Ein früher Alt-Katholik

Pfarrer Thomas Braun (1816-1884)

Thomas Braun wurde oft der erste Alt-Katholik Deutschlands genannt, heute freilich ist er weithin vergessen. Vor 190 Jahren, am 29. März 1816, wurde er im niederbayrischen Münchham am Inn als Sohn einer Bauern- und Handwerkerfamilie geboren. Damals gab es für hochbegabte Bauernsöhne fast nur eine Möglichkeit, um studieren zu können, nämlich die, den Priesterberuf anzustreben. So war es auch bei Thomas, der eine überdurchschnittliche Begabung aufwies und deshalb auf Empfehlung des Passauer Bischofs 1836 in Rom, im angesehenen Collegium Germanicum, sein Theologiestudium beginnen konnte. Schon damals zeigte sich, was Thomas Braun in den Augen seiner Vorgesetzten später zum Verhängnis werden sollte: Er entpuppte sich als eigenständiger Geist, der nicht nur zu einer eigenen Meinung fand, sondern diese auch zu begründen vermochte – auch gegenüber seinen Professoren. Diese hatten damit ihre Pro­bleme und ließen Thomas Braun in Rom nicht zur Priesterweihe zu. Da ihm aber ein gutes Sittenzeugnis ausgestellt wurde, nahm ihn der Passauer Bischof trotzdem in den Dienst seiner Diözese auf. Am 12. August 1843 empfing er die Priesterweihe und war dann in Tittling und Holzkirchen tätig.

Ein Irrtum?

In Holzkirchen erreichte Thomas Braun 1854 eine Nachricht, die er zunächst für einen Irrtum der Tagespresse hielt. Demnach habe Papst Pius IX. am 8. Dezember ein neues Dogma erlassen, das besage, Maria, die Mutter Jesu, sei von ihren Eltern ohne den Makel der Erbsünde empfangen worden, also wie Jesus ohne biologisches Zutun des Vaters. Bald wurde Thomas Braun klar, dass dieses Dogma von der „Unbefleckten Empfängnis Mariens“ kein Presseirrtum war, denn ihm wurde – wie jedem Priester – die entsprechende Bulle zugestellt, um sie von der Kanzel zu verlesen. Braun erklärte daraufhin seinem Bischof, er werde die Bulle verlesen, aber nur aus äußerem Gehorsam und ohne innere Zustimmung. Das Dogma lehne er ab, denn es stelle eine Neuerung des katholischen Glaubens dar. Bislang habe man gut katholisch sein können, ohne an die unbefleckte Empfängnis zu glauben und nun solle es plötzlich anders sein. In einem Gespräch mit seinem Bischof versuchte er, anhand der Schriften der Kirchenväter aufzuzeigen, dass diese nichts von einer unbefleckten Empfängnis wussten, doch Bischof von Höfstätter entgegnete nur barsch, er solle sein Käspapier wegtun. Ein andermal beschimpfte er Braun, er sei ein Alt-Katholiken, weil er sich immer wieder auf den Glauben der alten Kirche berufe.

An Thomas Brauns Argumentation fällt auf, wie stark sie der späteren alt­katholischen gegen die Papstdogmen des Ersten Vaticanums ähnelt. Für ihn stand außer Frage, dass die Kirche keine neuen Glaubensartikel machen kann und dass alles, was gelehrt wird, mit der Heiligen Schrift und dem Glauben der Urkirche übereinstimmen muss.

Gebannt

Bischof von Hofstätter war entsetzt und erschrocken zugleich über Brauns Haltung: Ein einfacher Landpfarrer wagte es, sich gegen die Obrigkeit aufzulehnen. Hofstätter drohte mit dem Kirchenbann und der Amtsenthebung. Aber Thomas Braun blieb standhaft, während es sich viele seiner Kollegen, die auch nicht an das neue Dogma glaubten, leichter machten: Äußerlich stimmten sie zu, innerlich dachten sie ganz anders. Für Braun war eine solche Haltung inakzeptabel.

Nach zweijähriger Auseinandersetzung verhängte der Bischof am 7. Juni 1857 den Kirchenbann über Thomas Braun wegen Ketzerei und enthob ihn seines Amtes – aus Angst, ansonsten selber durch den Papst des Bischofsamtes enthoben zu werden.

Heute beeindruckt die Exkommunikation als Kirchenstrafe kaum noch, es sei denn, die Betreffenden stehen im kirchlichen Dienst. Aber vor über hundert Jahren konnte die Exkommunikation den Ruin bedeuten, denn fortan war es allen Geistlichen und Gläubigen untersagt, mit Thomas Braun Kontakt zu halten oder ihn zu beherbergen. Sein Buch „Katholische Antwort“, in dem er seine Sicht der Dinge dargelegt hat, wurde in Rom auf den Index der verbotenen Bücher gesetzt. Trotzdem war es zunächst ein Verkaufsschlager in Passau, bis von kirchlicher Seite den katho­lischen Buchhandlungen der Verkauf untersagt und den evangelischen angedeutete wurde, sie hätten mit Einbußen zu rechnen. Etliche Gläubige hielten trotz­dem zu Braun und wurden deshalb mehrmals zum Landgericht nach Vilshofen vorgeladen und für 24 Stunden eingesperrt. Braun lebte von Spenden, was ihm als Bettelei ausgelegt wurde und als Rechtfertigung für seine mehrmalige Ausweisung aus dem jeweiligen Landkreis diente. Schließlich musste er bei seiner Mutter Zuflucht nehmen, dem einzigen Ort, von dem er gerichtlich nicht ausgewiesen werden konnte.

Alt-Katholisch

Nach 1870 schloss sich Braun der alt-katholischen Kirche an, da er dort sein Anliegen wiedererkannte: Nämlich einerseits am katholischen Glauben festzu­halten, andererseits umfassende Reformen durchzuführen, wie er sie in seinen Schriften immer wieder gefordert hatte, vor allem im Bereich der Liturgie. Von 1876 bis 1883 wirkte er als Pfarrer der alt-katholischen Gemeinde Mundelfingen im Schwarzwald. Danach zog er sich in seine niederbayerische Heimat zurück und lebte bis zu seinem Tod am 9. April 1884 in Ortenburg, einer evangelischen Enklave in Niederbayern. Im Nachbarort Steinkirchen liegt er auf dem evangelischen Friedhof begraben; eine Steinplatte an der Kirche erinnert an sein Grab.

Was hat eine Person wie Thomas Braun uns heute zu sagen? Zum alt-katholischen Heiligen sollte man ihn nicht verklären – das wäre ihm wahrscheinlich selber nicht geheuer. Er kann aber auch heute noch ein Vorbild dafür sein, der eigenen Glaubensüberzeugung treu zu sein und sie nicht billig zu verkaufen – selbst dann nicht, wenn dies Nachteile bringt. Braun hätte es sich nach 1854 auch leicht machen können, wenn er äußerlich dem Dogma zugestimmt, innerlich es aber ablehnt hätte. Doch dieser bequeme Weg war nicht der seine.

Matthias Ring