Johann Gregor Mendel - Eine Geschichte aus der Vergangenheit mit der Aktualität von heute


Das Bistum der Alt-Katholiken in Deutschland hat seinen Sitz in der Gregor-Mendel-Straße in Bonn. Wer war eigentlich Gregor Mendel? War er Priester oder Forscher? Um die Antwort gleich vorweg zu nehmen, er war beides aus Leidenschaft und mit Zielstrebigkeit.

Johann Mendel, wie er ursprünglich hieß, wurde 1822 in Heinzendorf (tschechisch Hyncice), einer Gemeinde im sogenannten Kuhländchen in Mähren geboren, einer fruchtbaren Landschaft an der jungen Oder, an den letzten Ausläufern des Gesenkes und der Karpaten. Diese Ortschaft ist heute ein Teil der Gemeinde Petersdorf (tschechisch Vrazné), fünf Kilometer südlich von Odrau (tschechisch Odry). Er war Sohn eines Landwirtes. Sein Geburtshaus ist seit 1964 eine Gedenkstätte und wird von der Mendelsohn-Gesellschaft, dem Mendelianum im ehemaligen Augustinerkloster in Alt-brünn, betreut. Mit der Entdeckung der Vererbungsgesetze leistete er einen grundlegenden Beitrag zur modernen Biologie und Agrarwissenschaft. Mendel erarbeitete seine Forschungsergebnisse als Augustinerchorherr in Brünn. Sein Stift war ein bedeutendes geistiges Zentrum Mährens.


Augustiner-Eremit


Der im Jahr 1256 gegründete Orden der Augustiner-Eremiten pflegt eine lange Tradition des Lehrens und Lernens auf dem Gebiet der Wissenschaft und Kunst. Die Gemeinschaft wurde im Jahr 1350 in Mähren eingeführt. Die Augustinerabtei St. Thomas in Brünn, der Hauptstadt Mährens, wurde im Jahr 1783 auf Anordnung von Kaiser Joseph II. aufgehoben. Die Augustiner waren gezwungen, ihr Kloster zu verlassen und zogen in das ehemalige Zisterzienserinnenkloster in Altbrünn. Ihr sechster Abt war Gregor Mendel. In diesem Kloster führte Prälat Mendel seine berühmten Kreuzungsversuche an Erbsen und Bohnen durch und leitete davon die später nach ihm benannten Vererbungsgesetze, die „Mendelschen Gesetze“ ab. Ein Denkmal aus dem Jahr 1910 im Klostergarten ist dem großen Pater gewidmet. 1983 wurde seine Büste in der Walhalla bei Regensburg aufgestellt.

Aber gehen wir in der Zeit zurück. Gedanken der Aufklärung und des 18. Jahrhunderts, also auch josephinische Ideen, lebten zum Teil auch in den kirchlichen Orden fort. C.F. Napp, der aus dem Schönhengstgau, dem Land an der böhmisch-mährischen Grenze, stammte und Abt der Augustiner-Eremiten in Brünn war, gab sich mit Eifer naturwissenschaftlichen Forschungen hin und darf als Vorläufer und Wegbereiter Gregor Mendels bezeichnet werden. Die Umstände entschieden über Mendels Berufswahl. Auf sein Ansuchen hin, nahm ihn C.F. Napp 1843 als Novize in das Kloster der Abtei St. Thomas in Brünn auf. Johann Mendel erhielt den Ordensnamen Gregor. Das unterstützende Umfeld, welches Gregor Mendel im Augustinerorden vorfand, war das Ergebnis einer Serie historischer Gegebenheiten. In den 80er Jahren des 18. Jahrhunderts zwang eine Änderung in der Politik der Habsburger gegenüber den kirchlichen Einrichtungen des Kaiserreiches diese dazu, sowohl dem Staat als auch der Kirche zu dienen. Als Folge wurden Mitglieder der Mönchsorden dazu verpflichtet, in Schulen und Krankenhäusern zu arbeiten. 1807 forderte ein kaiserlicher Erlass, dass die Augustiner von St. Thomas den Unterricht in Mathematik und Bibelkunde in dem neu errichteten Philosopischen Institut in Brünn zu übernehmen hätten.

Dies bedeutete, dass die Abtei St. Thomas sich eines reichhaltigen intellektuellen Lebens erfreuen konnte. Die Mönche erhielten umfangreichen Zugang zu wissenschaftlichen Quellen, einer besonders herausragenden botanischen Sammlung und einer Vielzahl von guten Lernmitteln. Die Abtei hatte eine ausgedehnte und bestens organisierte Bibliothek reich an religiösen, wissenschaftlichen und literarischen Schriften, die den Mönchen zur Verfügung stand, welche ihre Zeit zwischen pastoralen Verpflichtungen, Lehre und Studium aufteilten.


Als Bauernsohn zeigte Mendel bereits in jungen Jahren Interesse für die Naturwissenschaften, wobei speziell die Landwirtschaft als eines der Unterrichtsfächer in seinem Zeugnis erscheint, gemeinsam mit bibelkundlichen und theologischen Fächern sowie alten Sprachen wie Hebräisch, Griechisch und Arabisch.


