Waren wir nicht schon weiter? - Unterzeichnung der Charta Oecumenica


Als „kirchenpolitischer Höhepunkt des Ökumenischen Kirchentages“ wurde die Unterzeichnung einer „Charta Oecumenica“ durch Vertreter von 16 Mitgliedskirchen der ACK Deutschland gerühmt. Manche ältere und in der Ökumene erfahrene Kir-chentagsteilnehmerinnen und –teilnehmer haben dazu bedauernd festgestellt: Wir waren schon weiter. Von vielen bereits gebahnten und begangenen Wegen und über die Charta hinausreichenden Zielen war in Berlin leider kaum mehr die Rede. So wurden vor einundzwanzig Jahren – im Januar 1982 – in Lima die ökumenischen Übereinstimmungserklärungen „Taufe, Eucharistie und Amt“ der Kommission für Glaube und Kirchenverfassung des Ökumenischen Rates der Kirchen verabschiedet. Sie sind das Ergebnis eines langen Studienprozesses, der bis zur Ersten Weltkonferenz für Glaube und Kirchenverfassung in Lausanne 1927 zurückreicht. Sinn dieser Arbeit sollte es sein, „die Einheit der Kirche Jesu Christi zu verkündigen und die Kirchen aufzurufen zu dem Ziel der sichtbaren Einheit in einem Glauben und einer eucharistischen Gemeinschaft, die ihren Ausdruck im Gottesdienst und im gemeinsamen Leben in Christus findet, damit die Welt glaube.“ So steht es in der Satzung der Kommission.

An den Erklärungen von Lima hat die römisch-katholische Kirche durch offiziell bestellte Kommissionsmitglieder vollverantwortlich mitgewirkt. Nach der Verabschiedung hatten die Lima-Dokumente große Beachtung gefunden und begründete Hoffnungen auf wachsende Einheit zwischen den Kirchen geweckt, sind mit ihnen doch gangbare Wege zur eucharistischen Gemeinschaft und zur gegenseitigen Anerkennung der Ämter gewiesen worden.

Die Evangelische Kirche und die Alt-Katholiken in Deutschland, die anglikanische Kirche von England und die skandinavischen lutherischen Kirchen haben aus Lima Konsequenzen gezogen und sich zu den dort festgestellten gemeinsamen Grundlagen bekannt. Zwischen allen diesen Kirchen wurde daraufhin die gegenseitige Einladung an den Tisch des Herrn ausgesprochen. Anglikaner und Alt-Katholiken stehen schon seit 1931 in voller Kirchengemeinschaft. Die anglikanischen Kirchen von England, Irland Schottland und Wales und die baltischen Lutheraner in Dänemark, Estland, Finnland, Island, Lettland, Litauen, Norwegen und Schweden haben in der Porvoo-Erklärung von 1992 ihre Ämter anerkannt und nehmen gegenseitig an Bischofsweihen teil.

Von diesen Modellen bereits realisierter Einheit wurde beim Kirchentag bestenfalls am Rande gesprochen. Wäre es nicht hilfreich gewesen, sie an einem eigenen Podium vorzustellen und zu fragen, unter welchen Vorgaben sie auch auf andere Kirchen ausgeweitet werden könnten? Von der auf dem Kirchentag unterzeichneten Charta Oecumenica heißt es nur, sie „nimmt auch das langfristige Ziel einer eucharistischen Gemeinschaft in den Blick“. Warum bleibt unerwähnt, dass eine Reihe von Kirchen, deren Vertreter die Charta unterschrieben haben, längst an dieses Ziel gekommen ist?


Wie geht es weiter?


Oftmals wurde in Berlin gefragt: Wann, wo, wie geht es weiter? Viele hatten dabei nur den nächsten gemeinsamen Kirchentag im Blick. Doch es gibt buchstäblich näherliegende Antworten auf die Fragen: wann, wo, wie geht es weiter? Wann? Jetzt. Wo? Dort, wo wir als Christen in der Ökumene am Ort leben. Wie? Nach den biblischen Weisungen, die wir immer wieder neu miteinander bedenken müssen.

Vor mehr als dreißig Jahren sagte ein anglikanischer Bischof: Wenn wir Christen alles miteinander tun, was wir nicht getrennt tun müssen, haben wir ein volles Programm. Und das Trennende verliert immer mehr an Gewicht. Dieses Wort ist unvermindert aktuell. Zu solchem Tun gehören Gesprächskreise am Ort, in denen wir über unsere Übereinstimmungen, nicht nur über unsere Unterschiede sprechen. Es wird sich zeigen, dass Wege zu „versöhnter Verschiedenheit“ kürzer sind, als wir denken, und wir in der Ökumene am Ort die Charta Oecumenica leicht einholen können, nicht aus leichtfertigem Eifer, vielmehr aus der Wiederbesinnung auf die längst gegebenen Grundlagen.


Sigisbert Kraft


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