Zwischen Rom und Babylon - Geschichte des nachbiblischen Judentums (3. Teil)


Die Zeichen für den Verfall des römischen Imperiums wurden immer deutlicher. Unruhen im Innern und Gefahren an allen Grenzen des Landes banden die Aufmerksamkeit der römischen Kaiser, so dass den Juden nach den Tragödien der beiden großen Kriege eine Zeit der Ruhe und Konsolidierung gewährt wurde. Im Jahre 212 wird allen freien Bewohnern des Imperiums in der Constitutio Antoniana das römische Bürgerrecht verliehen, um die Angehörigen der verschiedenen Nationalitäten an Rom und seine Reichsidee zu binden. Auch die Juden profitierten davon und hatten nun alle Rechte und Pflichten eines römischen Bürgers. Zusätzlich verblieb ihnen wie schon zuvor das Privileg, den römischen Göttern nicht opfern zu müssen. Auf der Grundlage der Constitutio Antoniana brach nun für die Juden in der Diaspora eine Zeit an, wie sie sie vorher nie erlebt hatten und auch später nur in wenigen Augenblicken der Geschichte erleben würden.


Die Zeit der Interpreten


Diese ruhige und relativ friedliche Zeit sollte etwa 100 Jahre andauern, bis sich durch das Erstarken des Christentums die Situation grundlegend änderte. Von der Windstille profitierte aber auch das Mutterland. Um 230 hat Rabbi Juda II. Nessia das Patriarchat übernommen. Die Gelehrten sind in-zwischen nach Tiberias am See von Genezareth gezogen. Die Beziehungen zu den Römern, deren Statthalter in Caesarea am Meer residiert, waren gut. Der Patriarch besaß sicherlich nicht das geistige Format seines Großvaters Rabbi Jehuda ha-Nassi. Aber beim Volk genoss er hohes Ansehen. Unermüdlich bemühte er sich um die Schulausbildung und die Erziehung der jüdischen Kinder. Lehrer zogen in seinem Auftrag umher, um das Schulwesen zu kontrollieren.


Obwohl die Mischna vollendet war, ging das geistige Schaffen der Gelehrten in Galiläa weiter. Auf die „Tan-naiten“, die „Lehrer“, folgten die Generationen der „Amoräer“, der „Sprecher“ oder „Interpreten“, die sich nun daran machten, alle vorliegenden Ergänzungen, Erläuterungen, alle Protokolle von Auseinandersetzungen in den Lehrhäusern Israels und der Diaspora zu sammeln und zu kodifizieren. Damit verbanden sich auch inzwi-schen angesammelte Geschichten, Legenden, Gleichnissen, Sprüche usw. Dieses gesamte, noch nicht in der Mischna enthaltene Material nannten die Juden „Gemara“, d.h. „die Vollendung“.


Der Jerusalemer Talmud


Aus der Mischna, der nun die Gemara hinzugefügt wurde, entstand danach ein weiteres Werk, der Jerusalemer Talmud. Allerdings waren die Bedingungen, unter denen die jüdischen Gelehrten arbeiteten, immer schlechter geworden. Vor allem war es nun das Christentum, das aus dem Judentum hervorgegangen war, sich aber zu seinem gefährlichsten und fanatischsten Gegner herausbildete. Überall breitete sich die junge Kirche aus und drängte das Judentum politisch und geistig zurück, im Heiligen Land selbst wie auch in der Diaspora. In Predigten und Schriften wurden die Juden zum Ziel der Angriffe.


Noch tauchten große jüdische Namen in Israel auf: Rabbi Abahu z.B., der sich gegen die Christen wehrte und verteidigte. Noch strömten Gelehrte aus Babylonien nach Palästina, um sich hier ihr geistiges Rüstzeug zu holen. Aber die Tage des Mutterlandes waren gezählt.


Im Jahre 313 erließ Kaiser Konstantin das berühmt gewordene „Edikt von Mailand“, das den Bürgern des Reiches Gewissensfreiheit zusprach. In Wirklichkeit bedeutete dieses Edikt aber den Beginn der Vormachtstellung des bis dahin geächteten Christentums. Die Juden sollten diese geschichtliche Wende schon bald zu spüren bekommen.


Trennung und Verfolgung


Bereits im Jahre 315 wurde bei Strafe des Verbrennens den Juden verboten, unter den Christen Anhänger für ihren Glauben zu gewinnen oder zum Christentum Bekehrte zu bedrängen. In der entsprechenden Verlautbarung wird die jüdische Religion als „schändliche Sekte“ (nefaria secta) bezeichnet. In einem bedeutsamen Schritt trennte sich dann die christliche Kirche von ihrer jüdischen Mutter. In den ersten zwei Jahrhunderten hatten die Christen ihr Osterfest zeitgleich mit dem jüdischen Passah gefeiert. Auf dem Konzil von Nizäa im Jahre 325 beschloss man dagegen einen eigenen Termin: Das christliche Ostern wird auf den ersten Sonntag nach dem Vollmond des Frühlingsmonats festgelegt. Und wieder begegnet in der Begründung eine erschreckende Terminologie: „Unwürdig wäre es, dass wir bei diesem heiligen Fest der Sitte der Juden folgen, die ihre Hände mit dem ungeheuerlichsten Verbrechen befleckten und geistig blind blieben. Fortan wollen wir mit den uns feindlichem Judenvolk nichts mehr gemein haben, denn unser Heiland hat uns einen anderen Weg gewiesen."


