Ein neues Port Royal


Ein Beitritt besonderer Art


In diesem Herbst wird es einen Beitritt besonderer Art für unser Bistum geben. Ein seit 1999 in Leinau bei Kaufbeuren klösterlich lebender Männerkonvent, der den Kern des Ordens von „Port Royal“ bildet, wird künftig unserem Bistum angehören. Der „Orden von Port Royal“ ist eine geistliche Gemeinschaft, die bislang keiner Kirche zugeordnet war. Neben dem Kloster in Leinau gehören ihm auch Solitaires, d.h. Einzelpersonen (Männer und Frauen) an, die nicht zölibatär leben, sich aber zu bestimmten regelmäßigen Gebeten und geistlichen Grundsätzen verpflichtet haben, sowie Freunde des Klosters, sogenannte Familiaren.


Port Royal und der Jansenismus


Der Name Port Royal ist in der alt-katholischen Kirchengeschichte von großer Bedeutung. Er entstammt einem 1204 gegründeten Nonnenkloster in der Nähe von Versailles. Port Royal gehörte ursprünglich zum weiblichen Zweig des Zisterzienserordens. Die Zisterzienser (der Name stammt vom Gründungskloster Citeaux/Burgund) entstanden aus einer Reformbewegung des Benediktinerordens im Jahr 1098 und hatten auf das kirchliche und kulturelle Leben im Mittelalter großen Einfluss. Der bekannteste Vertreter dieses Ordens ist wohl Bernhard von Clairvaux (1090-1153), dessen Gestalt als Kirchenreformer schon unseren ersten Bischof Joseph Hubert Reinkens so faszinierte, dass er ihm ein eigenes Buch widmete (J.H. Reinkens, Papst und Papstthum nach der Zeichnung des Hl. Bernhard von Clairvaux, Münster 1870).

Im 17. Jahrhundert wurde das Zisterzienserinnenkloster Port Royal zum Mittelpunkt einer eigenen geistlichen Bewegung, die unter dem Einfluss des Jansenismus ein unverfälschtes, aus innerem Antrieb und persönlicher Anspruchslosigkeit gelebtes Christsein vertrat, welches allein auf Gottes Gnade vertraute. Diese Bewegung hatte bald in Frankreich und später auch in den Niederlanden viele Anhänger, vor allem unter Intellektuellen. Im Unterschied zu anderen Ausprägungen jansenistischer Frömmigkeit, die sich durch eine gewisse düstere Freudlosigkeit auszeichneten, war die Atmosphäre von Port Royal trotz einfachsten Lebensstils nach dem Zeugnis vieler Zeitgenossen von innerer Harmonie und froher Gelassenheit bestimmt. Eine zentrale Rolle spielten die Geschwister Angelique und Agnes Arnauld, die beide zeitweise als Äbtissinnen fungierten, und ihr Bruder Antoine Arnauld. Bewegt von ihrer spirituellen Anziehungskraft bildete sich auch eine Gemeinschaft von Männern, die für gewisse Zeiten ihres Lebens als „Solitaires“, Einsiedler, in die Nähe der Abtei zogen. Der bekannteste Anhänger der Port-Royal-Bewegung war der Mathematiker und Philosoph Blaise Pascal.

Die Bewegung von Port Royal zog sich allerdings wegen ihres Zulaufs auch einflussreiche Neider zu und wurde wegen ihrer Nähe zum Jansenismus und ihres unerschrockenen Eintretens für ein einfaches Leben und für eine gewisse Unabhängigkeit von einer gesetzesorientierten Frömmigkeit immer wieder der Ketzerei verdächtigt. Der Konflikt mit Rom und dem damals mächtigen Jesuitenorden sowie schließlich auch mit Ludwig XIV. führte schließlich dazu, dass das Kloster Port-Royal-des-Champs 1709 aufgehoben und 1710 dem Erdboden gleichgemacht wurde. Das Tochterkloster Port-Royal de Paris war inzwischen einer anderen, der politischen Linie angepassteren Leitung unterstellt worden.

