Zeit und Ewigkeit - Anmerkungen zu 75 Jahren alt-katholischer Gottesdiensttradition in Dresden


Wenn also Zukunft und Vergangenheit existieren, so möchte ich wissen, wo sie sind. Vermag ich´s noch nicht, so weiß ich zumindest eins: wo immer sie sein mögen, sie sind weder etwas Künftiges noch Vergangenes, sondern Gegenwärtiges. Wäre Zukunft dort als Zukunft, so wäre sie dort noch nicht; wäre Vergangenheit dort als Vergangenheit, so wäre sie dort nicht mehr. Wo immer und was immer sie sein mögen, sie können nur Gegenwart sein. Wenn Wahres von Vergangenem erzählt wird, dann werden nicht die Dinge selbst, die vergangen sind, aus dem Gedächtnis hervorgeholt, sondern Worte, die nach den Bildern jener Dinge geformt wurden, die unsern Sinn durcheilend gleichsam Spuren im Geist hinterließen. Meine Kindheit, die nicht mehr ist, liegt in vergangener, selbst nicht mehr existierender Zeit; ihr Bild aber sehe ich, wenn ich mich ihrer erinnere und davon erzähle, denn es weilt jetzt noch in meinem Gedächtnis.“


Mit diesen Worten denkt der Kirchenvater Augustinus in seinen „Bekenntnissen“ über die Zeit nach. Wahres von Vergangenem soll heute erzählt werden. Dabei kann nicht nur auf die „Spuren im Geist“ zurückgegriffen werden. Keiner von uns war vor 75 Jahren dabei. So werden die wenigen schriftlichen Zeugen zu Worte kommen. Dieser kleine Beitrag soll ein wenig dazu helfen, über die Geschichte des Alt-Katholizismus in Dresden nachzudenken.


Die Anfänge


Es ist ziemlich ernüchternd. Die Anfänge des Alt-Katholizismus in Sachsen und speziell in Dresden liegen fast völlig im Dunkeln. Das wenige Licht im Dunkel des Anfangs soll aber näher betrachtet werden.

Einen ersten Hinweis finden wir bei Therese Freiin von Miltitz (1827 - 1912). Ihre Familie gehörte zum Meißner Uradel. Sie war Hofdame der Königin Amalie (1801 - 1877). Nach deren Tod 1877 zog Therese von Miltitz nach Bonn und schloss sich dort der alt-katholischen Gemeinde an. Das „Alt-Katholische Frauenblatt“ ging auf ihre Initiative zurück und sie stiftete den Altar der alt-katholischen Kirche in Dessendorf. Ihre Wirksamkeit für die alt-katholische Kirche aber beginnt erst nach der Dresdener Zeit.


Einige Hinweise auf Sachsen finden sich in Johann Friedrich von Schultes Werk „Der Altkatholizismus“. Bereits für die Zeit nach 1874 weiß er von alt-katholischen Familien in Sachsen. Die Zahl der in ganz Deutschland in Orten ohne Gemeinde lebenden Alt-Katholiken sei nicht unbedeutend. Nach Sachsen verzog z. B. der Heidelberger Jurist Bernhard von Windscheid (1817 - 1892). Von Windscheid schloss sich 1874 in Heidelberg der alt-katholischen Gemeinde an und wurde noch im gleichen Jahr nach Leipzig berufen. Er war Mitglied einer Kommission zur Erstellung eines Entwurfs für das Bürgerliche Gesetzbuch. 17 Jahre blieb von Windscheid alt-katholisch, ohne zu einer Gemeinde zu gehören. Ein Jahr vor seinem Tode wurde er schließlich evangelisch.


Übertritte in die evangelisch-lutherische Landeskirche Sachsens kamen häufiger vor. So gab es 1903 fünf Übertritte (vier in der Ephorie Zittau, einer in der Ephorie Radebeul), 1904 vier Übertritte (in der Ephorie Zittau) und 1905 einen Übertritt (in der Ephorie Dresden II). Wer keine Gemeinde vorfand, aber eine kirchliche Heimat suchte, der fand sie z. T. in der evangelischen Kirche. Dabei gab es vor dem 1. Weltkrieg eine nicht unbeträchtliche Zahl von Alt-Katholiken in Sachsen. Im Jahre 1905 waren es 229 (Chemnitz: 11, Dresden: 60, Umgebung von Dresden: 7, Leipzig: 29, Plauen: 10, Zittau: 41, Großschönau: 11, Seifhennersdorf: 10). Nur fünf Jahre später, 1910, hatte sich die Zahl der sächsischen Alt-Katholiken nahezu verdoppelt auf 431 (Chemnitz: 21, Dresden: 88, Umgebung von Dresden: 25, Leipzig: 55, Plauen: 10, Zittau: 26, Großschönau: 33, Neugersdorf: 10, Seifhennersdorf: 26).

