Mit Polizeischutz auf dem Jakobsweg nach Santiago de Compostela


Pilgerfahrt zur EU-Erweiterung 2004


Im Vorfeld der größten Erweiterung der EU seit ihrem Bestehen veranstaltete die Kommission der Bischofskonferenzen der Europäischen Gemeinschaft (COMECE) eine Pilgerfahrt von Madrid nach Santiago de Compostela. Unter großem Aufgebot an Polizeischutz – als Folge der Terroranschläge in Madrid – nahmen um 300 Pilger verschiedenster Kirchen aus 25 europäischen Ländern an der Reise teil. Ziel war einerseits, die Kathedrale des heiligen Jakobus in Santiago de Compostela zu erreichen, und andererseits, gemeinsam für Versöhnung, Einheit und Friede in der EU zu beten.


Das Tagesprogramm war äußerst dicht und führte mit der Zeit auch beim devotesten Pilger zu spirituellen Ermüdungserscheinungen. So durchlief am dritten Reisetag ein allgemein lautstarkes Aufatmen die Reihen, nachdem die Reiseleiterin angekündigt hatte, das folgende Mittagsgebet werde kürzer als gewohnt ausfallen. Die Umgangssprachen während der Gottesdienste waren entweder Spanisch, obwohl die wenigsten Teilnehmenden der Gastlandsprache mächtig waren, oder Lateinisch, vermutlich, weil die meisten diese Sprache gleich gut (nicht) verstanden. Viele Pilger bestätigten jedenfalls den Verdacht der Autorin, dass an großen römisch-katholischen Anlässen Lateinisch als verbindende Sprache verwendet werde, dass aber in Tat und Wahrheit viele Gläubige sie gar nicht mehr verstünden.

Zwischen den Gebetszeiten wurde „gepilgert“, entweder mit dem Auto oder zu Fuß. Aufgrund des schlechten Wetters musste die Route jedoch zweimal geändert werden, was zu seltsamen Sisyphos-Wanderungen führte, da die Pilgerschaft am Ende ihres Fußmarschs den gleichen Weg mit den Bussen wieder zurückchauffiert wurde.


Weg der Hoffnung


Die eigentliche Essenz der Pilgerreise lag in den Predigten, Meditationes und öffentlichen Ansprachen. In letzteren kamen Politgrößen zu Wort wie der Präsident der Europäischen Kommission Prof. Romano Prodi (via Videoaufzeichnung) oder Mary Hanafin, die irische Staatsministerin als Vertreterin der irischen Präsidentschaft der EU. Waren die Mittagsgebete römisch-katholischen Ordensschwestern vorbehalten, erhielten in den Vespern ökumenische Christen Gelegenheit, sich an die Pilgerschaft zu wenden. Es waren dies Carlos López Lozano, Bischof der anglikanischen Kirche Spaniens, der griechisch-orthodoxe Bischof Athanasios von Achïa und der lutherische Bischof von Porvoo Erik Vikström.

Der Schweizer Bischof Amédée Grab, Präsident des Rates der europäischen Bischofskonferenzen, beschrieb in seiner Predigt die Pilgerreise als Weg der Hoffnung. Noch immer lasse die einheitliche EU-Verfassung auf sich warten. Daher müssen „wir, Pilger der Hoffnung, ... noch mehr ... eine Hoffnung bekräftigen, die [die] Schwierigkeiten politischer, wirtschaftlicher und kultureller Art nicht zu ersticken“ vermag. Die Belgierin Hilde Kieboom der Gemeinschaft St. Egidio unterstrich, dass „wir aus unseren ... Ländern gekommen [sind], um ... für Versöhnung, Einheit und Frieden zu beten.“ Europa stehe vor allem für Frieden, besonders für Friede zwischen Europäern und Friede für Nichteuropäer. Dies dürfe aber nicht über die momentanen Schwierigkeiten in der Welt hinweg täuschen sondern solle die Christen Europas noch mehr anspornen, an ihrem Auftrag zu einem starken, geeinten Europa festzuhalten.


Ökumenisch! – Ökumenisch?


Es fielen noch viele wohlklingende Worte, doch, wie ehrlich waren sie gemeint? Wie ernst ist es der römisch-katholischen Kirche, wenn sie an einem solchen Anlass für Einheit und gegenseitige Akzeptanz aller Menschen in Europa betet, diese aber Glaubensgeschwistern gar nicht attestiert? Wiederholt wurde betont, dass man zusammengehöre, eins sei und aufeinander angewiesen sei. Während der Gottesdienste wurde aber ganz klar differenziert. So waren während der Eucharistiefeiern nur römisch-katholische Priester am Altar zugegen, und auch beim Auszug aus der Kirche nach dem Festgottesdienst in Santiago war kein ökumenischer Geistlicher dabei.

Wie ökumenisch, d.h. wie allgemein und einschließend ist also eine Veranstaltung, zu der zwar Christen verschiedenster Konfessionen eingeladen sind, die dann jedoch mit gemischten Gefühlen an der Kommunion teilnehmen müssen, weil sie dort ja eigentlich gar nichts verloren haben, wie dies der „Heilige Vater“ vor ein paar Tagen erneut bekräftigte? Es scheint, als herrsche hier eine große Diskrepanz zwischen Lehre der Geistlichkeit und Ansicht der Laien.

Schwester Madeleine Fredell von Iusticia et Pax Schweden sprach daher vielen Laien aus dem Herzen. Mit Bezug auf Epheser 2 betonte sie, dass jede getaufte Person von Gott angenommen sei und in den Genuss der Rechte und Pflichten innerhalb des Hauses Gottes komme. Auch wenn Juden, Heiden und Christen unterschiedliche ethnische Wurzeln hätten, gehörten sie gemäß dem Verfasser des Epheserbriefes zur selben Gesellschaft und zu Gottes sozialem wie spirituellem Haus. Christus halte dabei alles zusammen – „nicht wir. Wir können nur ... das Geschenk teilen, das Geschenk Mitbewohner in Gottes Haus zu sein! Diese Freude liegt nicht in Konformität, sondern in einer reichen Verschiedenheit, nicht in Ausgrenzung sondern Aufnahme, nicht in Exkommunikation sondern in Kommunikation, ... in einem Zusammengehen mit gemeinsamen Rechten und Pflichten.“

Aus nicht römisch-katholischer Sicht bleibt ob solcher Worte ein etwas schaler Nachgeschmack zurück, finden sie doch kein Pendant in tatsächlichen Taten. Und doch, die Worte klangen so ehrlich, dass die Hoffnung nicht aufgegeben werden darf, dass die Worte der Laien doch noch in sichtbaren Taten der oberen Geistlichkeit realisiert werden.


Carole Soland