Insignien aus Frauenhand


Lilla Deichmann-Schaaffhausen


Elisabeth Deichmann-Schaaffhausen (1811-1888) war die jüngste Tochter des Kölner Bankiers Abraham Schaaffhausen und dessen Frau Therese de Maes aus Roermond. Die Eltern waren gläubige Katholiken, die einiges von ihrem Vermögen mildtätigen Zwecken und kirchlichen Belangen zuwendeten. Lilla Schaaffhausen heiratete am 26. Mai 1830 den Protestanten Wilhelm Deichmann (1798-1876), der zwei Monate zuvor die Schaaffhausense Bank übernommen hatte. Das Ehepaar bekam vier Söhne und sieben Töchter, erstere wurden protestantisch, letztere katholisch erzogen. Politisch war die Familie konservativ-liberal, religiös war sie tolerant.

Obwohl in Köln ansässig, besaß das Ehepaar Deichmann-Schaaffhausen seit 1836 in der Mehlemer Aue (heute Deichmanns Aue, Bonn-Lannesdorf) einen Sommersitz. Das barocke Schloss war Anziehungspunkt für Künstler und hochgestellte Persönlichkeiten wie das damalige preußische Kronprinzenpaar Wilhelm und Augusta. Johannes Brahms soll hier seine C-Dur-Sonate komponiert haben, die Familie Schumann-Wieck verkehrte ebenso im Haus wie Franz Liszt und Max Bruch.


Vielseitig begabt


Lilla Deichmann war eine künstlerisch begabte und wissenschaftlich interessierte Frau. Lange bevor Frauen regulär zum Studium zugelassen wurden, wurde sie im Alter von 60 Jahren die erste Studentin an der Bonner Universität. Sie studierte Augenheilkunde und durfte sogar eine Star-Operation durchführen. Im deutsch-französischen Krieg (1870/71) betätigte sie sich dreizehn Monate lang als Leiterin eines Lazaretts, zunächst bis April 1871 in Ems, später auf Schloss Wabern bei Kassel. Auch auf anderen Gebieten engagierte sie sich caritativ: Im Oktober 1873 gründete sie in Köln einen Bazar für weibliche Handarbeiten und schuf so eine Erwerbsquelle für arme Frauen, die selbst den Preis für ihre Arbeit bestimmen durften.

Nach ihrer Rückkehr aus dem Krieg schloss Lilla Deichmann-Schaaffhausen sich der alt-katholischen Bewegung an, die in den Kreisen des wohlhabenden Kölner Wirtschaftsbürgertums breite Unterstützung fand. Bei ihrem Tod vermachte sie dem alt-katholischen Bischof ein Legat von 60.000 Mark. Bischof Reinkens bestimmte den größten Teil der Erträge für das 1887 gegründete Seminarkonvikt in Bonn.

Lilla Deichmann-Schaaffhausen sollte wegen einer anderen, einzigartigen Gabe in der Geschichte des alt-katholischen Bistums eigentlich unvergessen bleiben. Sie ließ für den ersten Bischof die bischöflichen Insignien anfertigen: Ring, Kreuz und Bischofsstab, wahrscheinlich auch die Mitra.


Insignien


Im Ring ist das Datum der Bischofswahl (4. Juni 1873) vermerkt. Beim Stab handelt es sich um einen nach damaliger Anschauung vergleichsweise einfachen, funktionellen Stab aus Ebenholz. Seine Verbindungsstücke bestehen aus Silber, die Krücke aus massivem, vergoldeten Silber in Form einer Weinranke. Unterhalb der Krücke befindet sich ein Medaillon, ein Christuskopf in Amethyst geschnitten und mit Brillanten angebracht. Es handelt sich um ein Werk von hoher künstlerischer und handwerklicher Qualität. In der alt-katholischen kirchlichen Presse wurde darauf hingewiesen, dass die bischöflichen Insignien „schlicht und einfach“ seien. Damit grenzte man sich auf zweierlei Weise von der zeitgenössischen römisch-katholischen Praxis ab: von der prunkvollen Kleidung römisch-katholischer Prälaten und von deren Gewohnheit, diese Kleidung nicht nur bei der Ausübung des bischöflichen Amtes (etwa bei einer Weihe oder Firmung), sondern auch im Alltag zu tragen. Auch in den bischöflichen Amtszeichen wurde die Rückbesinnung auf die Alte Kirche sichtbar gemacht. In den Stab ist auf griechisch ein Ausschnitt aus 1 Petr 5, 2-3 eingraviert: „Weidet die Herde Gottes ... nicht gebieterisch über das Erbteil, sondern ein Vorbild der Herde seiend von Herzen“. Dies ist ebenfalls eine Absage an römisch-katholische Ansprüche eines päpstlichen Universalhirtentums und ein Hinweis darauf, wie das Bischofsamt in Treue zum biblischen Auftrag Christi ausgeübt werden soll.

Wer dem ersten Bischof einer katholischen Kirche die bischöflichen Insignien schenkt, investiert damit in diese Kirche, damit diese ihrem (Christus-)Auftrag gemäß funktionieren kann. Durch den in den Stab eingravierten Hinweis auf die Wahl des ersten alt-katholischen Bischofs „durch Clerus und Volk“ (im Gegensatz zu einer päpstlichen Ernennung) und die am 11. August 1873 erfolgte Weihe wird das reformerische Anliegen der Alt-Katholiken hervorgehoben.

Auch wenn damals Frauen noch nicht mitwählen durften, bringt Lilla Deichmann-Schaaffhausen mit ihrer Gabe ihre Zustimmung zur Wahl und Weihe dieses Bischofs zum Ausdruck. Die emanzipierte und künstlerisch interessierte Frau, deren Name am unteren Teil des Bischofsstabes eingraviert ist, tritt auch als Stifterin selbstbewusst auf. Sie ist es, die im Namen der alt-katholischen Gemeinden dem Bischof die Insignien schenkt: eine selbstbewusste Wohltäterin und Unterstützerin der alt-katholischen Bewegung und ihres Anliegens.


Angela Berlis