Begegnung im Gespräch: Martin Buber


Ein Gedenken zum 125. Geburtstag


Begegnung1 - nennt Martin Buber ein schmales Bändchen, in dem er in früheren Büchern erzählte Erinnerungen aus seinem Leben zusammengetragen hat. Der Untertitel heißt „„autographische Fragmente“, sie vermitteln keinen lückenlosen Lebenslauf, vielmehr handeln sie von Begegnungen mit Menschen, mit der Bibel, mit Gott. Prägungen der Kindheit Martin Mordechai Buber wurde am 8. Februar 1878 in Wien geboren. In seinem Büchlein ‚Autobiographische Fragmente’ berichtet er von der „frühesten Erinnerung“, die für sein Denken bestimmend wurde. Seine Eltern hatten sich 1881 scheiden lassen und das Kind zu den Großeltern väterlicherseits nach Lwow (Lemberg) gebracht, das seit der ersten Teilung Polens zu Österreich gehörte (Galizien). Niemand redete in seiner Anwesenheit über seine Eltern und die Scheidung, er selbst wartete täglich auf das Kommen seiner Mutter, wagte aber nicht, Fragen zu stellen. Zum Vierjährigen, den sie gelegentlich hütete, sagte da völlig unvermittelt, ohne das Wort „Mutter“ auszusprechen, ein älteres Mädchen: „Nein, sie kommt niemals zurück.“ Dieses Wort, so schreibt Buber, „verhaftete sich von Jahr zu Jahr immer mehr meinem Herzen“. Er prägte dafür das Wort „Vergegnung“, das sich ihm dreißig Jahre später erneut aufdrängte, als die Mutter „„aus der Ferne mich, meine Frau und meine Kinder besuchen gekommen war“. Martin wurde von den Großeltern erst mit zehn Jahren in eine Schule geschickt, vorher hatte er Privatunterricht, vor allem in Sprachen, für die er eine besondere Begabung zeigte. „Der Großvater war ein wahrhaftiger Philologe, ein ‚das Wort Liebender’, aber die Liebe der Großmutter zum echten Wort wirkte noch stärker auf mich als die seine: weil diese Liebe so unmittelbar und so fromm war“, schreibt Buber in den ‚Fragmenten’. Die Freiheit und Muße für Großvaters Philologie - er sammelte und veröffentlichte alte jüdische Lehrerzählungen (Midraschim) - ermöglichte ihm seine Frau, die alle Tätigkeiten im Haus und dazu die Geschäfte der Landwirtschaft, der Gewinnung und Vermarktung von Phosphor aus eigenen Gruben und des Getreidehandels bestens erledigte, jedoch nicht ohne zuvor bei wichtigen Entscheidungen ihren Mann befragt zu haben. Dieses Modell ehelicher Arbeitsteilung findet sich später auch in Martin Bubers Familie.


Vater und Großvater


Martins Vater Karl Buber hatte sich wieder verheiratet und war auf das Landgut der Familie zurückgekehrt. Der Vierzehnjährige, inzwischen Gymnasiast in einem katholischen polnischen Gymnasium, lebte nun beim Vater und erlebte dessen Umgang mit Mensch und Natur, der bestimmt war durch Einfühlungsvermögen und Anteilnahme. „„Der blicklosen Wohltätigkeit war er [der Vater] ingrimmig abgeneigt; er verstand keine andere Hilfe als die von Person zu Person und die übte er. Noch im Alter ließ er sich in die ‚Brotkommission’ der jüdischen Gemeinde Lemberg wählen, und wanderte, ohne zu ermatten, in den Häusern umher, um die eigentlich Bedürftigen und ihre Bedürfnisse ausfindig zu machen; wie anders hätte das geschehen können als durch den wahren Kontakt.“ Und am Großvater bewundert Martin Buber: „Ich habe, seit ich von zu Hause fort bin, viele Geistesmenschen kennen gelernt: Künstler, Dichter, Männer der Wissenschaft. Aber niemals wieder habe ich die kindliche Wunderkraft des Geistes, die Macht eines starken und einfachen Strebens so rein und schön verkörpert gesehen wie bei Großpapa.“ Bei ihm selbst bedankt er sich in einem Geburtstagsbrief: „Die Unermüdlichkeit und Einheitlichkeit Deines Schaffens hat mich oft von dem schlimmen Wege der Zersplitterung zu mir selbst zurückgeführt, ein nahes und unmittelbar wirkendes Beispiel. Darin und in vielen anderen Dingen bin ich Dir unsagbar dankbar.“


