Die Entstehung einer Gemeinde



In Christen heute 2004 (Seite 123) befasste sich Pfarrer Harald Klein aus Rosenheim mit der Frage „Was ist eigentlich eine Kirchengemeinde?“ Er kam zu dem Schluss, dass eine Kirchengemeinde eine Interessengemeinschaft ist. Wie aber entstanden solche Interessengemeinschaften? Ich möchte deshalb den Versuch unternehmen, dies an einem Beispiel zu zeigen. Es handelt sich dabei um die Gemeinde, in der ich getauft wurde und der ich bis zur Vertreibung aus dem Sudetenland bis zu meinem zweiten Lebensjahr angehörte. Ich schildere somit die Gründung einer Urgemeinde unserer Kirche.


Der Ort, in dem sich die Geschehnisse abspielten, ist Arnsdorf in Nordböhmen. Die kirchlichen Ereignisse des Jahres 1870 waren nicht ohne Spur an der Bevölkerung vorübergegangen. Die Lehre von der absoluten Gewalt des Papstes und dessen persönlicher Unfehlbarkeit, welche am 18. Juli 1870 von der Kirchenversammlung im Vatikan zum Glaubenssatz erhoben worden war, wurde von vielen Katholiken als Neuerung empfunden, die mit dem überlieferten Glauben im Widerspruch stand. Überall haben deutsche Gemeinden dagegen Protest erhoben und vielerorts wurde eine Abwehr organisiert und das Hineinwirken der päpstlichen Macht in weltliche, zumal politische Belange bekämpft.


In Arnsdorf bildete sich deshalb ein „Verein politischer Katholiken“, dessen Zweck es war, die Politik frei vom Einfluss der Kirche zu machen. Auch der Pfarrer von Haida (heute Novy Bor) lehnte offen den Glaubenssatz von der Unfehlbarkeit des Papstes ab und beteiligte sich am Kongress in München im September 1871, an dem mehr als 300 Vertreter der im alten Glauben verharrenden Katholiken deutscher Sprache versammelt waren. Die Bevölkerung von Haida und Arnsdorf (zwischenzeitlich ein Ortsteil von Haida) begleitete ihren Seelsorger zahlreich zum Bahnhof und bewies ihm damit, dass sie gleichen Sinnes war.


Gegen die Kirchweihe


Aber die hochgehende Erregung legte sich schnell wieder. Der Pfarrer wechselte in einen weltlichen Beruf und der „Verein politischer Katholiken“ schlief langsam ein. Ein Keim aber blieb! Und diese Saat sollte noch aufgehen. Als im Jahr 1874 das Schulhaus eröffnet wurde, fand das ohne kirchliche Weihe statt, ein Ereignis, welches in jener Zeit großes Aufsehen erregte. Im Schulhaus wurde ein Zimmer für den evangelischen Gottesdienst eingeräumt, ein offenkundiger Erweis kirchlicher Duldsamkeit. Im Jahr 1886 hatte Arnsdorf mit der Anlage eines Friedhofes begonnen und an seinem Eingang eine Kirche erbaut. Wieder tauchte die Frage der Weihe auf. Da versammelten sich am 27. März 1887 mehrere Bürger, die entschlossen waren, gegen die Weihe Stellung zu nehmen. Die Leute waren auch Willens, sich der alt-katholischen Kirche anzuschließen und hofften, dass der größte Teil von Arnsdorf mitmachen werde. Die Begeisterung der Menschen sprach für sich. Stellungnahme gegen die Weihe übrigens deshalb, weil die Kirche mit dem Geld der Gemeinde erbaut worden war und man sich das freie Verfügungsrecht nicht durch die Weihe nehmen lassen wollte. Obwohl die Initiatoren überwiegend aus einfachen Verhältnissen stammten, gingen hohe Gedanken durch ihre Reihen: „Vereinigung der Christenheit,- ein Hirt, eine Herde,- kein Oberhaupt Wahrheit, Zwang,- der Kirche als Christus,- Gottesdienst im Geist und in der in der vertrauten Muttersprache,- Freiheit vom kirchlichen Friede mit allen Menschen, die guten Willens sind ...“

