Vertreibung und Vernichtung im Zeichen des Kreuzes - Geschichte des nachbiblischen Judentums (6. Teil)


Im Jahre 1095 fand in Clermont in Frankreich ein weltpolitisches Ereignis statt. Ein Konzil war einberufen worden, auf dem ursprünglich nur nationale Fragen der französischen Kirche behandelt werden sollten. Papst Urban II. war persönlich zugegen. Am Ende des Konzils hielt er eine Rede, in der er die Fürsten und Ritter zur Befreiung der Stätten im Heiligen Land aufrief. Die Rede muss so gewaltig gewesen sein, dass die Masse von einem Taumel ergriffen wurde und vielstimmig ausrief: „Deus le volt!“ - „Gott will es!“ Eine religiöse Erregung packte die Menschen, und Zigtausende brachen schon im nächsten Jahr zum Kreuzzug auf.


Marodierende Kreuzfahrer


Doch noch ehe sie im Heiligen Land ankamen, hatten sie einen ganz anderen Kreuzzug begonnen. Den Feind des Christentums erblickten die Teilnehmer dieses ersten Kreuzzuges bereits vor ihrer eigenen Tür, in den Juden. Marodierend zogen die fanatischen Krieger gegen die blühenden jüdischen Gemeinden in Frankreich und im Rheinland. Der Chronist Albert von Aachen ist entsetzt über das Ausmaß der Zerstörungen und der Mordaktionen: „Ich weiß nicht, ob es nach Gottes Ratschluss oder aus der Verwirrung des Geistes geschah: Sie erhoben sich in einem Anfall von Grausamkeit gegen das jüdische Volk, das zerstreut in verschiedenen Städten wohnt, und richteten ein höchst grausames Blutbad an.“


Jüdische Häuser und Synagogen in Speyer, Mainz, Trier, Worms und Köln wurden zerstört und verbrannt. Tausende von Juden verloren unter unsäglichen Martern ihr Leben oder töteten sich und ihre Angehörigen selbst. Die noch überlebenden Juden flohen.


Der erste Kreuzzug war wie ein Fanal einer ungeheuren, gegen die Juden gerichteten Kampagne für die nächsten Jahrhunderte. Jeder neue Kreuzzug begann zunächst mit einer Welle von Vernichtung und Zerstörung der einheimischen Juden. Bischöfe versuchten, die Juden zu schützen und zu verstecken. Es gelang ihnen nicht. Kaiser Heinrich IV. untersagte die Plünderungen und das Morden. Doch er weilte in Italien, und sein Befehl hatte keine Wirkung. Als er nach seiner Rückkehr den zwangsgetauften Juden gestattete, wieder zur jüdischen Religion zurückzukehren, erhielt er ein geharnischtes Protestschreiben von Papst Clemens III.


Gottesmörder


Was war der Grund für diesen eruptiven Ausbruch von Hass und Gewalt in Frankreich, Deutschland und England? Einmal war es sicher der Neid auf die Fähigkeiten, den Besitz und das Wohlergehen der Juden. Zum anderen war die Saat aufgegangen, in den Juden die Gottesmörder par excellence zu sehen. In seinem Buch „Die Kreuzzüge. Im Namen Gottes“ schreibt der Verfasser Peter Milger: „Die kirchliche Propaganda blieb bei dem Vorwurf, die Juden seien die Feinde der Kirche. In der Kreuzzugspropaganda wurden nun die Muslims wegen der angeblichen Besudelung der Grabeskirche als ‘Feinde Gottes’ abgestempelt. Das heißt, sie wurden zu Feinden an sich, zu Rechtlosen. Das führte zu einer Aktivierung der Vorstellung, die Juden seien die ‘Feinde Gottes’. Die ohnehin dünne Schutzschicht rechtlicher Normen hielt der Kreuzzugsstimmung nicht stand. Den Juden wird die Behandlung zuteil, welche die Prediger den Muslims zugedacht hatten.“


Während der Zeit der christlichen Herrschaft in Jerusalem (1099 – 1187) gab es nach dem Bericht eines jüdischen Reisenden nur eine einzige jüdische Familie in der Heiligen Stadt. Nachdem sie von Saladin wieder eingenommen werden konnte, kamen zahlreiche Juden hierher. Allein aus England und Frankreich wanderten 300 Rabbinen ein und suchten hier ihre neue Heimat. Sie verpflanzten nach den Zerstörungen der jüdischen Gemeinden in Europa die Wissenschaften erneut nach Palästina. Unser Reisender fragte sich: „Warum siedelten sich die Juden hier nicht an, als die Stadt in den Händen der Christen war?“ Und er zitiert einen eingewanderten Glaubensbruder: „Weil bei ihnen immer davon die Rede war, dass wir ihren Gott gemordet und sie gekränkt hätten. Wenn sie unser habhaft geworden wären, würden sie uns bei lebendigem Leibe verschlungen haben.“ Nachdem jedoch Saladin (‘der ismaelitische König’) die Stadt erobert hatte, „da erscholl allenthalben sein Ruf: Möge jeder von den Nachkommen Ephraims, den es danach verlangt, in die Stadt zurückzukehren aus Aschur (Mesopotamien) und Mizraim (Ägypten) und aus allen Orten, wohin sie verschlagen sind.“

Unter dem Schutz der Muslime konnten die Juden nun in Jerusalem wieder Synagogen und Lehrhäuser errichten.


Hans-Jürgen van der Minde


Texte:


Albert von Aachen


Von den Judenmorden zu Köln: Darauf, ich weiß nicht ob nach Gottes Ratschluss oder aus irgendeiner Verirrung des Geistes, erhoben sie sich in einem Anfall von Grausamkeit gegen das jüdische Volk, das zerstreut in verschiedenen Städten wohnte. Sie richteten unter ihm ein höchst grausames Blutbad an, und zwar vor allem im lothringischen Reich, und versicherten, dies sei der Anfang ihres Zuges und ihres Gelöbnisses gegen die Feinde des christlichen Glaubens. Dieses Judenmorden wurde zuerst in Köln von den Bürgern verübt: unvermutet fielen sie über eine kleine Zahl von Juden her und machten die meisten von diesen mit schweren Verwundungen nieder, zerstörten ihre Häuser und Synagogen und verteilten unter sich das meiste von dem erbeuteten Geld. Als die anderen Juden solche Grausamkeit sahen, machten sie sich, ungefähr zweihundert, in der Stille der Nacht auf die Flucht und suchten zu Schiff nach Neuß zu entkommen. Als aber die Pilger und die mit dem Kreuz Gezeichneten davon erfuhren, ließen sie auch nicht einen von den Fliehenden am Leben, sondern richteten unter ihnen das gleiche Morden an und raubten ihnen all ihre Habe...


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