Studien und Begegnungen


1896 immatrikulierte sich Martin Buber an der Universität in Wien, um Philosophie zu studieren. Dort lernte er Theodor Herzl kennen, dessen Buch „„Der Judenstaat“ gerade erschienen war. In den Sommerferien daheim las er Nathan Birnbaums Schrift „Die jüdische Moderne“, in der die nationale Idee mit der sozialen verbunden wird, was den Vorstellungen Martin Bubers entsprach. Er engagierte sich in zionistischen Ortsgruppen, war Delegierter beim 3. Zionistischen Kongress in Basel 1899 und hielt auf dem 5. Kongress 1901, ebenfalls in Basel, ein Referat. Später kann er sich mit der zionistischen Partei nicht mehr identifizieren, sie war, so schreibt er im Rückblick „„nur der erste Schritt, sich dem Judentum neu anzugeloben: Zionismus ist etwas anderes als jüdischer Nationalismus; denn Zion ist mehr als Nation. ... Es ist auch keine bloße an einen geographischen Ort geknüpfte Bezeichnung wie Kanaan oder Palästina, sondern es ist von jeher ein Name für etwas, was an einem geographisch bestimmten Ort werden soll; in der Sprache der Bibel: der Anfang des Königtums Gottes über alles Menschenvolk.“ Weitere Studienorte waren Leipzig, Berlin und Zürich. Von Leipzig bekennt Buber: „Was dort am stärksten auf mich gewirkt hat, war zweifellos das Hören von Bachs Musik.“ Insgesamt hatte der Student ein weit gefächertes Interesse, er besuchte neben der Philosophie medizinische und kunsthistorische Vorlesungen, nahm aber auch aktiv am gesellschaftlichen Leben teil, nicht zuletzt tanzte er gern. In Zürich lernte er Paula Winkler kennen. Ein Biograph beschreibt das so: „Nach einer kurzen Romanze, die eine denkwürdige Tanzveranstaltung in den Alpen bis zum frühern Morgen einschloss, willigte sie ein, seine Lebensgefährtin zu werden.“


