Das goldene Zeitalter in Spanien - Geschichte des nachbiblischen Judentums (5. Teil)


Das „Goldene Zeitalter“ nennt man jene Jahrhunderte, in denen Spanien zu einer einzigartigen Kulturblüte durch die Synthese der drei Religionen, des Judentums, des Christentums und des Islam gelangte.


Seit dem Jahre 711 war der Süden der Halbinsel in islamischer Hand. Aber in das helle und klare Licht der Kulturgeschichte tritt dieser Teil des Landes erst mit Abd ar-Rahman III. oder dem Großen (912 - 961), der das von Bagdad unabhängige Kalifat von Cordo-ba gründete. Er vereinigte die vielen kleinen Fürstentümer zu einem mächtigen Reich, das so großartige Städte wie Sevilla, Granada, Toledo, vor allem aber Cordoba umfasste. Diese Stadt war mit einer halben Million Menschen neben Konstantinopel die größte Stadt in der damals bekannten Welt. Mit Abd ar-Rahman begann jene fruchtbare Epoche des Zusammenwirkens von Judentum, Christentum und Islam, begann die Religion der drei Ringe, die Lessing in seinem Drama „Nathan der Weise“ wieder auferstehen ließ.


Hochkultur


Welches sind die Gründe, die in einer bestimmten Zeit und in einer bestimmten Region eine unvergleichbare Kultur hervorbringen? Ist es die Toleranz des Herrschers, die freie Atmosphäre der Gesellschaft oder ist es einfach Zufall, dass so große und so zahlreiche Persönlichkeiten in solcher Dichte auftreten? Vielleicht ist es das Zusammentreffen aller Faktoren, das eine derartige Hochkultur ermöglicht, wie wir es im mittelalterlichen Spanien über drei Jahrhunderte lang beobachten und wie wir es auch später im deutschsprachigen Raum mit den Höchstleistungen in den Bereichen der Physik und Medizin, der Literatur, des Theaters und der Psychoanalyse erneut antreffen werden.


Ein Mann war es in Spanien, der Frieden, Wohlstand und Kultur für alle förderte, der Jude Chasdai ben Isaak ibn Schaprut. Seine Tätigkeit begann er als Leibarzt des Kalifen. Doch betraute Abd ar-Rahman ihn bald mit diplomatischen Aufgaben. Er knüpfte Beziehungen an mit Byzanz, dem Kaiser Otto I., den Königen der anderen europäischen Länder, mit den christlichen Herrschern des übrigen Spaniens, und vermochte das arabische Spanien harmonisch in das Gefüge der großen und kleinen Mächte einzugliedern.


Über seine diplomatischen Tätigkeiten hinaus erwies er sich als Förderer der jüdischen Wissenschaften und konnte Cordoba zur führenden Stadt des jüdischen Geistes gestalten. Aus allen Städten Spaniens und Afrikas kam die Jugend nach Cordoba, um an der andalusischen Akademie zu studieren. Nicht nur der Talmud stand auf dem Lehrprogramm, vielmehr auch alles Wissen, das die Natur, die Kultur, die Kunst und die Philosophie betraf.


Auch der Nachfolger Abd ar-Rahmans, sein Sohn Hakim II. (961 - 976), setzte den einmal begonnenen Weg fort. Der Wunsch dieses selber dichterisch veranlagten Kalifen war es, aus Andalusien das geistige Zentrum des Orients und Okzidents zu machen. In Cordoba entstand eine Bibliothek, die mit ihren 400 000 Bänden einmalig in Europa war. Als im Frankenreich die karolingische Renaissance erst begann, da stand in Andalusien die humanistische Gelehrsamkeit bereits in voller Blüte.


Aber nicht nur im arabischen Süden, sondern auch im christlichen Norden konnten die Juden ihr Wissen und ihre Fähigkeiten ungehindert entfalten. Alfons VII. (1126 - 1157) und Alfons VIII. (1166 - 1214) erwiesen sich als genauso tolerant dem Judentum gegenüber wie ihre arabischen Nachbarn. Unbeeindruckt zeigten sie sich allen kirchlichen Einsprüchen gegenüber. Unter den großen Namen, die die spanische Geschichte sowohl im Süden als auch im Norden schmücken, ragen drei besonders hervor.


Der Philosoph Avincebron


Der erste ist der Dichter und Philosoph Salomo ben Juda ibn Gabirol (1020 - 1058), im Abendland bekannt unter dem Namen Avincebron. Er ist in der Reihe der großen arabischen und jüdischen Philosophen, die das Abendland zutiefst beeindruckten und beeinflussten, zeitlich gesehen der erste.