Von nun an verschlechterte sich die Lage der Juden immer mehr. Unter Kaiser Konstantius (337-362) war eine Ehe zwischen Juden und Christen untersagt. Dann wurde den Juden verboten, christliche Sklaven zu kaufen oder zu halten. In Schmähreden griffen Theologen und Kirchenlehrer das Judentum an, z.B. Ambrosius, der Bischof von Mailand, Chrysostomus, der berühmte Prediger und Schriftsteller in Byzanz, Hieronymus, der selbst viele Jahre im Heiligen Land lebte und Unterricht bei jüdischen Lehrern genossen hatte. Ströme von christlichen Pilgern besuchten das Land, das Kaiser Konstantin und seine Nachfolger mit zahlreichen Kirchen, Kapellen und Klöstern überzogen hatten. Für die Juden war das eigene Land endgültig zur Fremde geworden. Ihnen selbst war in einem Erlass des Kaisers Theo-dosius II. verboten, neue Synagogen zu errichten. Manchmal gar wurde ihnen nicht einmal gestattet, ihre vom christlichen Mob zerstörten bzw. verbrannten Synagogen wieder aufzubauen. Durch immer neue Gesetze verdrängte man die Juden aus den politischen Ämtern und gesellschaftlichen Funktionen. Sie verloren ihren Einfluss, ja, man könnte sagen, ihre Existenzberechtigung.

In dieser wachsenden Bedrängnis aber wurde dennoch in Galiläa von den Gelehrten am Talmud weitergearbeitet. Um 360 galt er als abgeschlossen. In Wirklichkeit ist er lückenhaft und unvollständig geblieben. Die geistige Kraft hatte nicht mehr gereicht. Das Fehlen befähigter Lehrer, das Schrumpfen der Schulen, der Schüler, die unruhigen Zeiten hatten verhindert, das angefangene Werk zum vollständigen Abschluss zu bringen. So sollte der Jerusalemer Talmud stets im Schatten des anderen Werkes stehen, das in Babylon geschaffen wurde, der babylonische Talmud.

Im Jahre 429 erlischt durch kaiserliche Verordnung das jüdische Patriarchat und damit die Institution, die bis dahin die Identität der jüdischen Gemeinschaft im Rest-Israel bewahren konnte.


Babylonien als neues geistiges Zentrum


Babylonien, die uralte Diaspora, übernahm nun die Fackel des jüdischen Geistes, so dass man bald sagen konnte: „Wir betrachten uns in Babylonien ganz wie im Heiligen Land“. Während die Juden im Imperium Romanum Verfolgungen und Diskriminierung erdulden mussten, erfuhren ihre Geschwister unter den Partherkönigen weitgehende Duldung der jüdischen Religion. Hier in Babylonien entstanden bedeutende Städte mit mehrheitlich jüdischer Bevölkerung, z.B. Nehardea, Pumbadita und Machuza. An der Spitze des Judentums stand der Exilarch, der auch am Königshof große Ehren genoss.


Allerdings war der geistige Zustand zunächst keineswegs vergleichbar mit dem des Mutterlandes. Deshalb zogen Interessierte noch lange Zeit nach Israel, um Kenntnisse in der Thora und ihrer Auslegung zu erlangen. Zwei Gelehrte vor allem waren es, die diese Situation ändern sollten: Abba Areka, der später nur noch „Raw“ genannt wurde, und Samuel Jarchinai, genannt „Mar“.


Gegen 200 n. Chr. waren sie aus Israel nach Babylonien zurückgekehrt. Samuel Jarchinai gründete in Nehardea eine Schule und lehrte neben der Thora noch Mathematik, Naturwissenschaften und Medizin. Abba Areka eröffnete in Sura ein Lehrhaus und sammelte bald an die 1200 Schüler um sich, denen er die in Israel erworbenen Kenntnisse der Bibelauslegung vermittelte. Hier im Lehrhaus des Abba Areka wurden Vorträge und Disputationen abgehalten, die jedermann offenstanden. Mit seiner Auslegung der Thora und der ständigen Bearbeitung und Ergänzung der Mischna, die er aus Palästina mitgebracht hatte, legte er den Grundstein zum großen Werk des babylonischen Talmud.


