Wertewandel in Europa

Thesen zum Vortrag von Matthias Ring über die Europäische Wertestudie

Pfarrer Matthias Ring hat die wichtigsten Aussagen seines Vortrags beim Internationalen Alt-Katholikenkongress in einem Thesenpapier zusammengefasst, das Christen heute im Folgenden – leicht ergänzt – abdruckt.

0.1. Wertewandel darf nicht mit Werteverfall gleichgesetzt werden.

0.2. Unter „Wert“ verstehen wir an dieser Stelle das, was Menschen bei der Gestaltung ihres Lebens wichtig ist sowie grundlegende Haltungen und Denkweisen.

1. Wie Europa glaubt

1.1. Religiosität

Zwei Drittel aller Europäerinnen und Europäer bezeichnen sich selbst als religiös, nur 5 Prozent als atheistisch. Allerdings gibt es zwischen den Ländern erhebliche Unterschiede.

1.2. Christlichkeit,

persönliche Religiosität

Bei der persönlichen Religiosität lassen sich drei Ausprägungen unterscheiden: sogenannte Christen, die den wesentlichen Inhalten des christlichen Glaubens zustimmen (22 Prozent); Glaubenskomponisten, die esoterische Elemente (Wiedergeburt, Telepathie) mit christlichen und vereinzelt magischen Elementen mischen (47 Prozent); Nichtglaubende bzw. Atheisierende (30 Prozent).

1.3. Kirchlichkeit

1.3.1. Im Schnitt sind in Europa 73 Prozent der Bevölkerung Mitglied einer christlichen Religionsgemeinschaft, allerdings mit erheblichen Unterschieden in den einzelnen Ländern. 20 Prozent gehen an jedem Sonntag zum Gottesdienst, 39 Prozent nie oder fast nie.

1.3.2. Eine hohe Kompetenz wird den Kirchen in personennahen Fragen (Lebenssinn, Moral, Familie) zugetraut. Daraus darf aber nicht gefolgert werden, es würden auch entsprechende Äußerungen erwartet.

1.4. Entwicklungen, Ergebnisse

1.4.1. Europa ist nicht der Kontinent, in dem sich Religion im Niedergang befindet. Was wohl über Jahrzehnte einen Rückgang zu verzeichnen hatte, war die institutionalisierte Form.

1.4.2. Mittlerweile gibt es Anzeichen für eine Respiritualisierung. In mehreren europäischen Großstädten haben sich die religiös-kirchlichen Daten deutlich erholt.

1.4.3. Der religiöse Typus jedes Menschen hängt hauptsächlich vom Land abhängt, in dem er aufwächst und lebt, ist also eine Frage der historisch gewachsenen Kultur.

2. Wie Europa lebt

2.1. Zufriedenheit

Religion schafft nicht zufriedenere oder gar glücklichere Menschen. Der religiöse Typus oder Kirchenzugehörigkeit spielen bei der allgemeinen Frage nach der Lebenszufriedenheit keine Rolle.

2.2. Arbeit

2.2.1. Rund 90 Prozent aller Europäerinnen und Europäer halten Arbeit für sehr wichtig oder ziemlich wichtig. Die Lebenszufriedenheit der Menschen hängt eng mit der Arbeitszufriedenheit zusammen. Männer wie Frauen legen bei der Arbeit vor allem Wert auf gute Bezahlung, gefolgt vom Wunsch nach angenehmen Kollegen und einer interessanten Tätigkeit.

2.2.2. Menschen mit Kirchenbindung verhalten sich in der Arbeitswelt nicht solidarischer als andere.

2.3. Lebensräume

2.3.1. Die Familie rangiert in allen Ländern an vorderster Stelle der Lebensbereiche, noch vor (in sinkender Reihenfolge) Arbeit, Freunden, Freizeit, Religion und Politik.

