Freunde von Masasi - 3. Teil des Reisetagebuches von Dr. André Golob

Den Kopf an die Scheibe der winzigen Propellermaschine gelehnt gehen mir die Bilder des vergangenen Abends in Dar-es-Salaam durch den Kopf. Ich sehe die kleine Benediktinerin mit der strengen Brille, wie sie betend und spuckend auf dem Tisch steht und versucht, eine grüne Mamba zu erledigen - ein ungleiches Duell. „Eine Art Exorzismus“, schoss es mir in den Sinn, und ich betrachtete den zischenden kleinen Lindwurm, den trotz aller Gegenwehr ein tödlicher Hieb der Ordensfrau dahinstreckte. „Es macht Sinn, morgens die Schuhe auszuklopfen“, kommentierte Dirk Jüttner betont gelassen. Er hatte die Schlange in seinem Zimmer entdeckt und wollte es verständlicher Weise nicht mit ihr teilen. Nach diesem Abendprogramm durchkämmte ich erst einmal die eigene Unterkunft bis in jede Ritze, ohne jedoch auf vergleichbar Bedrohliches zu stoßen.

Nun kreisen wir über Masasi, einer tansanischen Diözese, ungefähr dreimal so groß wie Holland. Auch dort empfängt man uns sehr herzlich, allen voran Basil Mkata, der Bistumssekretär für das Gesundheitswesen. Mkata, der viele Jahre als Ausbilder im medizinischen Bereich tätig war, hat die Supervision über drei Dispensaries, sogenannte medizinische Auffangstationen, die unser Bistum seit vielen Jahren erfolgreich unterstützt. Bischof Patrick Mwachiko selbst lässt sich entschuldigen, er nimmt zur Zeit an einer Synode teil. Wir werden ihn aber später kennenlernen.

Bischofsexpedition

„In Memory of the Friends of Masasi“ (dt.: in Gedenken an die Freunde von Masasi) steht in großen Lettern über dem Eingang des Gästehauses der Diözese. Doch die scheinbar „verblichenen Freunde“ aus England unterstützen auch heute noch das Bistum im Süden Tansanias. Von der Veranda des Gästehauses aus hat der Besucher einen Blick auf die imposante neoromanische Kathedrale von Masasi, deren Grundstein Bischof Hine im Jahre 1905 gelegt hat. Die Geschichte des Bistums ist spannend und eng verknüpft mit dem Kampf gegen die Sklaverei. 1875 unternahm Edward Stere, der erste Bischof Masasis, eine mühsame Pionierexpedition, um befreite Sklaven aus Sansibar in ihre Heimat im Nyassaland, zurückzuführen. Es waren 59 Personen, allesamt Katechumenen, die sich auf den tausend Kilometer langen und beschwerlichen Weg machten. Sie schafften es nicht bis dahin, denn der Weg war zu strapaziös und die Lebensmittelvorräte gingen zur Neige. Durch den dichten Mwera-Busch hindurch erreichte die Karawane mit letzten Kräften die Ortschaft Masasi. Und da der dortige Stammeshäuptling Namkumba selbst einmal aus den Fängen skrupelloser Sklavenhändler befreit worden war, gewährte er den erschöpften Menschen Obdach und erlaubte ihnen, sich anzusiedeln. So entstand nach kurzer Zeit ein Christendorf mit einer kleinen Kapelle südlich des Ruiji-Flusses. Der Grund für das Bistum Masasi war damit gelegt. Sitz des heutigen Ordinariates ist der Ortsteil Mtandi. Er wird geprägt von einer gigantischen Steinformation im Westen und einer Anzahl riesiger Mangobäume, umlagert von aufdringlichen Pavianhorden. Nachts hört man die Schreie der Buschbabies, putzige Gesellen mit weichem Fell und großen schwarzen Glupschaugen, und ab und zu das markerschütternde Brüllen der Leoparden. Auch die CMM-Schwestern, die in der Verwaltung des Bistums ihren Dienst tun und dort ein kleines Häuschen mit Garten besitzen, haben dieses Jahr eine Kuh und ein kleines Kätzchen an die Leoparden verloren.

Mutter Lia

Wir überqueren eine der 16 Behelfsbrücken in Richtung Mtwara, die 1990 nach der großen Überschwemmung von Italienern notdürftig errichtet wurden. Damals riss die Regenflut alle Brücken und viele Menschen mit sich. Man kann kaum glauben, dass Wasser hier zu einer unerwünschten Angelegenheit werden kann. Unten im Flussbett versuchen junge Frauen, Kleidung in einem schlammigen Rinnsal zu waschen, etwas oberhalb schöpft man aus der spärlichen Brühe Trinkwasser. Das feuchte Nass ist zur Zeit knapp und auch die Cashew-Ernte, neben Gewürzen, Obst, Tee und Sisal eine der Haupteinkunftsquellen in Tansania, ist dieses Jahr stark gefährdet. Wir sind auf dem Weg nach Rondo, dem Sitz von Priesterseminar, Secondary-School (Gymnasium) und einer Dispensary des Bistums. Nach einigen Meilen machen wir einen Zwischenstopp beim Benediktinerkonvent in Ndanda. Wir wollen dort eine Freundin des Bistums treffen, Schwester Lia. Wo es um die Bekämpfung von Not und Leid geht, verlieren Konfessionsgrenzen ihre Bedeutung. Man solidarisiert sich zum Wohle der Bedürftigen. Schwester Lia (93), die mich an Mutter Teresa erinnert, stammt ursprünglich aus Franken. Seit 52 Jahren leitet sie eine der größten Leprastationen Afrikas. Früher hatte sie fast sechshundert Patienten zu versorgen, heute sind es gerade einmal fünfzig. „Trotzdem“, so sagt sie, „ist die Krankheit nicht besiegt, aber man kann sie heilen.“ Insgeheim rüstet sich die betagte Nonne, der von Prinz Charles persönlich ein hoher Orden des Empires überreicht wurde, für den Kampf gegen Aids – „den Aussatz der heutigen Zeit“, wie sie sagt. Die Energie dazu traue ich ihr zu. „Mutter Lia“ so sagt uns Dirk Jüttner, „ist in Tansania beliebt und bekannt wie kaum eine andere“. Sie sei so prominent, dass die Angabe „Schwester Lia in Tansania“ auf einem Briefkuvert ausreiche, um bei ihr anzukommen. Das spricht für sich.

