Das Ehesakrament ist auch Gemeindesache


In der Ansichtssache der November-Ausgabe schildert Georg Reynders, wie Jahr für Jahr auswärtige Besucher sich an ihn, den Pfarrer von Nordstrand, mit der Bitte wenden, von ihm in seiner Kirche getraut zu werden. Sie kommen aus anderen Kirchen, die sie – aus welchen Gründen auch immer – nicht verlassen möchten. Und er stellte die Sache zur Diskussion: Warum sollte er sie nicht trauen dürfen?

Gewiss ehrt es die Gemeinde von Nordstrand und spricht es für ihren Pfarrer, dass dort offenbar ein ansprechender Gottesdienst gefeiert wird, so dass Feriengäste nach einem solchen Gottesdienst den Wunsch äußern: Hier möchten wir heiraten. Ich habe dennoch Bedenken. Zu bedenken ist nämlich: Die Feier der Sakramente ist stets an Gemeinde geknüpft. Eine jede Privatheit verträgt sich damit nicht. Kaum mehr vorzustellen, dass in der lateinischen Kirche vom Mittelalter bis zum II. Vatikanischen Konzil Privatmessen der Priester zum Alltag gehörten, ja, dass die Messe von daher überhaupt ihre äußere Gestalt bekommen hatte: Privatmesse mit Zutritt für die Gemeinde.


Selbstverständlich ist die Taufe nicht mehr nur ein Familienfest im Kirchenraum, sondern wird in unseren Ortsgemeinden im Rahmen eines üblichen Gemeindegottesdienstes gefeiert. Zu recht: Geschieht hier doch die Eingliederung in Christus, d. h. das Gestelltwerden in seinen Wirkbereich, und die Eingliederung in die Gemeinde. Und auch die übrigen fünf Sakramente, die allesamt auf diese beiden Grundsa-kramente, Taufe und Eucharistie, innerlich bezogen sind, sollten Gemeindebezug haben. Die Feier des Bußsakramentes wird in der alt-katholischen Kirche vorrangig und in der Regel als Gemeindegottesdienst begangen. Selbst die Krankensalbung findet – abgesehen von dem Fall, dass sich eine kleine Gemeinde um das Bett eines Schwerkranken versammeln muss – im Sonntagsgottesdienst statt.


Gültigkeit und Sakramentalität


Bildet das Ehesakrament nicht aber eine Ausnahme, insofern die Eheleute sich dieses Sakrament selber spenden? Dann hätte die Gemeinde tatsächlich nur eine Rahmenfunktion, wäre eigentlich nebensächlich. Die relativ junge römisch-katholische Lehrmeinung von der Spendung des Ehesakramentes durch die Paare selbst ist wohl zur herrschenden Meinung auch in der deutschen alt-katholischen Kirche geworden. Zugegeben: Für viele Paare ist dies ein einnehmender Gedanke: Über unserer Ehe hält kein Priester das Heft in der Hand. Der Gedanke setzt aber eine Gleichsetzung voraus: Die Gültigkeit einer Ehe ist unter Getauften gleich mit ihrer Sakramentalität. Haben getaufte Christen eine Ehe gültig geschlossen, dann ist sie demnach auch automatisch Sakrament. Zweifellos kommt eine Ehe zustande durch das gegenseitige Ja-Wort, durch die Bekundung des Ehewillens. (Für römische Katholiken, auch wenn sie längst ausgetreten sind, sind nach dem kanonischen Recht dazu allerdings noch eine bestimmte Form und rechtliche Bedingungen maßgebend.) Ist die Ehe mit ihrem Zustandekommen bei Getauften aber immer auch schon Sakrament? Auch bei getauften Ungläubigen oder noch Suchenden “auf dem Wege”?


Urs Küry referiert in seinem Standardwerk „Die Altkatholische Kirche“ (31982, Seite 213) historisch völlig korrekt, dass das Ehe“sakrament” in der Kirche des ersten Jahrtausends mit einem großen Segensgebet verbunden gewesen sei. Erst im Mittelalter, als die Priester zugleich als “Zivilbeamte” mit der Abnahme der aktuellen Bekundung des Ehewillens beauftragt waren, habe sich die Anschauung durchgesetzt, dass der verbale Ehevertrag und nicht die Segnung die Sakramentalität begründe. Die Kirche von Utrecht und die Ostkirche hielten aber bis heute an der Lehre fest, dass der bekundete Ehewille in erster Linie Sache des Staates sei, der Kirche hingegen das Segensgebet zukomme.

Die Gleichung von Gültigkeit und Sakramentalität (und damit von absoluter Unauflöslichkeit) der Ehe wird heute auch von römisch-katholischen Theologen zunehmend in Frage gestellt. Und die Liturgiker fordern, dass Höhepunkt jeder sakramentalen Feier das preisende Gedenken der Heilstaten unseres Gottes, verbunden mit der Bitte um Gottes Geist, wie im Eucharistiegebet sein solle.


Feier und Gemeinde


Wir sollten vergessen, vom Spender eines Sakramentes zu reden, der eine Formel „zu sagen“ hat, wie wir es hinsichtlich der Eucharistie längst getan haben. Es geht um die Feier eines Sakramentes der Gemeinde unter Leitung ihres Priesters. Das preisende und seg-nende Gebet über die Brautleute beinhaltet in diesem Fall die Bitte, dass das Paar in das Kraftfeld Christi gestellt werde und daraus die gegenseitige Liebe gefestigt und beflügelt werde. Es geht dabei aber auch wesentlich darum, dass es gelinge, den Nachwuchs zum Glauben und zur Gemeinde hinzuführen. Und ist es zu utopisch gedacht, wenn man erwartet, dass das „eingesegnete“ Paar auch die Verpflichtung verspürt, sich gemeinsam in der Gemeinde zu engagieren?


Um nun nach dem soeben Skizzierten zur Ausgangsfrage zurückzukehren: Welchen Sinn sollte es haben, ein Paar in einer Gemeinde zu trauen, das anschließend – nach dem Urlaub – in eine andere Welt zurückgeschickt werden muss? Ich meine, dass darüber mit einem Paar, das vom Pfarrer unter diesen Umständen die Trauung begehrt, verständig geredet werden kann. Dann muss man es auch nicht einfach mit dem Bedauern, von einer Vorschrift gehindert zu werden, wegschicken. Im übrigen wird wohl niemand so vermessen sein anzunehmen, dass Gott ohne eine sakramentale Feier einer Gemeinde einem Ehepaar seinen Segen vorenthalten müsste.


Klaus Rohmann


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