Paula Buber, geb. Winkler


Von außen gesehen, stand eigentlich alles gegen diese Ehe: Der Schriftsteller Albrecht Goes, Bubers Laudator bei der Friedenspreisverleihung 1953, charakterisiert Paula Winkler als eine „„grundgescheite bayrische Großbäuerin“. In wirklichen Leben war sie eine Offizierstochter aus München, Studentin der Germanistik mit zionistischer Überzeugung, offiziell aber römisch-katholisch. Ihre Familie stand einem Übertritt zum Judentum verständnislos gegenüber, Martin Bubers zionistischen Freunde lehnten ihrerseits „Mischehen“ grundsätzlich ab, als Österreicher konnte er zu der damaligen Zeit auch keine Zivilehe eingehen. So kamen die Kinder Rafael (*1900) und Eva (*1901) zur Welt, ehe Paula vor einem Rabbi konvertiert hatte und eine Eheschließung nach jüdischem Ritus möglich war. 1904 wurde Martin Buber an der Wiener Universität promoviert mit einer Arbeit, die Philosophie und Kunstgeschichte verband. Großmutter Adele Buber, die sich um die wirtschaftliche Lage ihres Enkels - „fast jeden Augenblick fühle ich den Abgrund dicht an meinen Füßen“ - Sorgen machte, stiftete der vierköpfigen Familie einen einjährigen Aufenthalt in Florenz. Dieser Aufenthalt brachte eine Wende in Bubers Leben; er zog sich von der zionistischen Parteiarbeit zurück, verwarf eine Reihe anderer Projekte und wandte seine ganze Aufmerksamkeit und Arbeit dem chassidischen Schrifttum zu. Seine Frau Paula hielt ihm den Rücken dafür frei. Sie wollte selbst Schriftstellerin werden, in einigen zionistischen Zeitschriften hatte sie schon Texte veröffentlicht. Nach der Eheschließung schrieb sie unter dem Pseudonym ‚‚Georg Munk’, zahlreiche Erzählungen zumeist mit mythischem Hintergrund, so den Geschichtenkreis „„Die unechten Kinder Adams“. Er spielt in einer ungenannten Alpenlandschaft (Südtirol) und schildert die Einheimischen mit ihren „heimischen Gurgellauten“, die „des Sonntags den Dom füllen“, aber in vielfacher Weise dem Aberglauben verfallen waren und deren adelige Herren in „an den Felsen klebenden Schlössern saßen“ und in „bluttriefender Feindseligkeit lebten“. Wenn Paula Buber, wie bezeugt ist, ihrem Mann bei dessen Übersetzungstätigkeit vor allem bei der Wortwahl hilfreich beistand, erhebt sich die Frage, wem die größere Originalität in Wortschöpfung und poetischem Talent gegeben war. Woher Paula Buber die Zeit für ihre Schriftstellerei nahm, bleibt offen, da sie die Arbeit und Sorge um Kinder und Haushalt nahezu allein trug. Als die Ehe des Sohnes Rafael scheiterte, wurde den Großeltern das Sorgerecht für die Enkelinnen Barbara und Judith übertragen, die Zuständigkeit lag wiederum bei der Großmutter. Knapp 61 Jahre dauerte diese Ehe, sie war - trotz aller Schwierigkeiten - sehr glücklich. Paula Buber starb 1958 - sieben Jahre vor ihrem Mann, der das Wesen der Ehe so umschreibt: „Wer ‚eine Ehe eingegangen ist’, wer in die Ehe eingegangen ist, hat in der Intention des sacramentum damit Ernst gemacht, dass der Andere ist: dass ich am Seienden nicht rechtmäßig teilnehmen kann, ohne am Sein des Andern teilzunehmen.“


Chassidismus


Im Zusammenhang mit seiner Doktorarbeit hatte sich Buber mit der christlichen Mystik von Meister Eckehart bis Angelus Silesius beschäftigt. Nun wandte er sich ähnlichen jüdischen Bewegungen zu, die es zu verschiedenen Zeiten an vielen Orten Europas gab. Fromme Juden, die einfach leben und Nächstenliebe üben, werden im Hebräischen „Chassidim“ genannt. Im engeren Sinn bezeichnet Chassidismus die charismatische Bewegung osteuropäischer Juden, die sich auf Rabbi Israel ben Elieser, genannt Baalschemtow (= Meister des Guten Namens), beruft. Dieser lebte und lehrte im 1800 Jh. in der Ukraine und hinterließ keine Schriften, doch seine Schüler sammelten seine Worte und zeichneten sie auf, wie sie von ihnen verstanden und im eigenen Leben erfahren wurden. Buber hatte in seiner Kindheit von dieser Bewegung die Endphase mitbekommen. Ein Landgut des Vaters, auf dem er viele Ferien verbrachte, lag in der nördlichen Bukowina nahe dem Städtchen Sadagora, wo die letzten chassidischen Rabbis wirkten, die Zaddikim, (= Gerechte, Vollkommene) genannt wurden. In den ‚‚Fragmenten’ schreibt Buber: „Die ‚Gebildeten’ redeten von Wunderrabbis und glaubten Bescheid zu wissen. Aber sie wissen, wie es nun einmal den ‚Gebildeten’ in solchen Dingen geht, nur um die äußerste Oberfläche Bescheid.“ Zwar sahen die meisten Juden dort im Zaddik „vornehmlich den Vermittler, durch dessen Fürsprache sie Stillung ihres Bedürfens zu erlangen hoffen, aber es ist immer noch ihrem niederen Wollen entrückt, ein Schauer urtiefer Ehrfurcht, der sie ergreift, wenn der ‚Rebbe’ im stummen Gebet steht oder beim dritten Sabbatmahl in zögernder Rede das Geheimnis der Tora deutet.“ Die mystische Periode Bubers dauerte bis etwa 1914, es verging kaum ein Jahr, ohne dass er ein Buch aus diesem Themenkreis veröffentlichte, so neben chassidischen Geschichten auch die „Reden und Gleichnisse des Tschuang Tse“.


