Heimat weiterschenken

In der letzten Ausgabe beschrieb Henriette Crüwell das Konzept der Priesterausbildung in unserer Kirche. In den kommenden Monaten will Christen heute dieses Thema vertiefen und bringt deshalb diesmal einen Beitrag aus der Sicht eines Studierenden.

Ich erinnere mich noch gut an den 6. Januar 2000. Ein ganzes Jahr lang, nachdem ich das römisch-katholische Priesterseminar verlassen und mit meiner Frau in eine gemeinsame Wohnung gezogen war, betrieben wir beide eine Art „Gottesdienst-Tourismus“, gingen also mal da, mal dort zur Eucharistiefeier, doch ständig auf der Suche nach kirchlicher Heimat.

An diesem 6. Januar besuchten wir den Gottesdienst in St. Cyprian in Bonn und machten die entscheidende Erfahrung beim Verlassen der Kirche, als uns Pfarrer und Gemeindemitglieder ansprachen und sich für uns interessierten. Wir hatten das Gefühl, nicht begutachtet zu werden, sondern willkommen zu sein. Mit diesem Tag hatten wir eine neue kirchliche Heimat gefunden. Dabei dachte ich nicht daran, das Theologiestudium wieder aufzunehmen. Da ich kein Abitur habe und als (wenn auch recht junger) „Spätberufener“ auf dem so genannten Dritten Bildungsweg studierte, schloss ich ein Studium an der Bonner Uni aus.

Sich Zeit lassen

Bei verschiedenen Gesprächen habe ich dann immer wieder den Satz gehört: Eine Berufung soll man nicht verkümmern lassen. Das fehlende Abitur war dabei dank einer Einstufungsprüfung kein Problem. Aber ich wollte mir Zeit lassen, denn ich hatte Bedenken. Schließlich kannte ich außer der Gemeinde Bonn so gut wie nichts anderes in unserem Bistum. Broschüren zu lesen, das hätte mir nicht genügt. Da ich den Vorteil hatte, wieder berufstätig gewesen zu sein und nicht auf der Straße stehen zu müssen, tastete ich mich langsam vor.

Auch heute, während des Studiums, ist es hilfreich, durch Gemeindebesuche des Seminars, durch Praktika und durch eigene Besuche alt-katholischer Gemeinden auch die unterschiedlichen alt-katholischen „Wirklichkeiten“ kennen zu lernen. Irgendwann musste das Priesterbild, welches ich aus „römischen“ Zeiten mitnahm, mit diesen in unserer Kirche existierenden Wirklichkeiten zusammenkommen. Das Profil des geistlichen Amtes gestaltet sich in unserem Bistum doch in einigen Punkten anders als in der römischen Großkirche. Bischof Joachim Vobbe schreibt dazu in seinem Herdenbrief „Von Amts-Wegen“ (2002) gute und wichtige Gedanken.

Sich begleiten lassen

Ich bin dankbar für die Gespräche mit meinem geistlichen Begleiter, einem erfahrenen alt-katholischen Priester. Mit ihm kläre ich mein eigenes Profil, arbeite an Stärken und Schwächen. Er hilft mir, so manches zurecht zu rücken, was ich bislang nur aus „römischer“ Perspektive betrachtet habe. So bedeutet Priestersein zunächst einen Dienst für die Gemeinde. Während der praktischen Ausbildung im Bistum Rottenburg-Stuttgart predigte ich in vollen Kirchen und unterrichtete in vollen Klassen. Ich musste mir keine Gedanken machen, ob mein zukünftiger Arbeitsplatz wegen mangelnder Mitgliederzahl gefährdet sei. Und auch nicht darüber, ob meine zukünftige Gemeinde mich wirklich gewollt hätte. Ich wäre ein wirklich „Vorgesetzter“ gewesen. Und die lästigen Aufgaben? Nun, da wäre ja noch das Team mit der Gemeindereferentin und dem Diakon gewesen.

Als alt-katholischer Priester hingegen wäre meine Verantwortung, aber auch meine Freiheit um eine gute Portion größer: zu den Menschen zu gehen und nicht zu warten, bis sie kommen, meine Zeit diszipliniert zu nutzen und zu gestalten, unangenehme Dinge nicht einfach delegieren zu können – das sind einige Charakteristika dieses anderen Priester-Profils. Dass ich dabei noch auf dem Weg bin und begleitet werde, ist eine kostbare Erfahrung.

Miteinander Kirche sein

Als Priester wäre ich nicht „die Kirche“. Das Schöne an diesem Beruf ist das Miteinander, das Verwiesensein auf den anderen. Für euch Priester, mit euch Christ, so könnte man es in Anlehnung an den Ausspruch eines Kirchenvaters benennen.

Ein wichtiges Merkmal dieses Miteinanders ist in unserer Kirche das synodale Prinzip, mit dem ich als ehemaliger „Römer“, der doch eher klerikerzentrierte Strukturen gewohnt war, umzugehen lernen muss. Dazu gehört die Tatsache, dass unser Bistum auch eine Kirche der kleinen Wege ist. Man kennt sich eher als in der Großkirche, weiß um die Stärken und Schwächen des anderen und neigt vielleicht auch dazu, den alt-katholischen Priester auszumachen, von dem ich glaube, dass es ihn nicht gibt. Ein Blick in die Gemeinschaft der Geistlichen ist ein Blick in eine Vielfalt von Charakteren mit einer Vielfalt an Begabungen.

Miteinander Kirche sein, das heißt für mich, nicht fertig zu sein. Muss Kirche, muss Gemeinde nicht gerade in der heutigen Zeit der Ort sein, wo Menschen ihre Fragen stellen und ihre Sehnsüchte zum Thema machen dürfen? Der Beruf des Priesters ist für mich gerade deshalb reizvoll, weil ich als Seelsorger in der Kirche Akzente setzen und Räume eröffnen kann, die in anderen gesellschaftlichen Bereichen kaum mehr eine Rolle spielen. Ich kann diese Heimat weiterschenken, die ich selbst gesucht und neu gefunden habe. Ja, Kirche ist etwas Besonderes, eine Alternative, nicht nur zu anderen Konfessionen.

Berufung als Gebetsanliegen

Priester fallen nicht vom Himmel. Darum weiß unsere alt-katholische Kirche ebenso wie die Großkirchen. Wenn der Priester ein wirklich Berufener sein soll, dann bedarf es des Hörens auf diesen Ruf in den verschiedenen Formen der persönlichen Spiritualität, aber auch im Gespräch mit anderen, die diesen Weg schon gegangen sind. Und auch die Gemeinden können dazu beitragen, dass dieser Ruf nicht einfach verhallt, indem sie Mut machen und bestärken und die Sorge um geistliche Berufe zu ihrem Gebetsanliegen machen. Es ist für mich ein schöner Gedanke, dass mich Menschen in ihr Gebet einschließen, so dass ich mit meinen Gedanken, meinen Fragen und meinen Entscheidungen nicht alleine bin.

Stephan Neuhaus-Kiefel