Das Leben als Pilgerweg - Birgitta von Schweden (1303 – 1373)


Mit einem Segelschiff ging die Reise weiter über Zypern, wo sich die Gruppe länger aufhielt, bis Jaffa (Haifa), dort strandete das Schiff kurz vor dem Anlegen und brach in zwei Teile. Ohne alles, nur mit Wanderstab und Trinkbecher (in Altomünster aufbewahrt) kamen die Pilger in Jerusalem an. Vier Monate dauerte der Aufenthalt, Birgitta meditierte an den heiligen Orten des Lebens und Leiden Jesu, das sie in Visionen mitlebte. Besonders diese „Offenbarungen“ wurden nach Birgittas Tod rasch verbreitet, in viele Sprachen übersetzt und über Klöster und Künstler unters Volk gebracht. Das führte zu Streit unter den Theologen, vor allem Johannes Gerson (1363-1429), Verfasser eines Werkes über die Mystik und Kanzler der Universität Paris, sprach den „Offenbarungen“ die Rechtgläubigkeit ab. Auf dem Konzil von Basel verteidigte Kardinal Johannes Torquemada die umstrittenen Artikel aus Birgittas Werk, es bleibt unklar, ob eine konziliare Entscheidung getroffen wurde. Doch die Verbreitung war ohnehin nicht mehr aufzuhalten.


Weihnachtsvision


Der Maler Tomaso de Modena (+ 1379) malte in der Pinakothek des Vatikans ein Bild der Geburt Christi, eindeutig hat er dabei eine Vision Birgittas gestaltet: Eine sehr schlanke Maria im weißen Gewand ohne Oberkleid, mit langen offenen Haaren kniet vor dem nackten Kind im Kranz der Strahlen, die den Raum erhellen. Joseph tritt von außen kommend dazu, er hat eine Kerze in der Hand, am Rand des Bildes kniet eine Klosterfrau: Birgitta, die Seherin.

Ein ähnliches Tafelbild findet sich im Rosengartenmuseum in Konstanz, das um 1415 (Zeit des Konzils) von einem seeschwäbischen Meister gemalt worden ist. Auch im Isenheimer Altar Meister Grünewalds sehen Kunsthistoriker Einflüsse der Visionen Birgittas. In Nürnberg erschien im Auftrag Kaiser Maximilians „Dass puch der himmlischen Offenbarung der heiligen wittiben Birgitte von Kunigreich Sweden“ 1500 in lateinischer, zwei Jahre später in deutscher Sprache. Herausgeber war der Taufpate Albrecht Dürers, Buchdrucker Johann Koberger. Mathis Gothart Neithart (= Meister Grünewald) hat sich um 1502/03 sehr wahrscheinlich in Nürnberg aufgehalten und Albrecht Dürer besucht. Dabei kann er durchaus Einblick in dieses Buch genommen haben.


Uns heutigen Lesern der Weihnachtsvision fallen eher Einzelheiten auf, die von den Künstlern nicht dargestellt werden. Birgitta berichtet, wie Maria auf den Knien betend ihr Kind ganz plötzlich geboren hat. Sie betont mehrfach, dass es völlig rein war, also nichts von Fruchtwasser, Blut oder dem schützenden Fett an sich hatte. Dann heißt es: „Ich sah auch die Nachgeburt ganz sauber und rein daneben liegen.“ Als das Kind wimmerte und vor Kälte zu zittern begann, nahm es die Mutter an sich, drückte es an Brust und Wangen und setzte sich mit ihm zu Boden. „Sie ergriff mit ihren Fingern seine Nabelschnur, die sogleich abgeschnitten wurde, wobei weder Feuchtigkeit noch Blut herausflossen.“ Dann wird das Wickeln und Bandagieren der Gliedmaßen mit verschiedenen Tüchern und Binden geschildert, wie es lange über das Mittelalter hinaus Brauch gewesen ist. Als alles getan war, trat Joseph mit einer Kerze in der Hand ein, er hatte sich vor der Geburt des Kindes diskret entfernt. Joseph und Maria legten gemeinsam das Kind in die Krippe und beteten es an.

