Blutige Botschaft - Mel Gibsons “Passion”


Blut, Blut, Blut. Das ist der Haupteindruck, den der Film „The Passion of the Christ“ vermittelt. Blut und Brutalität von Menschen, die einen anderen Menschen in der Hand haben und mit ihm tun können, was sie wollen. Gezeigt wird die sadistische Freude der Henkersknechte, die sich ausleben an einem, der sich nicht wehrt. Zwei Filmstunden lang Folter, menschliches Versagen und stummes Zuschauen der Umstehenden, von denen nur wenige zu Handelnden oder gar zu Helfenden werden. Ich habe mir lange überlegt, ob ich mir diesen Film antun soll. Haben Menschen nicht genug Phantasie sich vorzustellen, wie ein Mensch gequält wird; kennen wir das nicht schon genügend aus Bildern, Fotos und Fernsehbildern – von Hieronymus Bosch bis zu jüngsten Schreckensbildern in den Medien? Berührt es uns nicht schon genug, wenn von Palmsonntag bis Karfreitag in der Kirche die Passion Jesu vorgelesen wird, wie sie in den Evangelien überliefert ist? Wer hier gut zuhört, braucht keinen Realismus à la Gibson.

Wie andere vor ihm hat sich der australische Schauspieler und Regisseur Mel Gibson an ein Thema gewagt, von dem er weiß, dass es Reaktionen hervorrufen wird. Auch Filme wie „Jesus Christ Superstar“ (1973) oder „Die letzte Versuchung“ (1988) haben zu Diskussionen geführt, ähnlich wie jetzt Gibsons Film, in dem die letzten zwölf Stunden des Lebens Jesu im Mittelpunkt stehen. Der Film beginnt im Garten Gethsemane und endet mit einem sekundenlangen Shot auf den Auferstandenen. Dazwischen wird etwa 100 Minuten lang der Leidensweg Jesu dargestellt, von seiner Gefangennahme bis zu seinem Tod auf Golgotha. Ohne Zurückhaltung zeigt der Film die hemmungslose Gewalttätigkeit der Täter und die Ohnmächtigkeit des Opfers, der – drangsaliert und gefoltert bis zur Unkenntlichkeit – stirbt. Der Regisseur schöpft dabei alle Möglichkeiten der Darstellung von Gewalt – bis zum letzten Hammerschlag bei der Kreuzigung – aus und fügt sogar gelegentlich weitere Elemente hinzu, etwa wenn er einem der beiden mit Jesus Gekreuzigten durch einen Raben ein Auge aushacken lässt.

Es gibt viele negative Reaktionen auf Mel Gibsons Film, aber auch viele positive. Manche evangelikale Gruppierungen wollen den Film sogar zu missionarischen Zwecken einsetzen. Immer wieder wird von solchen Gruppen, aber auch von konservativen (römischen) Katholiken behauptet, der Film sei bibelgetreu.


Bibelgetreu?


Der Film greift die biblische Erzählung auf, nimmt aber auch auf außerbiblische Überlieferungen Bezug, die ihren Niederschlag in der römisch-katholischen Frömmigkeitspraxis gefunden haben (etwa Veronika, die Jesus ein Schweißtuch reicht, aus der Kreuzwegstation). Wo dem Regisseur ein Evangelienbericht allein nicht genügt, vermischt er sie miteinander: So offenbart Jesus sich in Gethsemane nicht nur selbst seinen Häschern (nach Johannes), sondern auch Judas küsst ihn (nach Markus, Matthäus und Lukas). Am Ende, als Jesus stirbt, findet eine ähnliche Vermischung der Überlieferung statt: Jesus sagt hier drei letzte Sätze (die jeweils bei Mt/Mk, Lk und Joh überliefert sind) statt eines einzigen. Mel Gibson suggeriert, dass es ihm um eine wirklichkeitsgetreue Darstellung geht, wenn er die jüdische Bevölkerung im Film aramäisch und die römischen Besatzer (und ab und zu auch Jesus!) lateinisch sprechen lässt. Das Anliegen der Evangelien ist es jedoch nicht, einen nach unseren Maßstäben historisch richtigen Bericht zu geben; stattdessen verstehen sie sich als Glaubenszeugnis.