Für Leipzig ist 1908 ein erster Gottesdienst durch Pfarrer Traubinger aus Berlin belegt. Die Alt-Katholiken in der Zittauer Region waren sicher aus Warnsdorf und Umgebung zugewandert und hielten sich zur dortigen Gemeinde.

Merkwürdig bleibt Dresden. In Stadt und nahem Umland lebten 113 Alt-Katholiken, aber über Gottesdienste wissen wir nichts. Fast nichts. Denn der langjährige Dresdener Kirchenvorstand Franz Lehnert schrieb 1956 an Pfarrer Bader: „Haben Sie evtl. Interesse an einer Arbeit über die Gemeinde Dresden? Hier handelt es sich um eine Gemeinde, die schon vor dem ersten Weltkrieg bestanden hatte, die aber durch die Kriegswirren zerschlagen wurde und dann erst wieder Mitte der dreissiger Jahre neu zusammengeschmiedet wurde und zwar unter Beihilfe des Dekan Dr. Buchta.“ Gemeinde wird aber erst Gemeinde, wenn sie sich um den Altar zu Gebet, Verkündigung und Feier der Eucharistie versammelt. So kann man vielleicht schon vor 1914 von gelegentlichen Hausgottesdiensten oder auch Haustaufen ausgehen. Für die geistliche Versorgung könnte ein Pfarrer aus Nordböhmen in Frage kommen. Die Grenze zu Österreich-Ungarn war kein Hindernis. Der Nürnberger Pfarrer z. B. betreute 1895 22 Gottesdienststationen, darunter Eger in Böhmen. Warum soll das nicht in umgekehrter Richtung möglich gewesen sein?


Die Gemeinde zwischen den Weltkriegen


Nach dem 1. Weltkrieg war die Zahl der sächsischen Alt-Katholiken wieder gesunken. 1925 waren es 318 (Chemnitz: 12, Dresden: 61, Umgebung von Dresden: 6, Leipzig: 23, Großschönau: 58, Zittau: 30, Seifhennersdorf: 21). Nun sieht man aber klarer, was Dresden betrifft. 1927 wurde Pfarrer Bermer (Berlin) die nebenamtliche Seelsorge im Pfarrbezirk Königsberg, im Diasporabezirk Nr. XI (Hamburg, Schleswig-Holstein, Hannover-Ost) und im Lande Sachsen übertragen. Bermer feierte in Dresden am 3. November 1927, einem Donnerstag, den ersten Gottesdienst. Der Tag macht stutzig, und über den Ort wissen wir auch nichts. Vielleicht war es ein Hausgottesdienst oder eine Beerdigung.


Besondere Verdienste um die Sammlung der Gemeinde Dresden hat sich Dipl.-Ing. H. Motsch erworben, über den wir aber nichts wissen. Pfarrer Bermer feierte mit der kleinen Gemeinde jährlich zwei Gottesdienste. Franz Lehnert erinnert sich: „Damals waren wir 6 Personen [Gottesdienstteilneh-mer? - D.K.] und ein Jahr nach der Neugründung waren es etwa 20 Personen.“

Am 10. Januar 1931 erfolgte die Neueinteilung der Norddeutschen Diaspora durch Bischof Moog. Dekan Urbisch schreibt in seiner Geschichte der Berliner Gemeinde: „Darüberhinaus verwalteten die Pfarrer von Berlin die nicht besetzten Pfarrstellen von Königsberg, von Hamburg (bis 1937), von Leipzig und von Dresden einschließlich des Nordwestens Schlesiens.“ An eine auch nur einigermaßen hinreichende Seelsorge war in solch einem Riesengebiet natürlich nicht zu denken.

Im Jahr 1934 wurden im Pfarrbezirk Dresden 49 Alt-Katholiken gezählt, darunter drei Kinder. Seit diesem Jahr versorgte Pfarrer Dr. Buchta aus Berlin die Gemeinde. Die Gottesdienste wurden in der Kirche des Ehrlichen Gestifts am Stübelplatz (heute Straßburger Platz) gefeiert.

Ein bedeutender Dresdener Alt-Katholik der Zwischenkriegszeit war Prof. Karl Albiker (1878 - 1961) aus Baden. Er war Bildhauer und von 1919 bis 1947 Professor an der Kunstakademie Dresden. Zu seinen Werken zählen vor allem Plastiken, Denkmäler und monumentale Gruppen. Für die Heilandskirche in Dresden-Cotta schuf er 1927 die Christusfigur über dem Portal. Nach 1945 fertigte er eine Bronzefassung dieses Werkes für die alt-katholische Kirche in Karlsruhe.


