Rituelle Selbstbedienung? - Jüdische Pessachfeier in christlichen Gemeinden


Dass das heilige Spiel der Liturgie eine ernste Sache ist, lässt sich schon bei Guardini nachlesen. Auch, dass sich darüber trefflich streiten lässt, verwundert nicht, schließlich ist „die Liturgie das, was gegenwärtig am ehesten christliche Identität verbürgt und sichtbar macht“ (Hermann Kurzke).

In vielen christlichen Gemeinden ist es in den vergangenen Jahren üblich geworden, am Gründonnerstag eine Liturgie in Anlehnung an die jüdische Pessachfeier, den Seder Pessach, zu begehen. Dieses liturgische Experiment ist aber nicht unumstritten, und es gibt eine nicht unbedeutende Zahl katholischer und evangelischer Liturgiewissenschaftler, die davor warnen, eine zentrale liturgische Feier einer anderen Religion einfach nachzufeiern und damit leichtfertig zu vereinnahmen. Ich selbst habe in meinem Studium Theologieprofessoren erlebt, die dies als ein „liturgisches Auschwitz“ oder bestenfalls als „religiösen Mummenschanz“ bezeichneten und harte Worte hierfür fanden. Es ist offenbar, dass eine solche „christliche Pessach-Haggada“ ein heißes Eisen ist und auch die Medien greifen diese Thematik immer wieder auf, wie z. B. Ostern 2001 die FAZ. Es mag nicht überraschen, dass dies häufig von Polemik begleitet ist.


Die Frage nach dem Ursprung


Für viele Christen ist der Gedanke faszinierend, das nachzuvollziehen, was Jesus bei seinem letzten Abendmahl feierte. Die theologische Wissenschaft ist sich jedoch einig, dass weder am Ursprung der christlichen Eucharistie noch am Ursprung des christlichen Osterfestes ein Vorläufer der Pessach-Haggada stand. Wohl definieren die Synoptiker das letzte Abendmahl Jesu als Pessachmahl, doch gibt es in der Zeit vor 70 keinen Hinweis darauf, dass ein der Pessach-Haggada vergleichbarer Text beim Mahl rezitiert worden wäre. Der Glaube, dass man sich durch die Feier des heutigen Pessach dem Geschehen beim Letzten Abendmahl geistlich oder rituell nähern könne, ist durch die Forschung leider überholt. Man findet in der Literatur in diesem Zusammenhang sogar provokante und zynische Worte, die die Feier muslimischer oder gar hinduistischer Rituale am Gründonnerstag empfehlen.


Ein antichristliches Fest


Es überrascht, dass das jüdische Pessach in seiner heutigen Form ursprünglich als antichristliches Fest konzipiert worden ist. Auch wenn die Polemik gegen das Christentum in den liturgischen Texten nicht offen zutage tritt, so sehen die Experten in der Auswahl der speziellen Textelemente eindeutige Hinweise darauf. So werden z. B. in der Mischna vorgeschriebene Textstellen in der Pessach-Liturgie nicht verwandt, da sie damals von christlichen Autoren belegt waren. Man wich aus Animosität auf andere Texte aus.


Das Fehlen des Lammes


Oftmals vermitteln „christliche Pessachfeiern“ den Eindruck, als ob die Juden heute noch Pessachlämmer schlachten würden. Seit der Zerstörung des Tempels im Jahre 70 n. Chr. wurde nicht mehr geschlachtet, weil das Pessachopfer nur im Tempel vollzogen werden konnte. Pessach ist heute kein Fest der Gemeinde, sondern ein häusliches Familienfest. Speziell für Personen ohne Familien bieten jüdische Gemeinden Gemeinde-Sederfeste an. Anstelle des Pessach-Lammes liegt heute auf dem Sedertisch ein Stück gegrillter Knochen mit etwas Fleisch. Eine Tatsache, unter der gläubige Juden zutiefst leiden. Die Herzmitte des jüdischen Pessach ist durch das Fehlen des Lammes gestört. Umso mehr erscheint es befremdlich, wenn bei „christlichen Pessachfeiern“ ganze Lämmer gebraten und verzehrt werden.


