Kirchenbrand in Bad Säckingen

Am 3. Adventsonntag, den 11. Dezember 2005, war ich morgens um kurz nach sieben Uhr an der Allerheiligenkirche, um die Heizung für den Gottesdienst einzuschalten. Beim Öffnen der Kirchentür schlug mir beißender Rauch entgegen. Die daraufhin von mir alarmierte Feuerwehr und Polizei war wenige Minuten später bei der Kirche und begann mit den Löscharbeiten. Schnell war klar, dass es ein Schwelbrand war, der zwar nicht die gesamte Kirche, sondern „nur“ einen Teil der Orgelempore und einige Teile im Eingangsbereich zerstört hatte, aber durch die starke Ruß- und Rauchgasentwicklung dennoch für erhebliche Schäden sorgte. Die Feuerwehr musste zwei Brandherde löschen, einen am Schriftenstand, den anderen oben vor der Tür zur Orgelempore. Mit Rücksicht auf die historische Orgel wurde nur wenig Wasser eingesetzt. Der Schwelbrand wurde – Gott sei Dank! – unter Kontrolle gebracht und kurz nach zehn Uhr konnte die Feuerwehr den Tatort an die Polizei übergeben. Seither ermittelt die Kripo auf Hochtouren.

Als uns in dem ganzen Chaos irgendwann klar wurde, dass die Kirche nicht mehr zu nutzen und der Gottesdienst darin unmöglich war, informierte meine Frau Svenja die Gottesdienstbesucherinnen und -besucher über den Brand und lud sie in den Gemeinderaum im Pfarrhaus ein. Während Antje Maurer (1. KV-Vorsitzende) und ich uns bis zur Übergabe des Tatortes von der Feuerwehr an die Polizei bei der Kirche für Fragen bereithalten mussten, kamen etwa 25 Personen im Pfarrhaus zusammen. Sie wollten wissen, was genau geschehen war, wollten ihr Entsetzen ausdrücken, mit den anderen sprechen und beten. Svenja Edringer hat darum gegen zehn Uhr – also zur Zeit des ursprünglich vorgesehenen Gottesdienstes – mit allen Anwesenden spontan einen Wortgottesdienst gefeiert. Die Lieder dazu begleitete unser Organist Thomas Bauer am Klavier, die Fürbitten wurden von den Anwesenden frei formuliert, der Bibeltext mit einer Kurzbetrachtung dazu war auf einem Textblatt zur Hand, das vom letzten Abendgebet noch im Gemeinderaum lag (ich sag ja immer: Der liebe Gott tut nichts als Fügen!), und das gemeinsame Vaterunser machte spürbar, wie gut es gerade in solchen Schreckensmomenten tut, dass wir in seinem Namen zusammen kommen. Die Atmosphäre war insgesamt sehr dicht und emotional, es wurde geweint und gelacht und alle, die dabei waren, spürten den Zusammenhalt der Gemeinde, der dabei hilft, solche Erlebnisse gemeinsam zu verarbeiten. Als Antje Maurer und ich gegen Ende dazu kamen, waren wir tief bewegt von der besonderen Atmosphäre dieser Zusammenkunft. Das anschließende Beisammensein beim Kirchkaffee half auf seine Weise, die Anspannung ein wenig zu lösen und den Schrecken abzubauen.

In der folgenden Nacht kam dann allerdings ein weiterer Schrecken für meine Frau und mich hinzu: An die Hauswand des Pfarrhauses wurde mit schwarzer Farbe „Go home“ gesprüht. Ob und wie diese Bedrohung im Zusammenhang mit dem Brand steht und ob es sich um den oder dieselben Täter handelt, wird derzeit ebenfalls von der Kripo ermittelt, die auch hier die Spuren gesichert hat.

Herausforderung

Eine Kirche in Brand zu setzen und Menschen einzuschüchtern oder gar zu bedrohen ist schrecklich und wird zu recht als kriminelle Tat geahndet. Für uns als Christinnen und Christen liegt darin auch eine Herausforderung, nämlich die Auseinandersetzung mit dem Auftrag Jesu, einander nicht zu richten, sondern zu vergeben und selbst unsere Feinde zu lieben. Ich ahne, dass diese Thematik uns noch beschäftigen wird – vor allem, wenn der oder die Täter nicht mehr anonym, sondern gefasst und bekannt werden, was hoffentlich bald der Fall sein wird.

Als Christen hoffen wir auf versöhntes Leben im Sinne des Evangeliums. Dazu bedarf es vor allem der Kraft von oben, der Kraft des Heiligen Geistes, und unserer Offenheit und Bereitschaft. Möge Gottes Geist uns leiten und stärken!

Von guten Mächten umgeben

An dieser Stelle noch ein besonderer Dank: Die Pfarrer der evangelischen und römisch-katholischen Nachbargemeinden haben sich gleich, nachdem sie von den Vorfällen erfahren hatten, öffentlich hinter mich als Pfarrer und hinter unsere Gemeinde gestellt und uns ihre Hilfe angeboten. So durften wir am 4. Advent und Heiligabend im Münsterpfarrsaal bzw. in der schönen Kapelle des St. Marienhauses Eucharistie feiern, und den Jahreswechsel und Epiphanie in der evangelischen Stadtkirche. Für die kommenden Sonntagsgottesdienste können wir die Kapelle im St. Marienhaus nutzen.

Viele Menschen aus allen Konfessionen haben uns in der Gemeinde angesprochen oder im Pfarrhaus angerufen, um uns ihr Mitgefühl auszudrücken und sich solidarisch zu zeigen. Gerade nach dem erlebten Schrecken ist das Geschenk der Geschwisterlichkeit und der ökumenischen Gastfreundschaft, die wir in den Gemeinden beider Konfessionen erfahren, ein Ausdruck der Solidarität, die unseren „auf­gescheuchten Seelen“ Kraft und Zuversicht gibt. So durften wir trotz aller Sorgen mit Zuversicht in dieses neue Jahr gehen und dankbar mit Worten von Dietrich Bonhoeffer singen: „Von guten Mächten treu und still umgeben, behütet und getröstet wunderbar, so will ich diese Tage mit euch leben und mit euch gehen in ein neues Jahr.“

Blick nach vorn

Inzwischen ist die erste Phase der Brandsanierung abgeschlossen. Die Kirche wurde von allen Ruß- und Rauchgasrückständen durch eine Spezialfirma gereinigt, die beweglichen Kunstgegenstände (historische Ölgemälde, das wertvolle Hungertuch von hiesigen Künstlern u. a.) sind beim Restaurator, die Orgel wurde für die notwendige Generalreinigung fast vollständig ausgebaut, eine Malerfirma hat mit ihrer Arbeit begonnen und die teilweise verschmorte Orgelempore wird wiederhergestellt bzw. erneuert.

Im „Hintergrund“ laufen die Kontakte mit den verschiedenen Behörden weiter, wie auch die versicherungstechnischen Vorgänge, das Erstellen der Schadensliste, die Gespräche mit der Kripo und andere Aufgaben. Das fordert den Beteiligten Zeit, Kraft und Nerven ab, aber wenn man sieht, dass es voran geht, ist es trotz allem ermutigend. Vor allem eines höre ich immer wieder: In dieser Situation wächst das Bewusstsein dafür, dass wir als Gemeinde zusammenhalten und einander stützen. Das gibt Kraft und hilft Wunden heilen.

Christian Edringer