Vergessenes im Eucharistieverständnis


Im Zusammenhang mit dem Ökumenischen Kirchentag in Berlin gab es Kontroversen um die Frage, ob römisch-katholische Christen beim evangelischen Abendmahl und Evangelische in der Messe kommunizieren dürfen. Die Positionen anderer Kirchen blieben außer Acht. In der auf dem Kirchentag unterzeichneten Charta Oecumenica steht, sie „nimmt auch das langfristige Ziel einer eucharistischen Gemeinschaft in den Blick“. Diese zwischenkirchlichen Schwierigkeiten hängen mit Engführungen im Eucharistieverständnis zusammen und mit vergessenen Grundlagen. Davon ist die zu Jahresbeginn 2003 erschienene Schrift der Evangelischen Kirche in Deutschland: „Das Abendmahl. Eine Orientierungshilfe zu Verständnis und Praxis des Abendmahls in der evangelischen Kirche“ nicht frei. Sie zeigen sich ebenso im Beitrag von Claus Petersen von der Initiative „Reich Gottes - jetzt“ in der Oktoberausgabe von Christen heute (S.241). Da wird gefragt: „Ist es nicht völlig unerträglich, dass die ‚ökumenische’ Abendmahlsliturgie etwas völlig anderes feiert, als es Jesus getan hat, wenn er mit seinen Leuten Tischgemeinschaft hielt? In den Kirchen steht hier nicht mehr das Reich Gottes, das wirkliche, wahre, echte und gerechte Leben jetzt im Zentrum, sondern es wird Jesu Sühnetod verkündigt, seine Auferstehung gepriesen und seine Wiederkunft erhofft.“


Unsere Wurzeln im Ersten Bund


Es zeigt sich deutlich: Die jüdischen Wurzeln der Stiftung Jesu beim Abschiedsmahl sind aus dem Blick geraten. Wie bereits den Heidenchristen in der römischen Gemeinde muss auch uns gesagt werden: „Nicht du trägst die Wurzel - die Wurzel trägt dich“ (Röm 11,18).


Der jüdische Hausgottesdienst im Kreis der Familie und der Nahestehenden am Schabbat, an Festen, vor allem bei der Paschafeier folgt einer tradierten festen Ordnung, die den Namen Seder trägt. Der erste Becher wird mit einem Segensspruch in die Runde gereicht. Dann spricht der Hausvater das Segensgebet über das Brot. Es wird gebrochen und zum Essen ausgeteilt. Darauf folgt das eigentliche Mahl. Wenn beim Paschamahl alle gegessen hatten, wurde der „Becher des Segens“ eingeschenkt. Er trug diesen Namen, weil an dieser Stelle die große Beraka gesprochen wurde, der Lobpreis auf Gottes große Taten, auf den bleibenden Bund, den er mit seinem Volk geschlossen hat, und der dabei von neuem Gegenwart wird. Dann reicht man den gesegneten Becher weiter. Beraka heißt im Griechischen Eucharistia und davon hat die Feier schon bald ihren Namen bekommen.

Davon lesen wir auch in 1 Kor 10,16, im Bericht von den Eucharistiefeiern der Gemeinden in der Apostelzeit: „Ist der Becher des Segens, über den wir die Beraka sprechen, nicht Teilhabe am Blut, am gewaltsamen Tod Christi?“ Dieses Mahl ist „nicht nur ein Fest für die Vergangenheit, nicht nur ein Gebet der Hoffnung für die Zukunft. Es ist ein Angriff auf die Zukunft, eine Beschwörung der Zukunft“ schreibt der jüdische Theologe Albert Friedlander.

Die Frommen des ersten Bundes erfahren im Gedächtnis und im Preisgebet der hohen Feste, insbesondere zu Ostern, den machtvoll wirkenden Gott gegenwärtig, so wie es das jüdische Bekenntnis am Osterabend, damals wie heute, sagt: „Nicht unsere Väter allein hat der Heilige erlöst, sondern uns mit ihnen“. In der Mischna, der im 2. Jahrhundert nach Christus vollendeten Sammlung der mündlichen Überlieferung des Judentums, steht entsprechend: „In jedem Zeitalter ist jeder verpflichtet, sich so anzusehen, als wäre er selber aus Ägypten ausgezogen. ... Deshalb sind wir verpflichtet, dem zu danken, den zu preisen, zu loben, zu verherrlichen, zu erhöhen, der an uns und an unseren Vätern alle diese Wunder getan hat. Er hat uns herausgeführt aus der Gefangenschaft in die Freiheit, aus dem Kummer in die Freude, aus der Trauer ins Fest, aus der Finsternis in großes Licht und aus der Knechtschaft in die Erlösung. Vor Ihm wollen wir sprechen: Halleluja“ (Ordnung der Paschafeier).


Das „letzte Abendmahl“ und die Feier der Kirche


Das Abschiedsmahl Jesu, in dem die Eucharistiefeier der Kirche wurzelt, war demnach von anderer Art als die Anlässe, bei denen „er mit seinen Leuten Tischgemeinschaft hielt.“ Wenn es heißt, die Seinen sollten fortan „dies“ zu seinem Gedächtnis tun, dann ist nicht nur das Essen und Trinken von Brot und Wein verbunden mit den Deuteworten gemeint. Auch Lobpreis und Danksagung gehören zu diesem Auftrag. „Eucharistäsas“ steht im griechischen Text.

