Kitsch und Kunst daheim


Was bewegte alt-katholische Frauen vor fünfzig Jahren?


Kunst und Kitsch im christlichen Heim“, so lautete der Titel eines Vortrags, den damals die Pfarrfrau Jutta Schöke auf der alt-katholischen Frauentagung in Karlsruhe hielt. Der Vortrag gewährt einen bemerkenswerten Einblick in eine Zeit, die geprägt war von einer Mischung aus Aufbruchwillen und der Suche nach einem neuen, stabilen, „wahrhaftigen“, tragfähigen Heim. Der Krieg war gerade elf Jahre vorüber, seine Wunden noch frisch. Ebenso zeitlich nah lag noch das „Dritte Reich“, das je nach Thematik – oft ohne benannt zu werden – in einer bunten Mischung aus ehrlicher Abgrenzung und/oder Schuld-anerkenntnis, Scham und Verdrängung, aber nicht selten auch verdeckter, meist unreflektierter Zustimmung zu gewissen gesellschaftlichen Zuständen den Erfahrungshorizont der damaligen Erwachsenen prägte.


Geschlechterrollen


Jutta Schöke widmet sich zunächst den Rollen von Mann und Frau: „Wir leben in einer Männerzeit! Die Männer machen Politik, Krieg und Geschichte, die Geldwirtschaft.“ Darauf folgen kritische, sogar ironisch-aufsässig anmutende Töne: „Lassen wir sie ruhig weiter in dem Glauben, dass sie als Herren der Schöpfung das Leben bestimmen.“ Wer dann allerdings den Aufruf zum Aufstand erwartet, wird enttäuscht. Die Frauen, die immerhin in den letzten Jahren des Kriegsgeschehens und oft noch bis lange nach dem Krieg den Broterwerb und das Geschick der Familie allein schultern mussten, werden in ihre alte, zwar als machtvoll erlebte, aber doch häusliche Rolle zurückverwiesen: „Es gibt aber einen Bezirk des Lebens, der ist von der Frau und Mutter getragen, der Bezirk der Familie, das Heim, das Zuhause.“ „Das Wesen einer Frau erfüllt sich und vollendet sich im mütterlichen Pflegen und Hegen des Lebens und der Dinge.“ Zwar gilt: „Alles Große ist aus kleinen Anfängen entstanden, alles Schöne vergeht, wenn es nicht mit sorgenden Händen behütet wird.“ Doch nach diesem Blick aufs Große und Schöne und dem damit verbundenen Eingeständnis häuslicher Enge wird die Rolle der Frauen dann doch wieder zurückgenommen: „... wenn wir die rechte Demut aufbringen für den Alltagsdienst, für das Bescheidene, was sich da zuhause abspielt, dann haben wir das rechte Maß für unser Tun.“ Wenig später wird noch einmal kräftig ausgeholt: „Es wäre aber zu wenig, wenn wir den Lebensdienst der Frau nur im stillen Hüterinnenamt sehen wollten. In solchen Umbruchzeiten, wie wir sie jetzt erleben, sind die Mütter berufen, in aktivem Sinne an dem teilzunehmen, was die Kultur der Zeit ausmacht. Je mehr die Frau die ganze Weite dieses ihr bestimmten Aufgabenkreises erkennt und sich auch bildungsmäßig dafür einsetzt, desto leichter wird es ihr gelingen, einseitig vermännlichtes, ein ins Unmenschliche erstarrtes und kriegerisches Gesicht der Zeit mitverantwortlich zu gestalten.“ Das sind recht deutliche Töne. Angewandt aber aufs Thema Kitsch und Kunst bleibt die kulturelle Prägekraft der Frauen in diesem Vortrag im Wesentlichen beschränkt auf das häusliche Umfeld.