Buber-Rosenzweig


Im Jahre 1916 war die Familie Buber von Berlin nach Heppenheim/Bergstraße gezogen, wo sie bis zur Auswanderung nach Palästina im Jahr 1938 lebte. Martin Buber wandte sich wieder der Philosophie zu und arbeitete an „Ich und Du“, seinem philosophischen Schlüsselwerk: Das Ich kommt nur durch die Beziehung zu einem Du, zu Dingen, zu Lebewesen zum wirklichen Sein, wenn der Mensch im Gegenüber zum „Es“, zu einem Objekt bleibt, das man wissen, benützen kann, wird er seinem Wesen nicht gerecht. Für den Glauben heißt das: „„Wenn an Gott glauben bedeutet, von ihm in der dritten Person reden zu können, glaube ich nicht an Gott. Wenn an ihn glauben bedeutet, zu ihm reden zu können, glaube ich an Gott.“ 1919 gründete Martin Buber in Frankfurt/Main das „Freie jüdische Lehrhaus“ gemeinsam mit dem jüdischen Philosophen und Theologen Franz Rosenzweig (1886-1929), der dann auch die Leitung übernahm. Er stammte aus einer assimilierten jüdischen Fabrikantenfamilie in Kassel. Von seinen Vettern dazu angeregt entschloss er sich 1913 zur Taufe, wollte aber vorher die jüdische Theologie kennen lernen, um als Jude, nicht als Heide Christ zu werden. Es kam der Weltkrieg dazwischen, Rosenzweig erlebte als Sanitäter in Polen die jüdische Lebenswelt und wandte sich ihr ganz zu. In seinem Hauptwerk, „Stern der Erlösung“ geht es um den Versuch einer Grundlegung jüdischer und christlicher Theologie. Franz Rosenzweig erkrankte 1921 an einer schweren Sklerose, die ihn in kurzer Zeit völlig lähmte. Mit Hilfe seiner Frau Edith, geb Hahn, konnte er jedoch literarisch weiter tätig sein. Als Martin Buber, der seit 1923 eine Professur an der Universität in Frankfurt inne hatte, dazu angeregt wurde, die Hebräische Bibel ins Deutsche zu übersetzen, macht er sich mit dem Theologen Rosenzweig an die Arbeit. Als dieser starb, war die Übersetzung bis zum Buch des Propheten Jesaja fortgeschritten. Buber arbeitete allein weiter, 1937 erschien der letzte Teilband. Inzwischen hatte er 1933 freiwillig seine Professur aufgegeben, um nicht zwangsweise von den Nazis entlassen zu werden, das Lehrhaus war bereits geschlossen, zwei Jahre später wurde ihm jegliche öffentliche Betätigung verboten. So blieb nur die Auswanderung.


Nachkriegszeit


In Palästina war die Gründung eines jüdischen Staates greifbar geworden. Martin Buber gehörte zu denen, die gegen die Teilung Palästinas in zwei Staaten plädierten, er erhoffte sich einen Staat, in dem Juden und Araber gleichberechtigt miteinander leben sollten. Es kam anders. Zwei Tage nach dem Ende des britischen Mandats und der Ausrufung des Staates Israel am 15. Mai 1948 begann der erste arabisch-israelische Krieg, die Möglichkeit eines Friedens war vertan. Die erste Reise nach Europa (Paris, Basel, London) unternahm Martin Buber 1947. Nach Deutschland kam er 1951, als ihm Hamburg den Hanseatischen Goethepreis verlieh. Eine Reise in die USA folgte. 1953 nahm er in Frankfurt/Main den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels entgegen. Seiner Dankrede in der Paulskirche gab er den Titel: „Das echte Gespräch und die Möglichkeiten des Friedens“. Es folgten weitere Ehrungen: 1960 der Kulturpreis der Stadt München, ein Jahr danach der große österreichische Staatspreis, 1963 in Amsterdam der niederländische Erasmuspreis für besondere Leistungen auf kulturellem oder sozialen Gebiet, und ein Jahr vor seinem Tod noch der Ehrendoktor der Philosophie von der Universität Heidelberg.


