Von der „Wellness“ zur „Holiness“ - Der neue Bischofsbrief betrachtet die Krankensalbung


Medikamente sind teuer geworden. Selbst wenn die Krankenkasse ihren Teil dazutut, müssen wir inzwischen einiges berappen, um die Kosten zu begleichen. Hinzu kommen die zehn Euro Praxisgebühr, die seit dem 1. Januar anfallen. Da wundert es nicht, dass wir den Sektor Medizin vor allem von seiner finanziellen Seite aus betrachten. Um so mehr kann es berühren, wenn Bischof Joachim Vobbe in seinem diesjährigen Brief an die Gemeinden vorschlägt, die Einnahme von Medikamenten mit einem Dankgebet zu begleiten: „Gott, ich danke dir. Die Medizin ist mir lästig, ja. Aber was wäre mein Leben ohne sie? Ich danke dir, dass ich dich in der heilenden Kraft der Medikamente, in der Kunst meiner Ärzte, in den Fortschritten der Forschung erfahren kann. Ich danke dir für alles Leid, das gelindert werden kann.“


Inhalte


Es ist richtig: Zwischen der alltäglichen Einnahme von Medikamenten und dem Heilsbemühen der Kirche klafft ein tiefer Graben. Diesen zuzuschütten und zu überbrücken ist eines der Anliegen des neuesten und – weil damit die Reihe der Sakramente abgeschlossen ist – vorerst letzten bischöflichen Schreibens dieser Art. Ein anderes bemüht sich vor dem Hintergrund der Tatsache, dass Krankheit und Sterben oft „in ausgegrenzten, vom übrigen Leben abgetrennten Räumen stattfinden“, um Sensibilisierung für die Welt der kranken und sterbenden Menschen. Auch mit sogenannten „Nah-Todeserfahrungen“ setzt sich der Bischof auseinander, überzeugt davon, dass ihre Erforschung „uns noch auf ganz andere, unmittelbar religiöse Zusammenhänge verweisen wird“. Anhand von Betrachtungen der Isenheimer Altarbilder von Matthias Grünewald greift er schließlich die Theodizeefrage auf: „Wo warst du, Gott? ...Warum... gerade ich?“ Allein dieser am ausführlichsten angelegte Teil des Briefes ist schon wegen seiner spirituellen Tiefe lesenswert. Es ist, als nähme Bischof Joachim uns mit auf eine wichtige Entdeckungsreise, die sich „den rätselhaften Tiefenschichten des ungerechten Leidens, der unerlösten Qual, der unerledigten Schuld und des scheinbar wahllos, mal gnädigen, mal gnadenlosen Todes“ stellt.


Wie bei den früheren Bischofsbriefen auch, geht es los mit einer äußeren Beschreibung dessen, was bei der Feier des Sakraments, im aktuellen Fall der Krankensalbung, vor sich geht, und einem kurzen Überblick über deren Praxis in den verschiedenen christlichen Kirchen. Dem schließt sich – auch das entspricht dem Duktus der bisherigen Schreiben – eine biblische und kirchengeschichtliche Betrachtung an. Dabei klingt unter anderem die Problematik der „letzten Ölung“ an, die die Alt-Katholiken schon 1876 erkannt haben, die insgesamt aber erst im 20. Jahrhundert aufgrund der Erkenntnisse der liturgischen, medizinischen und psychologischen Forschung eine Lösung erfahren hat.


„Vorsakramentale“ Erfahrungen


Besondere Aufmerksamkeit schenkt der Bischof dann dem bei der Krankensalbung verwendeten Öl und dem Organ, mit dem es in Berührung kommt: der Haut. Der Betrachtungsweg führt – wie der Vorgang der Salbung – von außen nach innen. Er beschreibt gut nachvollziehbar das dabei entstehende Wohlgefühl und geht sensibel auf die Nähe-Distanz-Fragen ein, die mit solchen fast schon intimen Berührungen verbunden sind. In diesen Bereich gehört auch der religiöse Hintergrund: Ist er vorhanden, rät Bischof Joachim zu einem abschließenden Gebet, zum Beispiel: „Menschenfreundlicher Gott, du hast keine Berührungsängste. Du bist mir nahe wie dieses Salböl. Entspanne mich, beruhige mich, lass mich in dir geborgen sein.“ Die Sammlung solcher „Wellness-Erfahrungen“ hält Joachim Vobbe für wichtig. Deshalb regt er an, in den Gemeinden „Massagefachleute, Fachleute aus dem Kosmetikbereich und aus dem medizinisch-psychologisch-pastoralen Bereich ein(zu)laden, um sich in der Vielfalt und der Anwendung von Salben kundiger zu machen und sie wieder auf ihren religiösen Hintergrund hin zu öffnen.“ Dann werde Wellness zur „Wholeness“ (der gegenseitigen Hilfe zur Ganzheit) und ließe sich abrunden mit „Holiness“ (dem Hinweis auf ein Heil, das nur Gott ganz schenken kann).