Seit die Königshäuser von England und Dänemark-Schweden durch Hochzeit verbunden waren, gab es kulturellen Austausch. Eine Schwester Heinrichs V., Philippa, war mit König Eric XIII. verheiratet worden (1406). Auf der Reise zur ihrer Hochzeit nach Schweden wurde sie von einer Enkelin Birgittas begleitet. Heinrich errichtete 1415 bei Twickenham an der Themse ein Birgittenkloster, das sich zur bedeutendsten Abtei des Spätmittelalters in England entwickelte. So ist es gut denkbar, dass für ein Glasfenster in der Kirche von East Harling, Norfolk (um 1485) ebenfalls Birgittas Vision Pate gestanden hat. Im Vordergrund sind das nackte Kind im Strahlenkranz und die kniende, betende Maria mit aufgelösten Haaren, am Rande des Bildes steht Josef mit der Kerze, ihm gegenüber zwei Nonnen im Gebet. Die kleinere von Beiden könnte die englische Mystikerin Margery Kempe (1373 – ca.1428) sein, eine Verehrerin der heiligen Birgitta. Auf dem Rückweg ihrer Pilgerfahrt nach Jerusalem hatte sie das Sterbehaus Birgittas in Rom besucht, sie nannte Birgitta ihre „heroine and mentor“, ihr unerreichtes Vorbild und ihre Lehrerin. In Norwich lebte Adam Easton (*ca. 1325), ein Benediktiner, der später Kurienkardinal wurde und sich sehr für die Heiligsprechung Birgittas einsetzte. Margery stammte aus Bishop’s Lynn, das nicht weit von Norwich entfernt liegt.


Heimkehr


Doch zurück zu Birgitta selbst. Schon in Jerusalem hatte sie Anzeichen einer Krankheit gespürt. Auf der Rückweg richtete sie von Neapel aus nochmals ein dringliches Mahnschreiben an den Papst. In diesem Brief spricht Christus selbst:

„Was habe ich dir getan, Gregorius? Ich habe doch geduldig zugelassen, dass du zum höchsten Bischofsamt emporgestiegen bist. ... Weshalb lässt du zu, dass an deinem Hof höchste Hoffart, unersättliche Gier und Schwelgerei, die mir ein Greuel ist, und dazu noch ärgste bodenloseste abscheulichste Simonie herrschen? ... Obgleich ich dich in meiner Gerechtigkeit verwerfen könnte, erinnere ich dich in meiner Barmherzigkeit an dein Seelenheil. ... Die Kirche muss erneuert und in geistlichem Sinne in ihren früheren Zustand rückgeführt werden, denn jetzt wird ein Freudenhaus mehr in Ehren gehalten als die heilige Mutter Kirche. ... Mein Sohn Gregorius, ich ermahne dich noch einmal, kehre in Demut um zu mir.“

Birgitta wurde in ihren letzten Lebenswochen von Dunkelheiten und Zweifeln geplagt, sie hatte viel gewagt und unternommen, aber keinen Erfolg gesehen: Nicht bei König Magnus, noch bei Königin Johanna, sie erlebte weder die Rückkehr des Papstes nach Rom noch den Frieden zwischen Frankreich und England, nicht einmal die Anerkennung ihres Ordens hatte sie erreicht. Doch ganz zuletzt fühlte sie sich im Glauben getröstet, sie starb am 23. Juli 1373 im Kreise ihrer Hausgenossen. Ihr Leichnam wurde vorläufig bestattet und in der kühleren Jahreszeit nach Vadstena gebracht, wo der originale Sarg noch zu sehen ist. Infolge der Reformation kam auch das Ende dieses Hauses (1595), doch 1920 schlossen sich lutherische Männer und Frauen in Vadstena zu einer „Gemeinschaft der Hl. Birgitta“ zusammen, die - von ihr inspiriert - nach dem Evangelium leben und vor allem der Einheit der Christen dienen will.


Erentrud Kraft


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