Gemeindegründung


Das Unternehmen hatte von Anfang an ein ernstes Gepräge und den klaren Zweck, eine alt-katholische Kirchengemeinde zu gründen, die ihren Gottesdienst in der neu erbauten Friedhofs-kirche feiern würde. Zwölf Personen gründeten dann die Kirchengemeinde. Am 3. April 1887 sprach Pfarrer Anton Nittel aus Warnsdorf in einer öffentlichen Versammlung über die alt-katholische Bewegung und ihre Ziele. Er entwarf das Bild einer Idealkirche, die den Hoffnungen und Wünschen jener feurigen Zeit entsprach. Die Ernte war reif. Innerhalb von drei Tagen erklärten siebzig Familien, das waren 262 Personen, ihren Beitritt zur alt-katholischen Kirche! Es dauerte dann noch bis Pfingsten 1888, bis in der Friedhofskirche der erste altkatholische Gottesdienst gehalten werden konnte. Der Tag wurde mit Böllerschüssen begrüßt und mit einem Gartenkonzert gefeiert. Die Kirchengemeinde zählte im Jahr 1892 die stolze Zahl von 650 Seelen, was über zwanzig Prozent der Einwohnerschaft entsprach. Die Betreuung erfolgte bis dahin von Warnsdorf aus. Nachdem ein „Verein der Altkatholiken“ gegründet worden war, trat im Februar 1892 der junge Geistliche Adalbert Schindelar das erste Pfarramt in Arnsdorf an. Langsam wuchsen in den Randbezirken und den Nachbarorten Filialgemeinden heran, so dass im Jahr 1895 ein eigenes Pfarrhaus (heute privates Wohnhaus) erbaut werden musste. Die Entwicklung der Glaubensmitglieder war insgesamt so günstig, dass man Arnsdorf 1898 mit der Durchführung der Synode beauftragte.

1927 konnte man das 40-jährige Kirchenjubiläum feiern. Zwischenzeitlich hatten sich noch ein „Altkatholischer Hilfsverein“, der „Altkatholische Frauenbund“ und ein Kirchenchor gebildet. Der damalige Pfarrer Theußl sprach in seiner Festpredigt u.a. folgende Worte: „Wir leben in Frieden mit den Mitbürgern, die anders als wir glauben und denken. Wir halten unseren Gottesdienst in den alten katholischen Formen. Jeder lebe in der Kirche sein inneres, religiöses Leben! Niemand wird zur Teilnahme gezwungen. Jeder aber, der kommt, mag sich wie ein Mitglied der Gemeinde fühlen. Das Reich Gottes ist Gerechtigkeit, Friede und Freude im Heiligen Geist.“ Ferner sagte er auszugsweise: „Die Männer und Frauen, welche die ersten Dienste am Aufbau der Gemeinde getan haben, leben zumeist nicht mehr. Das Feuer aber, das in ihren Herzen brannte, darf nicht erlöschen, soll ihr Ringen und Sorgen nicht fruchtlos gewesen sein. Wir haben die Gemeinde als Erben übernommen, wir müssen sie hüten und mehren fördern und vervollkommnen. Dass wir eine Minderheit sind, darf uns nicht zaghaft machen, denn die ersten christlichen Gemeinden waren auch Minderheiten. Wer die Wahrheit sucht, wird nicht die Stimmen zählen. Einer kann Recht haben gegen eine Million. Wir brauchen lebendige Mitglieder der Gemeinde, die nie vergessen, dass christliche Gesinnung und christliches Leben höher stehen als kirchliche Übungen. Hoffen wir, dass auch die künftigen Generationen die Aufgaben ihrer Zeit erkennen und recht anfassen, unter Wahrung der alten bewährten Grundlagen weiterbauen werden am Reiche Gottes auf Erden. Das walte Gott!“ - Diese Worte könnte man auch heute noch unwidersprochen übernehmen.

1945, spätestens jedoch 1948, hörte die prosperierende Kirchengemeinde auf

zu existieren. Der Grund war die Vertreibung der sudetendeutschen Bevölkerung. Im Bundesgebiet entstanden dann daraufhin zum Beispiel in Kaufbeuren-Neugablonz oder in Weidenberg neue Gemeinden, da dort viele Heimatvertriebene angesiedelt wurden. Für die jetzige Zeit würde ich mir manchmal die damalige Begeisterung und Aufbruchstimmung wie bei der Gründung der Gemeinde in Arnsdorf oder anderen Orten in Nordböhmen wünschen, denn dann wäre eine Kirchengemeinde nicht „nur“ eine Interessengemeinschaft.


Wolfgang Bruch