Der Mann der Zukunft - Vor 50 Jahren starb Bischof Erwin Kreuzer


Selbst flüchtige Notizen, die unsereins in schnoddriger Nachlässigkeit zu Papier bringt, hat er in seiner unverwechselbar klaren und gleichmäßigen Handschrift mit einem Federhalter niedergeschrieben. Über Jahrzehnte hin hat sich sein Schriftbild kaum verändert; bis zum Ende bleibt es gestochen scharf. Auch ohne die Graphologie zu bemühen, sagt Erwin Kreuzers Handschrift viel über ihn aus: Gradlinig, diszipliniert, allen Schludrigkeiten abgeneigt, ein Mann von sprichwörtlich preußischer Disziplin – so muss man sich den Pfarrer und späteren Bischof vorstellen, dessen Leben nicht ohne Tragik war.


Ein Berliner


Erwin Kreuzer erblickte am 24. Februar 1878 in Berlin als jüngster Sohn von insgesamt sechs Kindern das Licht der Welt. Sein Vater war Rechnungsrat beim Königlichen Statistischen Amt und Mitbegründer der Berliner alt-katholischen Gemeinde. Den Mädchennamen seiner Mutter, Franziska Zelenka, sollte er zeit seines Lebens in Verbindung mit den Anfangsbuchstaben seines Namens als Pseudonym benutzen. Kreuzer zeichnete all jene Artikel in Zeitungen mit „E.K. Zelenka“, bei denen er deutlich machen wollte, dass er seine persönliche Meinung kundtat und sich nicht als Amtsperson äußerte.Nach dem Abitur studierte Erwin Kreuzer ab dem Sommersemester 1897 in Bonn alt-katholische Theologie; damals lehrten mit Joseph Langen, Heinrich Reusch und Friedrich von Schulte noch die „alt-katholischen Väter“ an der Universität. Am 1. April 1900 erhielt er die Priesterweihe von Bischof Theodor Weber und wirkte danach kurz als Vikar in Köln, bevor er zum 1. Oktober 1900 als Pfarrverweser nach Passau entsandt wurde. Doch weil diese Gemeinde sehr klein geworden war, versetzte Bischof Weber Kreuzer im Sommer des folgenden Jahres nach Kempten.


Ein Mann mit vielfältigen Talenten


Die Versetzung nach Kempten darf als ein großer Vertrauensbeweis des Bischofs an den erst 23 Jahre alten Geistlichen gewertet werden, denn die Allgäuer Gemeinde befand sich nach der kurz hintereinander erfolgten Amtsenthebung der beiden Vorgänger in einer schweren Krise. Kreuzer sollte sich als der richtige Mann erweisen, welcher der Gemeinde wieder neuen Halt und Richtung gab. Hier, in Kempten, konnte er zeigen, welche Talente in ihm schlummerten. Dass er eine Ader für die soziale Frage hatte, zeigte sich u.a. darin, dass er wenige Monate nach seinem Dienstantritt einen Arbeiterverein ins Leben rief. Kreuzer begann, sich in der Bodenreformbewegung zu engagieren und vertrat deren Anliegen in öffentlichen Vorträgen. Darüber hinaus geht die 1916 erfolgte Errichtung des ersten Mietschlichtungsamtes in Deutschland auf seine Initiative zurück. Doch nicht nur der sozialen Frage galt sein Interesse. Es zeigte sich, dass Kreuzer der geborene Organisator und ein Naturtalent in Sachen „Öffentlichkeitsarbeit“ war. Er entwickelte eine Diasporaordnung, rief den Hilfsverein „Ich dien“ mit ins Leben, war nacheinander Redakteur des Wacht auf des Reichsbundes der Jungmannschaften, der Zeitung Der romfreie Katholik (erschienen von 1912-1915) und von 1916 bis zu seiner Bischofsweihe Schriftleiter des Alt-katholischen Volksblattes. Er gab eine Reihe von hilfreichen Broschüren heraus, so das „Handbüchlein“, ein alt-katholisches Adressenverzeichnis im Westentaschenformat, oder eine Informationsschrift über den Alt-Katholizismus – beides Schriften, die mehrere Auflagen erlebten. Als Vortragsredner zu religiösen und sozialen Zeitfragen bereiste er ganz Deutschland.