So paradox es klingen mag: Gerade dieser Realismus entlarvt den Film als „Plastik“-Fiktion. Denn eine derartige Darstellung, „wie sie wirklich war“, läuft Gefahr fundamentaler, wenn nicht gar fundamentalistischer Verzerrung. So können wir nicht nur davon ausgehen, dass die in Jerusalem dienenden Soldaten eher Arämäisch oder Griechisch sprechende Syrer waren, sondern – viel wichtiger – wissen wir aufgrund kritischer historischer Bibelforschung, dass Pilatus alles andere als ein Unschuldslamm war. Er hat sich wohl kaum etwas von der jüdischen Bevölkerung sagen lassen. Und auch die Gewalt der römischen Besatzungsmacht gegen Jesus war nicht so einzigartig, wie der Film suggeriert, sondern gehörte zur gängigen Behandlung jüdischer und anderer Freiheitskämpfer. Während Pilatus als Hauptvertreter der Besatzungsmacht im Film freigesprochen wird, ist es die jüdische Bevölkerung, allen voran der Hohepriester und das Sanhedrin, die Jesu Kreuzigung fordern. Damit wiederholt der Film unkritisch Beschuldigungsmuster, die im Laufe der Kirchengeschichte verheerende Folgen hatten. Während der Film noch in der Produktion war, wurde auf Mel Gibson Druck wegen solcher antisemitischer Folgen des Films ausgeübt. Insbesondere ging es dabei um die Forderung, den Satz „Sein Blut komme über uns und unsere Kinder!“ (Mt 27, 25) auszulassen. Denn Jahrhunderte lang wurden damit christliche Ausschreitungen gegen Juden gerechtfertigt. Gibson, der verschiedenen antisemitischen Aussagen seines Vaters nie öffentlich widersprochen hat, gab diesen Forderungen nur scheinbar nach: Der Satz ist auch weiterhin im Film zu finden, er wird jedoch lediglich auf aramäisch ausgesprochen und nicht durch Untertitel übersetzt. Theologische Einsichten, nicht zuletzt gewachsen vor dem Hintergrund der Shoah, haben offensichtlich keine Wirkung auf Gibsons Wirklichkeitswahrnehmung gehabt.


Ein modernes Passionsspiel


Regisseur Mel Gibson sagte kürzlich, er habe viel über die Leidensgeschichte meditiert; sie schenke Trost, bei aller Sündigkeit der Menschen. Die Kreuzestheologie, die uns in diesem Film präsentiert wird, entspricht weitgehend der herkömmlichen Versöhnungslehre. Durch das Opfer Jesu wird die Menschheit erlöst, der Teufel überwunden und ein neuer Himmel und eine neue Erde ermöglicht. Ein Mensch trägt das Leiden für alle. Diese Lehre ist Teil der christlichen Tradition, sie ist zu finden in unserem Liedgut, unserer Liturgie und auch im Neuen Testament, in dem der Gedanke des stellvertretenden Leidens aus dem Alten Testament aufgegriffen ist. Auf die Problematik einer solchen Theologie des stellvertretenden und erlösenden Leidens haben in den letzten Jahrzehnten viele Theologen hingewiesen, unter ihnen Dorothee Sölle, die von einer „Henkertheologie“ spricht: Die Henker sind darin Instrument Gottes. Diese Kreuzestheologie erfährt heute aufgrund neu gewonnener Einsichten, zum Beispiel aus der Exegese, eine Revision.


Mel Gibsons Film ist ein Echo herkömmlichen Denkens über Sünde und Satan, Kreuz und Leiden, ausgebaut zu einem blutigen Todestrip, ein modernes Passionsspiel mit allen Problemen dieses Genres. Es erstaunt daher nicht, dass die Auferstehung in dem Film zur Randerscheinung wird, ähnlich wie auch Leben und Lehre Jesu, die lediglich in kurzen Rückblenden aufscheinen. So bleibt im Film letztlich unklar, wer dieser Jesus und was seine Botschaft war und welchen Zweck sein Leidensweg hatte. Man wird ihn wahrscheinlich eher wegen der Gewalt denn als gelungenes Portrait Jesu in Erinnerung behalten.


Angela Berlis


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