Was ist wichtiger:

Was man auf dem Kopf trägt oder was man im Kopf hat?


Jahrelang gab es jüdische Lehrer, die mit der Kipa, einer jüdischen Kopfbedeckung, als Beamte Unterricht gegeben haben. Kein Grund zur Aufregung. Doch dann gab es eine deutsche Lehrerin afghanischer Abstimmung, die bis zum höchsten deutschen Gericht das Recht erstreiten wollte, mit einem Kopftuch Unterricht zu erteilen. Das deutsche Gericht hat das Recht auf Religionsfreiheit zwar bestätigt, sich aber nicht dazu durchringen können, eine einheitliche Position zu entwickeln. Nun ist es den deutschen Ländern anheim gestellt, Regelungen zu schaffen.


Mancher denkt vielleicht: Frankreich – du hast es gut. Dort hat der Präsident klargestellt, dass in den Schulen weder Lehrerinnen noch Schülerinnen das Kopftuch zu tragen erlaubt sei. Der Grund: Die französische Verfassung formuliere seit fast einhundert Jahren eine klare Trennung zwischen Religion und Politik, genauer: zwischen Religion und Öffentlichkeit. Das Kopftuch ist verboten, erlaubt sind kleine Kreuze am Halskettchen. Wie klein darf`s denn sein?


Wir haben in Deutschland eine andere Tradition. Es gibt Diakonissen, Schwestern im Ordenskleid wie auch Priester, die an den Schulen in ihren Ordenskleidern unterrichten dürfen. Wir kennen aber auch den Streit um Kruzifixe in den Schulen. Deshalb sollten wir uns nicht täuschen. Wer den muslimischen Frauen das Kopftuch nicht zugesteht, dem wird eines Tages auch ein christliches religiöses Symbol verwehrt. Als alt-katholische Christen sollten wir nicht vergessen, dass wir einer Tradition verpflichtet sind, die in Fragen des Glaubens und der Religion Freiheit und Toleranz gelten lassen wollen.


Um es klar zusagen: Wichtiger ist mir, was eine Lehrerin, ein Lehrer im Kopf hat als das, was er auf dem Kopf trägt. Ob ein Lehrer Christ, Muslim, Buddhist oder Atheist ist, ist nicht die entscheidende Frage, sondern ob die Lehrer dem Erziehungsauftrag gerecht werden. Dieser besteht in einer Erziehung zu Demokratie, Toleranz und Pluralismus. Jeder, der Schulkinder hatte, weiß: Es gibt durchaus auch christliche Lehrer, die es an dieser demokratischen Grundhaltung fehlen lassen. Ich möchte keine privatisierte Religion. Es ist für Kinder gerade in einer zunehmend säkularen Umwelt ein Gewinn, Lehrer und Lehrerinnen zu haben, die überzeugt für ihren Glauben eintreten, soweit sie Schüler nicht missionieren oder indoktrinieren. Wir sind nicht einer vermeintlich deutschen und christlichen Leitkultur verpflichtet. Was wäre sie denn auch, wenn wir wissen, dass Europa sich römischen, griechischen, jüdischen und muslimischen Einflüssen verdankt. Jeder, der mit arabischen Zahlen rechnet, hat schon Teil an dieser arabischen Kultur, die Europa geprägt hat. Ich akzeptiere deshalb die Entscheidung einer muslimischen Lehrerin, ein Kopftuch als Ausdruck ihrer religiösen Überzeugung auch in der Schule tragen zu wollen, soweit sie Kinder nicht indoktriniert und demokratischen Grundpositionen verpflichtet unterrichtet.