Gabirol wurde wahrscheinlich 1020 in Malaga geboren. Lange Zeit verweilte er in Saragossa, wo er im Jahre 1045 sein Hauptwerk „fons vitae“ in arabischer Sprache schrieb. Albertus Magnus, Thomas von Aquin und Duns Scotus, die großen christlichen Scholastiker, beschäftigten sich intensiv mit diesem Werk (in lateinischer Übersetzung) und hielten seinen Verfasser für einen Christen. Erst im 19. Jahrhundert entdeckte man, dass sich hinter dem lateinischen Namen Avincebron der Jude Salomo ibn Gabirol verbarg.


Gabirol stellt die alte philosophische Frage: Woher kommt der Mensch, die Welt, und wie ist alles zusammengesetzt? Bei der Beantwortung dieser Frage knüpft er an Plato und Aristoteles an und verwendet die beiden berühmten Begriffe „Materie und Form“. Während wir den Begriff „Materie“ verstehen, bereitet uns der Gegenbegriff einige Schwierigkeiten. Wählen wir deshalb zum besseren Verständnis als Beispiel die Entstehung eines Bildes.


Erforderlich für ein Bild sind Leinwand, Farbe und Pinsel, also sichtbare Materialien. Aber damit entsteht noch längst kein Bild. Erst der künstlerische Genius des Malers, sein Einfall, seine Idee lassen aus den Materialien das Bild entstehen. Diese Idee (so Plato) oder Form (so Aristoteles) wirkt nun auf alle Materie und vermag sie zu dem konkreten Sein zu machen, als das wir sie sehen: als diese oder jene Pflanze, dieses oder jenes Tier, dieser oder jener Mensch. Die Materie ist also der ungeformte Grundstoff, die Form das Prinzip der Konkretion oder Vereinzelung. Aber natürlich können für Gabirol die beiden Bestandteile Materie und Form nicht aus sich selbst entstehen oder aus sich wirken. Vielmehr muss es jemanden geben, der das Aufeinanderwirken von Materie und Form sowie auch die weitere Entfaltung zu immer neuen Gegebenheiten anstößt: Gott.


Bis hierher hatte Gabirol sich an den antiken Philosophen orientieren können. Aber genau an der Stelle, wo es um das Verhältnis des Schöpfers zu seiner Schöpfung geht, da beschreitet Gabirol eigene Wege. Denn anders als Plato, Aristoteles und der Neuplatoniker Plotin, die Schöpfer und Schöpfung in einem Verhältnis der Ähnlichkeit zueinander sehen, denn nur Ähnliches kann Ähnliches schaffen, bestimmt Gabirol die Relation anders. Als Jude auf die Erhabenheit und Andersartigkeit Gottes (Transzendenz) bedacht, bestimmt er das Verhältnis von Schöpfer und Schöpfung im Sinne eines prinzipiellen Unterschiedes. Das Sein geht nicht aus Gott hervor - so die Griechen -, sondern Gott schafft das Sein erst, und zwar aus dem Nichts: creatio ex nihilo. Er schafft es allein aus seinem Willen. Nicht in seinem Wesen, sondern in seinem Willen ist alles enthalten. Gottes Wille durchdringt alles. Er ist die Quelle des Lebens: fons vitae.


Neben Gabirols philosophisches Werk tritt vor allem das Lehrgedicht „Königskrone“, das von einer tiefen und orthodoxen Frömmigkeit getragen ist. Das Gedicht kreist um das gleiche Thema, nämlich den Schöpfer und die Schöpfung, aber auf eine dichterische und volkstümliche Weise, so dass es bis heute in der jüdischen Liturgie des Versöhnungstages verwendet wird. Gabirol starb im Jahre 1058.


Der Dichter Jehuda Halevi


Die zweite große Gestalt ist der Dichter Jehuda Halevi. Geboren wurde er 1085 in der Stadt Toledo, die zu der Zeit im Zuge der Reconquista vom christlichen Spanien wieder zurückgewonnen war. Der junge Halevi wird die Belagerung und Eroberung seiner Heimatstadt hautnah miterlebt haben. Zunächst ging er zurück in das arabische Spanien, um in Granada bei Isaak ben Alfarsi, einem bedeutenden Talmudgelehrten, seine Studien durchzuführen. Nach dem Studium kehrte er in seine Heimatstadt zurück und übte den Beruf des Arztes aus. Seine wahre Begabung allerdings lag in der Dichtkunst. Er schenkte seinem Volke Gedichte und Lieder von unvergleichlicher Schönheit, so dass er als größter jüdischer Dichter in nachbiblischer Zeit gilt. Mit seiner Dichtung, die von einer tiefen Sehnsucht nach Zion erfüllt ist, erinnert er an die große Zeit des alten Israel, als Psalmen von ähnlicher Schönheit und Kraft verfasst und in den Straßen, Gassen oder auch im Tempel gesungen wurden.