2.3.2. Die Lebensformen sind vielfältiger geworden, doch die Single-Gesellschaft ist nicht das Ideal, im Gegenteil: zwei Drittel aller Befragten sind der Meinung, um glücklich zu sein, müsse man in einer Ehe oder festen Beziehung leben

2.3.3. Für eine gute Partnerschaft wird an vorderster Stelle gegenseitiger Respekt als wichtig erachtet, gefolgt von Treue und gegenseitigem Verstehen und Toleranz. Dann erst werden Kinder genannt und der sexuelle Aspekt der Beziehung.

2.3.4. Bei den Erziehungszielen stehen an der Spitze Verantwortungsgefühl, gute Manieren und Toleranz. An unterster Stelle rangieren Selbstlosigkeit, fester Glaube und Phantasie. Die eigene religiöse Einstellung übt dabei nur einen geringen Einfluss aus, das heißt, auch für religiöse Menschen ist Glaube kein vorrangiges Erziehungsziel.

2.3.5. Menschen, die man als abweichend in ihrem Verhalten bezeichnen könnte (Alkoholiker, Drogenabhängige, Homosexuelle), werden überall in Europa als Nachbarn stark abgelehnt. Religion oder Kirchenbezug der Befragten spielen dabei keine Rolle.

2.4. Moralität

2.4.1. Über den Schutz materieller Güter herrscht in Europa mehr Konsens als über den Schutz des Lebens. Das dürfte allerdings mit der Komplexität der Lebensfragen zu tun haben.

2.4.2. Die Prognose, wonach es zu einer Verschiebung von sogenannten materialistischen zu postmaterialistischen Werten kommt, konnte nicht bestätigt werden. Als materialistisch wird dabei der Wunsch nach Sicherheit und Stabilität bezeichnet, wobei Fragen der Wirtschaft, inneren Ordnung und der Landesverteidigung im Vordergrund stehen. Als postmaterialistisch gilt der Wunsch nach Freiheit, Selbstverwirklichung und Partizipation.

2.4.3. Bei den Faktoren, die die moralische Einstellung beeinflussen, steht an erster Stelle das Land, in dem man lebt. Bei Fragen der Sexualmoral und Lebensmoral (zum Beispiel Euthanasie, Abtreibung) spielt auch der religiöses Typus eine Rolle, aber nicht oder nur wenig die Konfession.

2.5. Politik, öffentliches Leben

2.5.1. Politik gilt als nicht wichtig; sie rangiert noch hinter der Religion.

2.5.2. In die überkommenen Institutionen haben die Menschen nur schwaches Vertrauen; am stärksten ist es noch in das Bildungswesen und die Polizei, gefolgt von den Kirchen. Die modernen Bewegungen (Umwelt, Friedens-, Menschenrechts-, Frauenbewegung etc.) genießen mehr Vertrauen.

2.5.3. Religiosität und Kirchenbindung haben keine erkennbaren Auswirkungen auf politische Einstellungen oder politisches Engagement.

2.6. Frauen

Es ist eine einheitliche Tendenz zum traditionellen Frauenbild zu erkennen – verstärkt bei religiösen und kirchennahen Menschen.

3. Schlussbemerkungen

3.1. Ein starker Wandel vollzog sich bereits vor der ersten Wertestudie, in den Jahren nach 1967. Damals kam es nicht nur zur Liberalisierung der Wertvorstellungen im Bereich von Ehe und Familie, sondern allgemein zur Abwendung von den so genannten bürgerlichen Tugenden, und es begann ein Prozess der Erosion der Gütermoral. Die traditionellen Werte erleben mittlerweile wieder eine (beschränkte?) Renaissance, aber nicht zu Lasten der neuen Werte.

3.2. Von einigen „liebgewonnen“ Vorurteilen muss man sich verabschieden: Dass das Ende der Religion nur eine Frage der Zeit sei; dass eine Gesellschaft mit zunehmender Modernität auch säkularer werde; dass die Großstädte religionslose Territorien seien; dass religiöse Menschen solidarischer seien; dass religiöser Niedergang notwendig zum moralischen Niedergang führe ... Aber das gilt auch für Hoffnungen, zum Beispiel dass das traditionelle Frauenbild rückläufig sei.

3.3. Geradezu erschreckend ist die geringe Prägekraft des Religiösen in den meisten Bereichen.

Matthias Ring