In den frühen Gemeinden wurde der Auftrag: „Tut dies zu meinem Gedächtnis!“ (Lk 22,19; 1 Kor 11,24-25) deshalb nicht nur als Weisung verstanden, so wie Jesus das Mahl mit Brot und Wein zu feiern, sondern ist selbstverständlich auch auf den Lobpreis bezogen. In ihn fügte die alte Kirche nach der Nennung der Heilstaten Gottes im ersten Bund die Menschwerdung und das Leben Jesu, die Stiftung des eucharistischen Mahles, Leiden, Tod, Auferstehung und Himmelfahrt ein, dazu die Sendung des Heiligen Geistes, die Vergebung der Sünden, die Gemeinschaft in der Taufe und die Erwartung der Wiederkunft des Herrn. All das wird in der lobpreisenden Danksagung gegenwärtig.


Die frühchristlichen Eucharistiegebete sind wie die Glaubensbekenntnisse aufgebaut. Zum Lobpreis kommt - im Bezug auf Joh 16 - die Herabrufung des Heiligen Geistes auf Brot und Wein und auf die Kommunizierenden, die durch den Empfang des Mahles zur Communio verbunden werden. Die Epiklese hat deshalb ihren Platz erst nach dem Abendmahlsbericht, dort, wo im Heilsgedächtnis der Glaubensbekenntnisse der Heilige Geist, genannt wird. Nur in seiner Kraft wird das Wort Jesu erfüllt, nicht durch eine magisch missverstandene „Wandlungsgewalt“. Darum bittet die Kirche im Eucharistiegebet, dass Brot und Wein von Gottes Geist durchdrungen werden, die an diesem Mahl teilhaben, damit sie als ein Leib leben und so der Welt durch ihren Zusammenhalt und ihre Liebe Zeugnis geben von ihm, dem Haupt des Leibes. Das ist anderes und mehr als nur ein Aufruf zur Bemühung um „das wirkliche, wahre, echte und gute Leben“ mit allen unseren Kräften. Auch hier gilt, was die Reformatoren wieder entdeckt haben: „Ohne Eigenverdienst, geschenkweise, allein aus Gnade“ (Röm 3,24).


Ökumenische Folgerungen


Weil die Teilhabe an dem einen Brot die Vielen in die Gemeinschaft des Leibes Christi hineinnimmt und zu einem Leib macht (1 Kor 10, 16 u.17), verpflichtet diese Feier zur Sorge um die Einheit der Christen. Wenn sich heute die getrennten Kirchen Zeugnisse des Glaubens und Feierns zu eigen machen, die einmal alle christlichen Gemeinden in Ost und West verbunden haben, finden sie auf den Weg zur Einheit. Niemand wird begründet sagen können, es handle sich dabei um ein ungenügendes, Grundaussagen des Glaubens widersprechendes und „ungültiges“ Tun. Auch die trennenden Fragen im Verständnis des besonderen Dienstamtes sind von der Epiklese her überwindbar. Der Heilige Geist erfüllt den Auftrag Jesu unter uns. Darum kann das zwischenkirchliche Gespräch über Eucharistiegemeinschaft und Amt nicht mehr allein auf den Einsetzungsbericht bezogen bleiben. Der Standpunkt, die Feier des Herrenmahls sei nur dann gültig, wenn ein geweihter Priester die Wandlungsworte über Brot und Wein spricht, ist in dieser Ausschließlichkeit nicht vertretbar. Auch Kurzformen der evangelischen Abendmahlsliturgie, die sich auf biblische Texte, Sanctus, Vater un-ser, Einsetzungsbericht beschränken - und ihre seltene Feier - entsprechen nicht der Praxis der frühen Gemeinden.

Zur Frage des Opfercharakters der Eucharistie sagt bereits die Utrechter Erklärung der alt-katholischen Kirchen von 1889: „In Erwägung, dass die heilige Eucharistie in der katholischen Kirche von jeher den wahren Mittelpunkt des Gottesdienstes bildet, halten wir es für unsere Pflicht, auch zu erklären, dass wir den alten katholischen Glauben vom heiligen Altarsakramente unversehrt in aller Treue festhalten, indem wir glauben, dass wir den Leib und das Blut unseres Herrn Jesus Christus selbst unter den Gestalten von Brot und Wein empfangen. Die eucharistische Feier in der Kirche ist nicht eine fortwährende Wiederholung oder Erneuerung des Sühneopfers, welches Christus ein für allemal am Kreuz dargebracht hat; aber ihr Opfercharakter besteht darin, dass sie das bleibende Gedächtnis desselben ist und eine auf Erden stattfindende reale Vergegenwärtigung jener Einen Darbringung Christi für das Heil der erlösten Menschheit, welche nach Hebr 9, 11;12 fortwährend im Himmel von Christus geleistet wird, indem er jetzt in der Gegenwart Gottes für uns erscheint (Hebr 9,24).“ Dann wird unter Berufung auf 1 Kor 10, 17 betont, dass „die den Leib und das Blut des Herrn empfangenden Gläubigen Gemeinschaft miteinander haben.“


Es ist der falsche Weg, angesichts des Glaubensschwundes aus Sorge um die Besitzstandwahrung die Grenzen um die eigene Kirche und Gemeinde neu zu ziehen. Wir müssen unseren gemeinsamen Glauben und seine Wurzeln wieder entdecken, um uns daran zu freuen, daraus Halt zu gewinnen und ihn weiterzugeben.


Sigisbert Kraft


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