Sein ganzes Leben lang sehnte er sich nach den Stätten der israelitischen Könige und der großen Propheten. Im Jahre 1040, also immerhin mit 55 Jahren, packte den Dichter und Philosophen die Sehnsucht so stark, dass er entgegen dem Rat seiner Freunde und Verwandten aufbrach, um in seine wahre Heimat zu gelangen. Überall auf seiner Reise, in Cordoba und Granada, in Alexandrien und Damaskus wurde er aufs höchste gefeiert. Doch dann verlieren sich seine Spuren. Hat er das Hl. Land erreicht? Nur noch Legenden erzählen sein Schicksal weiter, so z.B. dass er im Anblick Jerusalems niedergekniet sei, um ein Klagelied auf die Stadt anzustimmen. Da sei ein Ritter dahergekommen und habe den am Boden Kauernden so überrannt, dass dieser gestorben sei.


Der Theologe, Philosoph und Arzt Maimonides


Die dritte Gestalt des spanischen Judentums ist Rabbi Moses ben Maimon, bekannt auch als Maimonides oder nach den Anfangsbuchstaben seines Namens „Ramban“. Er ist zweifellos der bedeutendste jüdische Philosoph, der wesentlich die in Europa aufkommende Scholastik mitgeprägt hat.

Maimonides wurde 1135 in Cordoba geboren. 1148 verließ die Familie die Stadt, als sie in die Hände der fanatischen islamischen Almohaden gefallen war, die aus Afrika eingedrungen waren. 1159 siedelte sie sich zunächst in Fez in Nordafrika an, um dann nach Akko in Palästina zu gehen und schließlich eine endgültige Bleibe in Kairo zu finden. Um seinen Lebensunterhalt zu verdienen, arbeitete Mai-monides als Arzt. Er war dabei so erfolgreich, dass er bald zum Leibarzt am Hofe wurde. Zugleich hatten ihn die jüdischen Gemeinden in Ägypten zu ihrem Leiter gewählt. Trotz der zahlreichen Aufgaben fand er noch Zeit, seiner wissenschaftlichen Tätigkeit nachzugehen. Neben medizinischen Werken interessieren uns vor allem die Arbeiten zur Mischna und zum Talmud sowie das philosophische Hauptwerk.

Bereits 1168 hatte er einen Kommentar zur Mischna beendet, der in Zukunft vielen Mischnaausgaben beigefügt werden sollte. Auch zum Talmud verfasste er einen Kommentar, den „Mischne Tora“, der den gesamten gesetzlichen Lehrstoff zusammenfasste, systematisierte und zugleich modernisierte.

Das philosophische Hauptwerk wurde 1190 vollendet und trug den Titel „Morä Newuchim“, d.h. „Führer der Unschlüssigen“. Es war in arabischer Sprache verfasst, wurde aber schon bald unter ständiger Konsultation mit dem Autor von Samuel ibn Tibbon ins Hebräische übertragen. Maimonides stellt sich die Aufgabe, den zwischen Philosophie und (jüdischer) Religion Hin- und Herschwankenden den wahren Weg zu weisen. Wörtlich formuliert er: „Das Ziel dieser Darlegung ... ist die wahre Wissenschaft des Gesetzes, (das Werk) hat den Zweck, demjenigen eine Anleitung zu geben, welcher der Religion kundig und mit dem Gesetz vertraut ist, der an die Wahrheit der Tora glaubt und in seinem Glauben und Charakter untadelig ist, der aber Philosophie studiert hat und ihre Probleme kennt und den die menschliche Vernunft angezogen hat.“

Die Schrift richtet sich somit an eine intellektuelle Elite, die durch die Kenntnis der Wissenschaften in Konflikt mit den biblischen Anschauungen gekommen war. Ein durchaus modernes und uns bekanntes Problem!

Der Ausgangspunkt für Maimonides ist die Frage, was wir über Gott aussagen können. Die Bibel enthält außerordentlich viele Bilder und Vorstellungen über Gott. Jedoch offenbaren sie zumeist anthropomorphe, d.h. vermenschlichte Züge. So wird von Gott ausgesagt, er sei zornig, er strafe, kämpfe usw. Alle diese der menschlichen Vorstellungskraft entstammenden Bilder von Gott müssen nach Maimonides mit Hilfe der Allegorese (Übertragung) interpretiert werden. Genauso geht er mit den Wundern in der Bibel um, die er nicht wörtlich, sondern im übertragenen oder symbolischen Sinne versteht. 800 Jahre später wird Rudolf Bultmann in überraschend ähnlicher Weise das Neue Testament entmythologisieren und Wunder und mythische Vorstellungen auf ihren existentiellen Bedeutungskern konzentrieren wollen.