Rondo

Auf einer Anhöhe des Makonde-Plateaus liegt Rondo, der Sitz des Bischöflichen Internats. Zur Zeit herrscht eine idyllische Stille, denn die Schüler sitzen über ihren Abschlussklausuren. Nur in der Dispensary ist reger Betrieb. Man sieht unseren Jeep schon von weitem, und stolz lädt man uns ein, die Räumlichkeiten der medizinischen Auffangstation zu inspizieren. Unser Bistum unterstützt in Tansania vier solcher Stationen. Drei davon liegen in der Diözese Masasi, in Rondo, Chidiya und Luatala. Wir sind recht angetan von der relativen Sauberkeit und Ordnung in Rondo. Ich denke daran, wie es in Chidyia ausgesehen hat und habe meine Frau vor Augen, die dem Pflegepersonal fast an die Kehle gesprungen wäre. Gerade als medizinische Insiderin muss sie ihre hygienischen Erwartungen in Afrika drastisch zurückschrauben. Aber ein paar Spritzer Desinfektionsmittel täten hier wirklich ganz gut.

In Dar es Salaam hat unser Bistum ein Konto bei „Action Medeor“ eingerichtet, einem deutschen Non-Profit-Großhandel, der günstige Medikamente und medizinische Gerätschaften für Missionsprojekte bereitstellt. Von dort können nun Medikamente geordert werden, die mit Linienbussen ihren Weg nach Masasi finden. Ohne die alt-katholische Hilfe aus Deutschland, das betonte auch Bischof Patrick Mwachiko, könnten die Dispensaries nicht überleben. Dank unserer Unterstützung erhalten dort viele Menschen lebenswichtige, medizinische Hilfe. Darunter sind auch viele Kinder und Frauen, die dort ihre Neugeborenen entbinden. Mein Blick fällt auf das kleine Reisigkörbchen in der Ecke, das als Kindbett dient, und ich fühle mich an biblische Kindheitsgeschichten erinnert.

Nach den Besuchen der Dispensary und der beeindruckenden Kirche von Rondo mit ihren expressiven, knallbunten Kirchenfenstern treffen wir auf Altbischof Richard Norgate, der dort seinen Lebensabend verbringt. Wir müssen laut sprechen, denn seine Ohren sind der enormen Sonneneinstrahlung zum Opfer gefallen. „Die Folge von Hautkrebs“, flüstert uns James Anthony zu, der Leiter von Rondo. Schön grüßen sollen wir die Alt-Katholiken in Deutschland und ihren Bischof und natürlich auch Frau Dr. Brinkhues, der Bischof Norgate sogar einmal persönlich begegnet ist. Und es sei gut, so betont der betagte Bischof Augen zwinkernd, dass ich verheiratet sei. Ich erinnere mich, dass die Kirche von England damals all ihren Mitarbeitern in der Mission ein Zölibat auferlegte. Man wollte Frauen die Strapazen und Gefahren Afrikas nicht zumuten. Aber das gehört Gott sei Dank der Vergangenheit an.

(Fortsetzung folgt)

André Golob



Kirchenprovinz Tansania

Am 26. April 1964 vereinigte sich das ehemalige britische Protektorat Tanganyika und die Insel Sansibar zur Vereinigten Republik von Tansania, dem größten Land Ostafrikas. Der Name wurde gebildet aus den Abkürzungen beider Regionen (Tan + San). In Tansania leben 31,3 Millionen Menschen (46 Prozent Christen, 35 Prozent Muslime, 2 Prozent Hindus sowie Anhänger diverser Naturreligionen). Es umfasst 945.087 Quadratkilometer und ist damit ungefähr dreimal so groß wie die Bundesrepublik Deutschland. Im Jahre 1970 verbanden sich die einzelnen Diözesen des Landes zur Kirchenprovinz Tansania. Sie besteht aus zwölf Bistümern: 1. Sansibar und Tanga, 2. Masasi, 3. Dodoma, 4. South-West Tanganyika, 5. Ruvuma, 6. Morogoro, 7. Western Tanganyika, 8. Victoria Nyanza, 9. Dar es Salaam, 10. Kilimandscharo, 11. Mara und 12. Kagera. Die Diözesen Sansibar und Tanga, Masasi, South-West Tanganyika, Ruvuma und Dar es Salaam sind alte UMCA-Bistümer, d.h. sie sind von Anfang an anglo-katholisch ausgerichtet. Die restlichen sind von der CMS missioniert und aufgebaut worden. In der Kirchenprovinz leben ca. eine Millionen anglikanische Christen in 350 Pfarreien mit über 500 Priestern.