Samuel und Agag


Buber schildert in den ‚Fragmenten’ seine Erfahrung mit dem biblischen Text im 1. Buch Samuel (Kap 15: König Saul lässt den besiegten Amalekiterfürsten Agag am Leben und wird dafür von Gott bestraft). Schon in seiner Knabenzeit sei es ihm furchtbar gewesen, diesen Text als Wort Gottes zu lesen. Er bekennt: „Ich habe es nie glauben können, dass dies eine Botschaft Gottes sei. Ich glaube es nicht.“ In späteren Jahren bestätigte er seine Aufpassung einem gesetzestreuen Juden, der nach einigem Nachdenken zustimmte: „Das meine ich auch.“ Buber knüpft an diese Episode eine längere Überlegung, deren Schluss lautet: „„Es geht letztlich nicht darum, dass diese oder jene Person der biblischen Geschichtserzählung Gott missverstanden hat; es geht darum, dass in dem Werk der Kehlen und der Griffel, aus dem der Text des ‚Alten Testaments’ entstanden ist, sich wieder und wieder Missverstehen ans Verstehen heftete, Hergestelltes sich mit Empfangenem verquickte. Wir haben kein objektives Kriterium für die Scheidung; wir haben einzig den Glauben, - wenn wir ihn haben. Nichts kann mich an einen Gott glauben machen, der Saul bestraft, weil er seinen Feind nicht ermordet hat. Und doch kann ich auch heute noch den Abschnitt, der dies erzählt, nicht anders als mit Furcht und Zittern lesen. Aber nicht ihn allein. Immer, wenn ich einen biblischen Text zu übertragen oder zu interpretieren habe, tue ich es mit Furcht und Zittern, in einer unentrinnbaren Schwebe zwischen dem Wort Gottes und den Worten der Menschen.“


Gottes Wort - das Wort ‚Gott’


Ein alter Mann, Buber nennt ihn einen edlen Denker, gibt aber den Namen nicht preis, fragt einmal, wie Buber das von den Menschen so missbrauchte Wort ‚Gott’ immer wieder aussprechen könne. Bubers Antwort darauf schließt: „„Wenn aller Wahn und Trug zerfällt, wenn sie [die Menschen] ihm gegenüberstehn im einsamsten Dunkel und nicht mehr ‚Er, er’ sagen, sondern ‚Du, Du’ seufzen, ‚Du’ schreien, sie alle das Eine, und wenn sie dann hinzufügen ‚‚Gott’, ist es nicht der wirkliche Gott, den sie alle anrufen, der Eine Lebendige, der Gott der Menschenkinder? Ist nicht er es, der sie hört? Der sie – erhört? Und ist nicht eben dadurch das Wort ‚Gott’, das Wort des Anrufs, das zum Namen gewordene Wort, in allen Menschensprachen geweiht für alle Zeiten? Wir müssen die achten, die es verpönen, weil sie sich gegen das Unrecht und den Unfug auflehnen, die sich so gern auf die Ermächtigung durch ‚Gott’ berufen; aber wir dürfen es nicht preisgeben. ... Wir können das Wort ‚Gott’ nicht reinwaschen, und wir können es nicht ganz machen, aber wir können es, befleckt und zerfetzt wie es ist, vom Boden erheben und aufrichten über einer Stunde großer Sorge.“ Der Gesprächspartner, so berichtet Buber, sei nach dieser Antwort aufgestanden, habe seine Hand auf die Schulter Bubers gelegt und gesprochen: „„Wir wollen uns du sagen.“ Martin Buber fügt an: „Das Gespräch war vollendet. Denn wo zwei wahrhaft beisammen sind, sind sie es im Namen Gottes.“


Erentrud Kraft

Literatur: E. Beck/G. Miller, Martin Buber im Gespräch mit Gott und den Menschen, Benno Verlag Leipzig 2003. H.-Ch. Kirsch, Martin Buber, Herder spektrum 4812, 2001. - 1 Martin Buber, Begegnung, Autobiographische Fragmente, Stuttgart 1960.


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