Liturgisches Spiel oder Mitvollzug?


Es stellt sich bei der Begehung des Pessach-Festes die Frage nach der liturgischen Bedeutung. Gertrud Kellermann hält hierzu fest: Feiert man Pessach wirklich als „eigenes“ Fest, bedeutet dies, in die Rolle der Juden zu schlüpfen. Oder „spielt“ man Pessach nach, weil es einfach eine schöne Sache ist? Falls man Pessach ernsthaft feiert, muss man sich fragen lassen, ob man als Christ folgende Punkte überhaupt mitvollziehen will oder kann.


„ ...der uns durch seine Gebote geheiligt und uns befohlen hat, alles Gesäuerte wegzuräumen.“ Tun wir das?

„ ...der uns aus allen Völkern erwählt hat, uns mehr heiligt als alle anderen Völker.“ Können wir das auf uns beziehen?

„ ...der uns am Sabbat und die heiligen Festtage mit Freude und Wonne zu eigen gegeben.“ Können wir das mitsprechen, obwohl wir nicht den Sabbat oder andere jüdische Feste feiern?

„So hast du dein Volk Israel durch deine Heiligkeit abgesondert und geheiligt.“ Können wir uns da einschließen?

„Knechte waren wir in Ägypten. Da führte uns Gott heraus mit starker Hand.“ Sind wir damit gemeint?

„Auch uns hat er erlöst und von dort weggeführt ... aus der Sklaverei zur Erlösung.“ Glauben wir an die „Erlösung“ Israels - oder meinen wir, die Erlösung bedarf der Tat Jesu?

Wenn es in der Haggada heißt: „In jedem Zeitalter stand man wider uns auf, uns zu vernichten. Und der Heilige, gelobt sei er, rettete uns aus ihrer Hand“, dann denken Juden heute an Auschwitz. Beten wir es mit, wie gehen wir dann damit um? Schleichen wir uns da nicht auf die Opferseite?


Pietät und Rücksicht


Ein „christliches Pessach“, das ruft bei vielen Juden Entsetzen und Aggression hervor, erscheint es ihnen doch so, als wollten Christen wieder einmal den Platz der Juden als Gottes Volk einnehmen. Landesrabbiner Henry G. Brandt äußerte vor einiger Zeit seine Meinung zu christlichen Pessachfeiern und stellte Folgendes fest: Am Sederabend feierten die Juden ein nationales Fest, die Volkwerdung Israels aus verschiedenen Stämmen. Es sei ein Fest für nichtreligiöse wie religiöse Juden. Wer jedoch nicht zum Volk Israel gehöre, könne nicht einfach paulinisch - mit dem Hinweis auf die Abrahamskindschaft dem Geiste nach - die Sederfeier begehen wie die Juden, deren Ahnen tatsächlich - zumindest im Bewusstsein der Juden - die Patriarchen und die Exodusgemeinde seien. Zunächst sei vom biblischen Text her die Beschneidung Voraussetzung zur Teilnahme am Pessach-Opfer gewesen, doch bereits seit langem pflegen Juden den Brauch, Nichtjuden zur Teilnahme am Sedermahl einzuladen. Das wäre ein gangbarer Weg des verbindenden Miteinanders. Es spreche nichts gegen ein Erklären jüdischer Feste und Gebräuche und gegen ein Erzählen. So könnten ausgewählte Texte jüdischer Feiern vorgetragen, Objekte und Symbole gezeigt werden. Es dürfe jedoch nie der Eindruck erweckt werden, die Gruppe würde damit selbst das Sedermahl feiern. Eine Gleichsetzung mit dem jüdischen Volk sei nicht statthaft.


