Anglikanisch-lutherischer Dialog

Seit 1970 besteht der weltweite Dialog zwischen Anglikanern und Lutheranern. In diesen mehr als 30 Jahren des intensiven ökumenischen Gesprächs konnte eine Reihe wichtiger regionaler bzw. nationaler Übereinkünfte erzielt werden. Zu nennen sind hier u.a.: Die Meißener gemeinsame Feststellung von 1988, die, ähnlich der Vereinbarung zwischen der EKD und der deutschen alt-katholischen Kirche, die gegenseitige Einladung zur Teilnahme an der Eucharistie bzw. dem Abendmahl ermöglicht, und die Porvooer gemeinsame Feststellung von 1996, durch die volle Kirchengemeinschaft zwischen den anglikanischen Kirchen von Großbritannien und Irland sowie der Mehrheit der skandinavischen und baltischen lutherischen Kirchen festgeschrieben werden konnte.

Da die alt-katholischen Kirchen der Utrechter Union durch das Bonn Agreement seit nunmehr 75 Jahren mit der Anglican Communion in voller Kirchengemeinschaft verbunden sind, schien es der anglikanischen Gemeinschaft angebracht zu sein, zu internationalen bilateralen ökumenischen Dialogen einen alt-katholischen Beobachter einzuladen. Dies galt bereits für eine international besetzte anglikanisch-lutherische Arbeitsgruppe, die in den Jahren 2000 bis 2002 insgesamt zu drei Sitzungen zusammenkam.

Diese neue anglikanisch-lutherische Kommission, an der ich auf Bitten der IBK als alt-katholischer Beobachter teilnehme, soll den seit 1970 bestehenden Dialog fortsetzen. Anhand einer kritischen Durchsicht der bisherigen Übereinkünfte und Dokumente sowie des konkreten Iststandes der Beziehungen zwischen beiden Konfessionsfamilien hat die Kommission auf ihrer konstituierenden Sitzung in Moshi/Tansania die zentralen Themenbereiche herausgearbeitet, die sie bei ihren nächsten Treffen besprechen will. Wichtig war dabei die Feststellung, dass gerade die regionalen, kulturellen, spirituellen und sozialen Aspekte den bilateralen Dialog mitbestimmen - Aspekte, die nicht ohne weiteres auf andere Regionen der Erde übertragen werden können.

Zu den zentralen Themen, die weiter behandelt werden müssen, gehören nach Ansicht der Kommission: Der Platz des historischen Episkopats innerhalb der Apostolizität der Kirche, Leben und Arbeit im Dienst des einen Evangeliums Jesu Christi, Möglichkeiten einer Vernetzung bzw. Intensivierung der theologischen Ausbildung, wo immer dies möglich ist.

Weiterhin wird sich die Kommission eingehend mit den bereits genannten regionalen und kontextuellen Aspekten der anglikanisch-lutherischen Beziehungen auseinandersetzen und versuchen, Probleme zu benennen und nach Lösungen zu suchen. Sie wird sich auch mit der Frage auseinandersetzen, wie regionale Übereinkünfte gefördert und Hilfestellung bei der Intensivierung von solch regionalen bilateralen Beziehungen geleistet werden kann.

Gastgeber dieser Tagung, die vom 13. bis 19. Januar 2006 stattfand, war der Lutherische Weltbund in Zusammenarbeit mit der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Tansania, die zahlenmäßig sehr stark ist (Tansania war bis 1918 deutsche Kolonie und das deutsche Kaiserreich hatte die protestantische Mission, besonders im Norden Tansanias, sehr gefördert!). Die Kommissionsmitglieder hatten Gelegenheit, am Gottesdienst in der lutherischen Kathedrale von Moshi teilzunehmen und Gemeindemitglieder kennen zu lernen. Bei einem Besuch beim anglikanischen Bischof von Arusha, ca. 100 Kilometer westlich von Moshi und mit ca. 500.000 ein wichtiges Wirtschafts- und Verwaltungszentrum in Nordtansania, erhielten die Kommissionsmitglieder einen Einblick in die Arbeit der dortigen anglikanischen Diözese.

Die Kommission plant, im nächsten Jahr in Kanada ihre Arbeit fortzusetzen.

Günter Esser