist einer der leidenschaftlichsten Marienverehrer, den wir unter den Heiligen kennen. Die Kirchen der Zisterzienser stehen alle unter dem Patronat Mariens, Bernhard hat den Titel „Notre Dame, unsere liebe Frau“ wie auch das „Ave Maria“ volkstümlich gemacht. Drei in den Fußboden eingebrachte goldene Kreise im Speyrer Dom sollen daran erinnern, dass er dort bei der Weihnachtspredigt im Jahre 1146 das „Salve Regina“ um drei Anrufungen Marias erweitert habe:

O clemens, o pia, o dulcis Virgo Maria. Die Weihnachtspredigt hat Bernhard wirklich gehalten, doch der Schluss des Gebetes dürfte schon vorher bekannt gewesen sein. Und dieser Bernhard kämpft gegen die Einführung eines Festes der unbefleckten Empfängnis Marias, von einer Dogmatisierung, wie sie Papst Pius IX. im Jahre 1854 relativ eigenmächtig und ohne Konzil vorgenommen hat, gar nicht zu reden. Weil die verpflichtenden Glaubenssätze nicht vermehrt werden dürfen, wehrte er sich gegen das Fest am 8. Dezember, das in England vor dem Normanneneinfall da und dort schon gefeiert wurde, dann abgeschafft war und zu Lebzeiten Bernhards wieder eingeführt werden sollte; auch in Frankreich gab es genügend Befürworter. Als Anlass diente eine Legende: Ein Mönch, nach einer anderen Lesart ein Chorherr aus Rouen, habe bei der Überfahrt über den Kanal in einem gefährlichen Sturm Maria um Hilfe angefleht. Sie habe dem Bittenden Rettung versprochen, wenn er das Fest wieder einführe. Bernhard schreibt dazu: Da kommt auf einmal eine Schrift an den Tag, die eine himmlische Offenbarung sein soll. ... Ich brauche mir keine Gewalt anzutun, um bei solchen Enthüllungen ungerührt zu bleiben, denn sie finden keine Stütze bei der Vernunft und entbehren jeder Grundlage von Seiten der wahren Lehrautorität. Als 1127 in der Westminster Abtei dieser Tag dort erstmals mit einem feierlichen Gottesdienst begangen wurde, entrüstete sich der Bischof von Salisbury, diese Neuerung sei von unwissenden, in der Theologie schlecht bewandernden Bauerhirnen ausgedacht worden.

In Dantes göttlicher Komödie wird der Dichter auf den letzten Schritten seines Weges vom vielgetreuen Bernhard begleitet. Er lenkt Dantes Blick in das Licht des dreieinen Gottes, zur Liebe, die beweget Sonn und Sterne. Dasselbe geschieht im letzten Kapitel von „De Consideratione“, auch dort führt Bernhard die Lesenden zum Geheimnis der dreifaltigen Gottes und ermahnt sie zugleich, dieses große Geheimnis der Glaubens nicht zu ergrübeln, sondern zu verehren.


Erentrud Kraft


1 Eine greifbare deutsche Übersetzung: H.U.von Balthasar, Was ein Papst erwägen muss, Einsiedeln 1985.


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