Hanc igitur oblationem - Einige Anmerkungen zum letzten Bischofsbrief


Joachim Pfützner hatte Unrecht. Als er in der Mai-Ausgabe von Christen heute den neuen Bischofsbrief „Gott traut uns – Wir trauen Gott. Gedanken zum Ehesakrament“ vorstellte, sagte er voraus, dass dieses Schreiben „vermehrt zu kontroversen Diskussionen führen“ werde, gerade weil Bischof Vobbe deutlich Position beziehe bei einem Thema, welches jeden Einzelnen „wesentlich existentieller und unmittelbarer“ berühre als das der anderen Bischofsbriefe. Doch bis heute ist kein einziger Leserbrief dazu eingegangen, weder zustimmend noch ablehnend noch mehr Differenzierung fordernd, eine öffentliche Diskussion über den Brief im eigentlichen Sinn gibt es nicht. Werden am Ende die schön aufgemachten Hefte gekauft, aber nicht gelesen? Sind sie nicht Thema in gemeindlichen Gesprächskreisen? Oder geht es dem Bischof am Ende wie manchem Prediger: Die Sache wird zur Kenntnis genommen („schön gesprochen bzw. geschrieben hat er“), und damit hat es sich?


Das ist umso staunenswerter, als Bischof Vobbe in der Einleitung den Anspruch erhebt, eine alt-katholische Standortbestimmung zu diesem Thema vorzunehmen. Standortbestim-mungen zielen – bei aller zeitlichen Bedingtheit, die ja im Begriff mit enthalten ist – auf eine grundsätzliche Klärung der anstehenden Fragen. Von daher wäre erst recht eine viel stärkere Diskussion des bischöflichen Schreibens auf verschiedenen Ebenen zu erwarten gewesen.


Leseerfahrungen


In Gesprächen habe ich bemerkt, dass es zwei verschiedene Arten gibt, sich mit dem Bischofsbrief auseinanderzusetzen; entsprechend unterschiedlich sind die Leseerfahrungen. Da gibt es die einen, die fragen, welche konkreten Anregungen sie für ihr persönliches Leben entnehmen können. Eine solche Zugangsweise sieht den Text zwar nicht als theologischen Gesamtentwurf, kommt aber vermutlich zu einer weithin positiven Wertung, da Bischof Joachim sich erfolgreich bemüht hat, die Thematik zu erden. Unter diesem Blickwinkel würde ich zum Beispiel die Abschnitte über das „religiöse Leben in der Ehe“ zu den gelungensten Teilen des Briefes zählen. Diejenigen, die so an den Brief herangehen, werden sich nur am Rande fragen, ob es sich beim Gelesenen um die alt-katholische Stellungnahme schlechthin handelt oder ob auch andere denkbar wären.


Die andere Herangehensweise, welches auch die meine ist, unterscheidet sich von der beschriebenen grundsätzlich, indem sie mehr auf die theologische Argumentation gerichtet ist und fragt, ob die dargelegten Positionen wirklich die einzig möglichen sind oder ob auch andere denkbar wären, die mit dem gleichen Anspruch, alt-katholisch zu sein, auftreten könnten. Hand in Hand gehen damit bei mir zwei Beobachtungen: Zum einen sind innerhalb der Utrechter Union recht verschiedene theologische Sichtweisen des Ehesakramentes erkennbar. Zum anderen kann ich mich nicht des Eindrucks erwehren, bei der Ehetheologie im Allgemeinen werde die Logik des Gedankens dem Wünschenswerten geopfert; dies ist etwa bei den Versuchen zu bemerken, die kirchliche Wiederheirat theologisch zu begründen, ohne die Einmaligkeit des Ehesakramentes aufzugeben.


In diesem Sinne möchte ich nun von meiner Leseerfahrung in einigen Stichpunkten berichten, ohne den Anspruch zu erheben, damit „richtig zu liegen“, sondern als ersten Beitrag zur Diskussion.


Ehe und Familie


Der Untertitel des Bischofsbriefes lautet „Gedanken zum Ehesakrament“, de facto handelt es sich aber um Gedanken zu Ehe und Familie. Theologisch sind Ehe und Familie zweierlei: Das eine ist Sakrament, das andere nicht. Im Leben waren beide bislang eng aufeinander bezogen, d.h. man heiratete, um eine Familie zu gründen. Die Theologie der letzten 2000 Jahre hat daher an dieser Stelle wenig differenziert, was dazu führte, dass der Katholizismus – wie Professor Urs Baumann anlässlich der Internationalen Alt-Katholischen Theologenkonferenz 2001 in Prag bemerkt hat – keine Ehetheologie im eigentlichen Sinne, sondern eine Familientheologie entwickelt hat. Erst in den letzten Jahrzehnten, seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil, gibt es im Bereich der römisch-katholischen Kirche den Versuch, nicht mehr in der Zeugung von Nachkommen den ersten Ehezweck bzw. das erste Eheziel zu sehen, sondern in der Liebe der Ehepartner.


