Liebe, Toleranz und ein dickes Fell


Dirk Jüttners Engagement in Masasi geht weiter


Einen heiteren Eindruck macht die geduldige Schar junger Mädchen und Frauen, die, farbenfrohe Gefäße auf ihrem Kopf balancierend, an der örtlichen Pumpstation nach Trinkwasser anstehen.


Das war einige Jahre für Dirk Jüttner der tägliche Blick aus seinem Arbeitszimmer in Masasi. Nun ist er nach Warwick in England zurückgekehrt, aber sein Herz ist dort geblieben, bei den Menschen, den Bedürftigen vor Ort. So überrascht es nicht, dass er bereits heute wieder auf dem Weg dorthin ist, um nach dem Rechten zu schauen. Im September 2001 schickte ihn die „United Society for Propagation of the Gospel“ (USPG), eine der großen Missionsgesellschaften der anglikanischen Kirche, nach Masasi in Tansania, mit der Aufgabe, die Hilfsprojekte dort zu unterstützen und zu koordinieren. Seitdem war er Kontaktperson für die Mitarbeiter der Missionsprojekte unseres Bistums. Bei regelmäßigen Besuchen im Hause Brinkhues informierte „die gute Seele von Masasi“ über das Fortkommen der tansanischen Projekte.


Knochenarbeit inmitten wilder Tiere


Die Arbeit vor Ort war bei weitem nicht leicht - eher eine Knochenarbeit. Es gehört für einen Europäer schon einiges dazu, über zwei Jahre lang den alltäglichen Strapazen zu trotzen und mit der Mentalität und Eigentümlichkeit der Einwohner zurecht zu kommen. „Nicht selten wurden wir nachts aus dem Schlaf gerissen“, so berichtet Jüttner, „weil ein Leopard ins Gehege eingebrochen war und ein Kalb gerissen hatte.“ Auch das Eindringen von Schlangen und aggressiven Insekten stellte eine latente Belastung dar und das extreme Klima allemal. Einem engagierten Menschen wie Dirk Jüttner, der auf den Spuren eines David Livingstone wandelt, konnte all dies jedoch nicht schrecken. So kann er heute mit Stolz auf das zurückblicken, was er bewegt hat - und das ist nicht wenig. Die medizinischen Auffangstationen im Busch, die sogenannten „dispenseries“, konnten unter seiner Leitung ausgebaut und regelmäßiger Nachschub lebenswichtiger Medikamente gesichert werden. Auch pädagogische Maßnahmen wurden von ihm initiiert sowie der Bau von Sammelsystemen für Regenwasser und vieles mehr. Einzig und allein der erwünschte Nachwuchs der Kaninchen an der Schule für geistig behinderte Kinder hat sich noch nicht eingestellt. Trotz all dieser Leistungen ist Dirk Jüttner bescheiden geblieben. Es scheint sogar, als sei er ein wenig unzufrieden. „Manchmal denke ich“, so seine Worte, „waren alle Mühen nur ein Tropfen auf dem heißen Stein.“


Überbevölkerung und Nahrungsmangel


Die Armut in Tansania wächst proportional zum Anstieg der Bevölkerung, die sich in den letzten 30 Jahren mehr als verdreifacht hat. Aufgrund des Entschlusses der Weltbank, einen Teil der Schulden Tansanias zu erlassen, werden überall Schulen gebaut. Aber nicht selten bestehen Klassen aus über 120 Schülern. Man sieht kaum eine junge Frau, die nicht ein Kind auf dem Rücken trägt - oft sind diese Mütter selbst noch Teenager. Bei den geringen Ressourcen des Landes ist das fatal. Hinzu kommt das größte Problem vor Ort: das Wetter. In Afrika macht sich die Klimaverschiebung auf bedrohliche Weise bemerkbar. Der notwendige Niederschlag bleibt aus, die Ernteausfälle sind dramatisch und der Mais, die Hauptnahrung in Masasi, wird unbezahlbar. Als man in Panik vor der drohenden Dürre im Nachbarort nach Wasser bohrte, stieß man leider nur auf Salzwasser. Gottlob, so berichtet Herr Jüttner, ist in diesem Jahr der Niederschlag höher als erwartet, was auf eine bessere Ernte als im Vorjahr hoffen lässt.