Allerdings sollten die ruhigen Zeiten auch hier nicht ewig andauern. Die Parther wurden gestürzt, und die neuen Herrscher, die Sassaniden, beendeten unter dem Einfluss einer fanatischen zoroastrischen Priesterschaft das friedliche Einvernehmen zwischen den Einwohnern des Landes und den Diasporajuden. Dennoch konnte Babylonien unter den beiden großen Gelehrten um die Mitte des dritten Jahrhunderts in geistiger Hinsicht zum Mutterland aufschließen. 247 starb Abba Areka, zehn Jahre später schloss auch Samuel Jarchinai seine Augen. In ihren letzten Jahren konnten sie noch erleben, dass König Schapur I. die antijüdischen Maßnahmen wieder zurückgenommen hatte.


Der babylonische Talmud


200 Jahre später arbeitete Raw Aschi (352-427) an dem Werk des Talmud weiter. Zur Thora und Mischna fügt er weiteren überlieferten Stoff hinzu. Doch erst 70 Jahre später war das Werk vollendet: der babylonische Talmud, die größte Leistung des Judentums, vollbracht nicht in Israel, sondern auf dem Boden der babylonischen Diaspora.


Es war auch höchste Zeit für die Fertigstellung. Denn ab der Mitte des 5. Jahrhunderts setzten unter den Sassa-nidenkönigen Jesdegerd II. (438-457) und vor allem unter Peroz (459-486) infolge des erneuten Einflusses der persischen Magier neue antijüdische Verfolgungen ein. In Massen flohen die Juden aus Babylonien. Doch wohin sollten sie nun fliehen? Erez Israel war längst keine Zufluchtsstätte mehr. Nein, sie flohen nun von Babylonien aus ins ferne Indien und bildeten an der Küste von Malabar neue Kolonien.


Hans-Jürgen van der Minde



Materialien


Talmud: Berakhot I,1.ff: Ein Zaun um die Thora (Halachischer Text)


(Mischna) Von wann ab rezitiert man das „Höre Israel“ am Abend?

Von der Stunde an, da die Priester eintreten, um ihre Hebe zu essen, bis zum Ende der ersten Nachtwache - Worte des R. Eliezer.

Und die Weisen sagen: bis Mitternacht.

Rabban Gamaliel sagt: Bis die Morgenröte aufsteigt.


Seine Söhne kamen von einer Hochzeit und sagten zu ihm: Wir haben das „Höre Israel“ noch nicht rezitiert. Er sagte ihnen: Wenn die Morgenröte noch nicht aufgestiegen ist, seid ihr verpflichtet, es zu rezitieren.


Und nicht nur das haben sie gesagt. Sondern: Alles, wovon die Weisen gesagt haben „bis Mitternacht“, dessen Verpflichtung gilt bis zum Aufstieg der Morgenröte. Wenn das so ist, warum haben dann die Weisen gesagt: bis Mitternacht?

Um den Menschen von der Übertretung abzuhalten.


Das „Höre Israel“ (hebr. Schema Israel) setzt sich aus Dt 6,4-9; 11,13-21 u. Num 15,37-41 zusammen. Da dieses Gebet ein Bibeltext ist, „rezitiert“ (wörtlich „liest) man es.


Die „Hebe“ ist eine Abgabe, die für den Priester von Getreide, Wein und Öl „abzuheben“ ist.


Nachtwache: im Talmud wird mit drei oder auch vier Nachtwachen gerechnet.



(Bab. Talmud) Und die Weisen sagen: bis Mitternacht. An wessen Meinung halten sich die Weisen? Wenn sie sich an die Meinung R. Eliezer halten, sollen sie sich wie R. Eliezer ausdrücken! Und wenn sie sich an die Meinung des Rabban Gamaliel halten, sollen sie sich wie Rabban Gamaliel ausdrücken! Natürlich halten sie sich an die Meinung des Rabban Gamaliel. Und das ist es, warum sie „bis Mitternacht“ sagen: um den Menschen von der Übertretung fernzuhalten.


Denn so haben wir es gelernt: Die Weisen machen einen Zaun um ihre Worte, damit nicht jemand abends vom Feld kommt und sagt: Ich werde nach Hause gehen und ein wenig essen, ein wenig trinken und ein wenig schlafen, und nachher werde ich das „Höre Israel“ rezitieren und beten. Dann aber übermannt ihn der Schlaf, und er schläft die ganze Nacht.


Vielmehr: Jemand kommt abends vom Feld. Er betrete die Synagoge, und wenn er gewohnt ist (Bibel) zu lesen, lese er, und wenn er gewohnt ist, (Mischna) zu lernen, lerne er. Dann rezitiere er das „Höre Israel“ und bete, (gehe heim), esse sein Brot und spreche den Segen. Und jeder, der die Worte der Weisen übertritt, ist des Todes schuldig.


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