Das Leben als Pilgerweg - Birgitta von Schweden (1303 – 1373)


Birgitta erblickte um das Jahr 1303 in Finsta/Uppland das Licht der Welt. Ihre Mutter Ingeborg Bengts-dotter (Benediktstochter) war mit Birger Persson verheiratet, einem vermögenden Grundherrn in Uppland, der als Lagman ein Richteramt ausübte. Das Ehepaar hatte sieben Kinder, von denen zwei in frühen Jahren starben. Der Name Birgitta kann nicht eindeutig geklärt werden. Er könnte eine Kurzform von Birgersdotter sein oder irischer Herkunft, eine heilige Brigida ist die Patronin Irlands (+ 523). Da Iren an der Christianisierung Schwedens beteiligt waren, ist es gut denkbar, dass sie die Verehrung Brigidas mitgebracht haben. Stellung und Wertschätzung von Birgittas Vater wird aus der zufällig erhaltenen Kostenabrechnung seiner Bestattung im April 1327 ersichtlich. Alles, was in Kirche und Welt Rang und Namen hatte, war bei seinem Begräbnis in der Kathedrale von Uppsala anwesend, seine marmorne Grabplatte ist dort noch erhalten.

Birgittas Mutter war bereits im September 1314 gestorben. Ihr Mann behielt nur die beiden jüngeren Kinder Katharina und Israel bei sich, Birgitta übergab er seiner Schwägerin Katharina Bengtsdotter, der Taufpatin des Mädchens. Birgitta konnte Lesen und Schreiben, damals nicht selbstverständlich, und lernte aus eigenem Antrieb Latein. Legenden erzählen von Visionen und Wundern aus dieser Zeit, sicher ist, dass Birgitta auffallend fromm war und alle religiösen Anregungen dankbar aufnahm, früh zeigte sich bei ihr eine große Liebe zum leidenden Heiland. Wie es in Biographien heiliger Frauen üblich ist, wird auch von Birgitta berichtet, sie wäre lieber unverheiratet geblieben. Doch ihr Vater hatte anders geplant: Im September 1316 wurden sie und ihre Schwester Katharina in einer Doppelhochzeit mit zwei Söhnen des Lagmans von Närke am Vättersee verheiratet. Ulf (Wolf) Gudmarsson, Birgittas Bräutigam, zählte erst 18 Jahre. Das Paar zog nach Ulvasa am Borensee, die Reste ihres Gutshauses sind dort noch zu sehen. Birgitta lehrte ihren Mann Lesen und Schreiben, sie beteten gemeinsam die Tagzeiten und lasen in den biblischen Büchern, die Magister Matthias aus Linköping, Birgittas Beichtvater, ins Schwedische übersetzt hatte. Ulf Gudmarsson eignete sich Kenntnisse im Recht an und konnte so 1330 Lagman werden. Acht Kinder kamen zwischen 1319 und 1334 zur Welt, vier Mädchen und vier Jungen, ein Sohn starb elfjährig, die anderen wurden erwachsen.