Wie Bischof Vobbe in „Gott traut uns“ an verschiedenen Stellen deutlich macht, gehören für ihn Ehe und Familie unauflöslich zusammen, etwa wenn er die grundsätzliche Bereitschaft, Kindern das Leben zu schenken, zu den Merkmalen der Sakramentalität einer Ehe zählt (S. 31) und – negativ gewendet – die mangelnde Bereitschaft hierzu in einer gescheiterten ersten Ehe als einen Grund für die Ermöglichung einer zweiten kirchlichen Trauung nennt (S. 37). Obgleich sich damit Bischof Joachim in Übereinstimmung mit der klassischen Ehetheologie befindet, muss dennoch gefragt werden, ob sich die Sicht der Dinge nicht differenzierter gestalten sollte, denn in unserer Zeit ist zwischen Ehe und Familie eine Kluft entstanden. Aus Ehen werden nicht zwangsläufig Familien, die Entscheidung zu heiraten und die Entscheidung für Kinder sind nicht mehr identisch, sondern müssen vom betreffenden Paar getrennt „ausgehandelt“ werden. Zwar ist nach wie vor für viele Paare der Wunsch nach Kindern bzw. der sich ankündigende Nachwuchs Anlass, zum Standesamt zu gehen, doch immer häufiger bleiben Ehen – auch kirchlich geschlossene – kinderlos. Sind solche Ehen nur in minderer Weise Sakrament? Ist die Bereitschaft, Kindern das Leben zu schenken, wirklich Voraussetzung, damit das Sakrament zustande kommt? Auch die bereits erwähnte Theologenkonferenz formulierte in ihrer Schlusserklärung die Frage: „Wie ist das Verhältnis von Ehe und Familie? Inwiefern ist die Offenheit für Nachkommen konstitutiv für die Ehe?“


Um nicht falsch verstanden zu werden: Natürlich sollte Kirche „Mut zum Kind“ machen (man verzeihe mir diese seltsame Formulierung; mir fällt keine bessere ein) und auch konkrete Hilfen für Eltern anbieten.


Hermeneutische Falle


In meinen Augen gehören die Abschnitte über die biblische Begründung der Ehe zu den problematischen Teilen des Briefes (S. 7-14), was allerdings nicht Bischof Vobbe anzulasten ist. Das Problem liegt in der Materie selbst, denn die Ehe ist kein eigenständiges Thema der Bibel; im Alten Testament findet sich nicht einmal das Wort dafür. Die Ehe kann meines Erachtens auch nicht als Gegenstand der Offenbarung betrachtet werden. Sie ist eine vortheologische Gegebenheit und war als solche eine Selbstverständlichkeit, über die nur reflektiert wurde, wenn es Probleme gab. Von daher finden sich in der Evangelienüberlieferung Aussagen nur im Zusammenhang mit dem Thema „Scheidung“.


Bei der Lektüre der betreffenden Kapitel fragte ich mich, ob Bischof Joachim Vobbe nicht in die hermeneutische Falle getappt ist, d.h. ob er nicht der Versuchung erlegen ist, vor dem Hintergrund unseres Wertempfindens und Eheverständnisses die biblische Überlieferung zu beurteilen. So stellt für ihn das deuteronomistische Geschichtswerk „augenscheinlich einen Rückfall“ gegenüber den „wegweisenden Schöpfungserzählungen“ dar, „wenn den Männern Polygamie ermöglicht, den Frauen dagegen die barbarische Strafe der Steinigung schon für den vorehelichen Verkehr angedroht wird.“ (S. 9) Ein solches Urteil gründet auf zwei Annahmen: Erstens, dass aus den Schöpfungserzählungen die Monogamie zwingend abzuleiten sei (was ich nicht sehen kann, zudem die Texte in einer Zeit entstanden, in der die Monogamie nicht die Regel war) und zweitens, dass die Monogamie über der Polygamie stehe. Letzteres glauben wir in unserem Kulturkreis. Aber dürfen wir diese Sicht auf die biblischen Texte übertragen und zu entsprechenden Werturteilen kommen? Der biblische Endredaktor, der die Texte zusammenstellte, teilte diese Auffassung offensichtlich nicht, sonst hätte er nicht jene Passagen mit aufgenommen, welche die Polygamie als Regelfall in alttestamentlicher Zeit schildern.