Vererbungslehre


Die Landwirtschaftliche Gesellschaft Mährens wurde 1806 gegründet. Die erste Professur für Landwirtschaft in Mähren wurde in Olmütz eingerichtet, die zweite in Brünn. Der Lehrstuhl in Brünn wurde 1825 von Franz Diebl übernommen, einem der engsten Kollegen von Abt Napp. Beide gehörten auch dem Ausschuss der Pomologischen Gesellschaft (Obstbaumkunde) an, welcher Napp als Präsident vorstand. Abt Napps Unterstützung für Mendels Studien muss daher in diesem Kontext gesehen werden. Ihm war es zu verdanken, dass sich Mendel an der Universität Wien inskribieren konnte, wo er Kurse in Pflanzenphysiologie und experimenteller Physik besuchte. Sein Professor, Franz Unger, zeigte, dass Pflanzenzellen durch Zellteilung entstehen und nicht durch spontane Neubildung. Das war für Mendel eine essentielle Erkenntnis gewesen. Insbesondere verdankt Mendel den Arbeiten Ungers die Einsicht in die Bedeutung und das Verhalten der Zellen bei der Bestäubung. Als wichtig erwies sich vor allem die Beobachtung, dass durch Kreuzung neue Varietäten erzeugt werden können, und die Erkenntnis, dass dazu die Verschmelzung zweier Zellen notwendig ist. Mit seinen an Erbsen durchgeführten Experimenten erforschte Mendel dieses Rätsel der Fortpflanzung im Detail. In der Anwendung des Wissens, das er sich durch seine Studien der Experimentalphysik und Mathematik angeeignet hatte, entwickelte Mendel spezielle Methoden der künstlichen Bestäubung, um kontrollierte Kreuzungen durchführen zu können. Er beschäftigte sich auch mit Kreuzungen von Bienen, eine Technik, welche für die Bienenzüchter an Bedeutung gewann. In seinen Kreu-zungsversuchen suchte er weitere Bestätigung für seine früheren Ergebnisse aus den Erbsenexperimenten. Zu diesem Zweck wurde für ihn im Klostergarten ein nach seinen eigenen Plänen ausgestattetes Bienenhaus eingerichtet.

Die entscheidende Bedeutung der Versuche dieses Genius der Genetik an der Erbse basiert auf folgenden grundlegenden Tatsachen: Merkmale oder Eigenschaften der Eltern werden als unveränderliche Einheiten, individuelle „Mendel-Faktoren“ (die wir heute als „Gene“ bezeichnen) an die folgenden Generationen nach konstanten Häufigkeitsverhältnissen weitergegeben. Jedes Individuum besitzt zwei komplette Sätze von Erbfaktoren, einen von jedem Elternteil. Es macht keinen Unterschied, welches der Merkmale vom männlichen und welches vom weiblichen Elternteil stammt. Der Beitrag ist in beiden Fällen gleich. Weiter kommen die Erbfaktoren manchmal zur Ausprägung, manchmal bleiben sie verborgen, aber nie gehen sie verloren.

Mendel experimentierte auch mit Varietäten des Habichtskrautes und anderen Pflanzen. Zwischen 1866 und 1873 korrespondierte er mit Carl Nägeli, Professor der Botanik an der Universität München und Autorität in Sachen Pflanzenhybridisierung. Mendels Experimente wurden über einen Zeitraum von sieben Jahren, von 1856 bis 1863, systematisch dokumentiert und 1865 berichtete er über die Ergebnisse in einem Vortrag vor dem Naturfor-schenden Verein in Brünn. Bedau-erlicherweise wurden seine Erkenntnisse von der Gesellschaft damals noch nicht verstanden. Bis 1900 erkannte niemand, dass Mendel das Erbgutgesetz entdeckt hatte. Erst 30 Jahre nach der Publikation seiner zukunftsweisenden Arbeiten wurde sein Vermächtnis anerkannt und er zum wahren Vater der klassischen Genetik ausgerufen.

Wie erwähnt, trat er 1843 in das Augustinerstift St. Thomas in Brünn ein. 1854 wurde er Lehrer für Physik und Naturgeschichte an der dortigen Oberrealschule. Seit 1856 beschäftigte er sich mit botanischen Arbeiten und machte im Garten des Klosters die aufgezeigten Versuche an Erbsen und Bohnen, indem er Varietäten derselben Pflanzenart kreuzte. Durch künstliche Befruchtung entstanden rund 13000 Bastardpflanzen. Zu erwähnen ist, dass sich Mendel auch mit der Meteorologie befasste. 1868 wurde er in der Nachfolge von C.F. Napp Prior des K1osters und ist dort am 6. Januar 1884 verstorben.

Die Grundlagen der modernen Gentechnik, die uns in den kommenden Jahren sowohl aus religiösen, ethischen, medizinischen, aber auch wirtschaftlichen und politischen Gründen noch oft beschäftigen wird, schuf der geniale Biologe und der Geistliche Johann Gregor Mendel, dessen 180. Geburtstag wir im vergangenen Jahr begingen. Er hat es wahrhaft verdient, dass wenigstens eine Straße nach ihm benannt wurde.


Wolfgang Bruch


zurück zum Online-Archiv