Dennoch blieb vieles vom Geist von Port Royal lebendig. Er setzte sich fort in der (alt-)katholischen Kirche von Utrecht, die aus den gleichen Gründen wie Port Royal – des Jansenismus verdächtigt – in Ungnade fiel und wegen ihres Beharrens auf alten Bischofswahlrechten 1723 von Rom getrennt wurde.


Das Bonner Port Royal


Der Geist von Port Royal beflügelte schließlich Professor Joseph Hubert Reinkens, den späteren Bischof, und seinen Bruder, den Bonner Pfarrer Wilhelm Reinkens sowie den geistlichen Philosophieprofessor Peter Knoodt, den späteren zweiten Generalvikar unseres Bistums, und andere Männer und Frauen aus ihrem Umfeld in der Mitte des 19. Jahrhunderts, in einem Leben aus der Unmittelbarkeit der Gnade Gottes und Einfachheit geistliche Gemeinschaft zu suchen. Knoodt wollte sogar das aufgelöste Kloster Nonnenwerth bei Rolandseck erwerben, um dort ein „neues Port Royal“, ein spirituelles Zentrum zu gründen. Die kommunitären Pläne erwiesen sich leider nicht als ausführbar. Lediglich mehrere Frauen aus der Gruppe, die eine Privatschule für Mädchen in Bonn begründeten, begannen ein gemeinsames Leben.


Auch der Gründer und Prior der Kommunität von Taizé, Roger Schutz, war in jungen Jahren inspiriert von der Idee, nach der Art von Port Royal um eine klösterlich lebende Gemeinschaft herum in konzentrischen Kreisen geistlich suchende Menschen anzusiedeln und anzuziehen und so für eine Erneuerung der Kirche aus dem Geist der Einfachheit und des reinen Gottvertrauens zu wirken.

In den 60er Jahren wurde wiederum bei einigen Männern und Frauen in Deutschland, teils aus alt-katholischem Bewusstsein, teils ohne besondere kirchliche Einbindung, die Suche nach geistlicher Verbindlichkeit und einem geistlichen Zentrum nach der Art von Port Royal lebendig. Dies mündete in der Gründung einer – zunächst konfessionell und kirchlich nicht eingebundenen – Gemeinschaft, die sich im Jahr 1999 in Leinau bei Kaufbeuren auch in Gestalt eines klösterlichen Konvents etablierte. Sie übernahm den Namen „Orden von Port Royal“ (OPR). Da den meisten Mitgliedern die historische Verbindung ihres Namens zur Kirche von Utrecht und damit zur alt-katholischen Bewegung bewusst war und ein kommunitäres Leben ohne kirchliche Anerkennung und Einbindung auf Dauer problematisch ist, wurden durch die räumliche Nähe zur Kaufbeurer alt-katholischen Gemeinde erste Kontakte hergestellt und bei einem Bischofsbesuch im evangelischen Kloster Werningshausen/Thüringen ein erstes Treffen von Bischof Joachim Vobbe mit dort anwesenden Ordensmitgliedern von Port Royal ermöglicht. Es folgten weitere Treffen mit dem Abt des Klosters, Klaus Schlapps, und Konventsmitgliedern in Bonn, und Besuche im Kloster durch Prof. Dr. Günter Esser und Generalvikar Luttermann. Bei diesen Zusammenkünften wuchsen die Vereinbarungen, durch welche nun die Ordnungen des Ordens kirchlich approbiert werden, das Ordensleben einerseits seine Eigenständigkeit behält und doch gleichzeitig die Einbindung in die Ordnungen und Satzungen unseres Bistums geschieht.


Am Wochenende 25./26. September soll diese Vereinigung im Rahmen einer Eucharistiefeier in Leinau besiegelt und mit einem Fest gefeiert werden. In diesem festlichen Akt wird zugleich der 800-Jahrfeier der Gründung des alten Klosters Port Royal gedacht. Der Festgottesdienst mit Bischof Joachim Vobbe findet am 25. September, 14 Uhr, in der Abtei St. Severin, Römerschanze 5-7, 87666 Pforzen/Leinau, statt. Die Gemeinden des Bistums sind dazu herzlich eingeladen


Joachim Vobbe, Angela Berlis