Vinzenz von Lerin


Im Laufe der Kirchengeschichte gibt es viele Heilige mit dem Namen Vinzent oder Vinzenz. Am Anfang dieser Reihe steht ein Diakon des Bischofs Valerius von Zaragossa, der in der Verfolgung durch Kaiser Diokletian im Jahre 304 nach einer glänzenden Verteidigungsrede „siegreich“ (das bedeutet Vinzens) den Martertod gestorben ist. Sein Gedenktag ist der 22. Januar, nach ihm wurden viele Kinder genannt, besonders in Spanien und Frankreich. In Deutschland ist vor allem der französische Heilige Vinzenz von Paul (+ 27. 9. 1660) bekannt, der Gründer der Lazaristen, die auch Vinzentiner/innen heißen. Sie sind kein strenger Orden, eher eine Genossenschaft, ein Pflegeverein, der bei seiner Gründung für die Ärmsten in der Gesellschaft gedacht war, so für die Strafgefangenen auf den Galeeren.


Am 24. Mai steht in unserem liturgischen Kalender, ebenso in dem der christkatholischen Kirche der Schweiz Vinzenz von Lerin (frz: Lérins), der sonst in kaum einem der zahlreichen Namenstagskalender und -bücher mehr auftaucht. Was hat es mit diesem auf sich?


Wer die vordere Umschlagseite eines beliebigen Heftes der altkatholischen Internationalen Kirchlichen Zeitschrift (IKZ) genauer anschaut, findet dort ein lateinisches Zitat und darunter den Namen des Autors: Vinzenz von Lerin. Das Zitat lautet auf Deutsch:


„Daran lasst uns festhalten, was überall, was immer, was von allen geglaubt worden ist.“


Vinzenz war ein Gallier, Mönch und Priester, der im Kloster Lerinum auf Saint-Honorat, einer der vier Lerini-schen Inseln an der Süd-Ost-Küste Frankreichs lebte. Dieses Kloster, um 420 gegründet, wurde zusammen mit St. Viktor in Marseille Wiege des südgallischen Mönchtums und Bildungsstätte des westlichen Klerus im 5. und 6. Jahrhundert. Der Theologe Vinzenz verfasste mehrere Schriften, in denen er den wahren katholischen Glauben gegen Irrlehren verteidigte. Bedeutsam ist sein „Commonitorium“, ein Merk- oder Mahnbuch, in dessen zweitem Kapitel das bekannte Zitat steht. Im 29. Kapitel bemerkt der Verfasser, dass seit dem ökumenischen Konzil von Ephesus (431) drei Jahre vergangen seien. So kann das Commonitori-um genau datiert werden. Aus anderen Hinweisen geht hervor, dass Vinzenz das Jahr 450 nicht mehr erlebt hat, also wohl kurz zuvor verstorben ist.


Wirkungsgeschichte


Vinzenz will das „anvertraute Gut“ (1 Tim 6,20), den Glauben, unverfälscht weitergeben in einer Zeit zahlreicher Spaltungen. Den Glaubenskern benennt er mit dem griechischen Wort „dogma“, das ursprünglich eine Lehrmeinung, einen philosophischen Grundsatz bezeichnete und vor ihm in der lateinischen Kirchensprache nicht oder eher im negativen Sinn gebraucht worden ist. Das Commonitorium wurde mehrfach abgeschrieben, vier Handschriften sind erhalten, doch blieb es bis in die beginnende Neuzeit nahezu unbeachtet. Die mittelalterlichen Theologen verwendeten das Wort Dogma nicht, sie sprachen von der „katholischen Wahrheit“ oder von der „Glaubensartikeln“ oder von der katholischen Lehre, der „doctrina catholica“.


Im Jahre 1528 erschien das Commonitorium erstmals im Druck, es folgten zahlreiche Auflagen und Übersetzungen. In den Auseinandersetzungen um den wahren „katholischen“ Glauben in der Reformationszeit machten es sich alle Parteien zu eigen, um ihre Position zu bekräftigen. Ähnliches geschah nochmals im 19. Jahrhundert innerhalb der katholischen Kirche, als es um die neuen Dogmen Pius IX. ging. So erklärte die katholische theologische Fakultät an der Münchner Universität, die „Unbefleckte Empfängnis Mariens“ sei eine „sententia pia“, eine fromme Meinung, aber kein Dogma, kein von Gott geoffenbarter Glaube. Der Nachweis war leicht zu führen, dass dieser „Glaubenssatz“ weder immer noch überall noch von allen geglaubt worden ist.


Ähnlich argumentierten Ignaz Döllinger und andere Theologen, die eine Dogmatisierung der Unfehlbarkeit des Papstes und seines Jurisdiktionspri-mates ablehnten. Die römische Seite verwies auf Kapitel 23 des Commonitoriums, wo vom Wachsen und von der Entfaltung des Glaubens die Rede ist und verteidigte die neuen Dogmen als eine solche Entfaltung. Jedoch ein Samenkorn, das entfaltet, was in ihm angelegt ist, kann kein neues Gewächs aus sich hervorbringen.


Heutige Theologie


Die wachsende Kenntnis von der Vielgestaltigkeit der alten Kirche gebietet, heute vorsichtiger mit dem Satz des Vinzenz von Lerin umzugehen. Die alte Kirche war keineswegs so einheitlich und ideal, wie es manchmal gerne gesehen wird. Und selbst die bis heute allen gemeinsamen Glaubensbekenntnisse und Aussagen der ersten ökumenischen Konzile sind der Auslegung bedürftig im Blick auf das damalige Weltbild und die antike Philosophie. In jeder Zeit und an allen Orten haben die Christen den Auftrag, den christlichen Glauben in ihr Leben zu übersetzen und weiter zu geben. Die Vielfalt und Unterschiedlichkeit der Glieder an dem einen Leibe Christi darf aber nicht gleichgeschaltet, die Fülle der Gaben des Geistes nicht in einer „Einheitskirche“ egalisiert werden. Hier gilt, was im dritten und letzten Satz des Abkommens zwischen der Anglikanischen Kirchengemeinschaft und den Kirchen der Utrechter Union so formuliert ist:


„Interkommunion verlangt von keiner Kirchengemeinschaft die Übernahme aller Lehrmeinungen, sakramentalen Frömmigkeit oder liturgischen Praxis, die der anderen eigentümlich ist, sondern schließt in sich, dass jeder glaubt, die andere halte alles Wesentliche des christlichen Glaubens fest.“


Und wenn dann noch die Einsicht wächst, dass wesentliche Glaubensaussagen unterschieden werden müssen von rechtlichen Ordnungen und Satzungen der einzelnen Kirchen, dann wäre die Ökumene einen großen Schritt weiter.


Daran lasst und festhalten, was immer, überall und für alle der wahre christliche Glaube ist, aber doch nicht an Ordnungen, die immer wieder der Veränderung bedürfen.


Mehr dazu bei Martin F.G. Parmentier: Ignaz von Döllinger und Vinzenz von Lérins, IKZ (1991), 41-58.


Erentrud Kraft


zurück zum Online-Archiv