Bischof Joachim zeichnet mit diesen Anregungen einen „vorsakramentalen“ Weg, der zu einem besseren Verständnis und zu einer verstärkten Akzeptanz der sakramentalen Krankensalbung führen kann. Dazu gehört auch, über die Gemeindegottesdienste einen „Zugang zur Wohltat der Salbung“ zu eröffnen. Der Bischofsbrief enthält in diesem Zusammenhang, aber auch im beigefügten Materialteil wertvolle praktische Vorschläge. Nachdenklich stimmen die Ausführungen über die Unterscheidung dessen, was in Salbungsgottesdiensten und religiös gedeuteten Einzelsalbungen geschieht, und dem, was die Kirchen als Sakrament der Krankensalbung bezeichnen. Hier zeigt sich nämlich die Schwierigkeit, dass die eine Form der anderen mitunter sehr nahe kommen kann. Trotzdem gibt es diesen Unterschied. Bischof Joachim beschreibt ihn juridisch: „Sakramental“ werde eine Handlung normalerweise dadurch, dass sie eindeutig durch die Kirche geregelt ist und „unabhängig von der persönlichen Einstellung eines einzelnen Menschen oder Gremiums“ als Erfüllung des Auftrags Jesu erkennbar wird.


Die Krankensalbung als Sakrament


Auch die sakramentale Krankensalbung soll nach Ansicht des Bischofs regelmäßig in Gemeindegottesdiensten gefeiert werden. Wieder hält er dazu praktische Anregungen bereit, die in den Gebeten des Materialteils ihre Ergänzung finden. Wichtig ist ihm der individuelle Bezug des Sakramentes, der auch in der gemeinschaftlichen Feier zum Ausdruck kommen müsse: Die Teilnahme an der Krankensalbung liege im persönlichen Ermessen der Gottesdienstmitfeiernden; sie könne deshalb nicht auf ernste oder gar lebensbedrohliche Krankheiten eingeschränkt werden. Und die Salbung selbst gelte dem/der Einzelnen: deshalb solle sie in der persönlichen Ansprache unter Nennung des Vornamens und mit angemessener Zuwendung erfolgen, das heißt, es muss auch in der gemeinschaftlichen Feier Zeit für Handauflegung und Salbung vorhanden sein; „schnell machen“ wirkt hier kontraproduktiv.


Macht der Glaube gesund?


Bevor Bischof Joachim in einem längeren Kapitel (den Überschriften nach sind es drei) die Welt der kranken und sterbenden Menschen beschreibt und dazu eine Fülle von praktischen seelsorglichen Anregungen bereit hält – zum einen, um den Seelsorgern einen Maßstab zur Hand zu geben, an dem sie ihre Praxis in der Krankenseelsorge überprüfen können, zum anderen, um (pflegende) Angehörige mit der urtypischen Aufgabe der Kirche, sich insbesondere den Kranken und Sterbenden zuzuwenden, vertraut zu machen – lässt er sich auf die spannende Frage ein, ob Glaube gesund macht. Dabei nimmt er kein Blatt vor den Mund: „Auch die Kranken, die Jesus geheilt hat“, schreibt er, „sind irgendwann gestorben.“ Was „leisten“ Gebet, Handauflegung und Krankensalbung? Wer sich hier von der Ebene der Realität entfernt und möglicherweise Wunder verspricht, die alle medizinischen Einschätzungen hinter sich lassen, handelt als Scharlatan im religiösen Gewand. Der Bischof verschweigt in diesem Zusammenhang nicht, dass sich „bisweilen wider Erwarten religiös angestoßene Gesundungsprozesse (ereignen), die auch für die Medizin unerklärlich bleiben“. Aber solche Ereignisse seien sehr selten und offensichtlich nicht kalkulierbar. Viel häufiger dagegen komme es vor, dass seelsorgliche Handlungen (der Bischof nennt außer den bereits erwähnten noch Kommunionempfang und Segen) „eine deutlich innere Stärkung des Patienten“ in Gang brächten.


„Nicht heillos krank“ überschreibt Joachim Vobbe seine „Betrachtungen zum Sakrament der Krankensalbung“. Wieder legt er damit ein Sprachspiel vor, das in sich schon nachdenklich macht und das Grundanliegen des Briefes verrät. Es geht um Hoffnung und Stärkung, um die Botschaft, weiter zu sehen, als eine Krankheit oder gar die Sterbestunde es signalisieren. Auch dieser letzte Bischofsbrief in der Reihe der Sakramentsbetrachtungen hält wieder eine Fülle von Gesprächsanregungen bereit. Wichtiger aber ist, seine Anliegen in den Gemeinden umzusetzen. Und da liegt eine abenteuerliche, aber sicher auch beglückende Wegstrecke vor uns.

Joachim Pfützner


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