Hussein und Bush missachten Alt-Katholiken-Kongress - Anfragen an unsere Ganzheitlichkeit, unsere Ganzheitsbezogenheit und an unsere Katholizität


Aus der Resolution des Prager Alt-Katholiken-Kongresses zum Irak-Konflikt: „Wir fordern, dass beide Seiten sich mit aller Macht und mit Hilfe der UNO um eine politische statt einer militärischen Lösung bemühen.“ – „Es ist nicht zu fassen, mit welcher Kaltschnäuzigkeit Saddam Hussein und George W. Bush die Forderungen des 28. Internationalen Alt-Katholiken-Kongresses einfach ignorieren!“, so könnte man sarkastisch die vordergründige Wirkungslosigkeit der Resolution des Prager Kongresses gegen einen Krieg zwischen den USA und dem Irak kommentieren.

Bischof Joachim hatte in seinem viel beachteten Impulsreferat auf dem Kongress denn auch deutlich gemacht: „Manche Leute bedrängen zwar die Kirchen, jeden Tag wieder zu aktuellsten politischen oder ethischen Fragen Stellung zu nehmen und versprechen sich davon Interesse und Zulauf. Aber davon abgesehen, dass wir als kleine Kirche völlig mit solcher Art Öffentlichkeitsarbeit völlig überfordert wären und uns auch intern ständig unerträglichen Spannungen aussetzten, – bloß deklaratorische Maßnahmen beeindrucken heute in der großen Papierflut niemanden mehr.“


Unpolitisch?


Die entsprechende Gretchenfrage hat Matthias Ring in seiner Ansichtssache „Unpolitisch?“ vom Mai 2002 aufgeworfen: „Wie hält es die Alt-Katholische Kirche mit Stellungnahmen?“. Trotz der von ihm eingeräumten personellen und zeitlichen Ressourcenknappheit und der Schwierigkeit der Legitimation offizieller Stellungnahmen in einer bischöflich-synodalen Kirche stellt er dennoch fest:

„Erstaunlicherweise werden gerade in säkularisierten Gesellschaften die Kirchen als ethisch-moralische Instanzen angefragt, Wegweisung und Orientierung zu bieten.“

Es ist eine zentrale Aufgabe der Kirchen, Zeugnis von der frohen Botschaft Christi abzulegen. Die Kirchen müssen daher laut und unmissverständlich sein, wo schlimmes Unrecht passiert. Die Vorstellung, dass sich die heiligen Anliegen der Kirche nicht mit dem schmutzigen Geschäft der Politik vertragen und daher diese beiden Dinge streng getrennt bleiben müssten, hat gerade in der Geschichte unseres Bistums zu schwersten „Unterlassungssünden“ geführt. Besonders augenfällig wird dies angesichts der unsäglichen Menschheitsverbrechen der Nazis. Hier hat die deutsche alt-katholische Kirche durch ihr Konzept des „unpolitischen Katholizismus“ schwere Schuld auf sich geladen. Die Pastoralsynode 2000 hat in ihrem Schuldbekenntnis formuliert: „Aus Angst oder auch blinder Begeisterung, oft genug wider besseren Wissens, wurde Unrecht nicht Unrecht, Terror nicht Terror und Mord nicht Mord genannt.“

Die Bezugnahme auf das Versagen unserer Kirche in der Nazizeit stellt nach meiner festen Überzeugung keine „Instrumentalisierung von Auschwitz“ oder eine „Moralkeule“ dar, wie sich der Schriftsteller Martin Walser angemaßt hat zu formulieren. Angesichts der unfassbaren Verbrechen ist es unmöglich geworden, was Bischof Dr. Moog in einem Hirtenbrief von 1929 noch so formulierte: „Freuen wir uns darum immer wieder unserer Kirche, weil sie mit Politik nichts zutun hat und niemals zu tun haben will.“ Matthias Ring hat diese Feststellung in seiner oben genannten Stellungnahme mit wünschenswerter Klarheit auf den Punkt gebracht: „im Dritten Reich fiel unsere Kirche damit – man muss es so deutlich ausdrücken – auf die Schnauze.“


