Liebe und Wahrheit kommen von Gott


Die Botschaft der Lieder (2)


Eigentlich ist die Botschaft dieses kurzen Liedes, das unter der Nummer 451 in unserem neuen Gesangbuch festgehalten ist und eher einer Antiphon als einem Lied gleicht, klar. Wie jedes andere Pfingstlied auch besteht es aus einer direkten Anrede des Heiligen Geistes mit der Bitte, auf uns herabzukommen. Trotzdem hat dieses Lied für uns Alt-Katholiken etwas Besonderes. Sein Text stammt nämlich aus der Feder von Ignaz Heinrich von Wessenberg (1774-1860).


Was hat der 1860 verstorbene langjährige Generalvikar und Verweser des 1827 aufgehobenen Bistums Konstanz mit der alt-katholischen Geschichte zu tun, die doch erst zehn Jahre später, mit dem Ende des Ersten Vatikanischen Konzils, einsetzte? Es ist ein Irrtum, alt-katholische Geschichtsschreibung mit den Jahren 1869/70 zu beginnen. Die Dogmen des päpstlichen Jurisdiktionsprimats und der päpstlichen Unfehlbarkeit sind nicht einfach vom Himmel gefallen. Sie müssen in einer jahrhundertelangen Tradition erbitterter Machtkämpfe zwischen den Vorrangsansprüchen der römischen Bischöfe und einigen, ihre Rechte verteidigenden Orts- und Nationalkirchen gesehen werden. Auch Ignaz Heinrich von Wessenberg gehörte zu denen, die für eine bischöflich-landeskirchliche Ordnung eintraten und damit den Zentralismus Roms bekämpften. Denn die altkirchliche Autonomie der Ortskirchen bestand in der von Rom bestimmten Kirche des Westens schon lange nicht mehr. Auf dem Wiener Kongress 1814 setzte sich Wessenberg für die Bildung einer katholischen Nationalkirche mit eigenem Primas ein, ohne die Bindung mit Rom völlig zu lösen. Der Plan scheiterte jedoch am Widerstand der römischen Behörden und der deutschen Fürsten.


Erfolgreicher war Wessenberg mit seinen kirchlichen Reformen im Bistum Konstanz. Ihre Auflistung enthält fast alle Punkte, die viele Jahre später von den deutschen Alt-Katholiken vertreten wurden. Kein Wunder, dass sich gerade auf dem früheren Gebiet des Bistums Konstanz zahlreiche alt-katholische Gemeinden bildeten, und zwar in einer Konzentration, wie sie sonst nirgends mehr zu finden ist; denn Geistlichkeit und Kirchenvolk zeigten sich begeistert von den Ideen des Generalvikars, nicht aber die römische Kirchenzentrale. Als der politisch begabte und seelsorglich versierte Kirchenreformer nach dem Tode des Fürstbischofs Karl Theodor von Dalberg 1817 zum Verweser des Bistums Konstanz gewählt wurde, fand dies nicht die Bestätigung der römischen Kurie. Bereits seit zwei Jahren erhielt diese von rom-orientierten Kreisen regelmäßig verdächtigende und verleumderische Berichte über den vom Geist der Aufklärung geprägten, aber tief religiösen Theologen, den mit dem Pädagogen Johann Heinrich Pestalozzi und dem späteren Regensburger Bischof Johann Michael Sailer eine tiefe Freundschaft verband. Obwohl Wessenberg nach Auflösung des Bistums Konstanz 1827 zum Bischof der neu errichteten Diözese Freiburg gewählt wurde, lehnte Rom ihn als zu unzuverlässig und zu liberal ab. Damit war die Kirchenlaufbahn des begabten Seelsorgers und Priesters beendet. Er zog sich ins Privatleben zurück und tat sich fortan als Autor zahlreicher theologischer Werke, aber auch als Initiator caritativer und kultureller Projekte hervor.


Vor diesem Hintergrund erhält die Bitte um den „Geist der Wahrheit“ und den „Geist der Liebe“ charakteristische Bedeutung. Ignaz Heinrich von Wessenberg war bemüht, sich von ihm leiten zu lassen. Er galt als ein Mann von makelloser Gesinnung, hoher Bildung und großer sozialer Aufgeschlossenheit, ein Aufklärer vornehmster Prägung. Doch im Gegensatz zu den Aufklärern seiner Zeit, die nicht nur die Unfehlbarkeit des Papstes, sondern überhaupt jede Lehrautorität, auch die der Heiligen Schrift und der Konzilien ablehnten und den christlichen Glauben in eine abstrakte Vernunftmoral auflösen wollten, hielt Wessenberg an den Grundlehren des katholischen Glaubens fest. Es ist ein beredtes Zeugnis aus dieser turbulenten Zeit, den „Geist der Wahrheit“ und „der Liebe, den der Herr den Jüngern gab“, zu bitten, er möge „jeden unserer Triebe“ läutern.


Wessenberg wird dabei nicht ausschließlich an die geistigen Strömungen seiner Zeit und an die Machtbesessenheit, die selbst vor der Kirche nicht haltmacht, gedacht haben. Läuterungsbedürftige Triebe gab es zu allen Zeiten, und es wird sie auch weiterhin zu allen Zeiten geben. Sie machen deutlich, dass der Mensch als Geschöpf Gottes der Vollendung durch seinen Schöpfer bedarf. Um den Geist Gottes mit seinen vielfachen Gaben zu bitten, ist Ausdruck unserer Verwiesenheit auf Gott. Durch ihn erst werden wir zur Liebe fähig. Und durch ihn erst erhält die Wahrheit ihre Chance.


Joachim Pfützner