Unterlaufen christlicher Liturgie


Von einigen Theologen wird die Pessachfeier am Gründonnerstag als liturgischer Teufelskreis betrachtet. Zum einen seien Pessachfeiern wichtige Hinweise auf liturgische Mankos in unserer eigenen Gottesdienstpraxis - Pessachfeiern also ein Ausdruck der Suche nach dem Außergewöhnlichen. Zum anderen werde die christliche Zentralfeier unterlaufen, wenn ihr eine andere Feier an die Seite gestellt werde, die dann mit besonderer Liebe und großem Aufwand vorbereitet wird und die, weil sie nicht so vertraut ist wie eine katholische Eucharistiefeier, von vornherein ein stärkeres Erlebnis darstelle. Hier sei es Aufgabe der Liturgen, dafür zu sorgen, dass das originär Außergewöhnliche des Osterfestes in ihr selbst zum Ausdruck komme, nicht aber in einer Verfremdung. Eduard Nagel formuliert es so: „Wohl kaum käme einem Angehörigen einer anderen Religion in den Sinn, die zentralste Feier des eigenen Glaubens durch Anleihen aus einer anderen Religion zu konterkarieren oder gar überbieten zu wollen“.


Doch ein „christliches Pessach“?


Soweit die vernichtenden Worte der theologischen Experten. In der Literatur gibt es leider kaum ernstzunehmende Gegenargumente. Dennoch könnte ich mir vorstellen, dass Pessach von Christen begangen werden kann, als Ausdruck von Interesse, Annäherung und Hochachtung. Einer solchen Pessachfeier könnte es z.B. darum gehen, die jüdischen Wurzeln christlicher Eucharistie auf sinnenfällige Weise deutlich zu machen, ohne dabei eine liturgische Feier einer anderen Religion „nachzuspielen“. Es müsste aber stets darauf hingewiesen werden, dass kein jüdisches Fest „nachgefeiert“ werden solle, sondern hörend und feiernd etwas von den Wurzeln der christlichen Eucharistiefeier erfahrbar gemacht werde. Hierbei wäre eine dauernde begleitende Kommentierung unabdingbar. Historische und exegetische Hintergründe müssten erläutert, Verbindungslinien als auch Unterschiede in der Reihe „jüdisches Pessach - letztes Mahl Jesu - christliche Eucharistiefeier“ aufgezeigt werden. Trotz alledem wäre ein solches Experiment eine wahre Zitterpartie. Eine authentische Sederfeier werden wir wohl nur dann erleben, wenn wir von Juden dazu eingeladen werden. Vielleicht bietet sich über unsere neue Mitgliedschaft in der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit ein solches Angebot. Es ist sinnvoll, „dass Juden und Christen mehr übereinander lernen und gerade aufgrund ihrer Verwandtschaft ihr jeweiliges Selbstverständnis respektieren und akzeptieren“, betont Henry G. Brandt. Zu meinen, wir glaubten eigentlich so ziemlich alle das gleiche, sei ein Irrweg. Seit Paulus hätten Juden und Christen ihre Identität weiterentwickelt, die man nicht nivellieren könne. So plädiere er dafür, dass Christen und Juden den Reichtum ihrer eigenen Gesten ausschöpfen - auch in Gegenwart der anderen.

Edle Motive


Die Problematik des christlichen Pessachfestes birgt die Gefahr der Polarisation in sich. Da gibt es die, die mit erhobenem Finger mahnen und moralisieren - die Besserwisser. Auf der anderen Seite stehen jene, die sich angegriffen fühlen und sagen: Jetzt erst recht. Ich denke, beide Haltungen werden der Sache nicht gerecht. Es ist wichtig, sich vor Augen zu halten, dass hinter jedem Sedermahl, das eine christliche Gemeinde feiert, immer eine gute Absicht steht: der Wunsch nach liturgischer Feierlichkeit, der Wunsch nach Rückbesinnung auf unsere jüdischen Wurzeln, der Wunsch, Gott auf eine ganz anderen Art und Weise zu begegnen. Ich denke, diese ehrlichen und edelsten Motive werden von Gott gewürdigt und dürfen auch von Theologen nicht übergangen werden. Aufgrund der Sachlage ist dennoch zu überlegen, ob wir nicht doch die vielseitigen Angebote unserer Gründonnerstagsliturgie nutzen und uns im Anschluss daran einen saftigen Lammbraten schmecken lassen.


P.S.: Auf eine Diskussion freue ich mich sehr!


André Golob


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