Zeugnis und Handeln


Wenn das Schuldbekenntnis von Bad Herrenalb ernst gemeint ist und nicht seinerseits eine „bloß deklaratorische Maßnahme“ sein soll, muss es uns auch heute veranlassen, Unrecht Unrecht zu nennen und Mord Mord. Bischof Joachim hatte in seinem bereits zitierten Impulsreferat in Prag darauf hingewiesen, dass sich unser politisches und soziales Engagement natürlich nicht in unverbindlicher Phrasendrescherei erschöpfen dürfe: „Der Franziskushof in Zehdenick, der nicht eine einzige öffentliche Stellungnahme zu politischen, gesellschaftlichen oder ethischen Fragen abgibt, erregt mit seiner authentischen Basisarbeit mehr Aufsehen als jede noch so verbreitete Presseerklärung der IBK oder der deutschen Synodalvertretung.“ Es geht nicht darum, ein kirchliches Zeugnis zu politischen Fragen dem wichtigen konkreten diakonischen Handeln gegenüber zu stellen. Martyria und Diakonia gehören zusammen und können nicht gegenein-ander ausgespielt werden. Die Kirchen sollten nicht scheuen, sich die Hände schmutzig zu machen, weder beim Kontakt mit der Politik noch mit den Bedürftigen unserer Gesellschaft.


Streit und Konflikt


Matthias Ring schlägt in seiner Stellungnahme „Unpolitisch?“ als einen Ausweg aus dem dargestellten Dilemma vor: „Vielleicht wäre es ja der alt-katholische Weg, die Kirche als Dis-kussionsforum zu entdecken“. Zu-gleich warnt er wie Bischof Joachim vor ‚intern ständig unerträglichen Spannungen’: „Wo diskutiert wird, da kann es schon mal Streit geben.“ Ich bin überzeugt, dass unsere häufig als familiär-gemütlich gerühmten Gemeinden auch Streit und Diskussionen aushalten, dass es sie sogar bereichern kann. Bischof Joachim hat in seinem Referat klargestellt, dass es bei der Suche einer Gemeinde nach dem richtigen Weg nicht um politische Fraktionskämpfe gehen könne: „Schrift, Sakramente und Ziel sind nicht nur überparteilich, sie sind antiparteilich. Sie verlangen nach Einheit und Einigung. ... Das heißt aber auch: Alle eucharistischen Menschen müssen immer wieder versuchen, auch im Alltag Weggemeinschaft zu sein.“

Gegenüber der Betonung des Versöhnenden stellt das Prager Impulsreferat des emeritierten Schweizer Bischofs Hans Gerny eine erwägenswerte Ergänzung dar: „Die Kirche lebt in dieser Welt und sie kann sich ihren Wirkungen nicht entziehen. Die Situation der Umwelt, das geistige Klima der Zeit beeinflussen uns alle. Hängt es vielleicht damit zusammen, dass wir in unseren Kirchen kaum mehr lebendige und folglich auch heiße Auseinandersetzungen um Fragen des Glaubens haben? Statt Auseinandersetzung haben wir lieber Harmonie“.


In meiner Arbeit in der Psychotherapie ist mir Konfliktfähigkeit als wesentliche Voraussetzung für echte Versöhnungsfähigkeit bewusst geworden. Gegensätze und Widersprüche sollten auch und gerade in einer christlichen Gemeinde offen ausgesprochen und ausgehalten werden; aus Konfliktverdrängung entstehen in aller Regel viel schmerzhaftere Verletzungen, die eine Kirche oder Gemeinde ängstlich und unfrei werden lassen.

Beim letzten Krieg zwischen den USA und dem Irak Anfang der 90er Jahre gab es in unserer Kirche (u.a. in der Kirchenzeitung) wie von Gerny gefordert „heiße Auseinandersetzungen“ über Recht oder Unrecht des damaligen Krieges. Wie immer, wenn mit Leidenschaft um den rechten Weg gerungen wird, sind auch dabei recht deftige, zum Teil polemische Äußerungen gemacht worden, die vielleicht auch verletzt haben. Trotzdem ist dadurch (zumindest nach meiner Wahrnehmung) der Versöhnungswillen der Beteiligten nicht zerstört worden. Auch wenn Bischof Gerny möglicherweise unter „Fragen des Glaubens“ etwas anderes verstehen mag, sehe ich hierin eine ganz zentrale Glaubensfrage. Wie halten wir es mit Jesu Seligpreisung derer, „die keine Gewalt anwenden“ (Mt. 5,5)? Auch in unserer Kirche gibt es jene, die sich lieber an Bismarck halten: „Mit der Bergpredigt kann man keine Politik machen.“