Echt und unecht


Die Begriffsbestimmungen sind einfach: „Kunst ist der Zusammenklang von Innen und Außen. Wo ein Gedanke, eine Idee wesensgerecht und wesensecht Ausdruck findet in der äußeren Form, da begegnet uns Kunst. Demnach ist Kunst wahrhaftig, gefühlsecht in Inhalt und Form. Alles, was diesem Echten widerspricht, ist Kitsch.“ Deutlich wird darin die Sehnsucht der Nachkriegsgeneration, sich zu befreien vom als „Kitsch“ erlebten Stil der Gründerzeit, der oft mit seinem Plüsch, seinen funktionslosen, gedrechselten Möbelaufsätzen und mit seiner gipsernen Religiosität die Kriegszeiten überdauert hatte. Gelobt wird das funktionale Geschenk, der nicht durch Verzierungen „entstellte“ Gebrauchsgegenstand, die „echte“ Blume in der schlichten Vase als Dekoration statt des funktionslosen, schnörkelhaften Tafelaufsatzes. „In dem Maße, in dem etwas verlogen oder unzweckmäßig ist, ist es auch kitschig. Kitsch ist zumeist süßlich und schmeichelt im Augenblick. ‚Hübsch’ oder ‚niedlich’ sind gefährliche Worte, wenn es darum geht, ein Stück für unser Heim anzuschaffen oder ein Geschenk zu machen.“ Das klingt fast nach Bauhaus.


Es ist aus der Not der Zeit begreiflich, dass Jutta Schöke Zusammenhänge von Massenproduktion und Kitsch nicht grundsätzlich reflektiert. Auch eine „Holbeinmadonna“, wie sie sie als religiöse Kunst fürs Heim empfiehlt, Dürers betende Hände oder Da Vincis Abendmahl verschleißen sich zum Kitsch, wenn sie in jeder Wohnstube hängen, und sie unterscheiden sich am Ende vom kritisierten seriellen Gipskruzifix oder vom „Christusbild, das den Herrn als schönen Mann mit gelocktem Haar, süßlichem Gesicht, weichlich und kraftlos darstellt“, nicht mehr wirklich. Ebenso wird der Echtheitsbegriff nicht gründlich unter die Lupe genommen; die Blut- und Boden-Kunst der Nazizeit schmückte sich ja ebenfalls gern mit dem Etikett „echt“. Die Erfahrung der Unsicherheit, Zerrissenheit und Gebrochenheit unserer menschlichen Existenz, wie sie uns in der modernen Kunst auf vielfältige Weise begegnet, wird in Schökes Vortrag, dessen Publikum vielleicht auch in eher älteren Zuhörerinnen bestand, nicht thematisiert. Die Erfahrung von Orientierungslosigkeit und Sinnleere (und der daraus resultierenden Mühe neuer Sinnsuche) war den Nachkriegsmenschen wohl noch viel zu nah und unerträglich, als dass man sie sich nun auch noch in gemalter Weise über die propagierte schlichte, praktische Eckbank in der Küche oder den frisch erworbenen Nierentisch hätte hängen mögen. Immerhin aber wird hinter Jutta Schökes Kritik am „Unechten“ das Bedürfnis erkennbar, sich nicht mehr in heile Scheinwelten flüchten zu wollen.


Denkanstöße


Jede Zeit schreibt ihre Kritiken. Wir würden uns heute sicher sehr viel leichter auf die Ablehnung eines falschen Heroismus in der häuslichen Kunst verständigen können als auf einen fragwürdigen Echtheitsbegriff. Das Zersägen des funktionslos gewordenen hübschen gedrechselten Nähtischchens aus der Gründerzeit oder die Entfernung der Nazarenergipsmadonna unserer Urgroßeltern, die vielleicht als Einzelstück alle Bilderstürme der sechziger und siebziger Jahre überstanden hat und unbeeindruckt mit zeitlos-mildem Lächeln auf unser hektisches Getriebe blickt, käme uns heute kaum noch in den Sinn. Jede Zeit hat ihren Kitsch. Wo früher der röhrende Hirsch hing, hängen heute die lächelnden Urlaubsfotos und die Serienbilder von Ikea. Ein bisschen Kitsch braucht man vielleicht sogar. Kitsch macht die Widersprüchlichkeiten des Lebens ein wenig erträglicher und erinnert uns manchmal einfach an die guten Absichten lieber Zeitgenossen, die uns (wenn auch mit schlechtem Geschmack) Zeichen ihrer Zuneigung hinterlassen haben. Aber man möchte Jutta Schöke auch noch nach fünfzig Jahren darin zustimmen, dass häusliche Kunst, sei sie alt oder neu, auch Denkanstöße vermitteln kann und darf und nicht nur dazu dienen sollte, unsere bürgerliche Selbstzufriedenheit zu dekorieren.


Mariette Kraus-Vobbe