Wiederaufbau unter Pfarrer Herbert Wlokas


„Die alte Gemeinde Dresden ist vollkommen aufgelöst durch Tod u[nd] Auszug aus der zerstörten Stadt. Zeitungsanzeigen hatten keinen Erfolg.“ So schrieb der Leipziger Kirchenvorsteher Hans Niklowitz in seinen Erinnerungen über das Jahr 1948. Die Kirche des Ehrlichen Gestifts war ebenso zerstört wie die Wohnung des Kirchenvorstandes Franz Lehnert, in der alle kirchlichen Gegenstände aufbewahrt wurden. Nach dem Ende des Krieges wurden etwa 5000 Alt-Katholiken aus dem Sudetenland und Schlesien in die sowjetische Besatzungszone vertrieben. Im zerstörten Dresden konnte und durfte vorerst kaum jemand Wohnung nehmen. So fanden sich hier auch nur wenige Alt-Katholiken. Ein von Pfarrer Wlokas angelegtes Register zählt bis 1953 in Dresden 23 und in der näheren Umgebung 16 Alt-Katholiken. Zur gleichen Zeit sind in Leipzig 81 Alt-Katholiken aktenkundig. Die Seelsorgeberichte kön-nen einen kleinen Einblick in die Aufbauarbeit von Pfarrer Wlokas geben. Pro Jahr feierte er in Sachsen und Thüringen bis zu 89 Gottesdienste an vielen Orten. Dresden war zunächst nicht dabei, aber 1948 wurden in Riesa drei Messen gehalten. Unermüdlich suchte Pfarrer Wlokas nach Alt-Katholiken. Ihre Zahl stieg von 981 im Jahr 1948 auf 1775 im Jahr 1951, um dann etwas abzusinken.

Im Jahr 1950 hielt Weihbischof Steinwachs einen Gottesdienst in der römisch-katholischen Kapelle in Radeburg mit 11 Kommunikanten. Der erste Gottesdienst nach dem 2. Weltkrieg in Dresden ist belegt für den 29. Dezember 1950 mit 16 Kommunionen. Bei der ein Jahr später stattfindenden Kirchenvorstandswahl der neuen Gemeinde Sachsen-Thüringen wurde kein Dresdener gewählt.

In den Erinnerungen von Hans Niklowitz findet sich zum 24. Februar 1952 eine interessante Notiz. Er berichtet von einem Besuch mit Dr. Maedebach und Fräulein Mann in Dresden-Leuben. Dort wurden die Reste einer alten Dorfkirche besichtigt. Gemeint sein kann nur der bis heute erhaltene Kirchturm, die alte Kirche wurde nach dem Bau der Himmelfahrtskirche 1901 abgerissen. Bei der Kirchenvorstandssitzung zwei Wochen später wurde über den Bau von Kirchen in Leipzig und Dresden beraten. Es gibt auch eine Entwurfszeichnung für eine Kapelle mit 110 Plätzen aus dem Jahr 1954. Leider wurden die Kirchbaupläne nie verwirklicht.


Die Gemeinde in den Jahren 1954-1966


Nach der Abberufung von Pfarrer Wlokas Anfang 1954 aus Krankheitsgründen folgten ihm in Leipzig Benedikt Bader (bis 1957), der Blankenburger Pfarrer Alfred Fasser (1958 - 1960) und Lorenz Haberberger (1960 - 1966).


Langsam wuchs die Zahl der Dresdener Alt-Katholiken. Für die Zeit von 1954 bis Anfang der sechziger Jahre kann man von 40 Alt-Katholiken in Dresden und der gleichen Zahl in der näheren Umgebung ausgehen. Die gewachsene Bedeutung der Gemeinde Dresden schlägt sich in den Kirchenbüchern aber nicht nieder. Von 1948 bis 1967 wurden verzeichnet: eine Taufe (zum Vergleich: Leipzig 15, Halle 7, Köthen 5), zwei Trauungen (Leipzig 10, Köthen 4, Halle 3) und 12 Beerdigungen.


An der Bistumssynode 1954 in Bonn nahm Franz Lehnert als Vertreter der Gemeinde teil. Franz Lehnert war seit der Gründung der Gemeinde durch Dr. Buchta Obmann und bat Pfarrer Bader 1954 um seine Ablösung. Als Nachfolger wurde von ihm Dr. Maedebach aus Freiberg vorgeschlagen.


Bereits 1955 gab es Pläne, in Dresden einen Pfarrer anzusiedeln. Franz Lehnert schlug Pfarrer Bader als Wohnort für den zweiten Pfarrer allerdings die Oberlausitz, genauer Löbau, vor. Die Erlangung einer Zuzugsgenehmigung für Dresden hielt er für aussichtslos. Außerdem wohnten in der Oberlausitz viele Alt-Katholiken. Dort besuchten oft über 100 Personen die hl. Messe, während es in Dresden etwa 15 bis höchstens 20 waren. Aber es kam damals nicht zur Anstellung eines weiteren Geistlichen für Sachsen.