Am Königshof in Stockholm


Magnus II. Eriksson aus dem Geschlecht der Folkunger, ein Vetter von Birgitta, hatte 1332 das Königsamt übernommen. Der Reichsrat, zu dem auch Ulf Gudmarsson gehörte, suchte dem jungen König die Braut aus: Blanka (Blanche) von Namur, Tochter eines flandrischen Grafen. Die Hochzeit fand im Herbst 1335 statt. Der sehr jungen Königin musste eine „Hofmeisterin“ zur Seite gestellt werden, die sie in die Aufgaben ihres Standes einführen sollte. König Magnus wählte dazu seine Cousine Birgitta, obwohl deren jüngstes Kind Cäcilia erst ein Jahr alt war. Birgitta nahm den Auftrag an, verteilte ihre Kinder auf verschiedene Klöster und behielt nur den kränkelnden Gudmar bei sich. Als Gastgeschenk überreichte sie eine Abschrift der Bibelübersetzung von Magister Matthias in der Hoffnung, auch den König geistlich und geistig zu führen. Es glückte ihr nicht. Magnus führte mit seiner Frau ein verschwenderisches Leben, machte hohe Staatsschulden mit dem Kauf dänischer Provinzen und holte sich das notwendige Geld durch Steuererhöhungen. Als Birgitta sah, dass ihr Einfluss auf das königliche Paar schwand, verließ sie den Hof, kam jedoch von Zeit zu Zeit zurück, unangemeldet und in einem Bußgewand, um der versammelten Hofgesellschaft und dem König eine Strafpredigt zu halten. Kurzfristig lenkte dieser jeweils ein, erließ Verordnungen gegen Wucher und zum Schutz von Waisen und Witwen, nahm Steuern zurück oder gab öffentlich zu, Fehler gemacht zu haben. Wenig später war alles wieder vergessen. Zuletzt stürzte sich „der gekrönte Esel“, wie Birgitta ihn einmal nannte, in einen „Kreuzzug“ gegen die Russen, von dem er sich Ablenkung von der verfehlten Innenpolitik und zusätzlich Beute versprach. Er verlor den Krieg ebenso wie die nicht bezahlten Provinzen. Da vergriff er sich am Kirchenvermögen, um seine Schulden zu bezahlen, er wurde gebannt, der Adel erhob sich, es kam zum Bürgerkrieg, Magnus Eriksson wurde besiegt, verbrachte sieben Jahre im Kerker und ertrank 1374 im Hardangerfjord, seine Frau Blanka wurde vergiftet.


Wanderndes Volk Gottes


Im 13. Jahrhundert erreichte im christlichen Abendland das Wallfahren seinen Höhepunkt. Hauptziele der Pilger waren Jerusalem, Rom und Santiago de Compostela im Nordwesten Spaniens. Birgittas Vater und schon ihr Großvater waren zum Apostel Jakobus gepilgert, eine Tradition, die auch die Gudmarssons pflegten. Ulf und Birgitta haben sicher viel erzählen gehört: von Kälte und Hitze, Hunger und Krankheit, von reißenden Flüssen und dunklen Wäldern, von rauen Gebirgen und wunderbaren Städten, von unverständlichen Sprachen und falschen Pilgern, die sich in die Gruppen einschlichen und sich ihre Dienste bezahlen ließen. Wallfahren war auch teuer: Von den Pilgern wurden reichlich Almosen erwartet, sie mussten Übernachtungen und Nahrungsmittel bezahlen, gerieten in die Hände von Räubern, die Geld oder kostbare Geschenke für die Wallfahrtskirche zu erbeuten hofften. Die Bescheinigung des heimatlichen Pfarrers über Reiseziel und Rechtschaffenheit der Pilger stellte sie zwar unter den Schutz der Obrigkeit, doch was half das in der Einöde. Ulf und Birgitta hatten bereits die Erfahrung einer Wallfahrt gemacht, als sie nach Norwegen zum Grab des heiligen Königs Olaf pilgerten, der die Missionierung dieses Landes vollendet hatte. Ihr Gebet galt vor allem König Magnus und seiner Frau Blanka. 1341, als ihr eigener silberner Hochzeitstag nahte, machten sie sich auf den 4000 Kilometer langen Weg nach Santiago de Compostela. Sie kamen über Stralsund nach Köln und beteten vor dem Schrein mit den Häuptern der „heiligen drei Könige“. Der Weg durch Frankreich führte sie in die Provence nach Tarascon zum Grab von Lazarus, Maria und Martha und nach Marseille, wo Maria Magdalena einst Europa betreten habe. In Compostela kaufte Birgitta ein Betrachtungsbuch, das der von ihr verehrte Bernhard von Clairvaux verfasst haben soll. Laut handschriftlicher Notiz trug sie es zeitlebens bei sich, es ist in der Universitätsbibliothek Uppsala aufbewahrt. Auf dem Rückweg besuchte das Ehepaar Citeaux, den Entstehungsort der Zisterzienser. Ein weiteres Kloster fand bei Birgitta besondere Beachtung, Fontevrault, in der Nähe von Poitiers. Dort hatte der Wanderprediger Robert von Arbrissel (+1117) einen gemeinsamen Orden für Frauen und Männer gegründet. In einem Doppelkloster lebten sie in Gemeinschaft unter einer Äbtissin, nur die Schlafräume befanden sich in getrennten Häusern. Robert von Arbrissel wurde viel angefeindet, weil er sich vorwiegend um Frauenseelsorge kümmerte. Birgitta hatte bei ihrer Ordensgründung wohl diesen französischen Orden vor Augen, nicht zuletzt die Anordnung, dass die Äbtissin auch den Konvent der Mönche leiten solle. Auf dem weiteren Heinweg erkrankte Ulf Gudmarsson schwer, er erreichte zwar noch die Heimat, dort aber gab er Ämter und Besitz ab und bat um Aufnahme in das Zisterzienserkloster in Alvastra. An Weihnachten 1344 wurde er aufgenommen, am 12. Februar 1344 starb er in Gegenwart seiner Frau Birgitta. Diese blieb als Witwe zunächst im Gästehaus des Klosters wohnen, sie war 41 Jahre alt und der Meinung, ihre Kinder seien inzwischen selbständig genug, um die Mutter zu entbehren. Die drei Jüngsten zählten 14 (Katharina), 12 (Ingeborg) und 10 (Cäcilia) Jahre. Eine Kindheit und Jugend nach unserer Vorstellung kannte das Mittelalter nicht.