Gefahr der Islamisierung


„In den Jahren meiner Tätigkeit“, so betont Jüttner, „habe ich weitreichende Erfahrungen mit den Menschen vor Ort, aber auch mit ihrer Kultur und ihrem Verständnis von Kirche sammeln können. Ich werde das Land mit einem freudigen und einem traurigen Auge verlassen. Zwei Jahre in der Abgeschiedenheit der Dritten Welt öffneten mir die Augen, wie der größte Teil der Menschheit lebt – in Armut und Krankheit, den Elementen hilflos ausgeliefert. So erklärt sich auch der große Zuwachs der christlichen Kirchen in Afrika. Die Menschen können sich identifizieren mit dem Kreuzgang Christi.“


Dies ist ein nicht zu unterschätzender Faktor im Wettstreit mit dem Islam. Dieser hat Tansania bereits ins Visier genommen und ist dabei, auch im Bistum Masasi Fuß zu fassen. In der Stadt sind bereits zwei fundamentalistische Moscheen gebaut worden. Immer häufiger sieht man Frauen von Kopf bis Fuß in dunkle Schleier gehüllt, bei dem nur ein schmaler Sehschlitz den Blick frei hält. Betrachtet man die schillernde Kultur und lebensfrohe Grundhaltung der Menschen aus Tansania, erscheint die Entwicklung geradezu untypisch und erschreckend unafrikanisch.


Mentalitätsprobleme


Ein Problem bei missionarischer Entwicklungsarbeit, auch dies musste Dirk Jüttner erfahren, sind die Mentalitätsprobleme und die damit verbundenen Verständnisschwierigkeiten. Die Tatsache, dass es in Suaheli kein Wort für „morgen“, geschweige denn für „übermorgen“ gibt, spricht für sich. Planung und Logistik gestalten sich dementsprechend abenteuerlich. Denn Vorausplanung liegt eigentlich nicht im Interesse von Menschen, deren nächster Schritt bereits ihr letzter sein kann, die ihr Leben deshalb vollkommen gegenwartsorientiert führen. Und dies ist nur ein Beispiel, wie kulturelle Barrieren Komplikationen und sogar das Misslingen mancher Projekte bedingen können. Dann erscheint Missionsarbeit wie eine Sisyphusaufgabe und stellt das eigene Engagement vor eine Zerreißprobe.


Manchmal ist die Arbeit vor Ort frustrierend. Vor allem dann, wenn hoher finanzieller Einsatz als etwas Selbstverständliches gesehen wird. Auch das heißt Missionsarbeit: das Bild vom reichen Europäer im Überfluss zurechtzurücken. „Ein erfahrener Missionar sagte mir einmal“, so erzählt Dirk Jüttner: „Ich verstehe die Menschen hier schlecht. Um so länger ich hier bin, um so weniger begreife ich ihr Leben und ihre Gedankengänge. Sie sind mir einfach fremd. Doch sie sind Gottes Kinder und er liebt sie und versteht sie.“ Liebe, Toleranz und ein dickes Fell sind bei der Arbeit in Afrika tatsächlich unabdingbare Voraussetzungen. „Wenn du die Armen nicht liebst“, so sagte einmal Mutter Theresa, „verwerfen sie dich für das Brot, dass du ihnen gibst.“ Aus diesen Worten spricht Weisheit.


Ein Traktor für Sayuni


Zwölf Jahre lang war Dirk Jüttner nun insgesamt in Afrika und es steckt ihm, wie er selbst feststellt, im Blut. So überrascht es nicht, dass er bereits jetzt eine weitere Reise zum faszinierenden schwarzen Kontinent plant. Obwohl auch in England viele Aufgaben auf ihn warten und er auch ein wenig Zeit mit seinen Brüdern in Deutschland verbringen will, lassen ihn das Bistum Masasi und die Menschen dort nicht los. Vor allem die CMM-Schwesternschaft mit ihren, über das Land verteilten Konventen ist ihm sehr ans Herz gewachsen.


Zurzeit sammelt er Geld für den Kauf eines Traktors, der den Schwestern in Sayuni bei ihrer landwirtschaftlichen Arbeit zugute kommen soll. Das Motto „Tractors drive Africa to a better future“ (wörtlich: Trecker lenken Afrika in eine bessere Zukunft) soll auch uns deutsche Alt-Katholiken ansprechen, einen Anteil an diesem dringend benötigen Gefährt zu übernehmen. Es ist geplant, dass gemeinsam mit Herrn Jüttner eine kleine alt-katholische Delegation diesen Traktor in einem offiziellen Festakt den Schwestern in Sayuni übergibt.


Dank und Respekt


Auch dieses Vorhaben zum Wohle der Schwestern in Tansania geht auf das Engagement von Dirk Jüttner zurück. Er verdient für seine Leistungen in Masasi Respekt und Anerkennung und sollte uns allen als christliches Beispiel dienen.


Bedanken möchte sich unser Bistum, allen voran Frau Dr. Brinkhues und ihre Mitarbeiter, für die fruchtbare und ökumenische Zusammenarbeit in den vergangenen Jahren zum Wohle derer, die uns Christus anvertraut hat. Nicht nur Frau Dr. Brinkhues hofft insgeheim, dass die gemeinsame Arbeit mit Dirk Jüttner noch ein wenig weitergehen wird.

André Golob