Einerseits halte ich persönlich dieses Quasi-Dogma des Reichskanzlers für völlig unbewiesen, das zu einer Zeit formuliert wurde, als es ohnehin modern war, fragwürdige Glaubenssätze absolut zu setzen. Jesus hat der uralten Logik von Gewalt und Gegengewalt die vermeintliche Unlogik der Gewaltlosigkeit entgegengestellt. Heute scheint mir besonders deutlich zu sein, dass eine Differenzierung zwischen Tätern und Opfern dort kaum möglich ist, wo Gewalt ständig neues Unrecht schafft und eine Spirale des Todes anheizt; der Krieg zwischen Israelis und Palästinensern kann vielleicht ein Beispiel dafür sein. Aus dieser Überzeugung lehne ich auch einen Krieg der USA gegen den Irak ab.

Andererseits ist mir klar, dass meine Sicht nicht absolut ist. „Nicht: jeder ist sein eigener Papst; sondern: Wir alle sind schwache, fehlbare Menschen“, so hat Bischof Joachim in Prag diese Selbsterkenntnis aus alt-katholischer Sicht umschrieben.


Diskussionsforum


Der Idee von Matthias Ring, „die Kirche als Diskussionsforum zu entdecken“ (s.o.), stimme ich zu. Das macht natürlich nur Sinn, wenn in einer entsprechenden Debatte die eigene Haltung korrigierbar und entwicklungsfähig bleibt, sonst verkümmert eine solche Auseinandersetzung zum Schaugeplänkel, zum selbstgefälligen rhetorischen Schlagabtausch. Eine Korrektur der eigenen Haltung fällt um so schwerer, als dass es sich bei den angesprochen Fragen ja in der Regel nicht um bloße Meinungen handelt, die man leichthin wechselt, sondern um feste Wertvorstellungen, aus denen sich das eigene Selbstbild und eventuell der soziale Rückhalt ableiten. Wie schmerzhaft ein solcher Prozess sein kann, habe ich empfunden, als ich meine christlich-pazifistische Überzeugung durch das Massaker in Srebrenica in Frage gestellt und teilweise revidiert habe.


Bei aller Bereitschaft, die eigenen Positionen stets neu zu hinterfragen und gegebenenfalls zu ändern, darf eine Berufung auf die eigene „Fehlbarkeit“ wiederum kein Vorwand sein, sich der persönlichen Verantwortung zu entziehen. Wer von der Richtigkeit seines Anliegens überzeugt ist, sollte auch bereit sein, sich hierfür zu engagieren – auch wenn er weiß, dass er morgen möglicherweise eine andere Haltung einnehmen könnte.


Resolutionen


In diesem Zusammenhang scheint mir der Wert von Resolutionen und öffentlichen Stellungnahmen der Kirchen zu liegen. Wer sich politisch engagiert und dafür häufig angefeindet wird, der braucht auch Zuspruch, ein Signal der Solidarität und Unterstützung. Die eingangs erwähnte Resolution des Prager Kongresses gegen einen Krieg zwischen den USA und dem Irak wurde initiiert von Vertretern der amerikanischen Episkopalkirche, die in einer solchen Resolution eine wichtige Stärkung ihres Ringens mit der eigenen Regierung gegen diesen Krieg sahen (auch wenn der letztlich verfasste Text möglicherweise nicht die erwünschte Eindeutigkeit besaß...).


Die größte Schwierigkeit besteht meines Erachtens darin zu unterscheiden, welche politischen Fragen tatsächlich so gravierend sind und unseren Glauben maßgeblich betreffen, dass eine öffentliche Stellungnahme hilfreich und notwendig ist, damit andererseits nicht, wie Bischof Joachim kritisiert, „jeden Tag wieder zu aktuellsten politischen oder ethischen Fragen“ inflationär Resolutionen ergehen. Offizielle Stellungnahmen sollten aus meiner Sicht den massiven politischen Verfehlungen vorbehalten bleiben, wo es um Fragen geht, die „den Menschen unbedingt angehen“, wie Paul Tillich ‚Religion’ definiert. Wenn es um Antisemitismus, Fremdenfeindlichkeit, Euthanasie oder Kriegstreiberei geht, dann allerdings sollte unmissverständlich Unrecht Unrecht, Terror Terror und Mord Mord genannt werden.


Christian Flügel


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