Die Gemeinde feierte ihre Gottesdienste in der Loschwitzer Friedhofskapelle und verschiedenen Gemeindesälen. Im Mai 1956 besuchte Bischof Demmel die Gemeinde, mindestens 37 Gläubige nahmen am Gottesdienst teil. Die Gespräche mit Vertretern der evangelisch-lutherischen Landeskirche führten dazu, das von 1956 bis 1962 die Kreuzkirche für die sechs jährlichen Gottesdienste genutzt werden konnte. Seit 1962 wurden die Gottesdienste in der Lukaskirche gehalten, aber es gab auch Hausgottesdienste in Wurgwitz und Bonnewitz.


Bischof Demmel besuchte auch 1960 und 1963 die Gemeinde. Beim Besuch im Mai 1960 bekam er nach der Ankunft in Dresden einen leichten Schwächeanfall.


Dresden als Sitz des Pfarramtes St. Adalbert

(1970-1982)


Im Jahre 1966 wurde Werner Drüschler zum Diakon geweiht. Nach seiner Priesterweihe wurde der Pfarrbezirk Jena eingerichtet. 1970 zog Pfarrer Drüschler nach Dresden. Trotzdem in Dresden ein Pfarramt eingerichtet wurde, waren weiterhin nur sechs bis sieben Gottesdienste pro Jahr möglich. In der Amtszeit von Pfarrer Drüschler gab es 1978 eine Firmung und eine Trauung. Taufen gab es in Dresden keine, 19 Personen wurden bestattet.

In den siebziger Jahren nahm Pfarrer Drüschler oft an ökumenischen Gottesdiensten in der Russischen Kirche teil, er hat dort auch gepredigt.


Anfang der achtziger Jahre war Pfarrer Klaubert kurzzeitig Pfarrer in Dresden. Ehrenamtlich war Priester Robert Schmidt tätig. 1982 konnten so in Dresden 14 Gottesdienste gehalten werden, seit Pfingsten in der Kirche des Diakonissenhauses. Im Oktober des Jahres besuchte Bistumsadministrator Dr. Pulec aus Prag die Gemeinde. Er konzelebrierte mit den Pfarrern Klau-bert und Schmidt im von etwa 30 Gläubigen besuchten Gottesdienst.


Die Gemeinde seit 1984


Ein kurzer Blick in die Gegenwart soll das Bild abrunden. Im Jahre 1984 übernahm Pfarrer Manfred Gersch den hauptamtlichen Dienst als alleiniger Pfarrer für alle Gemeinden in der DDR. In Dresden wirkte noch einige Zeit Pfarrer Robert Schmidt, der aber am 29.10.1987 verstarb.

Das Pfarramt für die DDR hatte seinen Sitz zunächst in Döbeln, seit 1991 befindet es sich in Großschönau in der Oberlausitz und ist jetzt für Sachsen und Ostthüringen zuständig. Bis 1991 gab es in Dresden wie bisher zweimonatlich Gottesdienste, danach jeden Monat. Einen zweiten monatlichen Gottesdienst gibt es seit 1995 in der Reformierten Kirche. Die letzten Jahre waren gekennzeichnet durch Taufen, Firmungen und auch Beitritte. Mehrmals besuchte Bischof Joachim Vobbe die Gemeinde. In den Räumlichkeiten der Reformierten Gemeinde versammelten sich 1998 Gläubige aus ganz Ostdeutschland zum Dekanatstag. Die Kirchenvorsteher Thea Sandner und Gerd Kleber vertreten die Gemeinde, die leicht wächst. Zählten zum Bereich Dresden 1996 noch 22 Alt-Katholiken, waren es im Jahr 2000 immerhin 28. Die gottesdienstliche und geistliche Versorgung der Gemeinde ist so gut wie nie in ihrer Geschichte.


Möge Gott der Gemeinde weiterhin inneres und äußeres Wachstum schenken auf dem Weg durch die Zeit, von der Vergangenheit durch die Zukunft zur Ewigkeit hin, dem Ziel eines jeden Christenlebens. Schöner kann es Augustinus ausdrücken, der ein wenig vom Geheimnis der Ewigkeit erahnt: „Aber auf welche Weise sind denn diese beiden Zeiten, die vergangene und die künftige, wenn doch das Vergangene nicht mehr und das Künftige noch nicht ist? Und wenn die Gegenwart immer gegenwärtig bliebe und nicht in Vergangenheit überginge, so wäre auch sie nicht mehr Zeit, sondern Ewigkeit.“


Dirk Klingner


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