„Das Wichtigste ist, die Menschen reden zu lassen.“

Erfahrungen aus dem Besuchsdienst

Wie schön, dass sie mich besucht haben. - So oder so ähnlich wird Margret Koch aus der Offenbacher Gemeinde manches Mal verabschiedet. Sie gehört zu den Menschen unseres Bistums, die sich ehrenamtlich im Rahmen eines Besuchsdienstes für ihre Mitmenschen engagieren. Damit spiegelt sie einen kleinen Teil des seelsorgerlichen und diakonischen Handelns unserer Kirche wider. Nicht immer ist es einfach, mit dem Erlebten umzugehen, und die Diasporasituation mit ihren großen Entfernungen macht manchen Besuch zu einem Halbtagesausflug. Doch, so ist sich Margret Koch sicher, der Kontakt zu den unterschiedlichsten Menschen der Gemeinde stellt auch für sie eine große Bereicherung dar. Um mehr über das Thema Besuchsdienst zu erfahren, hat Marion Wenge für den Bund alt-katholischer Frauen (baf) mit Frau Koch ein Interview zu diesem Thema geführt.

baf: Frau Koch, es freut mich, dass Sie sich Zeit genommen haben und ich dieses Interview mit Ihnen führen darf. Seit wann besuchen Sie ehrenamtlich Menschen und wie ist Ihr Engagement in diesem Bereich entstanden?

M. Koch: Seitdem ich Rentnerin bin verfüge ich über viel Zeit. So habe ich mich entschlossen, mich in der Gemeinde zu engagieren. Ich bekomme vieles von der Gemeinde und möchte auf diese Art etwas zurückgeben. Ich habe zunächst gefragt, in welchem Bereich meine Hilfe sinnvoll wäre. Pfarrer Wenge äußerte, dass es ihm eine große Hilfe wäre, wenn ich im Rahmen eines Besuchsdienstes Geburtstagsbesuche übernehmen könnte, da er aufgrund der großen Entfernungen und des damit verbundenen zeitlichen Aufwandes nicht immer alle Geburtstagskinder besuchen könne. Ich konnte dann noch zwei weitere Frauen für diese Aufgabe gewinnen und habe begonnen, einen Besuchsdienst aufzubauen.

baf: Wen besuchen Sie ganz konkret?

M. Koch: Ich besuche Gemeindemitglieder ab 75 Jahren zum Geburtstag. Aus diesen Besuchen sind mittlerweile sogar regelmäßige Kontakte zu Einzelnen entstanden, die sich besonders über mein Kommen gefreut haben, weil beispielsweise keine Angehörigen da und Freunde bereits verstorben sind. Allerdings kann ich nur Gemeindemitglieder, die nicht so weit weg wohnen, regelmäßig besuchen. Ich kenne noch eine ganze Reihe anderer Menschen, die sich auch über einen regelmäßigen Besuch freuen würden. Doch für mich ist es dann schwierig, zusätzlich zu den Geburtstagsbesuchen noch Kontakt zu halten, wenn die Entfernungen zu groß werden.

baf: Können Sie beschreiben, wie Sie sich auf eine Besuch vorbereiten und wie er für gewöhnlich verläuft?

M. Koch: Ich bekomme vom Pfarrer einen Karteikartenauszug, auf dem Name, Adresse und Geburtsdatum stehen, und er teilt mir mit, ob er die Personen schon kennt und schon einmal besucht hat. Dann frage ich ihn, was mich beim Besuch erwartet, wie krank die Menschen sind und was es sonst noch an wichtigen Informationen gibt. Ansonsten lasse ich mich überraschen. Ich nehme einen Ausweis, dass ich von der alt-katholischen Gemeinde komme, und ein kleines Geschenk mit zu jedem Besuch. An der Haustür stelle ich mich zunächst vor und erzähle, dass ich im Auftrag der Gemeinde zum Geburtstag gratulieren möchte.

baf: Wie reagieren die Menschen, die sie besuchen?

M. Koch: Von den meisten Gemeindemitgliedern werde ich herzlich aufgenommen. Die Leute fragen dann schon mal: „Sie machen die weite Fahrt von Offenbach bis hierher, nur um mir zu gratulieren?“ Dann erzähle ich vom Besuchsdienst und komme so mit Ihnen ins Gespräch.

baf: Wie lange dauert für gewöhnlich ein Gespräch?

M. Koch: Das ist sehr unterschiedlich. Ich bin eine viertel Stunde, aber auch schon zwei Stunden bei einem Geburtstagskind geblieben. Das hängt immer von dem Gesprächsbedürfnis der Besuchten ab.

baf: Was bereitet Ihnen Freude am Besuchsdienst? Erinnern Sie sich an ein besonderes Erlebnis?