Der Mann der Zukunft


Kreuzer erwarb sich in den Kemptener Jahren den Ruf, der Mann der Zukunft zu sein, wie ihn der damals bekannte evangelische Theologe Friedrich Nippold nannte. Kein Wunder also, dass er bei der Bischofswahl 1912 der Hoffnungskandidat der „jungen Generation“ war. Da Bischof Josef Demmel schwer erkrankt war, wurde die Wahl eines Bischofs-Koadjutors mit dem Recht der Nachfolge auf den 16. Oktober 1912 angesetzt. Alles deutete darauf hin, dass Weihbischof Georg Moog gewählt würde. Die „Jungen“ aber wollten auf jeden Fall Kreuzer in die Leitung des Bistums bringen. Deshalb sollte Moog vor der Wahl erklären, er werde Kreuzer zu seinem Generalvikar ernennen. Weigere er sich, diese Erklärung abzugeben, werde man direkt Kreuzer zum Bischof wählen. Nachdem dieses Ansinnen öffentlich wurde, erlebte die alt-katholische Kirche eine der heftigsten Auseinandersetzungen ihrer Geschichte. Erwin Kreuzer war tief betroffen über diese Ereignisse, denn seine Freunde waren ohne sein Wissen aktiv geworden. Er bat deshalb öffentlich, für ihn keine weitere Agitation zu betreiben. Am Ende setzte sich bei der Wahlsynode mit 75 Stimmen Georg Moog durch, aber auf Kreuzer entfielen immerhin 54 Stimmen.

Man darf nicht meinen, nun sei das Verhältnis zwischen Erwin Kreuzer und Georg Moog bleibend gestört gewesen. Nach dem Ersten Weltkrieg betraute Bischof Moog Pfarrer Kreuzer immer häufiger mit besonderen Aufträgen, sei es mit Untersuchungen in Gemeinden oder der Schlichtung von Konflikten.


Persönliches


Über Persönliches hat sich Kreuzer in offiziellen Rückblicken nie geäußert, das Private zog er nie ins Licht der Öffentlichkeit. So wissen wir nur aus den Akten, dass er in seiner Kemptener Zeit zum ersten Mal heiratete. Am 19. Juni 1906 schloss er die Ehe mit Elisabeth Umbreit aus Hannover, die aber noch im selben Jahr, am 28. September, starb. Was dies für ihn bedeutete? Darüber hat er nirgendwo etwas geschrieben. Nebenher erfahren wir, dass 1912, genau in der Zeit, als der Konflikt um die Bischofswahl dem Höhepunkt entgegenging, ein zweiter Versuch der Verehelichung scheiterte. An den Schweizer Bischof Herzog, mit dem er in engem Kontakt stand, schreibt er in einem langen Brief eher beiläufig um seinen momentanen Gemütszustand zu beschreiben, dass die Dame, die er sich zur Braut erwählt habe, schwer erkrankt sei, u.a. an Tbc, eine Eheschließung sei deswegen nicht mehr wahrscheinlich. Wer sie war, wissen wir nicht. So trat Erwin Kreuzer erst 1920 wieder an den Traualtar und ehelichte die verwitwete Clotilde Leichtle, eine geborene Aurnhammer, die Schwiegertochter des Kemptener Alt-Katholiken Adolf Leichtle. Sie brachte aus erster Ehe eine Tochter, Edda, in die Ehe mit. Die gemeinsamen Kinder des Ehepaars Kreuzer heißen Irmgard und Berthilde.


Nach Freiburg


Im September 1915 bewarb sich Erwin Kreuzer um die vakante Pfarrei Freiburg/Br. und wurde dort von der Gemeindeversammlung einstimmig gewählt, am 9. April 1916 erfolgte der offizielle Dienstantritt. Bis zu seiner Bischofswahl 1935 sollte er in Freiburg Dienst tun, zunehmend mit überregionalen Aufgaben bedacht: Vorsitz der Badischen Landessynode (ab 1919), Mitglied der Synodalrepräsentanz (ab 1922), Generalvikar für das Land Baden (ab 1924).


