Beten um die Einheit der Christen


Im liturgischen Kalender steht neben dem Datum vom 18. Januar „Beginn der Gebetswoche um die Einheit der Christen“. Sie endet am 25. Januar, dem Tag der Bekehrung des Apostels Paulus. Diese Gebetswoche hat eine lange Vorgeschichte. Im liturgischen Beten aller Kirchen fand sich die Bitte um Einheit, besonders ausgeprägt in der Orthodoxie, in der Brüdergemeine und auch bei den Anglikanern, wo Woche für Woche Gott angerufen wurde, er möge „die Kirche beständig mit dem Geist der Wahrheit, Einigkeit und Eintracht erfüllen.“ Es bildeten sich viele Gebetsgemeinschaften, die um Gottes heiligen Geist flehten. 1846 versammelten sich einzelne Mitglieder verschiedener Kirchen in Liverpool und gründeten die Evangelical Alliance (EA), einen freien, gleichsam privaten Zusammenschluss von Christen zur Stärkung des Glaubens und zum Gebet. Die Woche beginnend mit dem ersten Montag im Jahr wird seither als Allianz-Gebetswoche für die Einheit gehalten. Ihre Blütezeit hatte diese Vereinigung im 19. Jahrhundert. Auch in den seit 1867 alle zehn Jahre vom Erzbischof von Canterbury eingeladenen Lambeth-Konferenzen waren die gespaltene Christenheit die Wiederherstellung ihrer Einheit ein vorrangiges Thema. Im Jahr 1900 hielt der anglikanische Geistliche P. Spencer Jones am 18. Januar eine Predigtreihe, die kurz danach als Buch erschien unter dem Titel „England und der Heilige Stuhl. Ein Essay zur Wiedervereinigung“.


Im römisch-katholischen Festkalender lag damals das Fest „Petri Stuhlfeier“ am 18. Januar (es war in Gallien ein Fest der Primatsübertragung an Petrus gewesen!). Die nachkonziliare römische Kalenderreform strich dieses Fest und hielt nur die ältere Feier desselben Inhalts am 22. Februar bei, an dem es auch ursprünglich begangen wurde. Über Herkunft und Inhalt dieses Festes kursieren unterschiedliche Erklärungen. Doch Spencer Jones und ein Geistlicher der Episcopal Church von Amerika, der später zur römisch-katholischen Kirche konvertierte, führten in ihren Kreisen 1907 eine Gebetswoche um die Einheit genau zwischen Petri Stuhlfeier und Pauli Bekehrung ein. 1909 bekam die Gebetsordnung den Segen Papst Pius X., sein Nachfolger Benedikt XV. machte sie für seine ganze Kirche verbindlich. So richtig ökumenisch wurde sie aber nie, sie wurde zu sehr als „päpstliche Einrichtung“ betrachtet.


Paul Coutourier


Die Oktoberrevolution und die nachfolgende Christenverfolgung unter Stalin brachte viele Flüchtlinge nach Westeuropa, der Westen Europas nahm die orthodoxen Kirchen wieder mehr wahr. In Belgien wurde die Benediktinerkongregation „Mönche der Einheit“ (in Amay bei Lüttich, heute in Chevetogne) gegründet. Im Palais des Erzbischofs von Belgien, Kardinal Désiré Josèphe Merciers, fanden zwischen 1921 und 1925 Gespräche mit den Orthodoxen statt, zu denen auch Anglikaner eingeladen wurden. Leider starb der Kardinal 1926. Im selben Jahr verbrachte Paul Coutourier, ein französischer Geistlicher, Professor für Mathematik, einen Monat bei den Mönchen der Einheit. Er hatte bereits in seiner Heimatstand Lyon russische Flüchtlinge betreut und sich mit der orthodoxen Frömmigkeit und Liturgie vertraut gemacht. Jetzt nahm er sich der Gebetswoche an getreu den Grundregeln, die Kardinal Mercier für das ökumenische Gespräch ausgegeben hatte:

„Um sich miteinander zu einigen, müssen wir einander lieben. Um einander lieben zu können, müssen wir einander kennen. Um einander kennenzulernen, müssen wir einander treffen.“

Für Coutourier war die Grundlage dieser Gebetsoktav das Beten Jesu: „Unser Herr wolle seiner Kirche auf Erden den Frieden und die Einheit schenken, die er meinte und auf die er zielte, als er am Vorabend seines Leidens betete, dass sie alle eins sein möchten“. Auf diesem Grund konnten sich alle finden, die verschiedenen Orthodoxen, die Kirchen der Reformation, die Anglikaner, Altkatholiken und römischen Katholiken. Bis zu seinem Tod im März 1953 gab Abbe Coutourier „Aufrufe zum Gebet“ heraus als Erinnerung, die Termine nicht zu vergessen, und als Hilfe zur Durchführung.

Auch die Bewegung für Glauben und Kirchenverfassung rief zum Gebet für die Einheit auf, 1920 wählte sie dafür die Woche vor Pfingsten. 1941 verlegte sie ihren Termin auf die Januarwoche, damit die Gemeinschaft im Gebet „alle versammelt an einem Ort“ (Apg 2,1) zeichenhaft sichtbar werde.

Die Not der Trennung und die Notwendigkeit des Gebetes um Gottes Geist und um Einheit gehören heute weniger denn je der Vergangenheit an.

Im „Common Worship“ der Kirche von England steht ein Tagesgebet um die Einheit im Glauben, das leicht verändert hier wiedergegeben ist:


Vater im Himmel,
im Leib der Kirche, deren Haupt dein Sohn ist,
hast du uns berufen, sein Werk der Versöhnung fortzusetzen
und dich der Welt so offenbaren.
Vergib uns die Sünden, die uns auseinanderreißen,
und schenke uns den Mut, unsere Furcht zu überwinden und die Einheit zu suchen,
die dein Geschenk und dein Wille ist,
durch Christus, unsern Bruder und Herrn.


Erentrud Kraft


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