Visionen und Klostergründung


Birgitta lebte nun ganz dem Gebet und der Betrachtung, sie hatte Visionen, über die sie mit ihrem Beichtvater sprach. In dieser Zeit entstanden ihre weit verbreiteten 15 Gebete zum Leiden Christi. Birgitta vernahm den Auftrag, ein Kloster zu gründen, der Ort solle Vadstena am Vättersee sein. König Magnus schenkte ihr dort ein Schloss mit Ländereien für das geplante Kloster - wohl mehr aus Furcht denn aus Frömmigkeit - und stellte die Bedingung, dort einmal bestattet zu werden. Die Umstände seines Todes verhinderten ihre Erfüllung. Am 1. Mai 1346 war Grundsteinlegung, die offizielle Einweihung fand wegen der politischen Wirren um König Magnus II. und seine Nachfolge erst 1384 statt. Erste Vorsteherin wurde Katharinas Tochter Birgitta. Sie erhielt 1378 von Papst Urban VI. die endgültige Bestätigung der Ordensregel, zuvor war sie nur als Anhängsel an die Augustinerregel anerkannt worden. So schwierig gestaltete sich die erste Ordensgrün-dung durch eine Frau, bislang lebten die Nonnen jeweils nach den Regeln der Mönchsklöster. In Birgittas Erlöserorden gehören zu einem Kloster - im Idealfall - außer der Äbtissin als Vorsteherin und dem „Generalbeichtiger“ als geistlichem Leiter jeweils 60 Nonnen, 13 Mönche, vier Diakone und acht Laienbrüder. Die Mönche bilden die zwölf Apostel und Paulus ab, die Diakone, Laienbrüder und die Schwestern stellen die 72 Jünger Jesu dar. Die Frauen tragen über dem Schleier ein weißes Kreuz aus Stoff, das von einem Band um den Kopf gehalten ist, fünf aufgenähte rote Punkte symbolisieren die fünf Wunden Jesu. Der Erlöserorden breitete sich rasch aus, vor allem in Spanien und von dort in den Ländern Südamerikas. In Deutschland gab es vor der Reformation drei Klöster an der Ostsee, je eines in Kleve und Godesberg, dazu drei Häuser in Bayern, wovon Altomünster (nahe Augsburg) bis zur Säkularisation als Doppelorden Bestand hatte; das Schwesternhaus wurde 1803 zwar auch aufgehoben, aber einige Nonnen weigerten sich, es zu verlassen. 1841 wurde das Kloster von König Ludwig I. wieder offiziell eröffnet. Durch die Aufhebung der strengen Klausur und die Übernahme von Aufgaben der Mädchenbildung entsprach es mehr den Vorstellungen der Aufklärung. In Altomünster leben bis zum heutigen Tag Birgittenschwestern.