Ähnliches ließe sich auch an anderen Stellen beobachten. Bischof Vobbe folgert z.B. aus der ersten Schöpfungserzählung, dass Mann und Frau gleichwertig, aber nicht gleich seien. Damit formuliert er freilich eine neuzeitliche Fragestellung. Mit einem Menschen der Antike – oder selbst noch des Mittelalters? – hätte man sich nicht darüber unterhalten können, ob die Frau dem Mann gleichwertig oder auch gleich sei. Ähnliches gilt für Aussagen über die „Spannung der Geschlechter“ (S. 8) im Sinne einer Geschlechterpolarität. Ich behaupte einfach mal, dass sich der Gedanke der Geschlechterpolarität erst seit der Romantik durchgesetzt hat; die Bibel hingegen geht mehrheitlich nicht von dem Modell der Polarität aus, um das Verhältnis der Geschlechter zu beschreiben, sondern vertritt eine klare Unterordnungs- bzw. Überordnungsvorstellung.


Gültigkeit


Bereits im Hirtenbrief über das Amt hat sich Bischof Joachim dagegen ausgesprochen, von der Gültigkeit eines Sakramentes zu sprechen. Er bezeichnet in „Gott traut uns“ die Fragestellung, was ein Sakrament gültig mache, als „an sich nicht sehr alt-katholisch“. Ähnlich hat er sich schon vor der Gesamptpastoralkonferenz und bei anderen Anlässen geäußert. Ich habe diese Bedenken nie verstanden. Ich halte das Kriterium der Gültigkeit für unaufgebbar, weil ich mich frage, wie es dann noch möglich sein soll, unmissverständlich auszudrücken, ob wir, als alt-katholische Kirche, ein bestimmtes Handeln als sakramental anerkennen oder nicht. Sind z.B. die auf der Donau geweihten Priesterinnen in unserem Sinne Priesterinnen? Das Wort von der Gültigkeit ist in diesem Zusammenhang als theologischer Fachbegriff unaufgebbar.


Familia tua


Erstaunt war ich, im Bischofsbrief keine Auseinandersetzung mit den ehe- und familienkritischen Passagen der neutestamentlichen Überlieferung zu finden. Jesus hat sich ja nicht nur von seiner leiblichen Familie distanziert, mit der er offensichtlich in nicht unbeträchtlicher Spannung lebte. Er hat außerdem erstens eine brisante Verhältnisbestimmung von Jüngerschaft und Familie vorgenommen, wenn er zum Beispiel auf die Vorhaltung, seine Familie stehe vor der Tür, auf seine Jünger verweist: „Das hier sind meine Mutter und meine Brüder“ (Mt 12, 46-50 bzw. Mk 3,31-35, Lk 8,19-21). Zweitens hat Jesus Familie im Kontext des Reiches Gottes und der Nachfolge unter einen kritischen Vorbehalt gestellt, wenn er denjenigen, der „Vater und Mutter mehr liebt“, als seiner nicht würdig bezeichnet (z.B. Mt 10,37). Schließlich muss man sich auch fragen, was es zu bedeuten hat, wenn nur einer unser Vater sein soll, nämlich Gott – und das in einer Gesellschaft, in der die Vaterrolle eine Herrschaftsrolle war.


Erstaunlicherweise hat sich in der kirchlichen Tradition an einer Stelle, wo man es nicht vermuten würde, die Erkenntnis, dass für den Christen nicht die biologisch gegebenen Beziehungen die entscheidenden sind, erhalten: Im römischen Hochgebet. In der Fürbittstrophe „Hanc igitur oblati-onem“ wird darum gebetet, dass Gott das Opfer seiner Gemeinde annehmen möge. Allerdings steht im lateinischen Text nicht „Gemeinde“, stattdessen ist von „familia tua“, also von „deiner“, sprich Gottes „Familie“ die Rede. Die Gemeinde ist die Familie Gottes und die eigentliche Familie des Christen. – Diese Erkenntnis ist nicht identisch mit dem, was in alt-katholischen Kreisen gemeint wird, wenn es heißt, wir seien eine familiäre Kirche, denn damit soll in der Regel nur gesagt werden, dass wir eine kleine Kirche sind, in der fast jeder jeden kennt.


Ich kann an dieser Stelle keine Auslegung der familienkritischen Stellen des Neuen Testamentes leisten. Allerdings frage ich mich, ob diese Botschaft für unsere Zeit nicht notwendiger denn je wäre. Auch wenn es sich zunächst geradezu frevlerisch anhört: Bei aller Hochschätzung von Ehe und Familie muss auch diese irdische Wirklichkeit vor dem Hintergrund des Reiches Gottes relativiert werden. Auf Ehe und Familie sind heute Glücks- und Heilserwartungen gerichtet, die in früheren Generationen Gott und seinem Reich galten. Viele Ehen zerbrechen letztlich an der – vorhersehbaren – Unerfüllbarkeit dieser Erwartungen. In diesem Sinne könnte es durchaus Frohbotschaft für Ehe und Familie bedeuten, diese zu relativieren – so wie Jesus es getan hat.


Matthias Ring


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