Maimonides geht noch weiter in seiner Behandlung der Gotteserkenntnis: Alles was an positiven Aussagen über Gott jemals gemacht worden sei oder noch gemacht werden könnte, z.B. „Gott ist mächtig“ oder „Gott ist allgegenwärtig“, sind ebenfalls nur aus dem menschlichen Geist stammende Vorstellungen, die jedoch in keiner Weise der Wirklichkeit Gottes nahe kommen. Wir begegnen in dieser „theologischen Reduktion“ des Maimonides, was die menschliche Erkenntnisfähigkeit Gottes angeht, in Ansätzen bereits einer negativen Theologie, wie sie später Nikolaus von Kues mit seiner „docta ignorantia“, dem „Gelehrten Nichtwissen“ in Bezug auf das Absolute, nämlich auf Gott, vertreten wird.

Aber Maimonides bleibt nicht einfach bei einer Entleerung der Gottesvorstellung stehen, sondern vermag durchaus positive Aussagen über Gott zu machen. Denn Gott hat ja in bewusster und freier Weise, allein durch seinen Willen, die Welt geschaffen und hat in der Geschichte immer wieder bestimmten Personen in einer Offenbarungsweise diesen seinen Willen enthüllt. Die Wirksamkeit Gottes wird somit zum alleinigen Erkenntnisgrund und Erkenntnisziel des Menschen. Umgekehrt verwirklicht der Mensch erst sein eigenes Ziel, wenn er auf die Erkenntnis Gottes, d.h. auf die Erkenntnis seines Wirkens in der Welt ausgerichtet ist. Die Erkenntnis ist das Band zwischen den Menschen und Gott. Sie ist allerdings nicht rein rationaler Art; sie basiert vielmehr auf der Ethik, dem Lernen und Studium der Tora und der prophetischen Offenbarungen. Die Ethik des Maimonides ist deshalb eine Ethik des Hörens: „Höre Israel!“ Durch diese geistige Tätigkeit wird zwischen Gott und Mensch eine „Ich-Du-Beziehung“ hergestellt. Sie ist das höchste Ziel, das die Religion, in spezifischer Weise die jüdische Religion, dem Menschen als Aufgabe und Möglichkeit vorstellt.

Mit dieser Konzeption einer Vergeistigung der Gotteserkenntnis und der Gott-Mensch-Beziehung hat Maimo-nides die Philosophie des Aristoteles teils abgelehnt, z.T. aber auch übernommen. Scharf grenzt er sich von der aristotelischen Auffassung der Ewigkeit der Materie und Form ab und ebenso von der Vorstellung eines bloß in sich ruhenden und sich selbst betrachtenden Schöpfers. Zugleich übernimmt er aber die aristotelische Ethik, die das höchste Ziel des Menschen darin sieht, zu einer Steigerung und Vervollkommnung seiner Vernunft zu gelangen. Diese ethische Forderung des Aristoteles an den Menschen leitet Maimonides geradezu um oder weiter, nämlich auf Gott hin. Gott und Mensch stehen nun nicht mehr in philosophischer Relation, d.h. beziehungslos nebeneinander. Gott und Mensch sind aufeinander bezogen in der Weise einer persönlichen Beziehung.

Mit seinem Entwurf, der die jüdische Offenbarungsreligion mit der griechischen Philosophie zu verbinden sucht, hat Maimonides eine ungeheure Wirkung auf seine Zeitgenossen sowie auf die Nachwelt ausgeübt. Für orthodoxe Juden war die „Entmythologisierung“ der Bibel und die Vergeistigung, ja, Rationalisierung des Gottesbegriffes ein außerordentliches Ärgernis, so dass er von dieser Seite heftig angegriffen worden ist. Die christlichen Scholastiker, an ihrer Spitze Albert der Große und sein Schüler Thomas von Aquin, erblickten in seinem Werk ein Modell und eine Herausforderung, die christliche Theologie ebenfalls in Auseinandersetzung mit der Philosophie des Platon und Aristoteles und weitergehend mit den Wissenschaften an sich zu versöhnen.


Hans-Jürgen van der Minde


Text:


Jehuda Halevi


1. Du Quell des wahren Lebens,

Wie lauf ich nicht nach dir?

Hab’ alles aufgegeben;

Das irre, wirre Leben,

Was ist es mir?

2. Nur dich, nur dich zu schauen,

Sehnt meine Seele sich:

Vor dir nur will ich beben,

Kenn’ keine Kraft im Leben

Als deine, Herr, als dich.

3. Könnt’ ich im Traum dich finden,

Wie gerne schlief ich ein:

Wollt nimmer auferstehen,

Nein, schlafen, träumen, sehen -

Und stille sein.

4. Könnt’ dich im Herzen schauen

dein armes Erdenkind: -

Hätt’ ich dich nur da drinnen,

So jauchzte all mein Sinnen

Und gerne wär’ ich blind.


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