Die Jahre in Rom


Im Jahre 1348 breitete sich die erste große Pestwelle über ganz Europa aus. Papst Klemens VI. versprach allen Rompilgern für 1350 einen vollkommenen Ablass; von einem Jubeljahr, wie es Papst Bonifaz VIII. für 1300 erstmals ausgerufen hatte, konnte er wegen des traurigen Anlasses nicht gut sprechen. Er selbst, Franzose von Geburt, blieb in Avignon, das er im selben Jahr von Johanna aus dem Hause Anjou, Königin von Neapel, erworben hatte. Birgitta vernahm in einer Vision den Ruf, nach Rom zu gehen. Sie zweifelte, der Papst sei doch in Avignon, sie hatte ihm 1346 dorthin geschrieben und ihn aufgefordert, nach Rom zurück zu kehren und im Krieg zwischen England und Frankreich Frieden zu stiften. Der Papst schickte die schwedische Gesandtschaft nach Calais, wo sie mit Edward III. und Philipp VI. erfolglos verhandelte. Birgitta entschloss sich trotz der unruhigen Zeiten zum Aufbruch. Ihre Tochter Katharina ging mit, ebenso ihr Beichtvater Petrus von Skänninge, der in Rom allen schwedischen Pilgern zur Seite stehen sollte, und der Zisterzienser Petrus Olafsohn, der seit dem Tod von Magister Matthias Birgittas Visionen in lateinischer Sprache aufzeichnete. Die kleine Gemeinschaft lebte wie in einem Kloster, half allen Armen, die an ihrer Türe anklopften, pflegte Pestkranke, litt selbst häufig Not, wenn das Geld zu ihrem Unterhalt aus Schweden nicht oder verspätet ankam.


Von Rom aus unternahm Birgitta mehrere Wallfahrten: zum Grab des heiligen Franziskus nach Assisi, zum heiligen Bischof Nikolaus nach Bari in Apulien, von dort nach Salerno, wo der Apostel Matthäus begraben sein soll. In den Aufzeichnungen wird ein langes Gespräch berichtet, das der Evangelist mit ihr geführt habe.


Ein Satz sei zitiert: „Heutzutage versuchen viele das, was ich in Liebe und Demut niedergeschrieben habe, zu verdrehen und neu zu interpretieren, wobei sie sich rühmen, hohe und himmlische Dinge zu kennen, wenn sie Gegenteiliges herausfinden, und indem sie lieber über das Evangelium diskutieren als nach dem Evangelium zu leben.“

Zuletzt suchte Birgitta auch Königin Johanna aus Neapel auf, die wegen ihres Lebenswandels - ihren ersten Mann hatte sie ermorden lassen - in keinem guten Ruf stand. Sie hörte Birgitta aufmerksam zu und ließ sich von ihr einen Fürstenspiegel mit 14 Punkten geben, an den sie sich nicht hielt, nachdem Birgitta abgereist war. Als diese auf ihrer Pilgerreise ins Heilige Land mit der Tochter Katharina und den Söhnen Birger und Karl nochmals Johanna besuchte, verliebte sich Karl in die Königin, obwohl beide verheiratet waren. Bestürzung und Zorn Birgittas lassen sich kaum beschreiben, als Karl erklärte, in Neapel zu bleiben. Er wurde krank (Pest?) und starb kurz vor der Weiterfahrt seiner Mutter, die den Tod ihres Lieblingssohnes als gnädige Lösung empfand. Die Absetzung Johannas und deren Tod durch Erdrosselung (1382) hat sie nicht mehr erlebt.


Über die weitere Pilgerfahrt und die Erlebnisse Birgittas im Heiligen Land wird in der Dezemberausgabe von Christen heute berichtet.


Erentrud Kraft


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