M. Koch: Mein schönstes Erlebnis war mein zweiter Besuch, bei dem ich einer Frau zum Geburtstag gratulierte, die keine Angehörigen mehr hat und in einem Pflegeheim lebt. Sie hatte früher regelmäßig an den Gottesdiensten in Offenbach teilgenommen und sich nun so unheimlich über meinen Besuch im Namen der Kirchengemeinde gefreut, dass sie Tränen in den Augen hatte. Ihre Reaktion hat mich so froh gemacht, weil ich gerade erst mit dem Besuchsdienst begonnen hatte und mir noch unsicher war, wie ich von den Gemeindemitgliedern empfangen werde. Positive Reaktionen auf meine Besuche machen mich immer froh und die Freude, die ich schenke, kehrt in mein Herz zurück. Es macht mir auch Spaß, mich mit ganz unterschiedlichen Menschen zu unterhalten und ihnen zuzuhören.

baf: Was erschwert Ihren Besuchsdienst? Gibt es schwierige und belastende Situationen?

M. Koch: Zum einen machen die großen Entfernungen und das Fahren in unbekannten Gegenden den Besuchsdienst sehr schwierig. Ich habe mich manches Mal wegen meines schlechten Orientierungssinns verfahren und war so ab und zu auf die Hilfe meines Mannes, der die Karte gelesen hat, angewiesen. Inzwischen habe ich aber ein Navigationsgerät, das alles viel einfacher macht. Aber das sind äußere Schwierigkeiten. Weh tut es, wenn man an der Tür abgefertigt wird. Ich habe es mehrmals erlebt, dass jemand sagte: „Nein, mit Kirche will ich nichts zu tun haben.“ und die Tür wurde wieder zugeschlagen. Ich stand dann dort vor der Tür mit meinem Blumenstrauß; aber auch solche Situationen gehören zu den Erfahrungen, die man macht.

baf: Erinnern Sie sich an ein für Sie besonders bedrückendes Erlebnis?

M. Koch: Ich wollte einen älteren Herrn besuchen und schon die Fahrt war sehr schwierig, da der Mann sehr weit weg wohnte und es heftig schneite. Ich klingelte und eine Dame meldete sich an der Sprechanlage. Sie bat mich in ihre Wohnung und erklärte dann, ihr Mann sei vor ein paar Monaten verstorben. Sie brach in Tränen aus. Es war für mich sehr schwierig mit dieser Situation umzugehen. Ich war sehr lange bei dieser Frau und habe ihr einfach zugehört. Sie hat mir erzählt, wie ihr Mann gestorben ist und wie sehr sie jetzt unter diesem Zustand leidet. Es war eine sehr traurige Situation, auf die ich nicht vorbereitet war, da die Frau die Gemeinde nicht über den Tod ihres Mannes informiert hatte. Ein weiteres sehr belastendes Erlebnis war es für mich, als ich eine Dame zum Geburtstag besucht hatte, der es sehr schlecht ging. Sie lag im Bett und hat ununterbrochen geweint. Sie hatte einen Schlaganfall und konnte nicht mehr sprechen und wurde von ihrer Tochter versorgt. Sie war so unglücklich, dass sie während meines Besuches nur meine Hand gehalten und geweint hat. Da wusste ich nicht so richtig, wie ich reagieren soll. Ich habe ihr die Hand gestreichelt, war bei ihr, aber was kann man dazu groß sagen, wenn es jemandem so schlecht geht. Nach diesem Besuch bin ich selber weinend nach Hause gefahren und habe anschließend mit Pfarrer Wenge über mein Erlebnis gesprochen.

baf: Wie werden Sie bei Ihrer Arbeit unterstützt und gibt es die Möglichkeit sich auszutauschen?

M. Koch: Wir treffen uns alle drei Monate mit Pfarrer Wenge und berichten von unseren Besuchen. Wenn wir Fragen oder Probleme haben, können wir sie miteinander besprechen und der Pfarrer kann uns Tipps oder Ratschläge geben. Aber da ich Pfarrer Wenge auch zwischendurch bei anderen Gelegenheiten sehe, erzähle ich ihm meistens schon dann, was ich erlebt habe und kann mit ihm darüber sprechen. Ich empfinde es als sehr positiv, dass ich jederzeit im Pfarrhaus anrufen und über meine Erlebnisse berichten kann.

baf: Eine spezielle Vorbereitung auf Ihren Dienst gab es aber nicht?

M. Koch: Nein, allerdings kann ich auf meine Erfahrung als Leiterin einer Kindertagesstätte zurückgreifen. Ich habe während meiner Berufstätigkeit zahlreiche Elterngespräche geführt und an Fortbildungen in Gesprächsführung teilgenommen. In diesem Bereich fühle ich mich ziemlich sicher.

baf: Was sind nach Ihrer Einschätzung wichtige Fähigkeiten, die ehrenamtliche Mitarbeiterinnen für den Besuchsdienst mitbringen sollten?

M. Koch: Ich finde, die wichtigste Fähigkeit ist das Zuhören, auf die Menschen einzugehen, sich selbst einmal „draußen“ zu lassen. Ich bin nicht kompetent genug, um Ratschläge zu geben und das ist meiner Meinung nach auch nicht nötig und gewollt. Das wichtigste ist, die Menschen reden zu lassen. Das tut ihnen immer gut – so ist zumindest meine Erfahrung.

baf: Frau Koch, vielen Dank für dieses Gespräch.