Keine Eindeutigkeit


Der Koran kann uns in dieser Frage nicht weiterhelfen. Gerade christliche Theologen müssten doch wissen, was alles aus heiligen Büchern heraus- und hineingelesen werden kann. Wofür das Kopftuch in der muslimische Welt stehen mag, ist nicht die Frage. Hier geht es darum, welche Bedeutung das Kopftuch für muslimische Frauen und Männer bei uns, in der deutschen Einwanderungsgesellschaft, hat. Die Schwierigkeit besteht jedoch darin, dass die Antwort keineswegs so eindeutig ist, wie wir es gern hätten: Für die einen Frauen ist das Kopftuch Ausdruck eines religiösen Bekenntnisses, für andere Zeichen der Weigerung, sich zu integrieren, für andere wiederum Ausdruck einer fundamentalistischen Grundhaltung. Doch es gibt auch muslimische Frauen, für die das Kopftuch lediglich Ausdruck einer Konvention ist, wie bei unseren Großmüttern. Es gibt muslimische Schülerinnen, für die ist es „cool“, ein Kopftuch zu tragen. Und das gibt es sogar auch: muslimische Feministinnen, die das Kopftuch als Ausdruck eines selbstbestimmten Lebens tragen. Es gibt nicht die Eindeutigkeit, die wir gern hätten!


Ich kenne sehr wohl die Argumente, die sagen, dass kopftuchtragende Lehrerinnen gerade von Familien als Bestätigung empfunden werden könnten, ihrer Tochter das Kopftuch gegen deren Willen aufzuzwingen. Ich weigere mich trotzdem, mich in ein klares Lager einordnen zu lassen. Deshalb warne ich vor allen Eindeutigkeiten, bei denen wir als Deutsche, als Christen, als Männer genau wissen, was das Kopftuch für muslimische Frauen und Männer bedeutet, die unter uns leben. Wer hat mit einer muslimischen Frau, einem muslimischen Mann gesprochen und um eine Erläuterung gebeten? Stammt unser Urteil aus einem Gespräch mit einer muslimischen Frau, einem muslimischen Mann? Redet die deutsche Mehrheitsgesellschaft nicht sehr leichtfertig über die Minderheit, die einer anderen Kultur und Religion angehört?


Angst


Deshalb sollten wir uns als Mitglieder einer Mehrheitskultur fragen, welche Motive uns selber bewegen. Was sind meine Gefühlen und Ängste vor dem Anderen, dem Fremden? Warum macht das Kopftuch bei einer muslimischen Frau, nicht aber bei einer russlanddeutschen Frau Angst? Woher stammt die Angst von nicht wenigen vor dem Islam? Ich glaube, die Bilder vom 11. September verstärken eine Angst vor dem Fremden, die auch vor dem 11. September durchaus vorhanden war. Weit sind wir davon entfernt zu akzeptieren, dass nicht nur die zugewanderten Menschen, sondern auch ihre Religionen integriert werden müssen. Wir müssen uns die Frage stellen: Soll der Islam eine gleichberechtigte Religion in Deutschland werden oder soll er eine Religion der anderen bleiben, die nicht wirklich zur deutschen Gesellschaft dazugehören. Deutschland ist nicht nur eine multikulturelle sondern längst auch eine multireligiöse Gesellschaft geworden. Ich bin fest davon überzeugt, dass es diese Fragen sind, die hinter dem Kopftuchstreit stecken.


Wir sollten klar sagen, dass wir für die eigene Religionsfreiheit einstehen und deshalb auch für die Religionsfreiheit der anderen, der hier lebenden Muslime.


Der Streit geht nicht um das Kopftuch. Es geht um die Frage, ob wir die Anstrengungen unterstützen, dass der Islam hier heimisch werden kann und soll. Deshalb brauchen wir muslimischen Religionsunterricht an den Schulen. Wir brauchen Religionslehrer, die an deutschen Universitäten ausgebildet worden sind. Wir brauchen in den Krankenhäusern eine Sensibilität, die andere Religionen ernst nimmt. Ich wünsche mir Lehrer und Lehrerinnen, die auf glaubwürdige Weise für ihren Glauben eintreten und gute Lehrer sind, die Religion, Toleranz und Vernunft zusammenbringen. Und wenn sie dabei eine Kopftuch tragen - ist doch eigentlich nebensächlich. Also nicht vorschnell verbieten, sondern lieber daran gehen, eine Gesellschaft zu gestalten, in der Muslime heimisch werden können. Übrigens - Christen und Muslime beten einen Gott an, den arabische Christen ge-nauso ansprechen wie arabische Muslime: Allah.


Franz Segbers


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