Bischof


Nach dem Tod von Bischof Moog wählte die Synode Kreuzer am 20. März 1935 zum Bischof; auf ihn entfielen 119 von 121 abgegebenen Stimmen. Was 1912 gescheitert ist, war nun gelungen: Erwin Kreuzer leitete das Bistum, und in anderen Zeiten wäre dies die Chance gewesen, dass er, der ein unglaubliches Arbeitspensum zu bewältigen verstand, seine Fähigkeiten zum Nutzen der Kirche hätte voll entfalten können. Wäre Kreuzer nicht in der Zeit des Dritten Reiches Bischof gewesen, er würde uns heute als einer der bedeutendsten alt-katholischen Bischöfe nach Reinkens gelten. So aber ist sein Andenken nahezu untergegangen. Der Grund dafür liegt in der Rolle, welche unsere Kirche in jener Zeit spielte. Es gab Kreise, die sich schon sehr früh die Frage stellten, ob das nationalsozialistische Lager nicht ein Beitrittspotential für den Alt-Katholizismus darstellen würde; die ersten Zeugnisse dafür stammen aus dem Jahr 1924. Ab 1932 kam es an verschiedenen Orten zu großen Beitrittswellen. Nach Hitlers Machtergreifung betonten einige alt-katholische Geistliche die Nähe zum Regime und erhofften sich davon einen weiteren Aufschwung. Vereinzelt gelang dies sogar. So konnte ein Pfarrer in Oberschlesien 1937 in neun Monaten rund 1.000 Beitritte melden. Erwin Kreuzer beobachtete aufmerksam den aufstrebenden Nationalsozialismus. Er sah, wie andere innerhalb der alt-katholischen Kirche, in der Betonung des Nationalen und in der gemeinsamen Gegnerschaft zur römisch-katholischen Kirche Berührungspunkte mit der NSDAP. In seinem Hirtenbrief zu Ostern 1946 erkannte er darin einen der Gründe, warum man dem Nationalsozialismus gegenüber nicht wachsamer gewesen war.


National


Kreuzer selbst war gewiss ein national eingestellter Mann, dafür spricht einerseits sein zeitweises Engagement für die Deutschnationale Volkspartei 1919 bis 1922 in Freiburg, andererseits seine Mitgliedschaft im Deutschbund, einer völkischen Vereinigung. Erwin Kreuzer war aber ein viel zu vornehmer Mensch, als dass er seine politischen Gedanken innerkirchlich kundgetan hätte. Da und dort gibt es allerdings Äußerungen, die einen aufschrecken lassen, Äußerungen, in denen er vor ungesunder Rassenvermischung warnt oder den jüdischen Einfluss auf die deutsche Kultur negativ bewertet.

Erschreckend auch, wie sehr er bis zum Ende am Glauben festhielt, Deutschland werde von einer sittlich hochstehenden Regierung geleitet. Da ist er der Propaganda ganz und gar erlegen und konnte sich wohl nicht vorstellen, welche Dekadenz in diesen Kreisen herrschte. So wehrte sich Bischof Kreuzer zwar gegen die zunehmende Einschränkung des kirchlichen Lebens, aber er meinte stets, dafür seien einzig die untergeordneten Stellen verantwortlich.

Deutschlands Zusammenbruch war auch Kreuzers Zusammenbruch. Die Fotografien, die nach dem Krieg entstanden, zeigen dies deutlich. Als die Verbrechen offenkundig wurden, ist von ihm das Wort überliefert, er habe nicht glauben können, dass wir Deutschen solche Schweine seien. In einem Hirtenbrief des Jahres 1946 bekennt er sich zur Mitschuld und schreibt, man habe sich von den „Hochzielen“ der Nationalsozialisten blenden lassen: „... es gab doch von Anfang an Worte und Erscheinungen, die beschämend waren und die uns hätten wacher finden sollen ...“

Erwin Kreuzer starb am 20. August 1953 im Alter von 77 Jahren und wurde auf seinen Wunsch hin in Kempten beerdigt.


Matthias Ring


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